Abgesackte Ostseeautobahn

Ein Loch in der Lebensader des Nordens

Von Matthias Wyssuwa, Hamburg
 - 15:11
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In Mecklenburg-Vorpommern hat sich die Erde aufgetan. Zentimeter für Zentimeter ist die Autobahn abgesackt. Jetzt ist da ein Loch mitten auf der A20, der Küstenautobahn, etwa 50 Meter lang, sechs Meter breit und bis zu vier Meter tief. Ronald Normann hat es wachsen gesehen, und am Freitag ist er in aller Frühe hingefahren, um im Herbstregen zu beobachten, wie auch die letzte noch freie Fahrbahn geschlossen wird. Nichts geht nun mehr. Und das Land hat ein Problem.

Normann ist Abteilungsleiter beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr und seit Wochen immer wieder bei dem Loch. Seine Mitarbeiter und er arbeiten unter Hochdruck. Im August fragten sie sich, was dort vorgeht auf der Autobahn bei Tribsees, knapp 60 Kilometer östlich von Rostock. Ein Gutachter bohrte in den Untergrund, um es herauszufinden. Im September wussten sie, was kommen wird. Die Straße sackte immer weiter in das Moor darunter hinab, die ersten Spuren wurden gesperrt. Nun ist die Autobahn dicht. Und wie lang es dauert, bis sie wieder offen ist, kann niemand sagen. „Das trifft uns schwer“, sagt Normann.

Die A20 ist viel mehr als eine Autobahn. Sie war ein Versprechen. Gebaut wurde die Autobahn als Verkehrsprojekt Deutsche Einheit. Um den Nordosten mit dem Nordwesten zu verbinden, um die alten Bundesstraßen zu entlasten. Ein riesiges Verkehrsprojekt. Autobahnabfahrten bedeuteten dabei oft Hoffnung für die Gemeinden im dünnbesiedelten Osten. Auf Investitionen, Unternehmen, Fortschritt. Und auf Touristen. 1992 ging es los, 2005 übergab Angela Merkel, frisch ins Amt der Bundeskanzlerin gewählt, das letzte Teilstück der Autobahn in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sprach von einer „Lebensader des Nordens“.

Lehrstück über die Feinheiten des Straßenbaus

Doch wie das mit den Versprechen der Wendezeit nunmal so ist, brachte auch dieses Enttäuschungen mit sich. Nicht nur, weil die A20 beim Nachbarn im Westen, in Schleswig-Holstein also, noch lange nicht fertig ist. Oder weil nicht annähernd so viele Fahrzeuge über die Autobahn fuhren, wie einst erhofft. Sondern auch, weil es bald Probleme mit der Autobahn gab. Immerhin aber trugen diese dazu bei, dass man viel lernen konnte über die Feinheiten des Straßenbaus und seine Tücken: über Brüllbeton zum Beispiel, der im Westen des Landes die Autobahn lauter machte als nötig, und schnell für Unmut sorgte. Über Hitzeblasen, die sich auf dem Asphalt-Gemisch bildeten, der über den Brüllbeton gegossen wurde. Und nun über Moore.

Schon vor vielen hundert Jahren machten die Moore im Norden den Dänenkönig seine Züge durchs Land beschwerlich, heute sind sie eine Herausforderung für die Straßenbauer. Christian Pegel von der SPD ist der Verkehrsminister von Mecklenburg-Vorpommern und weil er auch für Energie zuständig ist, hat er zwar so manches über Moore schon gewusst. „Aber das ist jetzt auch für mich neu“, sagt er. Vor allem lerne er, wie unterschiedlich man so eine Autobahn über dem Moor gründen könne. „Und ich habe auch gelernt, wie es nicht geht.“

Die Autobahn verläuft bei Tribsees über eine etwa 800 Meter lange Moorlinse. An der Stelle, an der die Straße eingebrochen ist, ist sie bis zu 20 Meter tief. Um die Autobahn zu sichern, wurden damals viele schmale Säulen tief in den Boden getrieben, als zweites Element ein Fließ darüber gelegt und schließlich als drittes ein Betongemisch darüber gegossen. Ein „innovatives Verfahren“, damals, wie Pegel sagt. Es hatte auch den Vorteil, dass es günstig war. Nun haben aber die ersten Gutachten ergeben, dass alle drei Elemente versagt haben. „Alles was tragen sollte, trägt nicht mehr“, sagt Pegel. „So sind wir an dieser Stelle im Moor versunken.“ Woran es liegt, ist völlig offen. „Wir forschen noch immer, was uns widerfahren ist.“ Schuldzuweisungen möchte Pegel deshalb auch nicht machen. Außerdem treibt ihn derzeit ohnehin eine ganz andere Frage um: Was kommt da noch? Über die ganze Länge des Moores hinweg wird nun gebohrt um zu prüfen, ob die Autobahn noch auf sicherem Grund steht. „Es wird nicht noch schlimmer“, sagt Pegel. „Aber es kann passieren, dass wir noch viel mehr, als man es bislang an der Oberfläche sieht, wieder instand setzen müssen.“ Sicher ist nur: Das alles wird noch lange dauern. Erst Mitte nächsten Jahres dürften seriöse Schätzungen vorliegen, wie lange. „Dann haben wir einen Zeitplan“, sagt Pegel.

Die nächsten Monaten aber müssen die knapp 18000 Autos und 1500 Lastwagen am Tag, auf kleinen Straßen entlang der Autobahn umgeleitet werden. Erst am Mittwoch war Normann in den Dörfern bei betroffenen Anwohnern. Er sagt, die Stimmung war gereizt, laut und schrill. Der Verkehr sei eine Belastung für die Leute. Nun wird versucht, die Umleitungen zu verkürzen. Seit Freitag sind es noch etwa elf Kilometer. In Schwerin hofft man, eine Behelfsbrücke über die Fahrbahn legen zu können, um den Verkehr wenigstens in jede Richtung einspurig wieder über die Autobahn führen zu können. Das aber geht nur, wenn der Schaden im Untergrund nicht noch größer ist – die Brücke kann nur 80 Meter überspannen. Fertig würde diese zudem frühstens im Sommer 2018. Die erste große Herausforderung für die Umleitungen steht schon zu Weihnachten an. Da kommen wieder die Touristen in Massen in den Norden.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Wyssuwa - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
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