London sucht nach Ursachen

Ein „Katalog des Versagens“ führte zu Brand in Grenfell Tower

Von Jochen Buchsteiner, London
 - 15:36

Fast ein Jahr ist es her, dass der Großbrand im Londoner Grenfell Tower 72 Menschen tötete. Nun werden die Ursachen in einer öffentlichen Untersuchung ergründet. Nach monatelangen Präliminarien treten seit Anfang der Woche Gutachter und Anwälte in einem Saal des Londoner Gerichtsviertels auf. Nach den ersten beiden Tagen bestätigt sich der allgemeine Eindruck, dass die verheerende Ausbreitung des Feuers auf zahlreiche Versäumnisse der Bauherrn, der Aufsichtsbehörden und auch der Feuerwehr zurückgeht. Von einem „Katalog des Versagens“ sprach der Anhörungsbeobachter der „BBC“ am Dienstag.

Die Überlebenden und die Angehörigen der Todesopfer seien in einer Stimmung „stiller Wut“ gekommen, sagte einer ihrer Anwälte am Dienstag. Er erinnerte daran, dass die Bewohner des Sozialbaus die Hausverwaltung und die Kommune in den Jahren vor dem Feuer mehrfach erfolglos mit ihren Sorgen vor einem unzureichenden Brandschutz konfrontiert hätten. In dem letzten Gutachten vor dem Brand hatte es geheißen, dass im Falle eines Feuers „nur ein Risiko geringen Schadens“ zu erwarten sei.

Dem hatte die Brandschutzingenieurin Barbara Lane schon am Vortag entgegengehalten, dass die Fassadenverkleidung keinem Brandschutztest unterzogen worden sei. Die Mindeststandards seien zwar eingehalten worden, jedoch war das Material entflammbar. Als Schwachpunkt hatten sich auch die Wohnungstüren erwiesen, die dem Feuer nur zwanzig Minuten lang standhielten. Viele von ihnen waren, wie auch ein Großteil der Fenster, bei einer Renovierung „in improvisierter Weise“ eingebaut worden. Das Feuer, das vermutlich in einem mittleren Stockwerk durch einen Kühlschrankdefekt entstanden war, verbreitete sich über die Fassadenverkleidung zunächst nach oben bis unters Dach. Von dort zog es nach ganz unten. „Es gab zahlreiche katastrophale Wege, die das Feuer nahm, ausgelöst durch die Art der Konstruktion“, stellte Lane fest. Die Ausbreitung des Feuers hätte deshalb „nicht angemessen verhindert werden können“.

„Grenfell-Tower“
Gedenken an die Opfer
© AFP, reuters

Obwohl schon eine halbe Stunde nach dem Feuerausbruch klar gewesen sei, dass zahlreiche interne Brände entstanden seien, hätte die Feuerwehr an ihrem Standardvorgehen festgehalten und die Bewohner noch weitere neunzig Minuten aufgefordert, die Türen zu schließen und in ihren Wohnungen zu bleiben. Das 24-stöckige Hochhaus hätte aber sofort evakuiert werden müssen, sagte Lane. Ein Vertreter der Feuerwehr wollte dies in der „BBC“ nicht als Versagen verstanden wissen und wies darauf hin, dass die Helfer unter Einsatz ihres Lebens zahlreiche Menschen gerettet hätten. In der Woche um den Jahrestag des Feuers, den 14. Juni, soll die Anhörung aus Respekt vor den Opfern von Gedenkfeierlichkeiten unterbrochen werden.

Danach wird die Feuerwehr sechs Wochen lang Gelegenheit haben, ihre Sicht der Dinge vorzutragen. Nach der Sommerpause sind bis Anfang November die Überlebenden an der Reihe. Erst danach will sich der Vorsitzende Richter Martin Moore-Bick der Hausverwaltung und dem Stadtrat von Kensington zuwenden. Insgesamt liegen dem Tribunal mehr als 330.000 Dokumente vor. Mehr als 500 Zeugen und Vertreter von 28 Organisationen sollen angehört werden. Intern wird damit gerechnet, dass sich der Prozess bis 2020 ziehen wird.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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