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Umwelthistoriker Joachim Radkau

„Katastrophen geben den letzten Kick“

 - 07:36

Herr Professor Radkau, Sie haben gerade eine "Weltgeschichte" der Ökologie geschrieben. Was empfinden Sie, wenn Sie die Nachrichten aus Japan verfolgen?

Ungläubiges Entsetzen, seit Tagen.

Und die Genugtuung des langjährigen Kernkraftgegners, der gewarnt hat, Atomkraft sei im Krisenfall nicht beherrschbar?

Dafür habe ich zu viele Freunde in Japan. Außerdem hatte ich das Thema abgehakt. In meinem Haus stehen Kisten mit Literatur über Kernenergie, die ich in den Keller bugsieren wollte.

Wie hätten Sie die deutsche Anti-Atom-Bewegung noch vor zehn Tagen beschrieben?

Ein Potential war da, das merkte man bei den Protesten gegen Laufzeitverlängerung und Castortransporte. Aber ich kam mir längst vor wie ein trotteliger Anti-AKW-Opa. Und jetzt ist plötzlich die gesamte Szenerie der siebziger, achtziger Jahre wieder da. Mich hat überrascht, in welchem Maße dieses Potential im Untergrund des deutschen Bewusstseins nach wie vor reaktivierbar ist.

Plötzlich schaltet die Politik Kernkraftwerke ab. Braucht es zynischerweise Katastrophen wie die in Japan, damit so was passiert?

Katastrophen sind nie Ausgangspunkt von Innovationen. Das ist ein falsches Bild der Technikgeschichte. Wer auf die Schnelle reagieren muss, kann nur auf vorhandene Instrumentarien zurückgreifen. Ereignisse geben manchmal den letzten Kick. Wenn sich etwas Neues schon in den Startlöchern befindet, kann es so in Gang kommen. Tschernobyl zum Beispiel hat in Deutschland zwar nicht den Ausstieg aus der Kerntechnik bewirkt, aber die Entwicklung alternativer Energien angeschoben - mit dem Effekt, dass die Bundesrepublik heute weltweit eine Spitzenposition einnimmt.

Andere Länder reagieren gelassener; Amerika hat die Pläne zum Ausbau der Atomenergie sogar bekräftigt. Sind wir hysterisch?

Da fragen Sie den Richtigen: Ich habe zur Erheiterung meiner Kollegen eine Geschichte der deutschen Nervosität veröffentlicht. Vor hundert Jahren, zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg, redete man viel über Neurasthenie. Die Pointe: Diese deutsche Nervosität, so es sie denn gab, war nicht nur Verrücktheit und Leiden, sondern auch eine kulturell schöpferische Kraft. Es gibt Zusammenhänge mit dem ersten großen Boom der Naturheilverfahren, des Naturschutzes und der Lebensreformbewegung.

Ist Angst generell die Triebfeder des Umweltbewusstseins?

Das würde ich bestreiten. Sorge wohl, panische Angst nicht. Die ökologische Revolution von 1970, der Urknall der Geschichte des Ökologismus, lässt sich nicht aus einer akuten Katastrophe erklären. Das zeigt der weltweite Überblick.

Was war passiert?

Fast alle Einzelelemente der neuen Umweltbewegung haben eine lange Vorgeschichte: Waldschutz, Wasserschutz, Landschaftsschutz, Reinhaltung der Luft. 1970 ist ein Jahr der großen Synthese, in dem das alles vernetzt wird, verbal jedenfalls, verbunden mit einem globalen Horizont. Lange Zeit war Naturschutz übelste Vereinsmeierei, eine Angelegenheit für Volksschulrektoren im Ruhestand - für Linksintellektuelle tabu. Das ändert sich 1970.

Die größte Sorge galt dem Atom: einer Gefahr, die man nicht sehen kann, die nur als Risiko existiert. Hat es das vorher je gegeben?

Das ist wirklich etwas Neues. Aber es passt zu meiner These: In der Essenz ist die Ökobewegung allen Macken und Verrücktheiten zum Trotz eine neue Aufklärung gewesen, die mehr aus dem Kopf als aus dem Bauch entstand. Sie war eine rationale Reaktion auf Sorgen, die aus einer Kombination vieler Beobachtungen und Informationen entstanden. Wenn man zudem davon ausgeht, dass die Krebsangst in den Sechzigern unterschwellig zur "grande peur" der neuen Ära wurde, bekommt es eine gewisse Logik, wenn sich die Erbitterung der Umweltaktivisten auf Kernkraftwerke richtete. Man wusste schließlich, dass radioaktive Strahlung Krebs verursachen kann.

Also doch "German Angst"? Die Atomlobby hat ihre Kritiker immer der Panikmache bezichtigt.

Ich zitiere gern aus dem deutschen Standardwerk zur Reaktortechnik aus den fünfziger Jahren, geschrieben von einem AEG-Experten für Großkraftwerke. Darin gibt es Passagen, wie man sie später nur noch in der Anti-AKW-Literatur findet. Der Autor wendet sich scharf gegen eine "Atompsychose" - und meint die übertriebene Atomeuphorie seiner Zeit. Er sagt offen: Kernenergie ist mit einem hohen Risiko verbunden, da muss man geduldig rangehen. Geduld ist für ihn eine der höchsten Tugenden des Ingenieurs, während Begeisterung den technologischen Dilettanten kennzeichnet. Diese Einstellung gehört zu den guten deutschen Traditionen.

Was also hat das Umweltbewusstsein mehr geprägt: deutsche Technikfeindlichkeit oder Tüftlertum?

Die These von der romantischen Technikfeindlichkeit ist völliger Unsinn. Das entbehrt jeglicher historischen Grundlage. Der typisch deutsche Weg in der Technik ist eher durch geduldige Entwicklungsarbeit als durch Wettlaufdenken gekennzeichnet.

Wieso war dann der Protest der Kernkraftgegner nirgends so stark und ausdauernd wie bei uns?

Ein Grund mag auch Anti-AKW-Kämpen überraschen: In Deutschland hatte man rasch Erfolgserlebnisse. Das braucht jede Bewegung. Man stellt uns, den romantischen Kulturpessimisten, gern die Franzosen als Volk der Rationalität und Technomanie gegenüber. Das stimmt so nicht. Auch das Gros der Franzosen liebt seine Kernkraftwerke nicht besonders. Nur: Frankreich ist ein zentralistischer Staat. Da gab es keine lokalen Anhörungsverfahren, in denen sich Anti-AKW-Kämpfer profilieren und die Propagandisten der Atom-Community in Verlegenheit bringen konnten. Außerdem war das deutsche atomare Establishment weniger kompakt. Wer sich nicht auf Prügeleien mit Polizisten vor dem Zaun von Kraftwerken versteifte, konnte von diesen Leuten eine Menge über Schwachstellen der Kerntechnik erfahren.

Welche Rolle spielte die Unterwanderung durch K-Gruppen, die gegen den Atomstaat eiferten?

Am Ursprung der deutschen Anti-AKW-Bewegung steht 1968 eindeutig nicht. Aber natürlich gab es unzählige personelle Kontinuitäten. Geradezu typisch ist, dass Altachtundsechziger, als der Vietnam-Krieg zu Ende und die SPD an der Regierung war, umschwenkten auf Kernkraftwerke.

Wie ist daraus ein durchaus bürgerlicher Protest entstanden?

Die große Wasserscheide der deutschen Umweltbewegung ist 1981 der Alarm über das sogenannte Waldsterben. Aus heutiger Sicht war das überzogen. Ein längerfristiges, teilweise hypothetisches Risiko wurde zur akuten Katastrophe umstilisiert. Aber mit der Sorge um den Wald floss schlagartig der Strom deutscher Waldromantik in die Umweltbewegung ein. Auf einmal wurden auch eher konservativ-bürgerliche Kreise umweltbewusst.

Das Waldsterben als Glücksfall?

In den Siebzigern zerfiel Deutschland in zwei Kulturen. Wer gegen die Atomkraft kämpfte, war auch für Schwulenehe, die Frauenbewegung und Müsli. Bei jeder Diskussion war klar: Der Mann auf dem Podium mit Schlips und grauem Anzug ist der Vertreter der Kernenergie. Inzwischen sieht das ganz anders aus.

Wie unterscheiden sich Natur- und Umweltschützer heute?

Ich habe lange geglaubt, Natur- und Umweltschutz seien ein Kontinuum. Das wirkt so von ferne, und auf der Spitzenebene der Verbände läuft die Kooperation tatsächlich gut. Aber an der Basis sind das unterschiedliche Menschentypen. Die meisten Naturschützer sind auf bestimmte Tier- und Pflanzenarten fixiert. Ihr Fokus auf Naturschutzgebiete beinhaltet die Gefahr, sich nicht mehr für das zu interessieren, was außerhalb dieser Reservate passiert. Der typische Umweltpolitiker währenddessen bringt in der Regel ein ausgeprägtes technisches Interesse mit. Aus Sicht der Naturschützer ist er ein kalter Technokrat, dem egal ist, ob Kröten sich ungestört paaren können.

Woher dieser Gegensatz? Weil Naturschützer gegen jedes Windrad Sturm laufen?

Jedes Windrad ruft Vogelschützer auf den Plan. Es gibt in der Umweltbewegung latente Spannungen und Zielkonflikte. Meiner Meinung nach müsste das offener diskutiert werden. Schon der Waldsterbenalarm, in den der Großteil der Atomlobby einstimmte, weil es plötzlich gegen Kohlekraftwerke ging, stiftete Verwirrung. Dasselbe gilt heute für den Klimawandel. Wenn man glaubt, auf die Schnelle massiv den Kohlendioxidausstoß senken zu müssen, hat die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken eine gewisse Logik. Solche Widersprüche sind in der Ökoszene zu stark tabuisiert.

Jahrtausendelang war die Natur eher bedrohlich. Wann entwickelte sich ein Bewusstsein für eine bedrohte, schützenswerte Natur?

Gerade die Bauern in Mitteleuropa wussten immer, dass der Wald lebensnotwendig ist, weil sie daraus ihr Holz bezogen. Aber für Schwärmer wie Goethe und Rousseau war die Natur natürlich eine alles beherrschende Göttin. Zur gleichen Zeit wurde Alarm geschlagen wegen drohender Übernutzung der Wälder.
Im Lauf des 19. Jahrhunderts kippt das. Auch die Vorstellung von der Rache der Natur für das, was der Mensch ihr antut - im Grunde eine uralte Vorstellung -, wird im späten 19. Jahrhundert stark.

Und die industrielle Revolution?

Die erste Phase beruhte vielfach noch auf regenerativen Ressourcen: Holz, Wasserkraft, Tierkraft. Es gibt schwärmerische Berichte darüber, wie aus öden Landschaften blühende Gärten wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts werden dann die rauchenden Schornsteine zum Signum der voranschreitenden Industrialisierung. Diese sinnlichen Eindrücke, die Hässlichkeit der Industriegebiete mit ihrem Wald von Schornsteinen, von Ruß bedeckt, bewirken auch auf philosophischer Ebene ein Umkippen.

Ist Umweltschutz heute beliebig? Kernkraft, Smog, Asbest, Gentechnik, Ozonloch, Artenschutz . . .?

Das ist eine Gefahr. Ich kann verstehen, wenn gestresste Politiker, die von einem Alarm zum anderen gehetzt werden, denken: Rutscht mir den Buckel runter. Es ist nicht einfach, bei der Vielzahl von Risiken vernünftig Prioritäten zu bilden. Dieses Problem müsste offener angesprochen werden. Ich selbst war viele Jahre derart von der Kernkraft in Beschlag genommen, dass ich gar nicht dazu kam, mich in andere Gebiete einzuarbeiten. Man hat ja nur einen Kopf.

Heutzutage bringen wir schon Kindern bei, Müll zu trennen und sparsam mit Wasser umzugehen. Wir haben das Dosenpfand und bauen Passivhäuser. Übertreiben wir es?

Schaden kann es nicht. Man darf sich nur nicht einbilden, mit Mülltrennung viel zu erreichen - leider ist das oft eine Farce, weil am Ende doch alles in der Müllverbrennungsanlage landet. Es darf kein Ablasshandel werden, als hätte man sein Soll damit erfüllt.

Ist Umweltbewusstsein heutzutage Teil der deutschen Kultur?

Unbedingt. Ich finde das inzwischen ein sehr positives Stück deutscher Identität. Auch wenn mich gewisse Öko-Hysteriker nerven: Es gibt eine deutsche Spitzenstellung in der Kritik an der Kerntechnik, aus der sich eine Spitzenstellung bei den grünen Bewegungen wie auch bei den erneuerbaren Energien erklärt. Dafür brauchen wir uns nicht zu schämen.

Existiert dieses Bewusstsein quer durch alle gesellschaftlichen Lager und Milieus?

In sehr vielen Kreisen schon. Engagierte Ökos bilden sich zwar gerne ein, sie wären einsame Rufer in der Wüste. Aber Gott sei Dank sind sie es nicht.

Sind Umweltaktivisten selbstlose Typen, die Verantwortung für die Erde als Ganzes übernehmen? Oder geht es ihnen auch nur um den Schutz ihrer kleinen privaten Welt?

Viele Wissenschaftler halten "Not in my backyard"-Initiativen nicht für die wahre Umweltbewegung. Ich finde das falsch. Gerade bei vitalen Protestbewegungen ist oft individueller oder kollektiver Egoismus im Spiel, etwa die eigene Gesundheit oder die Bewahrung der vertrauten Umwelt. Ich würde sogar die These aufstellen, Umweltschutz kann auf Dauer nur Erfolg haben, wenn er im Einklang mit der Natur des Menschen steht. Dazu gehört eine kräftige Portion Egoismus.

Wer sich angesichts der Ereignisse in Japan an Tschernobyl erinnert, muss denken: Geschichte wiederholt sich. Was sagt der Historiker?

Weil viele Umweltprobleme nie endgültig gelöst wurden, wiederholt sich die Geschichte tatsächlich. Die Ölpest zum Beispiel war schon Thema von Umweltinitiativen des Völkerbunds in den zwanziger Jahren. Man denkt, das müsste längst abgehakt sein. Aber je mehr die Ausbeutung des Öls auf dem Meeresgrund beginnt, umso mehr stellt sich das Problem neu. Und auch Dioxin, an sich ein Thema der achtziger Jahre, schwupp, ist es wieder da. Weil auf viele Umweltfragen die definitive Antwort fehlt, gibt es immer wieder diese Déjà-vu-Erlebnisse. Gerade jetzt, da ich meine Kernenergieliteratur in Kisten verpackt habe . . .

. . . müssten Sie sie wieder in die Regale räumen. Trotzdem preisen Sie die "Ära der Ökologie" als Epoche der Aufklärung?

Die Ökologie hat dazu geführt, die ganze Welt mit neuen Augen zu sehen. Sie beinhaltet den Versuch, eine neue Vernunft in Politik, Wirtschaft und Alltagsleben hineinzubringen. Das schließt nicht aus, dass man auf scheinbar vernünftigen Wegen zu unvernünftigen Folgerungen kommt. Aber das war in der alten Aufklärung auch so.

Das Gespräch führte Julia Schaaf.

Quelle: F.A.S.
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