Gestrandeter Frachter

Warum konnte die „Glory Amsterdam“ nicht gerettet werden?

Von Sebastian Eder
 - 14:44
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Es war eine Katastrophe mit Ansage: Den ganzen Sonntag lang trieb der 225 Meter lange und 32 Meter breite Massengutfrachter „Glory Amsterdam“ von seiner Ankerposition in der deutschen Bucht auf die ostfriesischen Küste zu – und strandete schließlich 2,2 Kilometer vor der Insel Langeoog. Seitdem sitzt das riesige Schiff dort mitsamt seiner 22-köpfigen Besatzung fest. Bisher ist nicht absehbar, wie, wann und ob es das mittlerweile zuständige Bergungsunternehmen aus den Niederlanden überhaupt schafft, den Frachter wieder ins offene Meer zu ziehen: Am Montagnachmittag erklärte eine Sprecherin des Havariekommandos, das mit dem Bergungsunternehmen zusammen arbeitet, dass der Wasserstand rund um das Schiff so niedrig sei, dass die Schlepper dort nicht wie eigentlich geplant arbeiten könnten. Ein Schleppversuch mit dem Abendhochwasser gegen 19.30 Uhr sei nicht mehr vorgesehen.

Und auch am Dienstagmorgen gab es schlechte Nachrichten: Es werde es nach jetzigem Stand keinen Schleppversuch im Laufe des Tages geben, hieß es im Havariekommando. Das Bergungsunternehmen müsse erst eigene Schlepper anfordern, möglicherweise aus den Niederlanden. „Die staatlichen Schlepper dürfen nur in einer absoluten Gefahrensituation zum Einsatz kommen.“ Die sei jetzt nicht mehr gegeben. Wann ein Schleppversuch gestartet werden kann, ist damit weiter völlig offen. Damit bleibt die Gefahr bestehen, dass es noch zu einer verheerenden Umweltkatastrophe kommt: Im schlimmsten Fall könnten 1800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel die Strände der Badeinseln und die Vogelrastgebiete verseuchen.

Wie konnte es so weit kommen? Das 225 Meter lange Frachtschiff hatte sich am Sonntag in der Deutschen Bucht wegen des heftigen Sturms mit bis zu sieben Meter hohen Wellen losgerissen. Es hatte zuvor den Hamburger Hafen verlassen und war in der Nähe von Helgoland auf Reede gegangen. So können Schiffe Hafengebühren sparen. Ein Sprecher der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes erklärte auf Anfrage gegenüber FAZ.NET, dass es nicht üblich sei, eine Tiefwasserreede wegen eines bevorstehenden Sturmes zu sperren. „Dort warten Schiffe ja gerade besseres Wetter ab. Das sind eigentlich schon Stellen, die etwas besser geschützt sind vor dem Wind.“ Trotzdem war der Seegang so heftig, dass zwei Anker das Schiff am Sonntag nicht mehr halten konnten, sagte die Sprecherin des Havariekommandos. Die Maschine des Frachters sei nicht defekt gewesen. Warum die Anker dann nicht eingeholt wurden? „Dann hätte die Gefahr bestanden, dass man gar keine Kontrolle mehr über das Schiff hat.“

Das deutsche Notschleppkonzept sieht vor, dass jedes havarierte Schiff innerhalb von zwei Stunden nach Bekanntwerden eines Notfalls von einem Schlepper des Havariekommandos erreicht werden kann. Dafür stehen immer drei Notschlepper in der Nordsee und fünf in der Ostsee bereit. Allein für das Chartern der nicht verwaltungseigenen Schlepper, inklusive Besatzung und Wartung, sind im Bundeshaushalt 2017 laut Verkehrsministerium rund 13,5 Millionen Euro veranschlagt. Nach Angaben des Havariekommandos sind vier der acht Schlepper gechartert. Unterstützt werden die Teams auf den Schiffen durch zwei sogenannte „Boarding Teams“, die im Notfall eine sichere Schleppverbindung zwischen Schlepper und dem havarierten Schiff herstellen sollen. Genau das klappte am Sonntag aber nicht.

Das Haveriekommando – eine gemeinsame Einrichtung des Bundes und der Küstenländer – übernahm am Sonntag um 9.45 Uhr die Gesamteinsatzleitung. Der Hochseeschlepper Nordic, dessen Bereitschaftsposition knapp 20 Kilometer nördlich von Norderney liegt, erreichte die „Glory Amsterdam“ dann auch lange bevor sie auf Grund lief, schaffte es aber nicht, das Schiff abzuschleppen. Eine Verbindung kam zwar immer wieder zustande, die Schlepptrosse brach aber jedes Mal. Beim Havariekommando hieß es am Montag: „Es wurden genau die für solche Fälle vorgeschriebenen Schleppleinen verwendet, aber sie haben nicht gehalten. Das Wetter war einfach zu extrem.“ Das „Boarding Team“ aus der Nordsee habe es wegen der hohen Wellen überhaupt nicht geschafft, von der Nordic auf das havarierte Schiff überzusetzen, deswegen hätte das Einsatzteam aus der Ostsee per Helikopter auf das Schiff abgeseilt werden müssen.

Ob man die anderen Schlepper, die später hinzukamen, als der Frachter schon unerreichbar im flachen Wasser lag, früher hätte hinzurufen können? „Da war noch nicht klar, dass das erforderlich sein könnte“, sagte die Sprecherin. Weil vorne die Ankerkette gewesen sei, habe man das Schiff aber sowieso nur von hinten abschleppen können. Der Versuch, eine Schlepptrosse an einer Ankerleine anzubringen, sei bei diesem Seegang viel zu gefährlich gewesen. „Und viel hilft nicht immer viel. Hätte man hinten mit mehreren Schleppern gearbeitet, hätte der Poller das vielleicht nicht halten können.“

Trotzdem müssen sich der Bund und die Küstenländer jetzt die Frage gefallen lassen, womit sich die Millionenausgaben für eine Bereitschaftsflotte von Hochseeschleppern überhaupt rechtfertigen lassen, wenn Schiffe bei stürmischer See nicht gerettet werden können. Am Sonntag herrschte kein Orkan mehr, das Schiff war nicht voll beladen, sonst wäre es noch viel schwerer gewesen. Wenn schon bei solchen Bedingungen das Abschleppen nicht gelingt, was soll dann bei größeren Schiffen mit gefährlicheren Gütern und einem richtigen Orkan geschehen? Das Bundesverkehrsministerium beantwortete diese Frage nicht, beim Havariekommando hieß es, die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung sei am Ende dafür zuständig, Einsätze zu überprüfen. Was ein Notschleppkonzept bringt, das nur bei gutem Wetter funktioniert? „Schiffe können auch bei gutem Wetter in Not geraten, wenn die Maschinen ausfallen.“

An Bord der „Glory Amsterdam“ gelangten am Montag die Spezialisten des Bergungsunternehmens aus den Niederlanden, das von der Reederei beauftragt wurde. Gemeinsam mit vier Experten vom Havariekommando überprüften sie den Zustand des Frachters und sammelten für die Bergung relevante Daten, zum Beispiel zum Tiefgang und den Tankfüllständen. „Die Kommunikation mit der Besatzung ist aufgrund der Sprachbarriere nicht leicht – insofern ist es ganz wichtig, dass jetzt die Experten an Bord sind und ganz detailliert alle Daten aufnehmen, sodass man wirklich zu einer ganz genauen Bewertung kommt“, sagte Havariekommando-Leiter Hans-Werner Monsees am Montag zum NDR. Die Glory Amsterdam segelt unter der Flagge Panamas, die Reederei „Glory Ships“ sitzt in Singapur.

In einer ersten Auswertung der Daten kamen Spezialisten dann zu dem Ergebnis, dass das Schiff bisher keine erkennbaren strukturellen Schäden aufweise. Allerdings funktioniere die Ruderanlage nicht mehr, die Reederei schickte deswegen einen Mechaniker auf den Havaristen. Wieder verlassen hat die Glory-Amsterdam unterdessen der Großteil des „Bordings Teams“ und ein Verletztenversorgungsteam. Die Besatzungsmitglieder haben keine gesundheitlichen Beschwerden und bleiben weiter an Bord. Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel sagte am Montagabend nach einem Besuch des Havariekommandos in Cuxhaven, dass die Bergung des Frachters noch bis zu drei Tage dauern könne. „Es ist eine kritische Situation, aber die Experten sind der Meinung, dass man die Bergung vornehmen kann“, sagt er. Das Schiff werde regelmäßig von einem Ölüberwachungsflugzeug überflogen, bisher sein kein Schadstoffaustritt festgestellt worden.

Am Dienstagmorgen war die Lage zunächst unverändert, das Bergungsunternehmen und die Experten des Havariekommandos arbeiteten weiter an einen Bergungskonzept. „Bisher ist das Arbeit auf dem Papier“, hieß es im Havariekommando. Für den nächsten Schleppversuch müsse neben neuen Schleppern auch weiteres Material angefordert werden. Außerdem soll der Havarist erleichtert werden: „Das wird eine Zeit lang dauern, denn er hat 20.000 Tonnen Ballast-Wasser an Bord“, sagte der Havariekommando-Leiter am Montag. Auch Treibstoff soll abgepumpt werden. Für die Matrosen könnten es noch ein paar lange Tage werden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Sebastian Eder
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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