Prozess gegen Fernfahrer

Wenn der Laster den Tod bringt

Von Jörn Wenge
 - 12:05
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Ganz am Ende zu stehen, wenn ein Lastwagen ungebremst in einen Stau hineinfährt: Dieser Gedanke ist ein Albtraum. Für die Familie T. aus Bad Zwischenahn in Niedersachsen wurde er Wirklichkeit. Ante M.-T. und seine Frau Beatrix T., beide 53 Jahre alt, waren am 12. Juli 2016 mit ihrer elf Jahre alten Tochter auf dem Heimweg aus dem Kroatien-Urlaub. Zu dritt saßen sie in ihrem Wohnmobil. Etwas mehr als vier Stunden Fahrt waren es noch bis nach Hause, als sie auf der Autobahn 7 hinter Guxhagen vor Kassel in einen Stau gerieten. Wegen einer Baustelle stockte der Verkehr auf der rechten Spur, dort, wo vor allem Lastwagen unterwegs sind und an diesem frühen Nachmittag auch die Familie T. im Wohnmobil. Ante M.-T., der am Steuer saß, hielt an, hinter einem Sattelschlepper. Nur wenige Augenblicke später waren er, seine Ehefrau und seine Tochter tot.

Nahezu wöchentlich wird darüber berichtet, dass ein Lastwagen wie im Fall der Familie T. mit hoher Geschwindigkeit in ein Stauende fährt. Weil tonnenschwere Sattelschlepper eine ungeheure Energie entwickeln, sind meist Schwerverletzte, oft auch Tote zu beklagen. Autofahrer haben in so einer Konstellation kaum eine Überlebenschance, wenn es ihnen nicht gelingt, in letzter Sekunde noch auszuweichen, etwa auf den Standstreifen. „Wenn Ihnen ein Lkw mit 40 Tonnen hinten drauffährt und Sie zwischen zwei Sattelschleppern zerquetscht werden, nützt Ihnen das sicherste und beste Auto nichts“, sagt der Münchner Rechtsmediziner und Unfallforscher Wolfram Hell. Das Wohnmobil der Familie T. mit seinem leichten Aufbau etwa wurde durch den Aufprall aus dem Stand rund 15 Meter weit verschoben.

Die Opfer wurden aus dem Auto geschleudert

Langfristig sinkt trotz zunehmenden Güterverkehrs zwar die jährliche Zahl der Verkehrstoten, die durch einen Unfall mit Beteiligung eines Lastkraftwagens sterben. Im vergangenen Jahr waren es aber immer noch 745 von insgesamt 3206 Toten im Straßenverkehr (2007: 1095 von 4949). In knapp der Hälfte dieser Unfälle war der Lastwagenfahrer der Hauptverursacher. Eine Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer in Brandenburg hat ergeben, dass etwa ein Drittel der Todesopfer bei Unfällen mit schweren Lastkraftwagen über 12 Tonnen stirbt, weil ein Lastwagen auf andere Verkehrsteilnehmer auffährt.

Im Fall der Familie T. muss sich seit vergangener Woche Jaroslav K. vor dem Amtsgericht Kassel wegen fahrlässiger Tötung verantworten. K., tschechischer Staatsbürger und zum Zeitpunkt des Unfalls 50 Jahre alt, war der Fahrer des Lastwagens, der mit einer Geschwindigkeit von etwa 80 Kilometern in das Wohmobil der Familie T. einschlug. 36 Tonnen schwer war das Gespann aus Zugmaschine und Auflieger – so viel wie etwa ein Schützenpanzer. Diese Masse wirkte mit einer ungeheuren Gewalt auf das Wohnmobil ein. Sie drückte es gegen den Sattelschlepper, der vor dem Wohnmobil stand, und zerfetzte es regelrecht. Ein Polizist, der kurz darauf den Unfallort erreichte, konnte nicht erkennen, um was für eine Art Fahrzeug es sich bei dem Wrack einmal gehandelt hatte. Die toten Körper der Insassen fand man auf dem Asphalt. Sie wurden bei dem Zusammenstoß aus dem Wagen geschleudert. Ein Lkw-Fahrer, der in der Reihe weiter vorne stand, versuchte noch vergeblich, Ante M.-T. wiederzubeleben.

Der Angeklagte will sich an die Fahrt nicht erinnern können

Auch Jaroslav K. wäre an diesem Tag fast gestorben. Mehr als eine Stunde dauerte es, bis ihn die Rettungskräfte aus dem Wrack seiner Fahrerkabine befreit hatten. Nach einer Notoperation lag er in einer Kasseler Klinik drei Tage im künstlichen Koma, war insgesamt zwei Monate im Krankenhaus. Er hatte lebensgefährliche Verletzungen erlitten, erhielt mehrere Liter Bluttransfusionen. K. ist ein kleiner, schlanker Mann, der mit seiner Brille eher wie ein Buchhalter aussieht als ein Kraftfahrer, denen man ihre stressige und zugleich monotone Tätigkeit mitunter ansieht.

Er hat fast dreißig Jahre lang Lastwagen gefahren. Vor Gericht erscheint er im dunklen Anzug. K., der geschieden ist, lebt im böhmischen Teplitz von Arbeitslosengeld und einer Invalidenrente. Zum Gericht wird er von seiner Tochter begleitet. Als der Arzt, der die Leichenschau durchgeführt hat, von den toten Körpern der Opfer berichtet, weint K. still. Er sagt, dass er den Tod von drei Menschen sehr bedaure, sich aber an den Unfall und die Fahrt davor nicht erinnern könne. Seine Erinnerung setze mit seiner letzten Pause aus.

Die Ruhezeiten wurden eingehalten

Ein Kfz-Sachverständiger hat anhand des Fahrtenschreibers nachgewiesen, dass das Fahrzeug offenbar vollkommen ungebremst in das Wohnmobil der Familie T. gefahren war. Der Lkw bewegte sich vor dem Aufprall knapp hundert Meter weit mit rund 80 km/h; weder trat K. auf die Bremse, noch aktivierte er die Warnleuchten. Wegen eines Anstiegs war das Fahrzeug zuvor nur mit einer Geschwindigkeit von etwa 50 Km/h unterwegs gewesen und wurde dann offenbar beschleunigt. Zu diesem Zeitpunkt hatte K. bereits siebeneinhalb Stunden am Steuer gesessen.

Seine Tour hatte der Kraftfahrer, der für die tschechische Zweigstelle einer deutschen Spedition tätig und dessen Lastwagen in Deutschland zugelassen worden war, am Vortag angetreten. Er sei zunächst von Teplitz nach Viechtach bei Regensburg gefahren und habe dort die Nacht verbracht, sagt K. Am nächsten Morgen, dem Tag des Unfalls, sei er etwa um fünf Uhr morgens Richtung Norden aufgebrochen. Die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten, sagt der Gutachter, habe K. an diesem Tag eingehalten.

Aufmerksamkeit bei großer Eintönigkeit

Andere Lastwagenfahrer, die kurz vor K. in den Stau geraten waren, hatten diesen schon registriert, als sie die vorgelagerte Kuppe passierten. Sie aktivierten ihre Warnblinkanlage, bremsten und zogen schließlich die Feststellbremse an. Die Sonne stand nicht tief, die Fahrbahn war trocken, die Sicht klar. Die Frage ist, ob K. derart abgelenkt war, dass er den Stau, der sich auf seiner, der rechten Spur bildete, nicht wahrnahm. In diesem Fall hätte er sich womöglich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht.

Männer wie K. müssen auch auf eintönigen Strecken stets aufmerksam sein. Sie tragen eine große Verantwortung, denn unkontrolliert werden ihre tonnenschweren Gefährte zur tödlichen Gefahr. Die meisten Fahrer werden dieser Verantwortung gerecht. Manche dagegen nutzen auf ihren langen Touren während der Fahrt ihr Handy oder einen Laptop, doch elektronische Geräte dieser Art fand die Polizei nicht in der zerstörten Fahrerkabine. Aber selbst einen Kaffee am Steuer zu trinken, was nicht verboten ist, kann gefährlich werden, wenn der Fahrer ihn verschüttet und dadurch abgelenkt ist.

Notbremsassistenten können Leben rettten

In solchen Fällen greift bei immer mehr Lastkraftwagen ein automatisches Notbremsprogramm ein. Die Systeme erkennen anhand von Sensoren, wenn sich das Gefährt einem Hindernis nähert und eine Kollision droht. Zunächst warnen sie mit akustischen, haptischen oder visuellen Signalen den Fahrer. Reagiert dieser nicht, bremsen sie automatisch das Fahrzeug ab. Der ADAC hat jüngst drei Systeme von Mercedes, MAN und Volvo getestet. Sie seien „schon jetzt in der Lage, einen Lastwagen sicher zum Stillstand zu bringen, auch bei einer Ausgangsgeschwindigkeit von 70 oder 80 km/h“, sagt ein Sprecher dieser Zeitung.

Für viele neu zugelassene Lastkraftwagen in der Europäischen Union sind diese Notbremsassistenten seit November 2015 vorgeschrieben, für leichtere unter acht Tonnen erst ab November 2018. So ein System hätte wahrscheinlich verhindern können, dass K. ungebremst in das Wohnmobil raste. Im Fahrzeug von Jaroslav K., das offenbar vor dem Stichtag zugelassen worden war, ist allerdings ein solches nicht installiert worden. Zudem müssen die Systeme derzeit laut Vorschrift auch nur eine Temporeduktion von mindestens 20 km/h erzielen. Werde ein 40-Tonner von 80 auf 60 km/h herabgebremst, zerstöre er ein Auto aber noch immer „komplett“, sagt Unfallforscher Hell. Es sei „völlig unverständlich, dass die Anforderungen nicht dem aktuellen Stand der Technik entsprechen“. Auch der ADAC fordert eine Verschärfung.

Systeme sollten nicht ausgeschaltet werden

Derzeit ist es für die Fahrer außerdem noch möglich, den Notbremsassistenten dauerhaft abzuschalten. Beobachter, aber auch Lastwagenfahrer selbst gehen davon aus, dass nicht wenige Fahrer, weil sie irrtümlich meinen, sich im dichten Verkehr bequemer bewegen zu können, von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Automatisch aktiviert sich der Assistent erst beim nächsten Anlassen wieder. „Es sollte nicht erlaubt sein, diese Systeme auszuschalten“, sagt Hell. Eine entsprechende Initiative hat Ende vergangenen Jahres der Bundesrat beschlossen. Außerdem hieß es, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) habe die Bundesanstalt für Straßenwesen mit einer Untersuchung beauftragt.

Kraftfahrer K. verfügte in seinem Fahrzeug nur über ein System, das im Tempomat-Modus den Abstand zum Vordermann reguliert. Der Kfz-Gutachter geht anhand der Fahrdaten davon aus, dass es zum Unfallzeitpunkt nicht eingeschaltet war. Da es sich dabei aber nicht um einen Notbremsassistenten handelt, hätte es den Zusammenstoß gleichwohl nicht verhindern können.

Ein Herzinfarkt wenige Monate vor dem Unfall

Nicht auszuschließen ist auch, dass K. körperlich nicht in der Lage war, auf den Stau zu reagieren – etwa weil er wegen einer Erkrankung das Bewusstsein verloren hatte. Solche Fälle kommen immer wieder vor. Das Leben als Kraftfahrer ist für die Gesundheit in der Regel nicht förderlich. Auftraggeber machen Druck, wenn die Fahrer im Stau stehen und die Zeit davonrennt; die gesetzlichen Vorschriften sorgen für Stress, wenn die Fahrer keinen freien Parkplatz finden, obwohl sie zwingend eine Ruhepause einlegen müssten. Auch leiden sie unter Bewegungsarmut.

Tatsächlich hatte Jaroslav K. wenige Monate vor dem Unglück, im Februar 2016, einen Herzinfarkt erlitten. Schon damals war er in Kassel behandelt worden. Fünf Tage vor dem tödlichen Unfall hatte ihn eine tschechische Internistin wieder für fahrtauglich erklärt. Grundsätzlich müssen Berufskraftfahrer in Deutschland und den anderen Ländern der Europäischen Union alle fünf Jahre durch einen Arzt ihre Fahrtüchtigkeit überprüfen lassen. Nur dann können sie ihre Fahrerlaubnis verlängern.

Angestrengt, aber keine Nebenwirkungen

Wer durch eine Erkrankung erheblich eingeschränkt ist und sich trotzdem ans Steuer setzt, macht sich strafbar. K. nimmt täglich Medikamente, die seine Herzfrequenz verlangsamen, sein Blut verdünnen und seinen Cholesterinspiegel senken sollen. In der richtigen Dosierung hätten diese Medikamente aber keine Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit, sagte Christoph Birngruber, Gießener Rechtsmediziner und Sachverständiger in dem Prozess. K. berichtet, er habe keine Nebenwirkungen verspürt. Auf seiner Tour sei er wegen des warmen Wetters jedoch etwas außer Atem gekommen, als er den Auflieger habe beladen müssen. Derartige Arbeiten werden von Experten kritisch gesehen. Sie zählen nicht zur Lenkzeit, belasten viele Fahrer aber zusätzlich.

Trotzdem gibt es keine konkreten Hinweise darauf, dass K. vor dem Unfall einen Infarkt erlitten haben könnte. Der Notarzt, der nach dem Unfall mit dem Hubschrauber einflog und den eingeklemmten Fahrer versorgte, berichtet, dass K. bei Bewusstsein gewesen sei: „Er hatte trotz dieses Unfalls einen guten Kreislauf.“ Als später im Krankenhaus sein Blut untersucht wurde, waren die Enzymwerte, die auf einen Herzinfarkt hindeuten könnten, nicht signifikant erhöht. Auch Alkohol fand sich nach dem Unfall nicht in K.s Blut. Weil ihm jedoch erhebliche Mengen Fremdblut zugeführt wurden, soll nun ein Kardiologe zu Rate gezogen werden.

Keine Erklärung für die Verwandten der Opfer

Fast hätte K. an dem verhängnisvollen Sommertag mit seinem Lastkraftwagen noch einen weiteren Menschen getötet. Ante und Beatrix T. hatten auch eine ältere Tochter. Auch sie, die heute 16 Jahre alt ist, war in den Sommerferien in Kroatien gewesen. Die Schülerin war mit einer Jugendgruppe dorthin gereist. Ihr Vater, ein Zahnarzt, stammte aus dem Land. Die Familie reiste der älteren Tochter hinterher. Als die Rückreise anstand, entschied sich das Mädchen dafür, mit den anderen Jugendlichen und nicht im Wohnmobil ihrer Eltern zurück nach Deutschland zu fahren. Eine Entscheidung, die ihr das Leben gerettet hat.

Sie lebt seither bei Verwandten in Nordrhein-Westfalen. Nach dem Unfall hatten Freunde in sozialen Netzwerken einen Spendenaufruf veröffentlicht, damit sie trotz des Todes der Eltern ihre Pferde behalten könne. Nach der Tragödie habe das Mädchen jedoch auch „etliche persönliche Enttäuschungen erlebt“, sagt Gerald T., der Onkel des Mädchens, das Nebenklägerin ist, die Verhandlung selbst aber nicht verfolgt, dieser Zeitung. Gerald T. hatte sich von dem Prozess erhofft, dass er die genauen Gründe dafür erfährt, dass seine Schwester, sein Schwager und seine Nichte sterben mussten. Im Gerichtssaal in Kassel deutet bislang alles darauf hin, dass diese Hoffnung enttäuscht werden wird.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wenge, Jörn
Jörn Wenge
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