Wilder Westen in Russland

Von THERESA WEISS
Foto James Hill/Laif

27.01.2018 · Vor acht Jahren kamen die ersten Rinder nach Suprjagino. Weil sich keiner mit den Tieren auskannte, beschäftigte man Amerikaner auf der Farm. Aber längst gibt es auch russische Cowboys.

D er Wilde Westen beginnt vor Moskau. Erst sechs Stunden mit einem alten Zug, dann zwei Stunden im Auto. Holprige Gleise, buckelige Straßen. Vorbei an flachen Gebäuden und kahlen Birken. Ins Land der russischen Cowboys. Wo Lassos fliegen, Rinder weiden und Männer derbe Jeansjacken tragen. Dort ist der Fleischkonzern Miratorg. Riesige Weiden, Hunderttausende Rinder, zehntausend Kilometer entfernt von Texas oder Wyoming.

Eine seiner Farmen ist Suprjagino. Sie liegt im Gebiet von Brjansk, hundert Kilometer vor der weißrussischen Grenze. 9000 Hektar, 4800 Rinder und 2000 Kälber. Das ist, verglichen mit Europa, zwar riesig, doch für Miratorg bestenfalls Durchschnitt. Der Fleischproduzent betreibt alles in allem 73 Farmen mit insgesamt 500.000 Rindern: die größte private Herde der Welt.

Feuchte Augen schauen unter schwarzen Locken hervor, die kurzen Beine stecken tief im Schlamm. Die Tiere sind Black-Angus-Rinder. Sie sind bekannt für ihr gutes Fleisch. Im Winter stehen sie in offenen Ställen und kauen Heu. Im Frühjahr kommen sie auf die Weide. Auf der Farm gibt es viel zu tun: Impfen, trächtige Kühe untersuchen, Gewicht kontrollieren. Erledigt wird das von Cowboys, auch wenn sie hier offiziell „Operatoren“ heißen und lieber warme Wollmützen als coole Stetson-Hüte tragen. Einer von ihnen ist Wassilij. Nachnamen sind hier nicht üblich, sagt er. In seiner Hose mit Camouflage-Muster und der wattierten Funktionsjacke sieht er nicht gerade so aus, wie man sich einen Cowboy vorstellt. Doch er ist mit Eifer bei der Sache, schwärmt von seiner Stute und führt die Kastrationsmaschine für Jungbullen vor. Er lobt die Arbeit, die Kollegen und den Chef. Er packt sein Gegenüber sogar manchmal am Arm, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Was ist das Wichtigste an einer Farm? Na? Vielleicht die Tiere? Das Land? „Nein, nein, nein! Das Wichtigste - das ist das Kollektiv!“

Auf der Farm Suprjagino haben die Cowboys von amerikanischen Kollegen gelernt wie man Black Angus Rinder züchtet. Foto Peggy Lohse

Wassilij ist Ende vierzig und hat schon früher in der Landwirtschaft gearbeitet. Wenn er auf seine Stute steigt und sich in den Sattel plumpsen lässt, zuckt das Tier zusammen. Gelenkt wird es mit Gewicht und Stimme, russischen und englischen Kommandos. „Ruhig, Kleine. Los, zeig, was du kannst“, raunt Wassilij und führt vor, wie wendig das Pferd ist. Das ist im Alltag wichtig. Denn wenn es warm wird, treibt Wassilij auf seinem Pferd die Rinder auf die Weide. Er ist froh, den Job zu haben. Der bringt ihm im Monat 500 Euro. In der russischen Landwirtschaft ist das ein gutes Gehalt. Sein Geld bekommt er pünktlich. Einmal in der Woche hat er einen freien Tag. Den kann er dann mit seiner Familie und den Kindern verbringen. Die Arbeit zahlt sich für ihn aus.

Vor acht Jahren hatte der Fleischkonzern Miratorg hier mit der Rinderzucht begonnen. Da gehörte die Firma schon den Brüdern Alexander und Viktor Linnik. Sie steckten viel Geld in das Land, die Leute und die Tiere. Bei Schweinen waren sie schon Branchenprimus. Der Markt für Geflügel war hart umkämpft. Die Linniks setzten auf Rinder - und hatten Erfolg. Sie führten Russland in das Steakzeitalter. Bis dahin kannte die russische Küche Rindfleisch nur als Hack von alten Milchkühen. Das wurde zu Frikadellen verarbeitet, in die Suppe geschmissen oder in Teigtaschen gesteckt. Richtige Steaks waren teuer und kamen oft aus Übersee. Heute verkauft Miratorg im Jahr 150.000 Tonnen Rindfleisch - ein Teil geht ins Ausland. Die Firma läuft. Dabei hatten sie hier fast nichts, worauf sie damals hätten aufbauen können. Alles wurde eingeführt, jede Anlage teuer gekauft und neu errichtet. Mehr als eine halbe Milliarde Euro hat der Konzern investiert. Das Geld lieh er sich bei russischen Banken. Die Konditionen waren gut. So kamen 2010 die ersten 110.000 Black-Angus-Rinder aus Amerika und Australien hierher. Miratorg baute Mastanlagen auf und stellte amerikanische Cowboys ein. Denn die kannten sich mit den Tieren am besten aus.

Bei den Cowboys ist gute Stimmung. Die Firma wächst, die Arbeit ist okay, das Gehalt kommt pünktlich, und einen Tag je Woche haben sie frei. Foto James Hill/laif
Zu den Aufgaben der Cowboys gehört unter anderem auch das Impfen der Rinder. Foto Peggy Lohse
Cowboy mit Ultraschallbild einer trächtigen Kuh. Foto Peggy Lohse

„Früher wurde in Russland in den Kolchosen Milch produziert, die Kühe standen im Stall. Ich habe anfangs nicht gedacht, dass es möglich ist, so große Herden draußen zu halten“, sagt Michail Petroschenko. Seit sechs Jahren leitet er nun die Farm in Suprjagino. Er trägt einen Schnurrbart unter der Nase und tausend Fältchen um die Augen. Er war bei einem amerikanischen Cowboy in die Schule gegangen. Das war nicht immer leicht: die Sprache, der Umgang, der Job. „Er war ein sehr guter Cowboy, konnte gut mit dem Vieh umgehen“, sagt Petroschenko. Aber er war ein schwieriger Mensch.

Pferde reiten, Lasso werfen, Rinder treiben

D ie meisten Cowboys aus den Vereinigten Staaten haben ihr Leben lang nichts anderes getan, als Rinder zu hüten. Sie kennen alle Tricks und Kniffe. Ein paar Russen in Gummistiefeln beizubringen, wie sie das Vieh ohne Stock und Peitsche antreiben sollen, muss eine Herausforderung für sie gewesen sein. Drei Monate brauchte Petroschenko, bis er ein Rind mit dem Lasso einfangen konnte.

Immer den Überblick behalten: Erst lernten die Russen das Reiten, dann das Lassowerfen und schließlich, die Tiere auf die weiten Weiden zu treiben. Wassilij ist von Anfang an dabei. Foto Peggy Lohse

Zuvor habe er noch lernen müssen, wie man reitet, ein Lasso um das Sattelhorn windet, die Zähne der Rinder kontrolliert und eine Herde auf die Weide bringt - und das ganz ohne Gewalt. Denn wenn die Tiere geschlagen werden, sind sie gestresst und schütten Hormone aus. Das macht ihr Fleisch bitter und zäh. Das auch seinen Mitarbeitern beizubringen war nicht einfach, sagt Petroschenko. „Nur eine Regel haben sie schnell gelernt“, sagt er. „Wenn du müde bist, mach eine Pause!“ Die Cowboys, die neben ihm im Pferdestall stehen, lachen laut auf. Sie rufen sich noch ein paar Sprüche zu, dann gehen sie wieder an die Arbeit. Die Zeiten, in denen ein „Operator“ auf dem Fahrrad daherkam, um eine Herde loszutreiben, sind vorbei. Heute arbeiten sie hier anders. Nach amerikanischen Methoden. Es geht um Geld, sehr viel Geld. Denn Black-Angus-Rinder sind etwas Besonderes.

Sie seien „wie Wildkatzen“, sagen die Cowboys von Suprjagino. Und sie passen gut nach Westrussland. Die Tiere vertragen das Klima mit den trockenen Sommern und den kalten Wintern. Sie haben keine Hörner, kurze Beine und wachsen rasch. In Amerika werden sie gern als Masttiere genutzt. Die Cowboys dort lieben sie. Ihre Steaks sind saftig und würzig. Die Cowboys hier bleiben da eher cool. Die Amerikaner, sagen die Russen, wissen beim Thema Rind einfach Bescheid. Wieso sollte man dieses Wissen nicht nutzen? Um die Arbeitsmoral zu heben, gibt es hier jedes Jahr ein russisches Rodeo.

Russische Cowboys beim Training mit dem Lasso Foto Peggy Lohse

Petroschenko stapft in Arbeitsstiefeln über seinen Hof. Die schwarzen Rinder warten schon. Der Tierarzt untersucht sie gerade. Seine Assistentin spritzt ihnen einen Impfstoff in den Hals. Die Cowboys treiben die Rinder mit lautem Schnalzen und großen Bewegungen dann wieder in die riesigen Gehege. Einer der Männer steht mit einem Computer am Zaun. Er gleicht die Daten auf dem Bildschirm mit den Daten auf den Ohrchips der Tiere ab: Gewicht, Alter, Vermerke. Damit sich das Projekt lohnt, wird alles berechnet und kontrolliert. Farmen sind heute hochtechnologisierte Firmen. Das Futter wird selbst produziert und auf das Gramm genau abgewogen, der Zustand der Rinder lückenlos überwacht. Jedes Tier hat eine Akte und einen Stammbaum. In Suprjagino werden besonders viele Kälber geboren, sagt Wassilij stolz. Für jedes gesunde Kalb bekommen er und seine Kollegen einen Bonus. Rinderzucht ist eine Wissenschaft für sich.

Akademie für Cowboys

B ei Brjansk gibt es dafür eine Akademie. Eine Schule für Cowboys. Sie wurde vor anderthalb Jahren gegründet. Seitdem hat sie mehr als 2000 Absolventen hervorgebracht. Slawa Timoschenko ist einer von ihnen. Er ist braungebrannt und Mitte vierzig, trägt eine dicke Jeansjacke und schwarze Lederstiefel. Er hat nicht nur Cowboy gelernt, er sieht auch aus wie ein Cowboy. Sein Lehrmeister war ein Amerikaner. Der hieß Donald und saß als Kind schon im Sattel, bevor er laufen konnte.

Blick über die Rinderfarm von Miratorg bei Brjansk Foto James Hill/Laif

Wie zwanzig andere Cowboys war auch Donald von Miratorg nach Brjansk geholt worden, um der ersten russischen Cowboygeneration die Grundlagen beizubringen. Als er wieder in seine Heimat ging, übernahm Timoschenko die Ausbildung der neuen Mitarbeiter. Heute suchen sie bei Miratorg händeringend neue Mitarbeiter. Denn die Firma wächst. Zwei Wochen lang bekommen die Neuen einen Crashkurs in der Akademie. Auf dem Stundenplan stehen Lassowerfen, Reiten und Rinderhaltung. Dann kommen sie auf die Farm. Nach ein paar Monaten gehen sie zurück zur Akademie. Prüfung. Wenn sie die bestehen, können sie Karriere machen und später eine Farm leiten.

Miratorg hat viele brachliegende Farmen in Westrussland wieder aktiviert. Suprjagino war zu Sowjetzeiten eine Kolchose, die Milch, Gemüse und Getreide produzierte. Als die Sowjetunion zerbrach, machte die Kolchose dicht. Das Land wurde erst verteilt, lag dann brach und verwilderte schließlich. Dann kamen die Linnik-Brüder mit Miratorg. Sie suchten Verbündete unter den alten Kolchosniks und kauften Land. Eine halbe Million Hektar. Sie stellten Rinder darauf. Der Plan ging auf. Das Geschäft brummt. Es gibt nur ein Problem.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl fiel über Brjansk radioaktiver Regen. Daher liefern Farmen und Firma bis heute kein Fleisch in die Europäische Union. Der Konzern erklärt, dass die Weiden untersucht wurden und als unbedenklich gelten. Raschid Alimow von Greenpeace Russia, sieht das etwas anders. Zwar sei vor allem der Süden der riesigen Region vom verseuchten Regen betroffen gewesen und die Farmen lägen im Norden. Doch die Gegend sei auch 30 Jahren nach dem Gau immer noch vergiftet. „Die radioaktiven Teilchen sind nicht überall, aber sie wandern mit Wasser, Luft oder Rauch, deshalb kann man nicht genau sagen, welche Gebiete sicher sind“, sagt Alimow. Er hatte vor knapp zwei Jahren Bodenproben aus dem Gebiet Brjansk genommen. Sein Ergebnis: Im Schnitt haben sich die Strahlenwerte seit 1986 gerade mal halbiert.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl fiel über Brjansk radioaktiver Regen. Daher liefern Farmen und Firma bis heute kein Fleisch in die Europäische Union. Foto Peggy Lohse

Das kann den Stolz von Petroschenko nicht trüben. Er erzählt davon, wie sie Suprjagino wiederbelebt haben. Er kommt aus der Gegend hier, hat früher schon in der Kolchose gearbeitet und lebt heute mit seiner Familie drei Kilometer entfernt von der Farm. Einige Anwohner seien erst misstrauisch gewesen. Gegenüber dem Konzern, den Rindern und den Amerikanern. Doch viele sind heute froh, dass es mit der Landwirtschaft hier wieder bergauf geht. Seit Moskau als Reaktion auf die Strafmaßnahmen des Westens im Ukraine-Krieg ein Importverbot für westliche Lebensmittel verhängt hat, florieren die Geschäfte. Russische Milchfarmen begannen, eigenen Camembert herzustellen. Auch Fleisch findet seine Käufer. „Die Sanktionen helfen der Landwirtschaft“, sagt ein Sprecher von Miratorg. „Jedenfalls denen, die ihre Farmen schon produktionsbereit haben.“ Mit der Firma geht es voran. In 15 Jahren soll sich die Investition in das Land und die Tiere bezahlt gemacht haben. Bis dahin werden noch Zehntausende Rinder auf der Weide stehen und auf die Schlachtbank getrieben, Millionen Tonnen Black-Angus-Fleisch wird die Schlachterei verlassen und in Moskau oder im Business-Class-Flug nach Tokio als Edel-Steak oder Burger serviert. Es werden viele Lassos über das russische Flachland fliegen. Und Wassilij wird seiner Stute das ein oder andere Mal mit einem „Yehaw“ die Fersen in die Flanken rammen.

F.A.Z.-Woche

Quelle: F.A.Z.-Woche