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Wirtschaftskrise

Montana Moms verarmen trendy

Von Christiane Heil, Santa Monica
 - 12:05
Beim Einkauf zu sparen ist nun modischer als jeder Maßanzug Bild: REUTERS, F.A.Z.

So richtig Spaß macht ein Bummel über die Montana Avenue nicht mehr. In vielen Schaufenstern von Santa Monicas vornehmster Einkaufsstraße finden sich „Zu vermieten“- Schilder anstelle der Handtaschenkollektionen, Yoga-Outfits oder europäischen Modelabels. Immer weniger Schuhfetischistinnen belagern das blaue Plüschsofa in „Il Primo Passo“ und probieren bei Espresso aus biologischem Anbau (morgens) oder einem Glas Chablis (nachmittags) die neuen Kreationen von Christian Lacroix, Barbara Bui und Giuseppe Zanotti an. Die Stühle in Frisiersalons wie „First Cut“ oder „LuxLab“ bleiben leer, und die Pilates-Studios streichen Kurse mangels Nachfrage. Statt für ein paar hundert Dollar pro Monat im Studio zu trainieren, turnen die Frauen jetzt zur Mari-Winsor-DVD vor dem heimischen Fernsehgerät.

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„Montana Avenue wirkt fast wie eine Geisterstadt“, sagt Tracy Berger. „Es ist deprimierend.“ Wie die meisten ihrer Freundinnen hat sich die begeisterte Shopperin im Wirtschaftsabschwung zum Notopfer durchgerungen: Den Morgenbecher Latte kauft die Neununddreißigjährige seit ein paar Wochen in der schlichten Boulangerie statt im Starbucks gegenüber.

Halbprivater Rückzugsort der Stars

Die Wirtschaftskrise hat den reichen Küstenort westlich von Los Angeles erreicht. Dabei wähnten sich Tracy Berger und die anderen etwa 88 000 Bewohner der Luxusenklave in Sicherheit. Die Villen an den palmengesäumten Straßen waren mehr als doppelt so teuer wie im Durchschnittskalifornien, die Lebenshaltungskosten lagen um ein Vielfaches über denen anderer Städte, aber es blieb dennoch genug übrig für die amerikanische Lieblingsbeschäftigung, das Shopping.

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Die Einkaufstouren der „Montana Moms“ und Celebritys aus den Villen nördlich der Montana Avenue waren legendär. Die Paparazzi hatten es leicht, Meg Ryan und ihr Töchterchen, Uma Thurman und Ben Affleck mit Ehefrau beim Ausflug „on Montana“ zu fotografieren. Die Straße mit Kleinstadtflair gilt dennoch vielen Stars als halbprivater Rückzugsort, wo nicht jeder T-Shirt-Kauf gleich zum Ereignis im Klatschblatt wird.

Ein leerstehendes Haus gilt als böses Omen

Vor ein paar Monaten dann kam die Unruhe. In den Schaufenstern klebten die ersten Plakate, die Preisnachlässe von bis zu 75 Prozent versprachen. Rabatte von mehr als 50 Prozent, so die neue Erfahrung in Santa Monica, zeigen die kommende Geschäftsaufgabe an.

Auch in den von mexikanischer Hand gepflegten Vorgärten vieler Villen fanden sich plötzlich „Zu verkaufen“-Schilder und führten zu Panikattacken bei den Nachbarn: In Kalifornien gilt ein leerstehendes Haus in der Nachbarschaft als böses Omen, zumal dann, wenn sich lange kein Käufer findet. „Mit jedem neuen Schild, das hier aufgestellt wird, sinkt auch der Wert unseres Hauses“, sagt Betty Miller, die mit ihrer Familie seit elf Jahren in einer Villa im spanischen Kolonialstil wohnt. In den vergangenen zwölf Monaten fiel der Wert des Hauses von 3,5 auf 2,8 Millionen Dollar. Viele Makler versprechen Kaufwilligen mittlerweile Gratisbeigaben wie Flachbildschirme oder Kleinwagen.

Die fetten Jahre sind vorbei

Die fetten Jahre sind auch an der Montana Avenue für erste vorbei. „Wir haben zwar mehr Reserven als andere, aber wir sind nicht immun“, sagt Mark Wain, Inhaber des „Caffe Luxxe“. Neben Müttern in Yogakleidung und Drehbuchautoren vor Laptops verbringen immer häufiger auch ehemalige Geschäftsleute ihre Vormittage in seinem Café oder einem der drei Starbucks in der Nachbarschaft. Die Arbeitslosenquote in Santa Monica hat sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt.

„Für den Cappuccino reicht es aber noch“, sagt Bob Feller und lächelt gequält. Der Vierunddreißigjährige hat bis vor ein paar Monaten Autos verkauft, im umweltbewussten Santa Monica vor allem Hybridfahrzeuge. Bis zum vergangenen Sommer blühte das Geschäft. Selbst Stars wie Cameron Diaz, Leonardo DiCaprio und Harrison Ford mussten nicht selten wochenlang auf ihren neuen Prius oder Highlander warten. Heute dagegen stehen gleich ein paar Dutzend der noch vor ein paar Monaten so begehrten Wagen auf dem Hof des Toyota-Händlers am Santa Monica Boulevard. Der bislang aktivste Hybridverkäufer in ganz Amerika wird seine Neuwagen kaum noch los und bietet sie deshalb zu günstigen Leasingraten an.

Selbst Schönheitschirurgen verbuchen Umsatzeinbrüche

Ähnlich schlecht steht es in Santa Monica um das Geschäft mit der Schönheit. Nach Jahren, in denen die chirurgische Bauchstraffung („tummy tuck“) und die vergrößerte Brust zur Grundausstattung jeder Frau jenseits der 35 gehörten, besinnt man sich entlang der Montana Avenue wieder auf andere Werte. Bei Preisen von bis zu 20 000 Dollar müssen so manche Verjüngungsversuche bis zum Aufschwung warten. Die Schönheitschirurgen zwischen Beverly Hills und Santa Monica zeigen Umsatzeinbrüche von mehr als 60 Prozent an.

Der „luxury shame“ hat die Montana Avenue eingeholt. Selbst wer noch Geld hat, um es für Handtaschen und Schuhe auszugeben, tut das lieber, ohne dass die Freudinnen davon erfahren. „Wie sieht das denn aus“, fragt Jane Stern, „wenn ich mit einem Arm voller Einkaufstüten aus dem Laden komme, während der Mann meiner Nachbarin gerade seine Stelle verloren hat?“ Sie schlägt vor, abends dezent nach Hause liefern zu lassen. Die Inhaber der Boutiquen berichten von privaten Shoppingpartys nach Ladenschluss. Bei Live-Musik, Champagner und Häppchen treffen sich die Zahlungsfähigen in den Läden, um sich ohne böse Seitenblicke die Kollektionen aus Mailand, Paris und New York vorführen zu lassen. Der Trend geht zum „stealth luxury“. Viele wagen kaum mehr zu erzählen, wo sie ihren Sommerurlaub verbringen. „Wir fliegen wieder nach Hawaii“, flüstert Deborah H., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. „Aber wir nehmen nicht unser Privatflugzeug. Wir fliegen Linie.“

Recessionistas statt Fashionistas

Fatalismus macht sich aber noch nicht breit. Seit Arnold Schwarzenegger, Gouverneur von Kalifornien und Mitglied der katholischen Kirchengemeinde in Santa Monica, vor einigen Monaten den Fast-Bankrott des „Golden State“ erklärt hat, wird auf Leistung gesetzt. Statt ihre Töchter einem Leben in schlechtsitzenden Nichtmarken-Jeans auszusetzen, haben etwa Tristina Cole und Tracy Herring „Tween Scene“ eröffnet, eine Boutique ganz in Pink, in der luxuserprobte Mädchen weiter modisch eingekleidet werden. Begehrte Marken wie Juicy Couture und True Religion sind hier günstig zu haben, da leicht gebraucht. Secondhandoutfits waren im Westen von Los Angeles bis vor kurzem noch undenkbar, jetzt gilt die Verwandlung der jungen Fashionistas in Recessionistas als revolutionär. Schließlich wird nicht nur gespart, sondern gleichzeitig die Umwelt geschont, da Jeans, Kleider und T-Shirts fast endlos getragen werden können. „Secondhand ist das neue Grün“, sagt Inhaberin Tracy Herring.

Schwarzeneggers Drohung, der Misere mit Kürzungen des Bildungsetats zu begegnen, hat auch die Eltern der Roosevelt-Grundschule an der Montana Avenue alarmiert. Um die Streichung von Schultagen, Musik- und Sportunterricht zu verhindern, veranstalteten sie vor einigen Wochen eine einzigartige Auktion. Versteigert wurde alles, was eine Schule zu bieten hat, an der man morgens Filmstars, Produzenten oder Basketballspieler beim Absetzen der Kinder bestaunen kann: Vip-Tickets für die L.A. Lakers, ein Studiobesuch bei Talkerin Ellen DeGeneres oder Einladungen an Sets von Hollywood-Produktionen. Richtig gepunktet hat aber Andre Agassi. Der frühere Weltranglistenerste spendete eine Einzelstunde Tennis in Las Vegas, die für 55 000 Dollar versteigert wurde. Der Unterricht an der Roosevelt-Schule dürfte damit vorerst gesichert sein.

Quelle: F.A.Z.
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