Marlene Dietrich

Ein Mythos ruft an

Von Peter Bermbach
 - 17:50
© dpa, Peter Bermbach
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Eine Nachricht auf einem Anrufbeantworter im Jahr 1984: „Ja, dies ist Frau Marlene Dietrich. Ich habe seit Wochen angerufen, und Herr Bermbach antwortet mir nicht.“ Einige Tage später: „Bitte seien Sie doch so gut und rufen Frau Dietrich an. Es ist jetzt Montag Viertel vor Fünf. Hier noch mal meine Nummer: 47239742.“

Ich komme gerade von Dreharbeiten aus New York, muss nächste Woche nach Israel, wo wir einen Film über die jüdische Dichterin Mascha Kaléko drehen. Ein Bekannter, der mit Marlene Dietrich seit Jahren Telefonkontakt hat, ohne sie je getroffen zu haben, hatte mir schon vor einiger Zeit berichtet, dass sie einen Journalisten sucht, mit dem sie ein Interview für die „Bunte“ machen kann, weil sie dringend Geld brauche.

Wieder eine Nachricht: „Man weiß ja nicht: Sind Sie nur ausgegangen oder sind Sie nicht im Lande? Sie sollten mich anrufen, bitte!“ Ich wähle ihre Nummer und erkenne gleich ihre rauchige Stimme mit dem Berliner Akzent. Keine langen Vorreden, sie geht gleich in medias res. Fragt auch gar nicht erst, wer ich sei und was ich im Leben so mache. Anscheinend hat sie da schon ihre Erkundigungen eingezogen. Vertraut dem Freund – und mir – blind.

Marlene Dietrich
Sind Sie noch im Lande
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Aber worüber will sie denn überhaupt mit mir reden? Erst vor kurzem kam ihre Autobiographie heraus, in der sie – sehr lakonisch und nicht gerade originell – das Wichtigste aus ihrem Leben mehr oder weniger amüsant erzählt. Und über ihre Karriere ist in den letzten 50 Jahren bei Gott alles geschrieben worden. Nein, sie will ganz allgemein reden, über das Leben und den Tod, über die Liebe und den Hass, über Deutschland und die Politik, also über Gott und die Welt, nur nicht über Marlene Dietrich. Soll das mal einer glauben.

„Ich habe vernünftige Ideen und manches zu sagen, glauben Sie mir, mein Freund.“ Nach einer Viertelstunde hatte ich das Gefühl, diese Frau persönlich zu kennen. Sie duzte mich hin und wieder, sie fragte, ob ich auch Berliner sei, war erstaunt, dass ich länger in Paris lebte als sie. Ich schlug ihr vor, eine Fragenliste aufzustellen, die wir dann besprechen könnten.

Und wann sie bereit wäre, mich zu empfangen? „Na, überhaupt nicht, natürlich nicht. Das machen wir alles per Telefon. Dazu muss man sich doch nicht sehen!“ Ich bezweifelte das. Aber da wurde sie abrupt und sagte: „Überlegen Sie es sich, Herr Bermbach, und rufen Sie mich morgen früh zurück.“

Marlene Dietrich
Erreiche ihn nicht
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Natürlich wusste ich, dass sie bettlägerig war. Mein Freund Jacques Kam, der ihr (und Brigitte Bardots) Anwalt war, hatte mir vor einiger Zeit sein Leid geklagt, weil er seine Klientin nie sehen dürfe. Sie sei äußerst kompliziert und wankelmütig. Jeder Umgang mir ihr sei schwierig. Als ich ihn anrief, warnte er mich vor dem „Abenteuer einer Zusammenarbeit „, wie er es nannte. Er habe seine Erfahrungen mit ihr gemacht. Immer wenn etwas besprochen war, habe sie in letzter Minute ihre Meinung geändert.

Ich nahm das alles nicht so ernst, rief einen Freund bei der „Bunten“ an und fragte, ob er an einem Interview mit Marlene interessiert sei. Seine wörtliche Antwort: „Wir wollen kein altes Fleisch!“ Ich informierte Marlene am Tag darauf, aber mit anderen Worten, und schlug ihr vor, andere Blätter zu kontaktieren. „Unternehmen Sie, was Sie für richtig halten. Aber schnell, ich brauche dringend Moneten, sagen wir 40.000 Mark.“

Nebenbei musste ich ja auch noch arbeiten. Wir steckten in komplizierten Dreharbeiten, die den Lebensstationen Mascha Kalékos nachfolgten. Sie hatte als Jüdin ein ruheloses Leben führen müssen, ehe sie in einer Klinik in Zürich starb und dort ihren Nachlass der Schauspielerin Gisela Zoch-Westphal anvertraut hatte, die das Drehbuch des Fernseh-Features mitverfasst hatte, dessen Ausstrahlung zum zehnten Todestag der Dichterin im Januar 1985 geplant war. Marlenes Meinung zu meinem Projekt: „Was, Sie wollen nach Israel und dort auch noch arbeiten!? Ich habe schon Maria, meiner Tochter, gesagt, da sind all die Juden, die in Hollywood keinen Erfolg hatten!“

Beim „Stern“ war damals Michael Jürgs, der spätere Chefredakteur, Ressortleiter Unterhaltung. Dass Marlene als Mindestpreis 40.000 Mark genannt hatte, schockierte ihn überhaupt nicht. Er bat mich, so schnell wie möglich mit der Fragenliste in die Redaktion nach Hamburg zu kommen.

Marlene war aufgeregt, wir diskutierten stundenlang, abendelang, so weit das möglich war. Denn ich hatte schnell bemerkt, dass sie gegen Abend anfing, nach Worten zu suchen und zu lallen. Der Charme und die freche Berliner Schnauze waren stets da. Aber sie antwortete einfach nicht oder fing ein anderes Thema an oder begann zu singen. Ja, Marlene sang mir immer öfter ihre Lieblings-Chansons vor.

Begeistert war sie, dass ich ihre in der DDR entstandene Platte mit „Alt-Berliner Liedern“ besaß, „Solang noch untern Linden“, „Durch Berlin fließt immer noch die Spree“ oder „Das war sein Milljöh“. Auf das Plattencover hatte sie schreiben lassen: „Hier sind Lieder, die ich liebe, und die ich seit meiner Berliner Jugendzeit Wort für Wort und Ton für Ton im Gedächtnis behielt. Ich hatte seit langem den Wunsch, diese Platte auf zunehmen, und ich bin glücklich, dass mein Wunsch Wirklichkeit ist. Es sind traurige, frohe, lustige und schmerzvolle Lieder . . .“

Übrigens ließ sie sich ihr Honorar von der DDR in Form von zwei Konzertflügeln auszahlen, die jahrelang in ihrer nicht gerade großen Pariser Wohnung standen und die sie angeblich erst, als die Pfänder kamen, für viel Geld in die Vereinigten Staaten transportieren ließ, damit ihre Tochter Maria sie dort verkaufen konnte, „wenn sie Geld braucht“. Und so waren denn auch unsere Gespräche: manchmal fröhlich und lustig, dann schmerzvoll, weil sie dauernd den Faden verlor, Gedächtnislücken hatte, einfach das Thema wechseln wollte und überhaupt nicht zu arbeiten imstande war.

Schließlich kam es so weit, dass ich einfach eine Liste von 60 Fragen zusammenstellte, die ich beim Concierge abgab. Marlene wohnte in der Avenue Montaigne, in der es heute kaum noch ein Haus ohne eine berühmte Boutique gibt. Damals existierten sogar noch ein paar billigere Hotels, nicht nur das berühmte „Plaza Athénée“, das ihrem Haus gegenüber lag.

Ihr Apartmenthaus hatte moderne Wohnungen, und ursprünglich gingen ihre Zimmer auf den Boulevard mit den hohen Bäumen. „Da habense mich rausjeworfen, weil icke die Miete nicht mehr zahlen konnte. Nun wohn ich nach hinten, auf die Rue Jean Goujon, aber auf derselben Etage. Aber icke habe alle meine Jeranien noch, und wenn ich ehrlich bin, ist es mir völlig wurscht. Ich gucke doch eh nie aus dem Fenster.“

Konnte sie auch gar nicht. Denn in ihren letzten Lebensjahren (sie starb am 6. Mai 1992) konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. Sie hatte Muskelschwund. Ihr Lebensraum waren die zwei Quadratmeter Bett mit zwei Telefonen, einer Heizplatte in Kopfhöhe, einem kleinen Kühlschrank. Nicht einmal Vertraute durften in die Wohnung, nur ihr alter Freund, der Radio-Journalist Louis Bozon. Der Concierge legte die Post vor die Tür. Als Ronald Reagan, den sie aus Filmzeiten kannte, einen Staatsbesuch in Frankreich machte, rief sie ihn an. Er wollte bei ihr vorbeikommen, so erzählte sie. Aber sie habe zu ihm gesagt: „Ronald, it is too late.“

Der Concierge stellte auch das Essen, das ich ihr nun öfters besorgen musste, vor ihre Tür. Sie rief bei einem der bekanntesten Traiteure von Paris an, bat mich dann, die Speisen dort abzuholen und in der Lobby des Hauses mit der Hausnummer 12 abzugeben. Warum sie es nicht einfach liefern ließ, habe ich lange nicht verstanden, es aber gern gemacht, obwohl es für mich ein Umstand war, eigens in die Avenue Victor Hugo zu „Lenôtre“ zu fahren, was man damals noch mit dem Auto konnte, weil es noch Parkplätze gab. Später habe ich dann darauf gedrungen, dass sie den Lieferdienst benutzt, weil ich zu viel Zeit verlor, ähnlich wie mit den Zeitschriften und Zeitungen, die sie vor allem am Wochenende vom Kiosk an der Place de l’Alma haben wollte, also nicht weiter als 200 Meter von ihrem Haus entfernt. Ich musste dort „Bunte“, „Welt“, „Bild am Sonntag“ und ein paar französische und amerikanische Yellow-Press-Blätter kaufen und sie dann beim Concierge hinterlegen.

Ihre treue amerikanische Sekretärin Norma, mit der sie sich angefreundet hatte, so dass diese, wie Marlene mir stolz berichtete, kein Gehalt haben wollte, holte alles herein, was vor der Tür lag. Sie wärmte das bestellte Essen auf und fütterte Marlene später sogar. Mit Norma beantwortete sie die Fanpost. Norma zahlte Rechnungen oder rief die Behörden an, mit denen es wieder mal Komplikationen gab, auch den Wohnungs besitzer, der sie auch aus diesem kleineren Apartment auf der Hinterseite vertreiben wollte, weil sie angeblich mit der Miete im Rückstand war oder er mehr verlangen konnte.

Marlene war großzügig und warf das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinaus. Weil ich ihr kleine Gefallen tat, schickte sie mir riesige Hortensien oder viel zu viele Geranien, für die ich auf meinem Balkon gar nicht genug Platz hatte. Als ich die erste riesige Hortensienschale erhielt, machte ich Polaroidfotos und bedankte mich für die schönen Blumen. Ihre Reaktion: „Haste denn nix Besseres zu tun, als olle Blumen zu fotografi eren?“

Man durfte ihre Worte nicht auf die Goldwaage legen, aber verletzend konnte sie schon sein. Meine Mutter war zu Besuch, ich außer Haus. Das Telefon klingelte. „Hallo, wer sind Sie?“ – „Die Mutter.“ – „Und was machen Sie in Paris?“ – „Ich besuche meinen Sohn und hüte die Katzen.“ – „Habense nix Besseres zu tun?“ Dann hängte sie einfach auf. Meine Mutter war wütend auf die freche Dame vom Film – Dame in Anführungszeichen.

Unsere Fragen-Liste für den „Stern“ wurde und wurde nicht fertig. Entweder ich musste recherchieren oder drehen. Oder sie hatte Wichtigeres zu tun: telefonieren, mir vorsingen, Rilke und Nietzsche zitieren. Ich war einer ihrer wichtigsten Telefonpartner zum Zeitvertreib geworden. Von denen gab es etwa zehn, in Hamburg, in der Schweiz, in London und natürlich auch in Hollywood.

Mühelos in drei Sprachen

Die Telefontage verschlangen große Summen. Aber das war ihr egal. Marlene hatte keine Skrupel, wenn es ums Telefonieren oder Geschenkemachen ging. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“: Wie oft habe ich das gehört! Sie sagte es so wehmütig und voller Überzeugung, dass einem die Tränen kommen konnten. Sie zitierte ganze Passagen aus den „Duineser Elegien „ und dem „Cornet“ auswendig. „Gibt’s was Schöneres als Rilke? Nein, nein, niemals! Ach, diese schöne deutsche Sprache, so was gibt es doch nicht auf Englisch, so was Schönes. Findste nicht auch?“

Sie redete in drei Sprachen, mühelos, so lange der Alkohol ihre Sinne nicht trübte. Die Erfahrung machte auch Maximilian Schell, der einen Film mit ihr drehen wollte – der dann nur aus Tonaufnahmen bestand und ein großer Erfolg wurde. Sie war voller Widerstände und renitent und machte dem armen Regisseur das Leben zur Hölle. „Heute hab ich ihn rausjeworfen und zu seiner Mama geschickt, die ihn so schlecht erzogen hat.“

Das war ihre Obsession: Die Mütter hatten ihre Kinder nicht so gut erzogen wie einst ihre Mutter sie und ihre Schwester. Sie glaubte, von großbürgerlicher Herkunft zu sein und hatte angeblich aus dem Polizisten-Stiefvater einen preußischen Offi zier gemacht.

Am nächsten Drehtag war Schell trotz des Rausschmisses wieder zur Stelle, aber sie beschimpfte ihn wieder – zum Teil kann man das in dem wunderbaren Dokument hören, das er trotz allem zustande brachte. „Ick habe ihm jesagt, er soll abhauen, der schwule Kerl.“ – „Aber Marlene, woher wissen Sie denn, dass er schwul ist?“ – „Haben Sie nicht seinen dicken Arsch gesehen? Schwule haben doch alle dicke Ärsche!“

Nicht zu glauben, aber wahr. Ihr Leben lang war sie mit vielen schwulen Kollegen und Freunden zusammen: Cecil Beaton, Noel Coward, Jean Marais, Jean Cocteau, Hubert von Meyerinck. Und sie selbst war für ihre Androgynität berühmt, seit sie in „Morocco“ (1930) mit Zylinder und Frack in einem Nachtklub wollüstig eine Dame küsste und immer wieder darauf bestand, Hosen zu tragen, als das noch nicht üblich war, ja man in gewissen Hotels oder Restaurants Frauen in Hosen nicht bediente. Verleugnet hat sie ihre lesbischen Bindungen übrigens auch nie. Es war ihr „wurscht“, so sagte sie, was Hollywood und Berlin dazu sagten.

„Beese“ mit der Bergner

Über Kollegen, Regisseure und Hollywood-Berühmtheiten tratschte sie gerne. Die Garbo hatte sie angeblich in Hollywood nie gesehen, dafür aber Mae West oder Elisabeth Bergner, mit der sie schon in Berlin Theater gespielt hatte. Als sie erfuhr, dass ich meinen ersten Fernsehfilm mit Elisabeth Bergner gemacht hatte, war sie sehr neugierig, wie ich die denn fand. Denn sie war ihr „beese“, wie sie immer wieder über alte Freunde sagte, die sie nicht mehr sehen wollten. Die Bergner hatte es abgelehnt, sich stundenlang die mit gebrachten Chansonplatten von Marlene anzuhören, wenn sie bei ihr in London zu Besuch war. Auch wollte sie sich nicht liften lassen, was Marlene als erforderlich ansah.

„Beese“ war sie auch mit Margo Lion, mit der sie einst in Berlin die Revue „Es liegt in der Luft“ und frech-frivolberlinische Duette gesungen hatte. Ich musste Margo einen Staubsauger zurückbringen, den sie Marlene geliehen hatte. Denn die beiden wollten sich nun nicht mehr sehen, nach 50 Jahren Freundschaft.

Ihre konservative politische Einstellung hat sie nie abgelegt. Als Mitterand gewählt wurde, wollte sie lieber mit dem konservativen Pariser Bürgermeister Chirac bekannt sein, der ihr einmal, irrtümlicherweise, wie er wohl später gedacht haben muss, seine Privatnummer gegeben hatte und den sie nun immer mal wieder anrief – für ein Ja oder Nein oder um ein bisschen „politisch mit ihm zu diskutieren“.

Als Bette Davis in Paris die „Legion d’honneur“ vom Präsidenten erhielt, schrieb Marlene einen Protestbrief an den Elysée-Palast. Wofür diese Schauspielerin denn die Ehrenlegion erhalte? Sie habe diese immerhin von Präsident de Gaulle persönlich nach dem Krieg für ihren Widerstand gegen die Nazis bekommen, und immerhin habe sie Truppenbetreuung von Afrika bis Deutschland gemacht und Liederabende für die GIs gegeben, ständig in Lebensgefahr.

Sie hauchte, stöhnte und schnurrte

Allein Jean Gabin war der beste und intelligenteste Kollege, den sie in Hollywood betreut hatte, den sie zu ihren legendären Diners einlud, wenn sie die Emigranten-Kollegen aus Europa bekochte. Mit ihm hatte sie 1946 in Paris den Film „Martin Roumagnac“ gedreht, der aber ein Misserfolg wurde, woraufhin sie nach Hollywood zurückkehrte, trotz der großen Liebe Gabin. Der heiratete bald darauf ein Mannequin, „das so aussah wie ich“. Aber vergessen hat sie ihn wohl nie, denn immer, wenn sie nach Paris zurückkam, musste der „liebe Jean Marais“ abends mit ihr vor das Haus des ehemaligen Geliebten gehen, und sie schaute sehnsüchtig hinauf wie ein Teenager. Das gab sie offen zu, wenn sie am Telefon guter Dinge war. Denn manchmal war sie auch bissig und frech. Als jener Film von Gabin und ihr an einem Abend im Fernsehen lief, wollte ich ihn sehen. „Wenn Du den an schaust, bin ich Dir beese und wir machen das Interview nicht, mit dem Du reich werden kannst.“ Der Film, so meinte sie, sei nicht nur schlecht. Sie sei auch von dem Kostümbildner, dem nach dem Krieg bekannten Mode macher Jean Dessès, grauenhaft angezogen worden. „Ich will nicht, dass Du das siehst.“ Ich sah es trotzdem, Mar lene hängte ein und war mir tatsächlich tagelang „beese“.

Dann kamen wir wieder auf die Fragen zurück. Ich wollte so viel wissen: Welchen Unterschied machen Sie zwischen Ost- und Westdeutschen, den Sie ja in Ihrer Jugend nicht kannten? Sie haben, obwohl bekannte Antikommunistin, in der DDR gearbeitet. Pecunia non olet? Was halten Sie von der Bundesrepublik? Sie hatten Deutschland ja verlassen, ehe Hitler an der Macht war. Sind Sie wirklich wegen der Nazis nicht mehr zurückgekehrt? Stimmt es, dass Goebbels Ihnen ein Angebot gemacht hat, als Sie in Hollywood eine Karrierekrise hatten? Hatten Sie Heimweh?

Antworten bekam ich niemals. Noch ging unsere Telefonfreundschaft nicht zu Ende. Sie hatte sogar einen Höhepunkt. Irgendwie hatte Marlene erfahren, dass ich Geburtstag habe. Als ich anrief, fragte sie, ob es stimme. Dann legte sie los, allein für mich, in Paris in ihrer Matratzengruft, für mich, den sie nie gesehen hatte, nicht mal auf einem Foto, so wie ich sie tausende Male, für mich mit meinen Marlene-Geranien auf dem Balkon, im Viertel der Impressionisten, dem „Quartier de l’Europe“.

Sie hauchte, sie sang zärtlich, sie stöhnte und schnurrte wie eine Katze, vermischte den amüsant-frivolen Text von zwei ihrer berühmten Vorkriegs- Chansons: „Johnny, wenn Du Geburtstag hast“ und „Peter, Peter komm zu mir zurück“: „Peter, wenn Du Geburtstag hast, bin ich bei Dir zu Gast, die gaaanze Naahacht. Ach Peeter, komm doch zu mir zurück, du bist mein bestes Stück. Peter, Peter, Du warst so gemein, später, später, sieht man erst alles ein.“

Sie liebte mich in diesem Moment und ich sie. Nie hat man für mich an meinem Geburtstag gesungen, nicht einmal, als ich ein Kind war. Da gab es das Lied „Happy Birthday“ noch gar nicht, man wünschte gute Gesundheit und erfolgreiches Studieren.

Dramatisch wurde der 14. Juli, der Nationalfeiertag der Franzosen. Ich war unterwegs. Marlene wollte unbedingt wissen, ob sie meinen besten Freund Jacques D. anrufen könne, wenn was ist. Er war oft in meiner Wohnung, um die Geranien zu gießen und die Katzen zu füttern. Also am Feiertag ein Anruf der aufgelösten Marlene: „Man hat versucht, mich zu fotografieren. Man ist mit einer Feuerwehrleiter vor mein Fenster im dritten Stock gefahren und hat die Kamera auf mich gerichtet. Zum Glück hatte ich meine Wasserpistole am Bett, mit der ich die Tauben von den Geranien verscheuche, und habe auf den Foto grafen geschossen, der sofort wieder verschwunden ist voller Angst.“

Jacques sollte nun herausbekommen, wer in der Nebenstraße schon Tage vorher für das Leiterauto einen Parkplatz unmittelbar vor Marlenes Fenstern gefun den hatte. Und wer sich dann erdreistet hatte, als auf den nahen Champs-Elysées die Parade ablief und alle Straßen abgesperrt waren, selbst für Passanten, Marlene in ihrer „Gruft“ aufs Bild zu bannen.

Marlene war fest entschlossen zu klagen. Jacques Kam war bereits informiert und einverstanden, aber er wollte sich nicht um die „kriminelle Auf klärung „ kümmern, das musste sie selbst machen. Jacques D. recherchierte, fragte in einem arabischen Lokal um die Ecke, ob sie den Wagen bemerkt hätten, aber niemand wusste etwas. Er rief verschiedene Drehleiterverleihfi rmen an, die er im Branchenbuch finden konnte, kam zu keinem Resultat und rief Marlene am nächsten Tag verzagt an.

„Warum in aller Welt wollen Sie diese Feuerwehrleiterwagen finden? Das ist mir doch egal. Ich habe auf den Kerl geschossen, der konnte gar nicht fotografieren. Ich bin doch professionell!“ Jacques entschuldigte sich, war eigentlich verärgert und ignorierte den zweiten Wunsch der Dame: Sie hatte 1938 in der Nähe von Nôtre Dame für Maria, ihre Tochter, damals noch Kind, eine Marien-Medaille gekauft. Maria hatte sie verloren und hätte sie wahnsinnig gern wieder, Jacques solle mal in alle Läden der Gegend schauen.

Fotografi ert hatte der Paparazzo doch. Tage später erfuhr ich vom „Stern“, dass man ihnen das Foto einer sehr krank und blass aussehenden Marlene mit kurzgeschnittenen Haaren für 50.000 Francs ange boten hatte, dass sie es aber ab gelehnt hatten. Wir hörten später, dass die „Bunte“ es veröffentlicht haben soll. Natürlich haben wir es Marlene nie erzählt.

Noch eine Chansongeschichte: Der letzte Film der Diva war ein (sitzender) Auftritt, mit verschleiertem Gesicht und einem breitkrempigen Hut, einem schwarzen Kleid ihres Noch-Freundes Karl Lagerfeld, in David Hemmings unbedeutendem Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“, in dem Marlene das Titel-Lied auf englisch singt. „Ach, ich hätte das so gern auf Deutsch gesungen. Aber der blöde Hemmings hat mich nicht gefragt. Und ich konnte es ihm ja doch nicht anbieten. Wer bin ich denn!?“ Das war 1978. Und es war ihr letzter Film auftritt. Schade, den Gigolo gibt es auf keiner Platte auf Deutsch.

Von Burt Bacharach, der die letzten Tournee-Jahre mit ihr verbracht hatte, schwärmte sie ständig. Manchmal konnte ich es nicht mehr hören und musste Vorwände finden auf zulegen, um durch die ständig sich wieder holen den Geschichten nicht ungeduldig und ungerecht zu werden. Man vergisst bei einer Legende, dass auch sie alt wird, dass sie eben nur fiktiv eine Legende ist, in Wirklichkeit ein Mensch wie jeder andere.

Sehr menschlich ging es denn auch manchmal zu. „Wart ma’ nen Moment, icke muss schiffen gehen“, das war einer ihrer Lieblingsausdrücke, auch wenn ich bemerk te, dass sie wie ein Hamburger Hafenarbeiter redete. Besonders freute es sie, wenn ich jiddische Worte verstand oder benutzte, die ich von meinen Eltern als Kind gelernt hatte. Nebbisch, Chuzpe, Goi oder Mischpoke: Das gehörte zu ihrer Berliner Kindheit und ihrem Umfeld in Hollywood.

Nicht ertragen konnte sie es, wenn man vom „Blauen Engel“ reden wollte. Schockiert war sie, wenn man sie mit der feschen Lola identifi zierte. Entsetzt war sie, dass James Joyce sie begrüßte: „Ach, ich kenne Sie doch als ,blauen Engel’.“ Erstens hieß nur das Lokal so, und zweitens: „Ich hätte von einem so berühmten und gebildeten Menschen gehofft, dass er mir was Intelligentes zu sagen gehabt hätte!“ Verleugnet hat sie in unseren Gesprächen und generell auch ihre Schwester Elisabeth, die in Bergen- Belsen ein Kino gehabt haben soll. Ob es wegen des Ortsnamens war? Natürlich gibt es viele Fotos, selbst in ihren Memoiren, von den beiden Schwestern. Aber Marlene hatte die Schwester wie ihre frühe Filmarbeit aus dem Gedächtnis gestrichen, einfach ausradiert. „Darüber reden wir nicht“, sagte sie und hüllte sich in Schweigen.

Bei Erkältung Fürsorge

Genau so wenig durfte ich erwähnen, dass ich erkältet war oder irgendwo Schmerzen hatte. Sofort kam ein Päckchen mit allen möglichen Medikamenten, die sie sich in der Apotheke um die Ecke besorgte und an alle Menschen schickte auf der ganzen Welt, wenn sie Schnupfen hatten oder Knieschmerzen. Auch Romy Schneider und Hildegard Knef profi tierten von dieser Güte. Allerdings berichtete sie mir, dass Hildchen „beese“ ist, weil sie sich weigert, ihr ständig Drogen zu schicken. Bei Romy war das wohl anders. Marlenes bester Freund Louis Bozon schildert in seinen Memoiren, dass er ein ausgehöhltes Buch voller Drogenpillen persönlich zu Romy bringen musste. Er hatte einmal sehen wollen, welche Art Bücher denn diese in Frankreich populärste Deutsche lesen wollte. „Amphetamine waren das, sonst nix“, sagte mir Marlene.

Stimmt es, dass sie die englische Prinzessin Margarete im Buckingham-Palast anrufen wollte, um für den geliebten schwerkranken David Niven einen Orden zu ordern, den er verdiene? Marlene hatte plötzlich die Queen am anderen Ende und unterhielt sich freundschaftlich mit ihr eine Viertelstunde lang. Das erzählte sie laut lachend, und es steht in den Erinnerungen der „bösen Tochter“, wie sie sie auch nannte. Vielleicht ist diese Anekdote also wirklich wahr.

Wehe aber, man störte sie per Anruf, wenn sie Tennis schaute, in Wimbledon, in Roland Garros, in Australien oder sonstwo. Das war ihre Passion, tagelang. Und wie ein Teenager rief sie Spieler wie John Mc Enroe oder Björn Borg an und wollte mit ihnen reden, war regelrecht verknallt in die Jungs. Sie war eben prominenten- geil. Als Edith Piaf in den Vereinigten Staaten Erfolg hatte, wurde sie ihre Freundin. Als die Knef am Broadway auftrat, bemutterte sie ihre Landsmännin. Als Romy in Paris Liebeskummer hatte, war sie gegen den „schwulen „ Alain Delon.

Fritz Lang soll gesagt haben, Marlene sei nie eine gute Schauspielerin gewesen, aber sie habe ohne Unterlass eine Rolle gespielt: „Sie weiß selbst nicht mehr, wer sie ist.“ Das sollte ich nun doch auch bald zu spüren bekommen. Denn aus der unermüdlichen Telefonfreundin wurde plötzlich eine unerbittliche Geschäftsfrau. Wie hatte schon Cocteau gesagt? Ihr Name beginnt wie eine Liebkosung und endet wie ein Peitschenschlag. Marlène („Marlähn“), so weich auf französisch, und Dietrittsch, das klingt härter als im Deutschen.

Aus dem Weltstar war ein Krüppel geworden. Isoliert, einsam, hilfl os, dem Alkohol verfallen aus Verzweifl ung. Da half auch ihr Berliner Galgenhumor wenig. Marlene war nur noch ein Überrest von Marlene. Sie litt unter Altersstarrsinn, hatte keine Zähne mehr und schnitt sich die Haare mit der Nagelschere. In dem Raum, den sie jahrelang nicht verließ, so berichtete es Norma später, hing ein Geruch von Urin und Whisky.

Sie brauchte einen Zuhörer. Ich war nur eine Randfi gur, ein ephemerer Zeuge ihres Verlöschens. Sie wollte mein Verständnis, meine Unbefangenheit. Ich war kein hohler Anbeter der Diva von einst, ich wollte nicht mal ein Autogramm. Wir redeten nicht nur über früher, sondern auch über hier und heute, über Paris, meine Erlebnisse, die sie nicht mehr haben konnte. Oft schockierte sie mich mit ihren schroffen Ansichten, ihren reaktionären Urteilen. War das eine Folge der Isolierung? Der Yellow Press, die ihr Weltbild prägte? Sie hielt sich noch immer für den Mittelpunkt der Welt. Sie brauchte die Öffentlichkeit, aber da war nur noch das Telefon. „Religion ist Aspirin! Tod? Dann kommt das Nichts!“

Ich fuhr nach Hamburg zu Michael Jürgs. Er fand die Fragen interessant, wollte das Interview, möglichst schnell. Er bot eine große Summe, dazu die Welt-Nebenrechte außerhalb Europas. Marlene hätte in Amerika und Russland, in Asien, überall, wo sie populär war, wo man das Interview drucken würde, die Prozente kassieren können. Ich wiederum sollte vom „Stern“ keinen Pfennig bekommen. Marlene hätte mir Prozente zahlen sollen, zehn Prozent hielt man für angemessen.

Bei Dir piept’s wohl!

Ich flog zurück nach Paris. Ich wusste, sie wird ablehnen. Und sie sagte: „Non! Bei Dir piepst’s wohl! Journalisten zahlen mich, aber nicht umgekehrt.“ Legte auf, rief nie mehr an und gab die Fragen einem deutschen Boulevardblatt, das sie mit nichtssagenden Antworten veröffentlichte: „Was sagen Sie zu Aids?“ – „Die Pest unserer Zeit.“

Maria Riva, die Tochter, sagte 1994: „Meine Mutter dachte nie, dass sie sterben würde. Wenn die ganze Welt Ihnen ständig sagt, Sie sind eine Legende, dann glaubt man, dass man göttlich ist, dass die normalen Regeln der Welt überhaupt nichts mehr mit einem zu tun haben.“

Ich liebe Marlene noch immer, aber das Lied vom „Peter“ höre ich nie mehr. Im Goethe-Institut traf ich einen bärtigen, mittelalterlichen, dicklichen Mann, den Enkel von Marlene Dietrich. „Ach, Sie sind auch eines der Tele fon- Opfer meiner Großmutter!“ Bin ich das?

Marlene über...

MERYL STREEP:

"Eine so hässliche Person hätte früher nur Dienstmädchen

gespielt oder nicht mal Probeaufnahmen gekriegt."

CHARLIE CHAPLIN:

"Der grässlichste Kollege, ein furchtbarer Mensch. War der

nicht sogar Kommunist?!"

GARY COOPER:

"Zwar hübsch, aber sehr dumm."

JOHN WAYNE:

"In den Krallen seiner dummen katholischen Frau."

ELIZABETH TAYLOR:

"Ridiculous, aber eine gute Köchin."

Quelle: F.A.Z.
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