Immer dieser Numerus clausus

Von UWE MARX

05.10.2017 · Dürfen Bewerber vom Medizinstudium ferngehalten werden, weil sie kein 1,0-Abitur haben? Ist jahrelanges Warten auf einen Studienplatz noch zumutbar? Das Bundesverfassungsgericht verhandelt über den Numerus clausus – mal wieder.

F.A.Z.

Für einige schlechte Klausuren zu viel müssen Abiturienten mitunter jahrelang büßen. Oder für die Wahl der falschen Schule. Oder für das Leben im falschen Bundesland. Vor einigen Jahren jedenfalls lag die Wartezeit für angehende Medizinstudenten, deren Note für die sofortige Zulassung zu schlecht war, bei vier Semestern. Heute sind es fünfzehn. Viele Ärzte von morgen müssen also länger warten als studieren. Denn die Regelstudienzeit liegt bei zwölf Semestern. Das nennen manche unverhältnismäßig, andere irrsinnig. Zumal Abi nicht gleich Abi ist, denn notenrelevante Unterschiede von Bundesland zu Bundesland oder von Schule zu Schule sind unstrittig. Auch deshalb ist der Numerus clausus (NC) mal wieder im Gerede. Und mit ihm seine Instrumente zur Abwehr von Studienbewerbern, Abiturnote, Wartezeit und Testverfahren der Unis. Auch das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich mit ihm. Seit diesem Mittwoch wird dort zum NC verhandelt. Ein Urteil wird erst in einigen Wochen erwartet. Die Kernfrage: Ist er noch mit dem Recht auf freie Wahl des Berufs und der Ausbildungsstätte vereinbar, festgehalten in Artikel 12 des Grundgesetzes?


F.A.Z.

Der NC war schon öfter Thema in Karlsruhe. In den siebziger Jahren gab es zwei Urteile, die sich mit der Frage beschäftigten, was er darf und was nicht. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat 2012 entschieden, dass die aktuelle Praxis nicht mehr der Verfassung entspricht – weshalb Karlsruhe entscheiden soll. Aber seitdem hat sich wieder eine Menge getan. Zum Beispiel sind die Abiturnoten flächendeckend immer besser geworden, die Zahl der Kandidaten ist damit weiter gewachsen – vor allem in den vier bundesweit zulassungsbeschränkten Fächern, also Humanmedizin, Tiermedizin, Zahnmedizin und Pharmazie. Zwar waren 42 Prozent der Studiengänge in Deutschland im vergangenen Semester zulassungsbeschränkt. Und es gibt Universitäten, die auch für vermeintlich weiche Fächer wie Politikwissenschaft abenteuerlich gute Abiturnoten von 1,1 verlangen (FU Berlin) oder abschreckende Wartezeiten von 18 Semestern für ein Fach wie Psychologie aufrufen (Universität Frankfurt). Aber Symbol und Grundlage der Karlsruher Verhandlungen ist die Humanmedizin, wo auf rund 9000 Studienplätze an deutschen Universitäten mehr als 40 000 Bewerber kommen. Die Kapazitäten sind knapp, und deshalb studieren Tausende an ausländischen Universitäten, die zwar teurer sind, aber weniger rigide aussieben. Andere versuchen sich an deutschen Unis einzuklagen, wofür eine Reihe spezialisierter Kanzleien zur Verfügung steht. Entscheidend ist hier der Nachweis, dass eine Universität mehr Plätze hätte, als sie angibt – und wie beim Auslandsstudium die Bereitschaft, eine höhere Summe zu investieren, um an einen der begehrten Studienplätze zu kommen. Angehende Studenten, Ärzte- und Klinikvertreter, ja sogar die Anwälte selbst sagen, dass es ein Irrweg sei, Tausende Interessierte – und ausreichend Qualifizierte – außer Landes zu drängen und gleichzeitig viele ausländische Ärzte ins Land zu holen, um hier die medizinische Unterversorgung zu bekämpfen. Verbände wie die Bundesärztekammer oder der Marburger Bund fordern seit längerem eine Aufstockung der Medizinstudienplätze um mindestens 10 Prozent – und eine höhere finanzielle Ausstattung.


F.A.Z.

Erst einmal aber verhandelt das Bundesverfassungsgericht darüber, ob die aktuelle Auswahlpraxis rechtens ist. 20 Prozent der Studienplätze werden über die Abiturnote vergeben, 20 Prozent über die Wartezeit, 60 Prozent über Auswahlverfahren der Unis – bei denen die Note eine zentrale Rolle spielt. Sie dominiert das ganze Verfahren. Ob zu Unrecht, wird sich zeigen. Allerdings sind einige Jahre Frist bis zu einer Änderung wahrscheinlich: Das Thema ist zu komplex, außerdem müssen sich alle Bundesländer und der Bund abstimmen. Die Kläger – zwei Studienplatzbewerber, die wegen ihrer Noten für ein Medizinstudium abgelehnt wurden – werden so oder so wohl nichts mehr von einer Änderung haben.

Quelle: F.A.Z.