Allensbach-Analyse

Die Sehnsucht der Städter nach dem „Land“

Von Dr. Thomas Petersen
© dpa, F.A.Z.

Das Ausmaß des demographischen Wandels in Deutschland lässt sich gut am Beispiel der Erklärungsnöte illustrieren, in die er die Statistikdozenten an den Hochschulen bringt. Seit Jahrzehnten pflegen diese nämlich ihren Studenten die Geschichte mit den Störchen und den Kindern zu erzählen. Sie veranschaulichen damit die Tatsache, dass ein mathematischer Zusammenhang zwischen zwei statistischen Informationen noch lange nicht bedeuten muss, dass das eine die Ursache für das andere ist. Generationen von Studenten bekamen erzählt, dass dort, wo es besonders viele Störche gebe, auch die Geburtenzahlen besonders hoch seien.

Das bedeute – überraschenderweise – jedoch noch nicht, dass der Storch die Kinder bringe, sondern es gebe einen Faktor im Hintergrund, der sowohl die hohen Geburtenraten als auch die Zahl der Störche beeinflusse, nämlich die Ländlichkeit: Auf dem Land gebe es verständlicherweise mehr Störche als in der Stadt, und auf dem Land seien die traditionellen Familienstrukturen besser intakt als in den Städten, folglich gebe es dort – gemessen an der Gesamtzahl der Einwohner – mehr Kinder.

Diese Geschichte ist zwar einleuchtend, aber sie stimmt schon lange nicht mehr. Die meisten Störche gibt es in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, und ebendort sind die Geburtenraten am niedrigsten. Die höchsten Kinderzahlen pro Frau werden in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin sowie in einigen anderen großen Städten registriert. Hier gab es in den vergangenen Jahren sogar öfter Geburtenüberschüsse. Hinzu kommen erhebliche Wanderungsbewegungen in die Städte, die dazu geführt haben, dass Berlin in den vergangenen beiden Jahrzehnten etwa 100.000 Einwohner hinzugewonnen hat, Hamburg und München sogar jeweils rund 200.000 Einwohner, während Mecklenburg-Vorpommern, das am stärksten ländlich geprägte Bundesland, allein seit Beginn des Jahrhunderts fast 200.000 Einwohner verloren hat, mehr als zehn Prozent der ursprünglichen Bevölkerung. Eigentlich könnten die Statistikdozenten ihren Studenten erzählen, der Storch vertreibe die Kinder.

© F.A.Z., F.A.Z.

Das Beispiel zeigt, wie sehr sich bei nahezu gleichgebliebener Gesamtbevölkerungszahl die Bevölkerungsstrukturen in Deutschland verändert haben. Während in vielen großen Städten die Mieten steigen, weil das Wohnungsangebot nicht die wachsende Nachfrage nach Wohnraum befriedigen kann, macht man sich in manchen ländlichen Regionen Sorgen um den Erhalt der Infrastruktur, darum, wie die verbleibende Bevölkerung noch mit den notwendigen Dienstleistungen versorgt werden soll, wenn das letzte Lebensmittelgeschäft schließt und der ortsansässige Hausarzt keinen Nachfolger findet.

Landflucht eher in Klein- und Mittelstädten spürbar

Wie ernst sind diese Probleme aus Sicht der Bevölkerung wirklich, was unterscheidet das Leben auf dem Land von dem in der Stadt, und welches Bild haben die Stadt- und Landbewohner von der jeweils anderen Region? Dies sind die Fragen, denen in der jüngsten repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachgegangen wurde. Sie zeigt, dass die tatsächlichen Lebensbedingungen auf dem Land und in der Stadt bisher noch nicht so weit auseinanderklaffen, wie man angesichts mancher öffentlichen Diskussion zu diesem Thema vermuten könnte, dass aber die psychologische Distanz zwischen Stadt und Land erheblich ist und, wie man annehmen muss, zunimmt.

Die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen in die großen Städte gezogen sind, wird von der Bevölkerung durchaus registriert. Auf die Frage „Sehen Sie darin generell ein Problem, oder sehen Sie darin kein Problem?“ antworten 36 Prozent, sie sähen darin ein Problem, etwas mehr, 43 Prozent widersprechen. In den ländlichen Regionen fallen die Zahlen nur wenig anders aus. Hier meinen 40 Prozent, die Landflucht sei ein Problem, 41 Prozent vertreten die Gegenposition. Dabei wird die Landflucht noch eher in den Klein- und Mittelstädten spürbar als im ländlichen Milieu selbst. Dies zeigen die Antworten auf die Frage „Wie ist das bei Ihnen in der Region: Ziehen da eher neue Leute zu, oder ziehen von hier eher Leute weg, oder ändert sich da nicht viel?“ 54 Prozent der Befragten in Großstädten, 40 Prozent der Landbewohner, aber nur 34 Prozent der Bewohner kleinerer und mittlerer Städte antworten auf diese Frage, es zögen an ihrem Ort eher Menschen zu als weg, Von Abwanderung berichten sechs Prozent der Großstadtbewohner, 16 Prozent der Land- und 17 Prozent der Kleinstadtbewohner.

Bisher hat die Abwanderung aus einigen ländlichen Regionen noch nicht dazu geführt, dass die Bevölkerung erhebliche Defizite in der Infrastruktur wahrnimmt. So betrifft der in der Öffentlichkeit viel diskutierte Ärztemangel im Alltag bisher anscheinend nur wenige Bürger. Eine Frage lautete: „Wenn Sie einmal die Gesundheitsversorgung hier in der Region betrachten: Würden Sie sagen, die Gesundheitsversorgung hier in der Region ist alles in allem sehr gut, gut, nicht so gut, gar nicht gut?“ 96 Prozent der Befragten in Großstädten, aber immerhin auch 84 Prozent der Personen, die in ländlichen Regionen leben, antworteten, die Gesundheitsversorgung in ihrer Region sei gut oder sehr gut. Nur drei Prozent in den großen Städten und 15 Prozent auf dem Land bezeichneten die Lage als weniger gut oder gar nicht gut. Auch bei analog formulierten Fragen, bei denen es um die Schulen und um Einkaufsmöglichkeiten ging, antworteten klare Mehrheiten von mehr als drei Vierteln der Landbewohner, die Lage sei gut oder sehr gut. Lediglich beim Bus- und Bahnnetz fiel der Anteil der positiven Urteile mit 55 Prozent etwas weniger deutlich aus, hier klagten immerhin 40 Prozent über eine weniger gute oder gar nicht gute Anbindung.

Ländlicher Raum ist auf psychologischer Ebene attraktiver geworden

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse muss man berücksichtigen, dass besonders dünn besiedelte Regionen wie Ostvorpommern oder die Altmark nur zu einem kleinen Teil in die Umfrageergebnisse eingehen, weil dort nur wenige Menschen leben. Insofern schlagen sich etwaige Lücken in der Infrastruktur in solchen Gebieten kaum in den Umfrageresultaten nieder. Doch man erkennt immerhin, dass im ländlichen Raum insgesamt bisher nur ein kleiner Teil der Bevölkerung von solchen Problemen betroffen ist.

In einem seltsamen Kontrast zur Abwanderung der Landbevölkerung steht die Tatsache, dass gleichzeitig der ländliche Raum für viele Deutsche auf einer psychologischen Ebene attraktiver geworden ist. Im Jahr 1956 stellte das Allensbacher Institut zum ersten Mal die Frage „Wo haben die Menschen Ihrer Ansicht nach ganz allgemein mehr vom Leben: auf dem Land oder in der Stadt?“ Damals antworteten 59 Prozent, man habe in der Stadt mehr vom Leben, lediglich 19 Prozent sagten dies vom Land. Als die Frage 1977 wiederholt wurde, hatten sich die Antworten deutlich verändert. Nun sagten nur noch 39 Prozent, man habe in der Stadt mehr vom Leben, etwas mehr, 43 Prozent, entschieden sich für das Land. Heute sagt nur noch jeder Fünfte, in der Stadt lebten die Menschen besser.

© F.A.Z., F.A.Z.

Bemerkenswert ist dabei, dass auch die Bewohner der großen Städte, die, wie sich in anderen Fragen zeigt, durchaus die Vorteile des Stadtlebens mit seinen vielen Einkaufs- und Kulturangeboten zu schätzen wissen, das Glück eher auf dem Land vermuten. Auf die Frage „Wo leben Ihrer Ansicht nach die Menschen glücklicher: auf dem Land oder in der Stadt?“ entscheiden sich die Landbewohner mit 54 zu drei Prozent für das Land. Aber immerhin geben auch 23 Prozent der Befragten in großen Städten diese Antwort, während sich nur 13 Prozent für die Stadt entscheiden (die übrigen Befragten wählen die ausweichenden Antwortmöglichkeiten „Kein Unterschied“ oder „Kommt drauf an“). Man glaubt eine gewisse Romantik zu erkennen: Man nutzt die Vorzüge des Stadtlebens, aber das Landleben wird anscheinend als natürlicher, gesünder empfunden.

Man kann annehmen, dass die tatsächlichen Unterschiede zwischen Stadt- und Landleben dank der modernen Infrastruktur heute geringer sind als vor Jahrzehnten. Der Kolumnist Harald Martenstein schrieb einmal, nach seinem Eindruck bestehe der einzige Unterschied heute noch darin, dass es auf dem Land wegen der unzähligen Rasenmäher und Kreissägen lauter sei als in der Stadt. Tatsächlich unterscheiden sich die Angaben der Befragten über die Vor- und Nachteile ihres Wohnortes von Stadt zu Land weniger, als man angesichts der hartnäckigen Klischees über das Stadt- und Landleben vermuten würde.

Warum aber hat das Stadtleben trotz der tatsächlichen Anziehungskraft der Städte einen vergleichsweise schlechten Ruf? Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Frage, bei der die Befragten gebeten wurden, zu verschiedenen Begriffen anzugeben, ob sie sie eher mit dem Leben in der Stadt oder eher mit dem Leben auf dem Land verbinden. Die Ergebnisse zeigen in vielen Punkten das zu erwartende Muster: Die Begriffe „gute Luft“, „günstiger Wohnraum“ und „Nachbarschaftshilfe“ werden von großen Mehrheiten dem Landleben zugeordnet, Stichworte wie „gute Einkaufsmöglichkeiten“, „abwechslungsreich“, aber auch „Schmutz“ und „Lärm“ dem Leben in der Stadt. Etwas überraschend ist vielleicht dagegen, dass die Befragten die Assoziation „einsam“ zu 27 Prozent dem Landleben, aber zu 39 Prozent dem Leben in der Stadt zuordnen. Das Klischee von der Vereinsamung der Menschen in der anonymen Großstadt hat sich in der Umfrageforschung über Jahrzehnte hinweg nie bestätigen lassen, doch es prägt anscheinend bis heute die Vorstellungen vieler Bürger.

Das Landleben trägt im Kontrast dazu die Züge eines Idealbildes. In den Büchern der Stadtkinder sind Bauernhöfe abgebildet, die es seit Jahrzehnten allenfalls noch in Freilichtmuseen gibt, Zeitschriften wie „Landlust“ erreichen Rekordauflagen, die Partei der Grünen erzielt ihre besten Wahlergebnisse regelmäßig in den Zentren der großen Städte. Je mehr Menschen in der Stadt leben, je weniger Kontakt sie zum tatsächlichen Landleben haben, desto mehr wird das Land zu einer Projektionsfläche ihrer Phantasien.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Berlin | Deutschland | Hamburg | Mecklenburg-Vorpommern | Studenten