Allensbach-Umfrage

Der deutsche Pass ist nicht genug

Von Thomas Petersen
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Man kann die Frage, wer oder was deutsch ist, welche Personen oder kulturellen und religiösen Traditionen zu Deutschland gehören und welche nicht, wirklich nicht als besonders originell oder gar neu bezeichnen, wohl aber ihrerseits als „typisch deutsch“. Schon vor 130 Jahren schrieb Friedrich Nietzsche, es kennzeichne die Deutschen, dass bei ihnen die Frage „Was ist deutsch?“ niemals aussterbe.

Daran hat sich seitdem nichts geändert, und doch lohnt es sich in diesen Tagen, der Frage mit besonderer Aufmerksamkeit nachzugehen. Es gibt einige konkrete Anlässe dazu: die anhaltende Debatte über die Äußerung des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, der Islam gehöre mittlerweile zu Deutschland, oder aber die kürzlich vermeldete Tatsache, dass inzwischen jeder fünfte Bewohner der Bundesrepublik Deutschland einen Migrationshintergrund hat, also entweder selbst im Ausland geboren wurde oder das Kind von Einwanderern ist. Auch die Wahlerfolge der AfD bei verschiedenen Landtagswahlen, zuletzt vergangenen Sonntag in Berlin, scheinen angesichts mancher Äußerungen von Vertretern dieser Partei eine Diskussion über die deutsche Identität geradezu zu erzwingen.

Zwei Lager der Bevölkerung

Jasper von Altenbockum hat am 1. Juni in dieser Zeitung dazu geschrieben, nach seinem Eindruck drohe die Diskussion um die nationale Identität die Bevölkerung in zwei Lager zu spalten. Da gebe es einmal diejenigen, deren Vorstellungen tief im 19. Jahrhundert wurzelten und für die zur nationalen Identität eine gewisse kulturelle, religiöse und ethnische Homogenität gehöre. Auf der anderen Seite stünden die „Multikulturalisten“, für die die Zugehörigkeit zur Gesellschaft allenfalls noch an die Beherrschung der Sprache geknüpft sei, alles Weitere regele das Grundgesetz.

Stimmt das? Finden sich wirklich diese zwei Lager in der Bevölkerung, und, wenn ja, welches Lager dominiert? Welchen Blick haben die Deutschen im Spätsommer 2016 auf die eigene Identität? Dieser Frage ist das Institut für Demoskopie Allensbach in seiner aktuellen Repräsentativumfrage im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachgegangen.

Die Ergebnisse zeigen, dass deutsch sein für eine klare Mehrheit etwas ist, was deutlich über die formelle Staatsbürgerschaft hinausgeht. Auf die Frage „Gibt es so etwas wie einen deutschen Nationalcharakter, oder gibt es das eigentlich nicht?“ antworteten 57 Prozent, es gebe einen solchen Nationalcharakter, lediglich 26 Prozent meinten, so etwas gebe es nicht. Dabei ist auffällig, wie sehr sich die Antworten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen gleichen. Es gibt praktisch keine Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen und nur sehr geringe zwischen den verschiedenen Altersgruppen. Die Vorstellung, wonach der Begriff „Nationalcharakter“ für ein veraltetes Konzept stehe, das mit nachwachsenden Generationen überwunden werde, führt in die Irre. Auch die parteipolitische Orientierung spielt keine große Rolle. Selbst die Anhänger der Grünen sagen mit einer Mehrheit von 46 zu 34 Prozent, es gebe einen deutschen Nationalcharakter.

Plakative, klischeehafte Antworten

Fragt man nach, was denn diesen Nationalcharakter ausmache, erhält man auffallend plakative, klischeehafte Antworten, vor allem dann, wenn man mit einer sogenannten „offenen Frage“ die spontanen Reaktionen der Befragten ermittelt, sie also bittet, ihre Antworten selbst zu formulieren, statt ihnen vorformulierte Antwortmöglichkeiten vorzulegen. Von denen, die sagten, es gebe einen deutschen Nationalcharakter, verwiesen bei einer solchen Frage 41 Prozent auf Pünktlichkeit, 25 Prozent meinten, Deutsche zeichneten sich durch Ordnungsliebe aus, 24 Prozent nannten Fleiß, 19 Prozent Zuverlässigkeit. Für eine offene Frage sind das bemerkenswert hohe Werte.

Sogar Anhänger der Grünen meinen mehrheitlich, dass es so etwas wie einen
Nationalcharakter gibt.
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Dieses Bild ändert sich nur wenig, wenn man verschiedene Antwortvorgaben schriftlich vorlegt. Auf die Frage, welche von 27 zur Wahl gestellten Eigenschaften „typisch deutsch“ seien, meinten 88 Prozent, Deutsche seien pflichtbewusst, diszipliniert, 82 Prozent bezeichneten sie als ordnungsliebend, 81 Prozent als arbeitsam, fleißig. Dabei fällt auf, dass das Selbstbild der Deutschen im vergangenen Jahrzehnt positiver geworden ist. So hatten 74 Prozent der damals Befragten die Deutschen als pflichtbewusst beschrieben, 73 Prozent als ordnungsliebend und 67 Prozent als arbeitsam. Dagegen ging die Zuschreibung „überheblich, arrogant“ von 36 auf 18 Prozent zurück, „rechthaberisch“ von 36 auf 31 und „pessimistisch“ von 42 auf 30 Prozent. Es ist offensichtlich, dass die Deutschen selbstbewusster geworden sind und sich die nationalen Klischees dabei nicht abgenutzt haben.

Beim Thema Einwanderung hin- und hergerissen

Das ist nicht gleichzusetzen mit einer grundsätzlichen Ablehnung gegenüber Einflüssen aus anderen Kulturen, vor allem im Alltag. In einer weiteren Frage wurden den Befragten Karten überreicht, auf denen verschiedene Dinge des Alltagslebens standen, mit der Bitte, die Karten danach zu sortieren, welche dieser Dinge ihrer Ansicht nach „unbedingt“ oder „auch noch“ zu einem Leben in Deutschland gehörten und bei welchen man dies „eher nicht“ oder „gar nicht“ sagen könne. 97 Prozent sagten, dass Weihnachtsmärkte „unbedingt“ oder „auch noch“ zu einem Leben in Deutschland gehörten, 95 Prozent nannten Fußball, 94 Prozent eine große Auswahl von Brot- und Wurstsorten. Aber immerhin 79 Prozent fanden, dass auch Pizzerien zum Leben in Deutschland gehörten, 57 Prozent sagten das Gleiche über Dönerbuden. Fragt man allerdings nach Dingen von größerer kultureller Symbolkraft, fallen die Antworten deutlich anders aus: Dass Moscheen zum Leben in Deutschland dazugehörten, fanden nur 19 Prozent der Befragten.

Es ist erkennbar, dass die Bevölkerung beim Thema Einwanderung hin- und hergerissen ist. Auf der einen Seite haben die Allensbacher Umfragen immer wieder gezeigt, dass viele Deutsche großes Verständnis für die Einwanderer aufbringen. Doch gleichzeitig reicht die Furcht vor dem Verlust der kulturellen Identität weit über den Kreis der AfD-Anhänger hinaus. Das zeigen die Antworten auf die Frage „Wenn immer mehr Einwanderer nach Deutschland kommen, geht dann das, was Deutschland war, allmählich verloren, oder glauben Sie das nicht?“ 53 Prozent sagen heute, sie glaubten, das, was Deutschland ausmache, gehe langsam verloren, nur 30 Prozent widersprechen.

Durchsetzung einer neuen Leitkultur

Konsequenterweise fordern auch rund drei Viertel der Deutschen die Durchsetzung einer deutschen Leitkultur: 76 Prozent stimmen der Aussage zu: „Ausländer, die in Deutschland leben, sollten sich an der deutschen Kultur orientieren. Natürlich können sie ihre eigenen Bräuche, Sprache oder Religion pflegen, aber im Konfliktfall sollte die deutsche Kultur Vorrang haben.“ Im Jahr 2000 vertraten nur 61 Prozent diese Position.

Stichwort Leitkultur: Sollten sich Ausländer, die hier leben, primär an der deutschen Kultur orientieren?
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Konfrontiert man die Befragten direkt mit der Frage, welche Bevölkerungsgruppen als Deutsche bezeichnet werden können und welche nicht, zeigt sich deutlich die Verunsicherung, und es zeigt sich, wie wenig sich die Vorstellungen der Menschen in den vergangenen beiden Jahrzehnten verändert haben. 1993 wurde zum ersten Mal die Frage gestellt: „Ein Italiener, der in der Bundesrepublik geboren und hier aufgewachsen ist, ist der für Sie eher ein Deutscher oder eher ein Italiener?“ 49 Prozent antworteten damals, der Betreffende sei für sie eher ein Deutscher, 31 Prozent meinten, er sei eher ein Italiener. Heute sagen 42 Prozent, er sei eher ein Deutscher, 30 Prozent sehen ihn als Italiener an.

Kulturtradition und Herkunft

In einer anderen Variante der Frage war statt von einem Italiener von einem Türken die Rede. Auch hier ist seit 1993 nur wenig Veränderung zu verzeichnen: 1993 wie 2016 sagten jeweils 36 Prozent der Befragten, ein in Deutschland geborener Türke sei für sie eher ein Deutscher. Der Anteil derjenigen, die ihn eindeutig als Türken einstufen, ist in der gleichen Zeit von 41 auf 31 Prozent zurückgegangen. Ein bemerkenswert hoher Anteil von 33 Prozent bleibt heute unentschieden.

Und so fällt auch die von Jasper von Altenbockum beschriebene Grundsatzfrage, ob deutsch sein heute vor allem eine Frage des Passes und der Haltung ist oder doch etwas mit Kulturtradition und Herkunft zu tun hat, recht deutlich zugunsten der zweiten Meinung aus. Bei einer Frage legten die Interviewer ein Bildblatt vor, das zwei Personen im Gespräch zeigte, jede mit einem Statement in einer Sprechblase versehen. Die erste Person sagte: „Ich finde, deutsch sein hat nicht unbedingt etwas mit Herkunft und Tradition zu tun. Für mich sind alle diejenigen Deutsche, die den deutschen Pass besitzen, das Grundgesetz und unsere freiheitliche demokratische Grundordnung akzeptieren und danach leben.“ Die Gegenmeinung lautete: „Für mich reicht das allein zum Deutsch sein nicht aus. Deutsch sein ist mehr und hat auch mit Herkunft und Tradition zu tun. Menschen ausländischer Herkunft, die den deutschen Pass besitzen und schon länger hier leben, sind für mich daher noch lange keine ‚richtigen‘ Deutschen.“ 39 Prozent der Befragten entschieden sich für das erste Argument, 49 Prozent für das zweite, und angesichts der beschriebenen Ergebnisse zur Einordnung von in Deutschland geborenen Italienern oder Türken ist auch nicht zu erwarten, dass sich an diesem Meinungsbild kurzfristig etwas ändert.

Wie steht es um die Stärke der Parteien?
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Man kann, je nachdem, welchen Standpunkt man in dieser Frage selbst einnimmt, solche Ergebnisse vielleicht beklagen, doch es ist wichtig, sie zur Kenntnis zu nehmen und zu respektieren. Politik muss sich an der Wirklichkeit orientieren. Zur Wirklichkeit in Deutschland gehört, dass mindestens eine relative Mehrheit der Bevölkerung ihre eigene Nationalität auch über eine in Jahrhunderten gewachsene Kulturtradition und eine gemeinsame Herkunft definiert. Das hat mit Chauvinismus oder Fremdenfeindlichkeit nichts zu tun, sondern es ist Ausdruck eines meist nicht tiefer reflektierten, aber dafür umso tiefer im Unterbewusstsein verankerten Identitätsgefühls. Wer solche Vorstellungen pauschal als „völkisch“ diffamiert, verwässert damit nicht nur diesen Begriff, sondern er wird den Zuspruch der Menschen verlieren und sie nationalistischen Bewegungen in die Arme treiben.

Dr. Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach

Quelle: F.A.Z.
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