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Attentäter Anders Breivik

„Kreuzzug gegen den Kulturmarxismus“

Von Sebastian Balzter und Christoph Ehrhardt
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Als „christlich-fundamentalistisch“ hat die norwegische Polizei Anders Breivik in einer ersten Stellungnahme beschrieben. Doch das Weltbild des 32 Jahre alten Norwegers, der sich sowohl der Urheberschaft für das Bombenattentat in der Innenstadt von Oslo als auch für das Massaker auf der Insel Utøya bezichtigt hat, lässt sich mit diesen beiden Attributen allein nicht erklären. Auch seine vorübergehende Mitgliedschaft in der rechtspopulistischen Fortschrittspartei, einer in Norwegen seit den neunziger Jahren etablierten politischen Kraft, ist nur ein schwacher Hinweis auf seine spätere Radikalisierung.

Was der unverheiratete, zuletzt alleine auf einem Bauernhof lebende Mann selbst vor den am Freitagnachmittag verübten Taten, die mindestens 93 Menschen das Leben gekostet haben, über sich veröffentlicht hat, spricht für eine Mixtur aus antimarxistischen und islamfeindlichen Vorstellungen, die sich mit Aggressionen gegen seine eigene Familie verbanden.

Auf seinem Nutzerprofil im sozialen Netzwerk Facebook, das Anders Breivik nach Berichten norwegischer Medien erst am 17. Juli angelegt hat, bezeichnet er sich als Freimaurer, passionierten Jäger und Video-Spieler. Als seine Lieblingslektüre nennt er darin Bücher von Franz Kafka, Richard Rorty und John Stuart Mill. Aufschlussreicher ist ein mutmaßlich von ihm unter Pseudonym verfasstes Pamphlet mit mehr als 1500 Seiten, das Breivik kurz vor seinen Taten per E-Mail an eine Reihe von Adressaten aus dem rechten politischen Spektrum in Skandinavien verschickt hat.

Pamphlet gegen „Kulturmarxismus“

Die in englischer Sprache abgefasste Schrift mit dem Titel „2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“ unterstellt, dass die westliche Welt nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst unter die Vorherrschaft des „Kulturmarxismus“ geraten sei. Mit diesem im rechtsextremen Milieu häufig gebrauchten Sammelbegriff belegt der Verfasser sein ideologisches Feindbild einer multikulturellen Gesellschaft. Im zweiten Kapitel wendet sich der Text gegen die „Islamische Kolonisierung“ Europas.

Im dritten und vierten Kapitel ist von „Hoffnung“ und „Neuanfang“ die Rede, die Anders Breivik offenbar mit der Ausführung seiner Bluttat verband. Sowohl das auf der Titelseite abgebildete rote Kreuz der Tempelritter als auch einige Formulierungen im Text charakterisieren sie als Teil eines Kreuzzugs.

Tagebuch über die Vorbereitungen des Attentats

Neben den gesellschaftskritischen, fremdenfeindlichen und antiislamischen Ausführungen enthält die Schrift auch eine in Tagebuchform geführte Passage über die Vorbereitung des Attentats, in der etwa über die Vor- und Nachteile eines Einzeltäters und über die Wirkung einer Verkleidung als Polizist spekuliert wird. Mit der Idee zu einem Anschlag hat sich Breivik demnach schon seit neun Jahren beschäftigt. In den vergangenen Monaten dominierte sie sein Leben offenbar komplett, während er sich mehr und mehr isolierte. Seinen Stiefvater beschimpft er in dem Pamphlet heftig. Seiner Mutter, mit der er sich bis zu seinem Umzug auf den Bauernhof eine Wohnung in Oslo teilte, wirft er vor, ihn mehrmals mit einem Grippevirus angesteckt und damit seine Vorbereitungen auf das Attentat empfindlich gestört zu haben. Außerdem gibt die Schrift Hinweise auf angebliche Finanzierungsquellen und Helfer in anderen europäischen Ländern, in Australien und Amerika.

In einem Video, das nach Berichten der norwegischen Zeitung „Dagbladet“ am Freitag im Internet veröffentlicht und am Samstag von den Betreibern der Internetseite Youtube gelöscht wurde, soll Anders Breivik mit einem Sturmgewehr posiert und den Kampf gegen den Kulturmarxismus als seine Pflicht beschrieben haben. Der Täter, der in der Nacht zum Sonntag zum ersten Mal verhört wurde und dabei seine Tat als „grausam, aber notwendig“ bezeichnet hatte, will nach Auskunft seines Rechtsanwalts an diesem Montag vor dem Amtsgericht in Oslo näher zu seinen Motiven und zum Tathergang Stellung nehmen.

„Antiislamischer Terrorakt“

Daniel Poohl, Chefredakteur der schwedischen Zeitschrift „Expo“, die seit ihrer Gründung im Jahr 1995 über Entwicklungen in der rechtsextremen Szene, Islamfeindlichkeit und rechtspopulistische Parteien berichtet, spricht im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von einem „antiislamischen Terrorakt“. Die Zeitschrift, zu deren Gründern Stieg Larsson gehört, der nach seinem Tod 2004 als Krimiautor weltberühmt wurde, hat ein großes Archiv über den Rechtsextremismus aufgebaut.

Einen Täter wie Breivik habe es bisher noch nicht gegeben. Es sei die Tat eines Wahnsinnigen der sich im „Krieg gegen den Islam“ befinde - aber es sei vor allem ein furchteinflößender Auswuchs der „antimuslimischen Szene“, der Poohl Breivik zurechnet. Dazu zählten auch die Fortschrittspartei in Norwegen, die Dänische Volkspartei oder die Schwedendemokraten. Es sei sehr beunruhigend zu sehen, dass in diesen Milieus ein solches Radikalisierungs- und Gewaltpotential zu finden sei, äußert Poohl.„In den Debatten, die in der politischen Umgebung Breiviks geführt werden, heißt es immer wieder, man müsse etwas unternehmen, bald sei es zu spät. Auf eine Art ist er das Produkt solcher Ideen“, sagt Poohl.

Bisher habe niemand aus dieser Szene zur Waffe gegriffen. Der Mord an den jungen Sozialdemokraten sei der Mord an Menschen gewesen, die als Symbol für jene Kräfte der Gesellschaft stünden, die eine Islamisierung Norwegens akzeptierten. Breivik habe die kommenden Repräsentanten des Systems treffen wollen. „Es ist wie bei den Bombenanschlägen von Oklahoma 1995. Timoty McVeigh war ein Neonazi, er wollte aber nicht Juden töten, er wollte den amerikanischen Staat treffen - als ein Symbol“, sagt Poohl. Letztlich sei das Handeln Breiviks mit dem Tun von Salafisten vergleichbar, die zum Mord an denjenigen Muslimen aufriefen, die nach ihrer Lesart den wahren Glauben verraten.

In der rechtsextremen Szene beobachten der „Expo-Chefredakteur“ unterschiedliche Reaktionen auf Breiviks Attentate. „Manche bezeichnen sie als zionistischen Anschlag eines proisraelischen Täters, einzelne sagen in Foren, das war eine gute Sache. Aber die überwiegende Haltung war die Ablehnung eines Terroraktes wie diesen.“

Quelle: F.A.Z
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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