Ägypten

Wahlen in unsicheren Zeiten

Von Christoph Ehrhardt
 - 17:00
© Reuters, F.A.Z.
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Davon, dass er mit seinen Überzeugungen für einen ägyptischen Mainstream stehe, hatte Abd al Monem Abul Futuh schon gesprochen, als auf dem Tahrir-Platz noch gegen das Mubarak-Regime protestiert wurde. Damals hatte er zähneknirschend die Führungsrolle in der Opposition dem Friedensnobelpreisträger Mohamed El Baradei überlassen. Inzwischen ist Abul Futuh aussichtsreicher Kandidat einer Präsidentenwahl, die an diesem Mittwoch beginnt und als wichtige Wegmarke der Arabellion betrachtet wird. Er selbst beschreibt sich als die „Personalisierung eines nationalen Projekts“. Abul Futuh gibt sich als Verfechter eines starken, unabhängigen, demokratischen, islamischen Ägyptens. Und als Versöhner.

Nach den Meinungsumfragen stehen Futuhs Chancen gar nicht schlecht. Der 1951 in Kairo geborene Arzt belegt stets einen der vorderen Plätze. Er findet Zuspruch in konservativen und islamistischen Wählerschichten. Er ist unabhängig und volksnah genug, um auf Sympathien in der Jugendliga der Muslimbruderschaft zu stoßen, in der es Unmut über die strenge Hierarchie und die alten Herren an der Spitze gibt. Und er ist liberal genug, um einzelne Künstler oder prominente Aktivisten wie Wael Ghoneim für sich einzunehmen. Ghoneim, eine Galionsfigur der liberalen Demokratiebewegung und einer wichtigsten Organisatoren der Proteste, die zum Sturz Mubaraks geführt hatten, sagte unlängst, Abul Futuh wäre „ein Präsident für alle Ägypter“.

Nicht alle glauben den liberalen Versprechen Abul Futuhs, der unlängst sagte, er könne sich auch eine Frau oder einen Christen als Vizepräsidenten vorstellen. Die radikalen Salafisten haben indes angekündigt, ihn aus pragmatischen Erwägungen zu unterstützen. Sie seien davon überzeugt, dass unter den islamistischen Kandidaten Abul Futuh die besten Siegchancen gegen den säkularen Kandidaten, den früheren ägyptischen Außenminister und Generalsekretär der arabischen Liga Amr Musa, habe, sagte ihr Sprecher.

Musa dürfte es wohl zumindest in eine Stichwahl schaffen. Zuletzt führte er in den Umfragen, er ist viel durchs Land gereist, um für sich zu werben. Der 1936 geborene Karrierediplomat kann auf langjährige Erfahrung in der Politik und gute Beziehungen zu den anderen arabischen Führern verweisen. So stellt er sich denn auch als Politikveteran dar, der das Land sicher durch die unruhigen Zeiten führen könne. Dass er als einer gilt, der Mubarak bisweilen widersprach und der als beim Volk beliebter Außenminister vom damaligen Machthaber an die Spitze der Arabischen Liga weggelobt wurde, dürfte ihm helfen.

Musa stellt sich als Mann dar, der außerhalb der Macht stand. Die Proteste der Demokratiebewegung auf dem Tahrir-Platz hatte er unterstützt, wenn auch in gemäßigtem Ton. Seine liberalen Positionen in gesellschaftlichen Fragen könnten ihn auch für säkulare oder christliche Wähler attraktiv machen - als Bastion wider die Dominanz der Islamisten. Mit ihm könnte auch das Militär gut leben. Er wäre sogar für Leute wählbar, die dem alten Regime nachtrauern, doch diese Nähe macht Musa auch angreifbar.

Darum muss sich der Muslimbrüder-Kandidat Muhammad Mursi keine Gedanken machen. Er war für die Bruderschaft in den Mubarak-Jahren in der Opposition aktiv, saß monatelang im Gefängnis. Am Morgen des 28. Januar 2011, des Tages des Zorns, wurde auch er von den Verhaftungswellen gegen die Opposition getroffen. Der 1951 im Nildelta geborene Ingenieur weiß, wie man Wahlsiege organisiert. Er führte die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit bei der Parlamentswahl zu ihrem Triumph. Unlängst ließ er sich sogar dazu hinreißen, hinauszuposaunen, er werde keine Stichwahl brauchen, sondern im ersten Wahlgang siegen. Mursi kann auf die Mobilisierungskraft der Muslimbruderschaft zählen. Aber mit seinen konservativen Vorstellungen ist er für das liberale Lager nicht wählbar.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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