Terror in Tunesien

IS bezichtigt sich des Anschlags in Tunis

Von Susanne Kusicke
 - 16:50
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Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hat sich des Anschlags in Tunis bezichtigt. Die Extremisten veröffentlichten am Donnerstag im Internet eine entsprechende Audio- und Textbotschaft. Die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) hat sich zu dem Anschlag auf ausländische Touristen in Tunesien bekannt. In einer am Donnerstag im Internet verbreiteten Die Angreifer wurden darin als „Ritter des Islamischen Staates“ bezeichnet.

Unterdessen wurde in Tunesien die Armee zur Sicherung der großen Städte mobilisiert. Das teilte die Regierung nach einer Krisensitzung am Donnerstagnachmittag in Tunis mit. Soldaten sollten vor allem die Patrouillen an den Zufahrten in die Städte verstärken.

Die beiden erschossenen Attentäter vom Mittwoch in Tunis wurden nach tunesischen Regierungsangaben mittlerweile identifiziert: Es handelt sich um zwei junge Männer namens Yassine Abidi und Hatem Khachnaoui. Das bestätigte der tunesische Ministerpräsident Essid am Donnerstag dem Sender RTL. Einer der beiden sei vor der Tat polizeibekannt gewesen und geheimdienstlich beobachtet worden. Nähere Angaben über die Gründe der Überwachung des jungen Mannes machte er nicht. Bisher hätten sich keine Hinweise darüber ergeben, ob die Attentäter einer Terrorgruppe angehört hätten.

Neun Verdächtige wurden wegen möglicher Komplizenschaft festgenommen. Vier von ihnen stünden nach Erkenntnissen der Polizei „in direkter Verbindung“ mit dem Attentat vom Vortag, fünf weitere würden verdächtigt, mit der verantwortlichen „Zelle“ Kontakt gehalten zu haben.

„Es war ein schrecklicher Tag für Tunesien“, sagte Essid. Für diesen Donnerstagnachmittag rief ein Bündnis von Gewerkschaften und anderen Organisationen zu einer Trauerkundgebung in der Nähe des Museums auf. Damit solle ein „Zeichen der nationalen Einheit im Kampf gegen den Terrorismus gesetzt werden“, erklärten die Veranstalter. Hunderte aufgebrachte Menschen hatten schon kurz nach dem Anschlag im Zentrum der Hauptstadt demonstriert. Das Museum soll nach Angaben des Kulturministeriums Anfang der Woche wieder für Besucher geöffnet werden.

Offenbar keine Deutschen unter den Opfern

Unter den Opfern des Anschlags in Tunis waren nach Angaben des Auswärtigen Amtes keine Deutschen. „Wir gehen davon aus, dass unter den Toten und den Verletzten keine deutschen Staatsangehörigen sind“, sagte ein Sprecher am Donnerstag in Berlin. Am Morgen war ein weiteres Opfer des Anschlags seinen Verletzungen erlegen. Die Zahl der Todesopfer erhöhte sich damit auf 25, nach anderen Angaben auf 21, darunter 20 Touristen. Der französische Staatspräsident Hollande sagte bei seiner Ankunft in Brüssel nach einem Bericht der Zeitung „Le Figaro“, möglicherweise sei ein dritter Franzose unter den Todesopfern.

Zwei spanische Touristen, die den Anschlag in einem Versteck überlebt und dort stundenlang ausgeharrt hatten, wurden erst am Morgen in dem Museum entdeckt. Sie sagten, ein Mitarbeiter des Museums habe sie dort versteckt. Das berichtete ein tunesischer Zivilschutzhelfer. Die drei seien für eine Routineuntersuchung ins Krankenhaus gebracht worden.

Die Kreuzfahrtgruppe MSC, mit der einige der getöteten Touristen unterwegs gewesen waren, teilte am Donnerstag mit, sie habe die Hafenstopps aller ihrer Schiffe in Tunis bis auf weiteres gestrichen. Die Route sei nun über Malta gelegt worden. Die MSC Splendida sei inzwischen aus Tunis ausgelaufen und fahre zu ihrer nächsten Station, Barcelona. Einige Mitarbeiter seien aber in Tunis geblieben. An Bord sei ein Psychologenteam genommen worden, das sich um die verbliebenen Passagiere kümmere. Neun Todesopfer und zwölf Verletzte des Anschlags waren Passagiere des Kreuzfahrtschiffs gewesen. Auch das italienische Kreuzfahrtunternehmen Costa Crociere teilte mit, dass es legt mit seinen Schiffen vorerst nicht mehr in Tunis anlegen werde. Costa ziehe damit die Konsequenzen aus dem Anschlag, hieß es weiter. Demnach wurden zunächst drei geplante Landausflüge abgesagt.

Tunesischer Rapper schließt sich IS an

Die Dschihadisten-Beobachterplattform Site meldete unterdessen, kurz vor dem Terroranschlag habe sich ein bekannter Rapper des Landes der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen. Maurouane Douiri, bekannt unter dem Pseudonym „Emino“, habe mit im Internet veröffentlichten Bildern dem IS die Treue geschworen, meldete Site am späten Mittwochabend. Mehrere Bilder sollen Douiri mittlerweile in Syrien zeigen; sein offizieller Fankanal auf Facebook wurde gesperrt. In Tunesien war der 25 Jahre alte Rapper durch freizügige Videos bekannt geworden.

Der Fall erinnert an den Berliner Rapper Denis Cuspert alias „Deso Dogg“, der mittlerweile zu den Führungsfiguren des IS gehören soll. Mit bis zu 3000 Kämpfern stellen die Tunesier nach Schätzungen die größte Gruppe unter den ausländischen Kämpfern in den Konflikten in Syrien und im Irak. Ob der IS hinter dem Anschlag in Tunis steckt, blieb weiter unklar. Bisher hat sich noch keine Terrorgruppe zu der Tat bekannt.

In Tunesien waren erst Anfang vergangener Woche vier Rekrutierungszellen ausgehoben worden, die Dschihadisten nach Libyen schickten. Ministerpräsident Essid sagte, seit seinem Amtsantritt im Februar seien rund 400 Islamisten festgenommen worden. Tunesien sei eine Art „Lieferant“ von Dschihadisten auch in den Irak und nach Syrien, mit mittlerweile mehr als 3000 tunesischen Dschihadisten in den Nachbarländern.

Anschlag auf Nationalmuseum
Trauer um die Opfer von Tunis
© AP, reuters

Der französische Ministerpräsident Manuel Valls sprach Tunesien seine Unterstützung aus. Valls sagte: „Dieser neue Akt der Barbarei ist ein Alarmsignal, das zeigt, dass sich die Welt verändert hat, dass nichts mehr ist, wie es war. Wir fühlen uns alle als Tunesier.“ Der frühere französische Verteidigungsminister Hervé Morin forderte einen „Marshallplan“ für Tunesien, wie ihn die Amerikaner 1945 für Westdeutschland fassten. Tunesien sei eine noch immer eine „Hoffnung für den ganzen Mittelmeerraum“, sagte Morin weiter.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker rief am Donnerstag die Mitgliedstaaten auf, über zusätzliche Mittel für Tunesien nachzudenken, um die Sicherheit in dem Land zu erhöhen. Er werde das Thema auf dem Gipfel an diesem Donnerstag und Freitag in Brüssel vortagen, sagte Juncker dem Sender Europe 1. Er selbst fühle sich am Tag nach der Attacke „sehr tunesisch“, sagte Juncker weiter. Die EU werde sich an einem Protestmarsch gegen den Terror in Tunis mit demselben Elan beteiligen wie nach den Attentaten im Januar in Paris.

Auch Papst Franziskus verurteilte den Terroranschlag und teilte mit, er bete für die Opfer und alle Betroffenen. Der Papst verurteile entschieden „alle Akte gegen den Frieden und gegen die Heiligkeit des menschlichen Lebens“, hieß es in einem von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin unterzeichneten Telegramm an Erzbischof Ilario Antoniazzi von Tunis vom Donnerstag.

In einer früheren Fassung dieses Artikels war vom tunesischen Ministerpräsidenten Essebsi die Rede. Beji Caid Essebsi ist jedoch der Staatspräsident des Landes; Ministerpräsident ist seit Anfang Februar Habib Essid.

Quelle: FAZ.NET
Susanne Kusicke  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Susanne Kusicke
Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.
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