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Ausbildung durch Bundeswehr

Die Art der Peschmerga zu kämpfen

Von Christoph Ehrhardt, Arbil
 - 16:09

Feldwebel Hemen ist zum Dienst erschienen, obwohl seine hochschwangere Frau im Krankenhaus ist. „Das bin ich meinen Soldaten schuldig“, sagt er. Er ist der stellvertretende Zugführer, seine Männer sitzen aufgereiht im Gras und beobachten, wie sich die Kameraden auf einem Hindernisparkour schlagen.

Sie sind kurdische Peschmerga-Kämpfer aus Kirkuk, Halbtagssoldaten, die im Brotberuf Bauarbeiter, Anstreicher oder Bäcker sind – und mancher ist nicht mehr besonders jugendlich. Doch im Krieg gegen die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) kann es für sie jederzeit wieder an die Front gehen. Daher sei es wichtig, dass die Ausbildung durch die ausländischen Soldaten ernst nehmen, sagt Feldwebel Hemen, der deutlich drahtiger aussieht als seine Soldaten.

Noch dankbarer sind die Peschmerga für die deutschen Milan-Raketen, denn die Panzerabwehrwaffe hat sich als wirksame Waffe gegen die stahlbewehrten von Selbstmordattentätern gesteuerten Sprengstoffautos des IS erwiesen. „Sie haben diese Bedrohung um siebzig Prozent verringert“, sagt Sirwan Barzani, der Kommandeur von Sektor sechs, der derzeit wohl am stärksten umkämpften Front, weil von hier die irakische Armee den Vormarsch in Richtung der IS-Bastion Mossul führen will.

Auf dem Ausbildungsgelände steht so ein Gefährt, wie es die Dschihadisten in großer Zahl produzieren. Es sieht aus, als wäre es einem „Mad Max“-Film entsprungen. Dem Pritschenwagen wurde eine massive Stahlschnauze angesetzt, die Windschutzscheibe ist ebenfalls von einer dicken Stahlplatte bedeckt, nur ein kleines Sichtfenster für den Fahrer ist freigelassen worden. Die Reifen sind mit Panzerplatten vor Beschuss geschützt.

Auch der Peschmerga-Zug von Feldwebel Hemen hat in den Gefechten schon Männer verloren. „Es waren harte, verlustreiche Kämpfe“, sagt er. Und seine Soldaten nehmen die Bedrohung so ernst, dass sie die Fahrt zur Ausbildung nach Arbil angetreten haben.

An diesem Tag ist das Training allerdings etwas mühsamer. Die Übersetzer streiken, sie haben wieder kein Geld bekommen. Der sinkende Ölpreis, die Bedrohung durch die Dschihadisten – das alles hat den Finanzen der Autonomieregierung von Irakisch-Kurdistan zugesetzt. Immer wieder kann sie Sold und Gehälter nicht zahlen, muss meist einen Teil einbehalten. Die Rohbauten, in denen Häuserkampf trainiert wird, sind ebenfalls ein Ergebnis der Wirtschaftskrise. Eigentlich sollte auf dem Gelände im Nordosten eine Satellitenstadt entstehen, aber der Investor bekam angesichts der Bedrohung durch den IS kalte Füße.

Feldwebel Hemen hilft dabei, trotz Übersetzerstreik die Ausbildung fortzusetzen. Er spricht Englisch, und so wird improvisiert - sei es bei Trockenübungen für den Häuserkampf, der Ausbildung am Maschinengewehr oder dem Training zum Entschärfen von Sprengsätzen. Die deutschen Soldaten führen vor, die kurdischen Teilzeitkämpfer machen es nach.

Es sieht natürlich deutlich unbeholfener aus, wenn sie einen Raum sichern oder mit dem Maschinengewehr hantieren. Doch trotz aller Widrigkeiten zeigen sich die Bundeswehrsoldaten zufrieden mit den kurdischen Schülern. Sie loben vor allem die Einsatzbereitschaft. „Im Vergleich zu den vergangenen Lehrgängen ist das ein Quantensprung“, sagt ein Bundeswehroffizier, der Feldwebel Hemens Zug unterweist. Zunächst rückten die kurdischen Kämpfer mit selbst gekauften Waffen und Uniformen an. Inzwischen haben die Peschmerga einheitliche Ausrüstung von den Amerikanern erhalten: Helme, Sturmgewehre, Munitionstaschen, Verbandszeug.

„Die Peschmerga wissen, dass das, was sie hier lernen, im Einsatz Leben retten kann“, sagt ein Sanitätsausbilder der Bundeswehr. Es komme schon vor, dass einer mal kichert, wenn ihm gezeigt werde, wo der Druckpunkt zu finden sei, um ein verwundetes Bein abzubinden. „Zuvor wurden die Verwundeten mitunter ohne abzubinden auf einen Pritschenwagen verfrachtet und sind auf dem Weg ins Krankenhaus verblutet“, sagt der deutsche Ausbilder. Aber viele seien nach den Erfahrungen auf dem Schlachtfeld neugierig und motiviert. Und es sei bisweilen schwierig, die kurdischen Partner davon zu überzeugen, dass die Aufgabenverteilungen auch im Gefecht aufrechterhalten müssten. „Das alles bringt nichts, wenn dem Sanitäter im Gefecht auf einmal eine Waffen in die Hand gedrückt wird und er mitkämpfen soll“, sagt der Sanitätsoffizier.

Dafür, Automatismen einzustudieren, ist in den wenigen Lehrgangswochen keine Zeit. So dürfte einiges an Gelerntem ebenso verschwinden, wie die eine oder andere Waffe aus den deutschen Lieferungen. Doch es sei schon viel gewonnen, wenn sich die Peschmerga an einen Teil erinnerten, heißt es von den deutschen Soldaten, die den Kurden nicht die eigene Weise, Krieg zu führen, anerziehen wollen. Man wolle sie im Rahmen ihrer Art zu kämpfen trainieren, sagt ein Feldwebel. „Wir müssen vieles einfach in Peschmerga übersetzen.“

Quelle: FAZ.NET
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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