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Burma

Die ungeliebten Chinesen von nebenan

Von Jochen Buchsteiner, MAUNGWATAW
 - 17:10

Wir können die Chinesen nicht leiden“, sagt Nyo Gyi und dreht sich zu seinen Freunden um. Sie nicken ihrem Dorfvorsteher zu. Nein, in Maungwataw mag man keine Chinesen. Nicht dass jemals ein Chinese seinen Fuß hierhin gesetzt hätte. Das zentralburmesische Dorf mit seinen hundert Familien kann nur über eine holprige Sandpiste erreicht werden, die sich von der Kreisstadt Nyaung U zwei Autostunden lang durch die karstige Landschaft windet. Es gibt hier keine Zeitungen, es gibt nicht einmal Strom, der Fernsehen in die Bambushütten bringen könnte. Aber die Geschichten von den wohlhabenden, rüpelhaften Chinesen, die in immer größeren Scharen nach Burma einfallen, haben sich bis Maungwataw herumgesprochen.

„Schauen Sie nach Mandalay, da gehören den Chinesen jetzt alle Geschäfte“, weiß Kyi Aye, der örtliche Schulleiter. „Sie werden immer reicher, und wir müssen für unser Trinkwasser drei Kilometer weit laufen.“ Ein Gutteil des dörflichen Unmuts gilt der Regierung in Naypidaw, aber gleich dahinter, auf der Rangliste der Abneigung, rangieren „die Chinesen“. Seit einigen Wochen erhält das Ressentiment neue Nahrung. Die Chinesen, heißt es, stünden dicht vor Maungwataw.

„Der Rest verschwindet in den Taschen unserer Regierung“

Sie arbeiten in einer Schneise, die, ein paar Kilometer entfernt, in den lichten Palmenhain geschlagen wurde. Dort laden sie seit Anfang des Jahres stählerne Röhren ab und verlegen sie in Nordostrichtung. Auf den weißen Stempeln ist zu lesen, dass das Material aus China stammt. Vor der einsamen Baustelle parkt ein Bus mit Aufpassern. Sie schlafen in der Mittagshitze. Hundert Meter von hier sieht man die bunten Zelte, unter denen Arbeiter die massiven Stahlrohre zu zwei parallel verlaufenden Pipelines zusammenschweißen. Ein Vorarbeiter in rotem Anzug eilt herbei und macht deutlich, dass hier Besuch nicht erwünscht ist. Er spricht Chinesisch.

Niemand weiß, wie viele Arbeiter aus dem großen Nachbarland eingereist sind, um das gewaltige, strategisch sensible Projekt abzuwickeln. Bis hinauf nach Mandalay sind die Hotels belegt mit chinesischen Ingenieuren. Über eine Strecke von 793 Kilometern werden die beiden Pipelines verlegt, bis sie in der chinesischen Provinz Yunnan enden. Durch sie soll von 2013 an Öl aus dem Arabischen Golf und Gas aus den burmesischen „Shwe Fields“ gepumpt werden. Die erste Hälfte der Verbindung ist betriebsbereit. Obwohl auch Inder und Koreaner an dem Gas-Projekt beteiligt sind und Burma fast die Hälfte der Öl-Pipeline hält, ist man in Maungwataw sicher, dass hauptsächlich China profitieren wird. „Der Rest verschwindet dann in den Taschen unserer Regierung“, heißt es.

Staatsvertragsarbeiter, Geschäftsreisende, vor allem aber illegale Einwanderer - immer mehr Chinesen bevölkern Burma. Die Spannungen werden zwar seit einigen Monaten von der Öffnung des politischen Systems überstrahlt, aber im Schatten des Umbruchs gärt es. Diplomaten sehen im Verhältnis der Einheimischen zu den Chinesen „eine der großen politischen Unbekannten“ - neben dem schwer einschätzbaren Verlauf der Reformen und den komplizierten Friedensverhandlungen mit den angestammten ethnischen Minderheiten.

„Wenn die Chinesen so weitermachen und weiterhin so rüde sind, wird das irgendwann in Gewalt umschlagen“, sagt Kyaw Min. Der Englischlehrer geht die achtzigste Straße hinunter, die durch Mandalays „Chinatown“ führt. Die Geschäfte werben zweisprachig, wobei die chinesischen Schriftzeichen die burmesischen dominieren. Die Bürgersteige sind gesäumt von chinesischen Tempeln, chinesischen Schulen und chinesischen Restaurants. Nicht weit von hier, auf dem Jade-Markt, kam es im vergangenen Jahr zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen einheimischen und chinesischen Händlern.

Sehnsuchtspunkt Mandalay

Kyaw Min kennt sich aus. Er hat zwei Jahre in Yunnan gearbeitet und dabei beobachtet, wie die Chinesen über die Grenze strömen. Die meisten wählen den Landweg und reisen über den halbautonomen „Shan-State“ ein, deren Grenzposten oft selbst chinesische Wurzeln haben. Für ein paar hundert Dollar drücken die Soldaten ein Auge zu und lassen die Einwanderer ins Land schlüpfen. „Es ist ein gutes Geschäft geworden“, berichtet Kyaw Min.

Viele lassen sich zunächst in den Grenzregionen nieder, aber auf Dauer setzt sich die Anziehungskraft der großen Handelszentren durch. Sehnsuchtspunkt ist für viele Mandalay, die mit mehr als einer Million Einwohner zweitgrößte Stadt im Land. Mandalay liegt in der Mitte Burmas und damit auch näher an China als das südliche Rangun. Schon zu Kolonialzeiten, als die Briten aus der alten Königsstadt regierten, waren die Chinesen hier ansässig gewesen; einer ihrer Prunkbauten aus dem späten 19. Jahrhundert, das Kloster Shwe In Bin, ist bis heute zu besichtigen.

Arrogant, herrisch, laut

In den vergangenen zehn Jahren, schätzt man in Mandalay, ist der chinesische Bevölkerungsanteil auf dreißig bis vierzig Prozent gestiegen. Von Chinatown ausgehend, zog sich der Ring immer weiter. „Erst haben die Chinesen die Innenstadt eingenommen und die Burmesen in die Vororte getrieben - jetzt strömen die Chinesen auch in die Vororte“, sagt Aye Thanda, eine Rechtsanwältin. In ihrer Kindheit, keine 30 Jahre ist das her, hat sie in Mandalay kaum Chinesen gesehen. Jetzt, wo sie in immer größeren Gruppen auftreten, wachse deren Arroganz, sagt sie. Chinesen hätten schlechte Manieren und würden als „herrisch und laut“ wahrgenommen: „Die Wut gegen sie nimmt zu.“

Die Chinesen sind zu Nutznießern der Sanktionen geworden, mit denen der Westen Burma zwanzig Jahre lang zu politischen Reformen zwingen wollte. In der Zeit der Isolation wurde China - vor Indien, Thailand und Singapur - zum engsten Partner der Militärjunta. Die Volksrepublik half beim Städte- und Straßenbau, kaufte Hölzer und Bodenschätze auf und brachte so Geld ins Land. Auch die Konsumartikel, die die Generäle und ihre Familien begehrten, kamen über die chinesische Grenze. Ein bisschen fiel sogar für das burmesische Volk ab. Wer ein paar Kyat gespart hatte, konnte sich trotz der Sanktionen Kühlschränke, Ventilatoren, Radios oder Fernsehgeräte kaufen.

Aus der chinesischen Abhängigkeit befreien

Lange sah es nach einem fairen Tausch aus. Peking hielt Burma politisch die Stange - dafür bekam es Zugang zu Ressourcen, baute Staudämme in Grenznähe, einen Tiefseehafen im Golf von Bengalen und die Pipeline. Chinesische Arbeiter wurden ebenso geduldet wie die illegalen Einwanderer; für etwas Geld legalisierten die Beamten den Aufenthaltsstatus Hunderttausender. Doch mit den Jahren wurde den Regenten in Naypidaw bewusst, dass das Geschäft zu ihren Ungunsten verlief. Die Umklammerung drückte ihnen die Luft ab, und die Stimmung in der Bevölkerung begann zu kippen. Auch dies trug zur Öffnung bei: Die Regierung von Präsident Thein Sein wollte sich aus der chinesischen Abhängigkeit befreien, und der Preis für neue Partner, gerade aus dem Westen, waren demokratische Reformen.

Im vergangenen Sommer setzte Thein Sein das erste Signal. Er ließ den fortgeschrittenen Bau eines chinesischen Staudamms im Kachin-State stoppen und bekam dafür viel Applaus im Volk. Es folgten Reformen, die in China undenkbar scheinen. Die Regierung legalisierte die wichtigste Oppositionspartei, die „Nationale Liga für Demokratie“ von Aung San Suu Kyi, und ließ sie zu den Nachwahlen zu. Die meisten politischen Gefangenen wurden entlassen, unabhängige Gewerkschaften erlaubt, Internetblockaden aufgehoben, die Pressezensur gelockert.

Die chinesische Minderheit verfolgt den Wandel mit Skepsis. „Als die Mönche 2007 auf die Straße gingen, haben ihnen alle geholfen, selbst die Inder“, sagt Kyaw Min. „Von den Chinesen gab es nicht einmal einen Schluck Wasser.“ Den Chinesen werden gute Kontakte zu Militär und Bürokratie nachgesagt. So sicherten sie ihre krummen Geschäfte ab, vor allem im Opiumhandel, heißt es unter Burmesen. „Sie kaufen alles, deswegen bevorzugen sie auch eine käufliche Regierung.“

In der chinesischen Gemeinschaft formuliert man das vornehmer. „Wir interessieren uns nur insoweit für Politik, als sie unsere Geschäftsinteressen betrifft“, sagt Mya Mya. Die junge Frau ist in Mandalay geboren und mit ihrer Familie gut integriert. Man hat burmesische Namen angenommen und spricht die Sprache so fließend wie Chinesisch. Ihr Vater floh während der Kulturrevolution in den späten sechziger Jahren aus Yunnan und eröffnete einen Schwarzgeld-Handel. Daraus entstand ein kleines Hotel in der Innenstadt. Alle Familienmitglieder besitzen inzwischen die burmesische Staatsbürgerschaft.

Keine Angst vor offenen Feindseligkeiten

Die Kinder werden in der chinesischen Rong-Schule unterrichtet, die ein paar Straßen weiter, im obersten Stockwerk eines der wenigen noch erhaltenen Kolonialgebäude, untergebracht ist. Rote Gardinen wehen im Wind, der durch die offenen Fenster hereinbläst. Im Raum herrschen Drill und Energie. Aus voller Kehle brüllen die Kinder Zahlen, die die Lehrerin mit dem Stock an der Tafel anzeigt. In diesem Klassenraum ist mit Händen zu greifen, warum die chinesischen Minderheiten nicht nur in Burma, sondern in ganz Südostasien erfolgreich sind. Yu Yu Maw, die Direktorin, versichert, dass Disziplin und Leistungsbereitschaft auch unter Burmesen an Attraktivität gewönnen, weshalb immer mehr ihre Kinder in der Rong-Schule anmelden wollten. „Aber wir können kaum noch die Nachfrage der chinesischen Eltern befriedigen“, sagt sie.

In milden Momenten geben manche Burmesen zu, dass ihr Hass auf die Chinesen auch mit Neid zu tun hat, und gestehen ihnen einen positiven Einfluss auf die Wirtschaft zu. Aber Mya Mya weiß, dass sich ihre Landsleute besser an die eigene Nase fassen sollten. Vor allem die neuen Zuwanderer zerstörten mit ihrem „üblen Sitten“ viel guten Willen, klagt sie. Angst vor offenen Feindseligkeiten hat sich noch nicht, aber eine gewisse Sorge kann sie nicht verbergen: „Wäre ich eine Vollblut-Burmesin, wäre ich selber wütend auf die Chinesen.“

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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