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Charkiw während der Fußball-EM

Die Sprache der Macht

Von Konrad Schuller, Charkiw
 - 18:39
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Der Kernes und der Dobkin drehen einen Film. Dobkin (staatsmännisch): „Wir werden Straßen bauen und Straßen reparieren, anstatt sie nur minimal instand zu setzen.“ Kernes (enerviert): „Kannst du das vielleicht ein wenig ausdrucksvoller hersagen? Mit Gesichtsausdruck? So wie jetzt ist das gefickte Scheiße.“ Dobkin (in gekränkter Würde): „Du könntest vielleicht bessere Texte schreiben. Der da ist Kacke.“ Der Film, ein Studiomitschnitt von der Produktion eines Wahlkampfspots aus dem Jahr 2008, ist ein Schlager in der Ukraine. Nicht nur, dass Dobkins genialer Seufzer „Dieser Text, scheiße, ist ein wenig blöd“ längst zum Klassiker der nationalen Folklore geworden ist - der Wahlspot war auch der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Kernes ist heute Bürgermeister der Industriemetropole Charkiw, der mit anderthalb Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt der Ukraine, Dobkin ist Gouverneur des dazu gehörenden Gebietes. Ihre Position ist komfortabel. Durch ihre Zugehörigkeit zum Lager Präsident Viktor Janukowitschs erfreuen sie sich bester Beziehungen zur Hauptstadt, und weil Janukowitschs „Partei der Regionen“ hier im russischsprachigen Osten, rund um Charkiw und die Bergbauregion Donezk, seit je die stärkste Kraft ist, kontrollieren sie im Stadtrat 84 von 100 Mandaten.

Charkiw strahlt. Die Industriemetropole, im Zweiten Weltkrieg die Heimat des legendären Sowjet-Panzers T-34, ist eine von vier ukrainischen Austragungsstätten der Fußball-Europameisterschaft - an diesem Mittwoch spielt dort Deutschland gegen die Niederlande. Es gibt ein nagelneues Flughafenterminal, glitzernde neue Hotels, und das „Metalist“-Stadion schimmert wie ein blauer Kristall. Im Zentrum sind die gewaltigen Kolonnaden der Verwaltungsgebäude aus der Stalin-Ära hinter Bildfolien mit Wappen und Fußball-Maskottchen abgetaucht, und eine großzügig mit VIP-Zelten und Biertresen ausgestattete Fan-Zone füllt den „Majdan Swobody“, der in Anspruch nimmt, der zwölftgrößte Platz der Welt zu sein.

Eine Klinik macht Charkiw zum Symbol der anderen Ukraine

Aber es gibt in Charkiw noch andere Bilder und Bauwerke. Eines steht draußen am Rand der Stadt, ein grauer Betonquader wie aus den letzten Jahren der Sowjetunion. Monotone Fensterreihen Stockwerk über Stockwerk - alles wie immer, wenn da nicht eine Milizstreife am Eingang döste, die Mützen in der Junihitze schläfrig in den Nacken geschobenen, und wenn nicht eine Fensterflucht im obersten Stock mit Gitter und Sichtschutzfolie verschlossen wäre: das Ukrsalischnitsja-Spital, die Klinik der ukrainischen Eisenbahngesellschaft. Seit Monaten wird hier unter ständiger Video-Beobachtung die in der Haft schwer erkrankte ukrainische Oppositionsführerin Julija Timoschenko gefangengehalten. Westliche Regierungen haben gegen ihre aus westlicher Sicht willkürliche Verurteilung heftig protestiert, und der Betonriegel des Krankenhauses am Rand von Charkiw ist längst zu einem Symbol für die Unterdrückung der Opposition unter Präsident Janukowitsch geworden.

Aber nicht nur diese Klinik macht Charkiw zu einem Symbol jener andern Ukraine im Schatten der Fußballscheinwerfer, in der nach Ansicht der Opposition Präsident Janukowitsch die Demokratie langsam erstickt. Es gibt auch andere Phänomene, und die beiden Filmhelden, Bürgermeister Hennadij Kernes und Gouverneur Michail Dobkin, haben damit zu tun. Wer mehr davon erfahren will, muss zwischen den bröselnder Mietskasernen des Charkiwer Zentrums einen Hinterhof voller schlafender Katzen und rostender Autos aus sowjetischer Zeit durchqueren. Bald steht der Besucher dann in dem mit Aktenordnern, Enzyklopädien und vergilbenden Zeitungsstapeln gefüllten Büro Jewgenij Sacharows. Sacharow, ein ebenso freundlicher wie hünenhafter Gelehrter mit einer langen Liste von Veröffentlichungen im sowjetischen Untergrund ist der Kopf des „Charkiwer Gruppe zum Schutz der Menschenrechte“, der größten unabhängigen Menschenrechtsorganisation der Ukraine. Zusammen mit dem Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn hat er zu Sowjetzeiten Familien verhafteter Dissidenten unterstützt, und nach der Wende baute er die Charkiwer Gruppe auf. Heute aber, 21 Jahre später, sieht er die Freiheit in der Ukraine wieder bedroht - und das Charkiw von Dobkin und Kernes ist für ihn weniger ein Ort fröhlicher Sportfeste, als ein Brennglas jenes Rückschrittes, den er im ganzen Land beobachtet.

Das Fängt mit Julija Timoschenko an, der Gefangenen vom Stadtrand. So wie sie in der Hauptstadt Kiew mit zweifelhaften Gerichtsverfahren überzogen wird, so wird auch in Charkiw der Kopf der örtlichen Opposition, Arsen Awakow, mit Haftbefehlen bedrängt - mit dem Unterschied allerdings, dass Awakow rechtzeitig nach Italien fliehen konnte. Sacharow hat den Fall untersucht, und ist überzeugt, dass die Vorwürfe reine Konstruktionen seien. Und genau wie in Kiew werde zugleich mit dem Kopf der Opposition das unabhängige Fernsehen lahmgelegt: In Charkiw, so berichtet der frühere Sowjet-Dissident, sei es der regierenden Gruppe gelungen, durch Tricks und Kontensperren sämtlichen unabhängigen Lokalsendern ihre Arbeitsmöglichkeiten zu nehmen.

Geschäft, Macht und Korruption

Wer wissen will, wie das möglich war, braucht nur dieses Filmchen, ein wenig weiterzuspulen: Dobkin (würdevoll): „Die Gesundheit der Bürger von Charkiw ist der größte Schatz unserer Stadt.“ Kernes (ungeduldig): „Schon gut. Und was ist mit den gefickten Krankenwagen?“ - Der Blick hinter die Kulissen illustriert, was der Bürgerrechtler Sacharow heute jedem Gast erzählt: „In jeder Stadt der Ukraine gibt es heute eine Verquickung von Geschäft, Macht und Korruption, aber bei uns in Charkiw ist der Zynismus noch schärfer als anderswo.“ Wo immer die Behörden etwas anschafften, seien es nun Krankenwagen, ein Flughafen oder ein Stadion, mache die herrschende Clique durch manipulierte Ausschreibungen mit überhöhten Preisen Profit. Weil die Opposition eingeschüchtert sei (nach Auskunft des Stadtrats Iwan Wartschenko, eines Anhängers von Julija Timoschenko, laufen gegenwärtig gegen sieben seiner zwölf Fraktionskollegen oder ihre Familien Verfahren), habe auch das Bekanntwerden besonders eklatanter Fälle hier nichts geändert.

Der Kauf von zehn U-Bahn-Bänken für die Summe von zusammen 35000 Euro (angeblich eine Vorbereitung zur Europameisterschaft) sei bis heute ungeahndet geblieben, und auch dass die Bäume des weitläufigen Stadtparks abgeholzt würden, um dann in der Sträflingskolonie Nummer 109 zu Möbeln, Türen und Särgen verarbeitet zu werden, habe noch keine Konsequenzen gehabt. Die Miliz sei hinreichend damit beschäftigt, die informelle Schwarzgeldquote von etwa 1400 Euro aufzutreiben, die jeder Polizeiabschnitt wöchentlich „nach oben“ abführen müsse. Nach Informationen, die Sacharow, wie er berichtet, aus dem Innenministerium hat, bietet die Miliz den Geschäftsleuten des jeweiligen Abschnitts für diesen Tribut dann „Rundum-Pakete“ zum Schutz vor den ruinösen Besuchen der Steuerpolizei, des Brandschutzes oder der Sanitätsbehörde.

„Nichts anderes als ein Bandit“

Die Fäden dieses Geflechts aus Kriminalität, Polizei und Politik laufen nach Sacharows Überzeugung direkt zur Spitze der Stadt - und auch hier ist Charkiw ein Bild der Ukraine im Kleinen. Genau wie Präsident Janukowitsch nämlich schon als Jugendlicher so seine Erfahrungen mit den Straflagern der Sowjetunion gemacht hat, so hat auch Bürgermeister Kernes - der in den achtziger Jahren nach der veröffentlichten Darstellung eines pensionierten Milizionärs in Charkiw Hütchenspieler war - die Justiz der späten Sowjetunion zu spüren bekommen. Sacharow sagt, er sei damals wegen Betruges mehrere Jahre im Besserungslager gesessen. Seither führe er seine Geschäfte zusammen mit Gouverneur Dobkin in dem Knastbruder-Stil, den er damals gelernt habe. Kernes, sagt Sacharow kurz, sei „nichts anderes als ein Bandit“.

Der Bürgermeister wollte mit dieser Zeitung nicht sprechen, doch ein Faximile des Strafurteils, das im Internet zugänglich ist, scheint seine Verurteilung zu drei Jahren Besserungskolonie wegen des betrügerischen Verkaufs einer Wolga-Limousine zu bestätigen.

Gouverneur Dobkin dagegen hat diese Zeitung in seinem gewaltigen, in hochsowjetischem Barock gehaltenen Amtssitz gleich an der Fan-Zone empfangen. Marmorsäulen und Kristalllüster prangten an den Treppenfluchten, über die schweren Teppiche stöckelten Sekretärinen in bombonfarbenen Miniröcken. Seine Rede ist staatsmännisch, die saftige Knastsprache jenes berühmten Films ist wie weggehaucht. Die Vorwürfe des Dissidenten? „Sacharow ist eine freie Person“, sagt der Gouverneur gemessen, und er wolle nicht auf jeden Vorwurf eingehen, Was dieser Mann da behaupte, sei zwar „laut“, aber - „Entschuldigung“ - schlichtweg „dumm“. Jeder wisse schließlich, dass dieser Mann für die Opposition arbeite. Verklagen wolle er seinen Kritiker aber nicht: „Das könnte ja so aussehen, als wollte ich ihn unter Druck setzen.“

Und dieses Filmchen, jenes Stück Volksdichtung mit Kernes‘ unsterblichem Satz „Mischa, wir machen es so: Du liest es zuerst, und dann diskutieren wir, ob es fickend schlecht ist oder nur schlecht“? - Michail Dobkin, der Gouverneur erhebt sich zum Abschied: „Da mache ich keine Tragödie draus.“

Quelle: F.A.Z.
Konrad Schuller
Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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