Kann man islamistische Fanatiker „heilen“?

Den Dschihadisten wurden individuelle Gefühle und Meinungen abtrainiert. Sie leben in einem hermetisch geschlossenen Denksystem. Der Zweifel ist ihr größter Feind. Genau da setzt Fabrice T. an.

05.07.2017

Text: ANNABELLE HIRSCH
Illustration: FLORIAN BAYER

Es war am 7. Januar 2017 im französischen Fernsehsender C 8. Der Moderator Thierry Ardisson holte zu seiner letzten Frage aus: „Farid, sind Sie Charlie?“ Der Befragte, ein junger Mann, versteckt hinter einer dunklen Sonnenbrille, zog etwas aus seiner Hose und hielt es in die Kamera. „Je suis Charlie“ stand auf dem abgewetzten Pin. „Natürlich bin ich Charlie“, sagte er. Ardisson klatschte in die Hände. Die Musik setzte ein. Mediencoup geglückt. Denn der junge Mann, der dort am zweiten Jahrestag der Anschläge auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ sein Buch „Mon djihad“ bewerben durfte, war kein minderer als Farid Benyettou, auch bekannt als „l’émir des Buttes Chaumont“. Als ehemaliger Prediger hatte er die Kouachi-Brüder zum Dschihad und damit, das gab er selbst zu, zu den Morden von 2015 geführt. Nur will er, anders als seine damaligen Anhänger, mit der islamistischen Weltsicht gebrochen haben. Farid, so erklärte Dounia Bouzar, Frankreichs „Deradikaliserungs-Priesterin“, auf derselben Bühne, sei ein Geläuterter und deshalb ein wichtiger Helfer in der „Deradikalisierung“.

Dieser Auftritt warf Fragen auf: Ist „Deradikalisierung“ überhaupt möglich? Woher weiß man, ob einer wirklich mit der Ideologie gebrochen hat? Wie kann man sicher sein, dass es nicht eine Taqiyya ist, ein von Islamisten gelobtes Täuschungsmanöver? In Büchern, in Gesprächen und in Berichten ehemaliger Dschihadisten findet man sehr verschiedene Antworten. Oder, wie der Psychoanalytiker und Islamexperte Fethi Benslama sagt: „Es gibt weder den einen Weg in den Dschihadismus, noch den einen Weg raus. Von der Vorstellung, man könne jemanden ‚umdrehen‘, muss man sich verabschieden.“ Glaubt man Benslama, der in seiner Forschung unter anderem das Bild des „Übermuslims“ erarbeitet hat, erscheint die dschihadistische Ideologie den meisten Anhängern als Lösung für ein diffuses „mal-être“, einer Krise des Subjekts: „Daraus resultiert eine Sedierung der Angst, ein Befreiungsgefühl und Anwandlungen von Allmacht.“ Sich davon zu trennen ist, so Benslama, wenn überhaupt möglich, langwierig und komplex. Er war als psychologische Instanz im umstrittenen „Reintegrationszentrum“ von Pontourny engagiert, das in der Presse als „Deradikalisierungs-Zentrum“ galt und nach einer ersten Testphase vorläufig geschlossen wurde. „Es war ein Experiment. Man muss noch daran feilen. Besonders am Profil der Jugendlichen, die man aufnimmt“, sagt er.

  • Trauermarsch für die Opfer des Terroranschlags vom 7. Januar 2015 auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ durch Islamisten. Foto: AFP
  • Attentäter, bewaffnet mit Kalaschnikows und einem Raketenwerfer, stürmten die Redaktion und töten zwölf Menschen. Hier ein muslimischer Trauermarsch. Foto: AFP
  • „Je Suis Charlie“ (Ich bin Charlie) Foto: dpa
  • In Frankreich fand die verheerendste Attacke in einem westlichen Land im Jahr 2015 statt. Zehn Attentäter verübten am 13. November mehrere Anschläge in Paris. Foto: dpa
  • Sie schossen mit automatischen Waffen auf Cafés, bevor sie den Konzertsaal Bataclan stürmten. Foto: AP
  • Bei der Anschlagsserie kamen 130 Menschen ums Leben. Foto: dpa

Denn deradikalisiert werden will erst einmal keiner. Liest man David Thomsons Bestseller „Les revenants“, in dem er aus Syrien zurückgekehrte Männer und Frauen befragt, trifft man etwa die 22 Jahre alte Lena. Über die „Deradikalisierungsprogramme“ macht sie sich lustig: „Man spricht mit uns wie mit ehemaligen Alkoholikern, mit kleinen Augen und weicher Stimme.“ An ihrer Radikalität haben diese Kurse nicht gerüttelt. Anders beim zwanzigjährigen Zoubeir, der sich als Ex-Muslim bezeichnet: Mit achtzehn wanderte er nach Syrien aus, mit neunzehn kehrte er zurück. Angewidert, sagt er. Die ideale Welt, die man ihm versprochen hatte, war eine Enttäuschung. Mittlerweile ist er Teil eines staatlichen Programms, das einen „Gegendiskurs“ fördern und die Brüchigkeit des IS-Denksystems entlarven will. Trotzdem, meint Zoubeir, sei sein Weg aus dem Fanatismus eine Ausnahme. Die meisten kehrten aus Syrien zwar ernüchtert zurück, seien aber von der Richtigkeit ihres Kampfes weiter überzeugt.

Ähnliches berichtet Fabrice T., als wir uns in Paris treffen: „Die meisten Rückkehrer sind vom Islamischen Staat als Utopie enttäuscht, ihr Denksystem, die Ideologie bleibt aber oft davon unberührt.“ Fabrice ist promovierter Historiker und seit zwei Jahren als „Deradikalisierungsakteur“ in Gefängnissen aktiv. Er selbst mag den Begriff nicht, über den in Frankreich seit den Anschlägen von 2015 und 2016 so viel gesprochen wird: „Das Wort ist eine Reaktion auf das Trauma der Anschläge, der Wunsch nach einer schnellen Lösung, aber es benennt nichts Existierendes.“ Allerdings sei es gut, dass man das Problem endlich anpacke. Seit 2012 sind geschätzte 1100 Franzosen, Männer, Frauen und ganze Familien nach Syrien ausgewandert, 700 sind noch dort, rund 190 im Transit zurück nach Frankreich. Wird ihre Rückkehr registriert, werden sie dort mittlerweile direkt ins Gefängnis, seit 2015 in Spezialabteilungen, sogenannte „unités dédiées“, gesteckt. „Man hat das gemacht aus Angst, sie könnten die anderen Inhaftierten bekehren“, sagt Fabrice, „allerdings ist das seit November geändert worden. Denn diese Form der Isolierung ist in den meisten Fällen, vor allem für solche die ‚nur‘ auf IS-Seite unterwegs waren, kontraproduktiv. Es isoliert sie nur noch mehr in ihrer Weltsicht.“

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Zumal Theoretiker wie Ayman al-Zawahiri, ehemals rechte Hand von Bin Ladin, die Inhaftierung als eine hilfreiche Etappe in der „Ausbildung“ zum Dschihadisten lobpreisen. In den Gefängnissen entscheidet sich viel, das haben die Profile der Attentäter der letzten zwei Jahre bewiesen. Gerade deshalb wollte Fabrice sich dort engagieren. 2016 zählte man 1400 radikalisierte Inhaftierte, 700 im Jahr davor.

Was macht einer wie Fabrice T. mit den jungen Menschen, die aus Syrien zurückkehren oder den Dschihad in Europa anpreisen? „Ich rede mit ihnen.“ Über was? „Nicht über Syrien und nicht über den IS, denn wenn ich sie treffe, weiß ich meist gar nicht, was sie genau getan haben. Ich möchte nicht, dass mich dieses Wissen beeinflusst. Vor allem aber sollen sie nicht den Eindruck gewinnen, ich wolle sie von etwas überzeugen. Es ist eher die Möglichkeit, sich auszutauschen.“ Worüber? „Über Aktuelles zum Beispiel. Ich konfrontiere sie mit aktuellen Debatten und frage sie, was das bei ihnen auslöst. Das individuelle Gefühl, ihre eigene Meinung wurde ihnen abtrainiert, beides wieder zu reanimieren hilft. Oder ich zeige ihnen Filme, etwa ‚Die Welle‘, um sie möglichst für das Thema des Gruppenzwangs zu sensibilisieren.“


Deradikalisierung

In Frankreich saßen 2016 rund 1400 radikale Islamisten in den Gefängnissen. Mit speziellen Programmen sollen sie aus den geistigen Fängen des IS geholt werden. „Prominentestes“ Beispiel ist der ehemalige Priester Farid Benyettou, der die „Charlie Hebdo“-Mörder zum Dschihad gebracht hatte und sich später als bekehrt präsentierte.
MAX MUSTERMENSCH

Die wenigsten von ihnen, das will Fabrice festhalten, wirken auf ihn wie Verrückte oder Monster. Ihre Sorgen seien sogar oft im Ansatz richtig, nur seien die Schlussfolgerungen komplett verdreht. Der IS biete ihnen als Mittel gegen die Unsicherheit ein hermetisch verschlossenes Denksystem an, eine paranoide Weltsicht, die mit pseudowissenschaftlichen Fakten untermauert werde: „Sie sagen oft: ‚Dafür gibt es Beweise, irgendwo im Internet.‘ Die meisten sind sich zum Beispiel sicher, dass die Evolutionstheorie nur eine Verschwörung ist. Auch das Feindbild der Juden, die angeblich die Welt regieren, ist bei allen ein Dauerthema. Überhaupt spielt die Opferkonkurrenz, also um wessen Leid sich die Welt mehr sorgt, in ihrem Denken eine große Rolle.“

Es macht nach Einschätzung des Experten wenig Sinn, ihnen zu erklären, dass sie manipuliert wurden und sie ihr angebliches Wissen kritisch überdenken sollten. Denn das angebliche Wissen empfänden sie ja gerade als Ergebnis eines „ultrakritischen“ Bewusstseins: „Sie hinterfragen alles!“ Inwieweit seine Kurse etwas bewirken, kann er nicht sagen. Eben weil es die „Deradikalisierung“ als plötzliche Befreiung aus einem „Zustand der Radikalität“ seiner Ansicht nach nicht gibt.

Der mögliche Bewusstseinswandel hängt an kleinen Momenten. Beim ehemaligen Prediger Farid Benyettou begann die „Heilung“, so stellt er es dar, mit Mohamed Merahs Anschlägen von 2012: Als Merah am 15. März französische Soldaten maghrebinischer Herkunft erschießt, denkt Benyettou zuerst, es handele sich um ein antimuslimisches Attentat. Er ist auch Muslim, er empfindet so etwas wie Empathie: Er sieht in den Opfern Menschen, nicht einfach Ungläubige, keine gerechtfertigten Ziele. Als er Tage später die islamistischen Motivationen des Täters erfährt, der sich als Mitglied von Al Qaida bezeichnet, hat sein System bereits einen Riss bekommen, seine Gewissheiten kommen ins Wanken. Solche Verunsicherungen sieht Fabrice T. als Chance: „Mein Ziel ist es nicht, zu ‚deradikalisieren‘. Mein Ziel ist es, den Zweifel zu säen.“ Denn der sei der größte Feind des Fanatismus. 

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Quelle: F.A.Z. Quarterly