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Erika Steinbach

Ein Handkuss für die Bestie

Von Konrad Schuller, Gdingen
 - 18:05
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Schlüssel klirren, ein Kirchendiener öffnet für eine Sekunde die hohe Gittertür, eine hochgewachsene, blonde Dame schlüpft ins Innere, verschwindet zwischen Pfeilern, ist schon außer Sicht. Die Dame ist Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Schloss, Tür und Diener gehören zur Seemannskirche des Heiligen Petrus in Gdingen. Erika Steinbach, die Frau, die in Warschau selbst Gentlemen alter Schule und hohe Regierungsvertreter als „Blonde Bestie“ umschreiben, ist am Sonntag und Montag durch Polen gereist – das Land, in dem sie mit Inbrunst gefürchtet und abgelehnt wird, und wo ganze Karrieren auf dem Kampf gegen die „deutsche Gefahr“ gegründet wurden, welche sie aus hiesiger Sicht verkörpert.

Als die Nachricht von ihrem Nahen in Gdingen eintraf – der Hafenstadt nördlich von Danzig, aus der die deutschen Besatzer zu Beginn des Zweiten Weltkriegs beinahe die gesamte polnische Einwohnerschaft vertrieben hatten, um das vorgeblich deutsche „Gotenhafen“ an die Stelle des polnischen „Gdynia“ treten zu lassen –, schienen die Türen der Seemannskirche des Heiligen Petrus zuerst krachend ins Schloss zu fallen. Erika Steinbach hatte angekündigt, sie wolle in dieser Kirche die Gedenktafeln für die Flüchtlingsschiffe „Wilhelm Gustloff“, „Goya“ und „Steuben“ besuchen, die 1945 mit zusammen mehr als 10.000 Menschen an Bord von sowjetischen U-Booten versenkt worden waren. Doch aus dem Redemptoristenorden, der die Kirche betreibt, erfuhr die polnische Presse früh, man denke nicht daran, dieser Frau, die zwischen Ostsee und Karpaten als Symbol des „deutschen Revanchismus“ gilt, Einlass zu gewähren.

Nicht mehr als sieben Demonstranten

Der Besuch der Vertriebenenpolitikerin und menschenrechtspolitischen Sprecherin der CDU/CSU Bundestagsfraktion stand damit zunächst unter einem schlechten Stern. Seit Erika Steinbach im Jahr 1990 als Bundestagsabgeordnete gegen die Anerkennung der Oder-Neiße Grenze stimmte, schien Polen jede Gelegenheit wahrzunehmen, seine schlechte Meinung über sie zu festigen. Äußerungen aus ihrem Munde, die als Relativierung der deutschen Kriegsschuld gedeutet werden konnten, wurden unerbittlich memoriert, Gesten der Versöhnung, die von ihr kamen, als Ausdruck mutmaßlicher Verlogenheit ignoriert. Dass die Redemptoristen, die in Polen vor allem mit dem nationalklerikalen Sender „Radio Maryja“ in Verbindung gebracht werden, ihr die Kirchentüren vor der Nase zuschlagen würden, überraschte zunächst niemanden. Erika Steinbachs Polenreise schien zum Eklat verurteilt.

Es ist dann anders gekommen. Als die Frau, die vor Jahren noch auf polnischen Zeitschriftentiteln in SS-Uniform dargestellt wurde, am Sonntagabend auf dem Danziger Flughafen landete, betrug die Anzahl der Demonstranten null. Als sie etwas später in einer lauschigen Nebenstraße der alten Hansestadt den Sitz der deutschen Minderheit besuchte, protestierten dagegen nicht mehr als sieben Männer, wenn auch die Menge dem Abend zu auf etwa elf anwuchs, da mehreren alten Damen beim Ausführen ihrer Hunde offenbar ihre patriotischen Pflichten in den Sinn kamen, worauf sie sich dem Trupp der Vaterlandsverteidiger anschlossen.

Eine auffällige Unauffälligkeit

Über dieses Maß ist der Volkszorn dann nicht mehr hinausgewachsen. Zu einer Pressekonferenz in Rahmel (Rumia) gleich neben Gdingen – wo Erika Steinbach 1943 als Tochter einer hierher versetzten deutschen Luftwaffenhelferin und eines Besatzungssoldaten zur Welt kam, bevor die Familie 1945 an Bord der „Pelikan“ nach Schleswig-Holstein fliehen musste –, kam etwa ein halbes Dutzend schläfriger Demonstranten in kaschubischen Gewändern. Später, als sie den Wald von Groß Piasnitz (Wielka Piasnica) besuchte, um die etwa 12.000 polnischen, kaschubischen und deutschen Opfer mehrerer deutscher Massenerschießungen von 1939 und 1940 zu ehren, gab es überhaupt keine Proteste. Wenn etwas auffällig war an Erika Steinbachs Polenreise, dann war es ihre Unauffälligkeit.

Dafür hatte es allerdings Vorzeichen gegeben. Schon vor dem Beginn des Besuchs hatten sich in der polnischen Öffentlichkeit Hinweise darauf gezeigt, dass mittlerweile, zwanzig Jahre nach dem Abschluss des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags von 1991 und vier Jahre nach dem Sturz der deutschlandkritischen Regierung Kaczynski, einiges anders ist als früher. Die liberale Presse riet früh, den Besuch einer „gewissen Deutschen“, nicht zur Staatsaffäre zu machen. „Steinbach will ihre Heimatstadt Rahmel besuchen? – Bitte sehr, wir leben schließlich im vereinten Europa“, schrieb die „Gazeta Wyborcza“. „Niemand erwartet, dass man sie in Polen mit Brot und Salz begrüßt. Es genügt, sie wie eine einfache Touristin zu behandeln. Gleichgültig.“ Wenig später zog die Rechte nach, und dass die erwarteten Tumulte ausbleiben würden, wurde spätestens am Donnerstag klar, als die unerbittliche Senatorin Arciszewska-Mielewczyk, eine der deutschlandkritischen Speerspitzen der Kaczynski-Partei „Recht und Gerechtigkeit“, dazu aufrief, Frau Steinbachs Reise einfach zu ignorieren.

Die „gewisse Deutsche“ darf doch eintreten

So ist es schließlich gekommen, dass in der Seemannskirche des Heiligen Petrus in Gdingen der Küster schließlich doch die Schlüssel brachte, als am Montagvormittag eine „gewisse Deutsche“ vor der Tür stand. Zu dieser Hilfsbereitschaft mag beigetragen haben, dass kurz zuvor Tomasz Nalecz, ein prominenter Berater von Staatspräsident Komorowski, die plausible Prognose gewagt hatte, der Himmel werde „gewiss nicht einstürzen“, wenn es Frau Steinbach erlaubt werde, vor der Gedenktafel der deutschen Fluchtopfer in der Kirche ein paar Blumen niederzulegen.

So hat Erika Steinbach dann also Einlass gefunden – allein zwar, und, wie sie sagte, auf eigenen Wunsch ohne Presse, aber immerhin. Die Pfarrei hatte ein Einsehen gehabt und erbat sich offenbar zuletzt nur noch Diskretion. Die hat dann selbst der Kirchendiener gewahrt. Als Erika Steinbach, für die Kameras unsichtbar, vor der Gedenktafel betete, wandte auch er sich ab. Später, als die Frau, welche in Polen schon so lange als Feindin der Nation präsentiert wird, sich zum Gehen wandte, hat er sie im geschliffenen Stil eines polnischen Kavaliers verabschiedet: mit Verbeugung und Kuss auf die Hand.

Quelle: F.A.Z.
Konrad Schuller
Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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