Flüchtlinge in Athen

Kein Ort zum Leben

Von Julian Staib, Athen
 - 10:05

Zwei Polizisten stehen im Flur eines unscheinbaren Hauses in der Athener Innenstadt und nehmen aus einem kleinen Zimmer Medikamente entgegen. Es ist die Apotheke eines privaten Krankenhauses, das von einer Hilfsorganisation betrieben wird. Die Medikamente stapeln sich. Die Ärzte hier arbeiten ehrenamtlich. Das Geld für die Medikamente wurde gespendet. Die Polizisten holen kostenlose Arzneimittel ab für die Flüchtlinge in den staatlichen Auffanglagern.

Während Europa darüber diskutiert, ob Flüchtlinge per Quote aus Griechenland auf die EU verteilt werden sollen, kommen über die Türkei Tausende neue Flüchtlinge ins Land. Nach Angaben der Küstenwache kamen bislang rund 40.000 Personen allein in diesem Jahr über die Ägäis, im Vorjahr waren es insgesamt 6500. Es fehlt an allem: an Unterbringungsmöglichkeiten, an Verwaltungskapazitäten, ja oftmals sogar an der Möglichkeit, überhaupt einen Asylantrag zu stellen.

Im Flur der Klinik sitzen Menschen mit Krücken und Bandagen. Zwei Ärzte behandeln hier täglich zwischen 150 und 200 Patienten. Ehrenamtlich, einen Tag in der Woche im Wechsel mit Kollegen. Er habe die Zeit, sagt ein Athener Arzt, schließlich kämen in seine eigene Praxis aufgrund der Wirtschaftskrise rund siebzig Prozent weniger Patienten.

Siebzig Menschen in 5 Räumen

Die Patienten der Freiwilligenklinik erhalten eine erste medizinische Versorgung. Dann werden sie an Krankenhäuser verwiesen, die mit der Hilfsorganisation „Ärzte der Welt“, die die Klinik betreibt, kooperieren. Rund ein Drittel der Patienten sind Griechen. Ihr Anteil wächst. Fast ein Drittel der Griechen hat keine Krankenversicherung, zudem ist für viele Versicherte die Beteiligung an den Medizinkosten zu teuer.

Manche fragen, warum medizinische Unterstützung an die Flüchtlinge gegeben werde. „Dann müssen wir denen sagen, ihr seid alle gleich“, sagt Nancy Retinioti, Sozialarbeiterin bei „Ärzte der Welt“.

Neben ihr an der Wand stapeln sich Pappkartons bis zur Decke. Darin Nudeln, Reis, Zucker und Salz. Auf den Kisten ist das Logo der Hilfsorganisation abgebildet. Sie sind auch für griechische Familien bestimmt. In den Stockwerken über der Klinik betreibt die Hilfsorganisation ein Aufnahmezentrum für besonders schutzbedürftige Asylsuchende, für Menschen mit körperlichen oder psychologischen Problemen. Alleinerziehende Eltern oder unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Siebzig Menschen leben in fünf Zimmern.

Leben wie ein Tier

„Es gibt in Griechenland für die Flüchtlinge keinen Ort zum Leben“, sagt Retinioni. Allen Versprechungen zum Trotz. Wenn sich in jüngster Zeit etwas an der Situation verbessert habe, dann sei es die Tatsache, dass es weniger Anfeindungen gegenüber Flüchtlingen gebe, sagt die Sozialarbeiterin. Früher hätten sie viele, zum Teil schwerverletzte Opfer rassistisch motivierter Übergriffe behandeln müssen, im Schnitt zehn am Tag.

Zumeist seien es Opfer von Anhängern der rechtsradikalen Partei „Goldene Morgenröte“ gewesen. Im vergangenen Jahr seien die Übergriffe jedoch stark zurückgegangen. Möglicherweise, da viele Mitglieder der „Goldenen Morgenröte“ verhaftet worden seien.

Auf einer Straße im Viertel Exarchia nördlich der Athener Innenstadt steht ein junger Mann, der sich von einem Sicherheitsmann zwei Flaschen Wasser hat auffüllen lassen. Er sei Afghane, sagt er, und lebe seit sechs Jahren in Athen, ohne als Flüchtling anerkannt worden zu sein. Er zeigt seine Papiere, die er in einem Rucksack immer bei sich trägt. Er lebe zusammen mit anderen Flüchtlingen, darunter auch Kinder, in einem der vielen verlassenen Häuser und ernähre sich zumeist aus dem Müll. Wie ein Tier, sagt er.

In Statistik eine 6

Im Haus unmittelbar dahinter, oben im vierten Stock, in einem stickigen winzigen Zimmer, sitzt Spyros Koulocheris. Koulocheris ist Rechtsanwalt und Leiter der Rechtsabteilung beim Griechischen Flüchtlingsrat (GCR). Der GCR bietet Flüchtlingen Rechtsberatung, besucht Auffanglager, verfolgt Gerichtsprozesse. Niemand wisse, wie viele Flüchtlinge sich genau in Griechenland aufhielten, sagt Koulocheris.

Griechenland sei nicht gut in Statistik. Ein Beispiel: „Der griechische Staat bat seine Beamten, sich zu registrieren, weil er nicht wusste, wie viele es eigentlich gibt. Können Sie sich das vorstellen?“, sagt er und lacht. „Griechenland hat sich nie auf die vielen Flüchtlinge vorbereitet. Das Land tut nichts für sie“, sagt Koulocheris. Auch nicht die neue Regierung. „Es gab viele Versprechen, aber es hat sich faktisch nichts geändert.“

Ein großer Teil der Projekte vom Flüchtlingsrat wird von europäischen Geldgebern gefördert, ein kleinerer vom griechischen Staat. Koulocheris bekommt derzeit so wie die rund fünfzig anderen Mitarbeiter des Flüchtlingsrates nur unregelmäßig sein Gehalt. Und dann auch nicht die volle Summe. Die Finanzkrise habe aber kaum Einfluss darauf, wie Griechenland Flüchtlinge behandele, sagt Koulocheris.

„Die nehmen einfach zu wenige auf“

Die staatliche Versorgung habe sich nicht verändert – denn sie sei auch schon vorher faktisch nicht vorhanden gewesen. Allerdings hätten sich die Rahmenbedingungen extrem verschärft. In einem Land mit rund 25 Prozent Arbeitslosigkeit finden die meisten keine Arbeit mehr. Tausende leben in der Illegalität.

Das Hauptproblem sei, dass die Flüchtlinge keinen Zugang zum Asylsystem hätten. „Die nehmen einfach zu wenige auf“, sagt Koulocheris. Die Asylbehörde sei schlecht ausgestattet, habe zu wenig Personal, zu wenige Übersetzer. Es sei daher für die meisten Flüchtlinge schlicht unmöglich, überhaupt einen Asylantrag zu stellen. In einer anderen Hilfsorganisation erzählt man, die Mitarbeiter des Asylzentrums hätten schon angefragt, ob man nicht Computer übrig habe, um die Asylanträge zu bearbeiten.

In Athen demonstrieren immer wieder Flüchtlinge für ihr Recht, einen Asylantrag stellen zu können. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben der griechischen Regierung nur 9432 Asylanträge. Die meisten von Menschen aus Afghanistan, Pakistan und Syrien.

In Deutschland hingegen wurden 2014 rund 202.000 Asylanträge gestellt. Flüchtlinge, die in Griechenland ankommen, werden meist erst einmal inhaftiert. Und wer in Haft einen Asylantrag stellt, bleibt dort, bis dieser registriert wird – was Monate dauern kann.

Kein Wille sichtbar

Eigentlich sollten die Flüchtlinge auf Aufnahmeeinrichtungen verteilt werden, aber davon gibt es viel zu wenige. Wenn nun ein Lager überfüllt sei, dann kämmen die Flüchtlinge sofort wieder frei, sagt Koulocheris. Die Aufnahmezentren nennt er Gefängnisse. Es gebe dort kaum medizinische Hilfe, kaum Übersetzer, und die meisten der Inhaftierten hätten keinen Zugang zum Asylsystem. Viele würden ohne Dokumente festgehalten, darunter Folteropfer und Kinder. Immer wieder prangern Menschenrechtsorganisationen die Verhältnisse an.

Er schäme sich dieser Zustände, sagte der zuständige neue griechische Staatssekretär Giannis Panousis (Syriza) kurz nach seinem Amtsantritt. Die 30 Abschiebelager in Griechenland sollten geschlossen werden, hieß es. Passiert ist nichts. Vielleicht gebe es unter der neuen Regierung den Willen, etwas zu verändern, sagt Koulocheris. „Aber der ist nicht sichtbar.“ Amygdaleza, das berüchtigte Abschiebelager im Norden Athens, gibt es weiterhin.

Syrische Flüchtlinge erhalten mittlerweile nach ihrer Ankunft von den Behörden ein Dokument, das ihnen den Aufenthalt für sechs Monate gestattet, ungeachtet eines möglichen späteren Asylantrags. Das heißt, sie werden nicht inhaftiert, haben aber anders als Asylanwärter auch keinen Anspruch auf medizinische Hilfe. Viele der syrischen Flüchtlinge wählen trotzdem diesen Status – aus Sorge, einen Asylantrag stellen und damit in Griechenland bleiben zu müssen.

Ohne Rückfahrticket

Und vielleicht hofft man in Griechenland darauf, dass dieser Status ein Weg ist, möglichst viele Syrer möglichst schnell wieder loszuwerden. Denn Deutschland führt wie viele andere europäische Staaten aufgrund des maroden griechischen Asylsystems keine Flüchtlinge zurück nach Griechenland, obwohl sie der Dublin-Verordnungen entsprechend wieder dorthin gebracht werden müssten, wo sie zum ersten Mal auf europäischem Boden registriert wurden.

Auch die vier jungen Männer aus dem Irak, die an den langen Tischen in den Räumen einer Suppenküche sitzen, wollen weiter. Durch die offenen Fenster dringt Straßenlärm herein, drinnen sind Gemurmel und das Klappern von Plastiktellern zu hören. Vielleicht sechzig Menschen sitzen in der Suppenküche, die von der Caritas betrieben wird. Dutzende Weitere warten im Flur und im Treppenhaus darauf, eingelassen zu werden.

Von Griechenland nach Italien

Wenn man sich zu den jungen Männern setzt, bieten sie einem etwas von den Spaghetti und der Erbsensuppe an. Einer zeigt stolz seinen Ausweis. „Person mit internationalem Schutzstatus“, steht darauf. Er habe ein Zimmer, sagt er. Die anderen sagen, sie lebten auf der Straße. Essen bekämen sie hier oder in anderen Suppenküchen, waschen könne man sich in Einrichtungen der Kirchen.

Einer will nach England, die anderen nach Deutschland oder Schweden. Neulich hätten sie versucht, mit dem Boot nach Italien zu kommen, sagt einer von ihnen. Sie seien aber von der Küstenwache aufgehalten worden. Bald wollten sie es wieder versuchen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Staib, Julian
Julian Staib
Redakteur in der Politik.
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