Anschläge in Kopenhagen

Terror nach französischem Vorbild

Von Matthias Wyssuwa
 - 19:39

Die Jagd auf den Attentäter endet noch vor Sonnenaufgang. Am frühen Sonntagmorgen wollen dänische Polizisten einen Mann nahe dem Kopenhagener Bahnhof „Nörrebro“ kontrollieren. Er eröffnet das Feuer, die Polizisten schießen zurück. Der Mann, der Kopenhagen für viele Stunden in den Ausnahmezustand versetzt hat, wird tödlich getroffen. Zwei Menschen hat er zuvor erschossen, fünf Polizisten verletzt. Er hat den Terror nach Dänemark gebracht. Doch auch nach seinem Tod bleiben viele Fragen offen.

Die ersten Schüsse in der dänischen Hauptstadt fallen am Samstagnachmittag. „Krudttönden“, das „Pulverfass“, ist ein Kulturzentrum im Norden der Stadt, in der Nähe eines großen Parks gelegen. Auf dem Programm steht eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit“. Dem Programm nach soll es um Fragen gehen wie „Wo ist die Grenze?“, „Gibt es eine Grenze?“ und auch: „Soll man als Künstler oder Aktivist sein Leben aufs Spiel setzen?“ Eintritt: 75 Kronen.

Neben einer Künstlerin aus Großbritannien und einer Femen-Aktivistin aus Frankreich sitzt auch Lars Vilks auf dem Podium. Vilks ist Schwede. Seitdem er im Jahr 2007 den Propheten Mohammed als Hund karikiert hat, wird sein Leben von Islamisten bedroht. Immer wieder war der 68 Jahre alte Künstler Ziel von Anschlägen, Anschlagplanungen, Anschlagsphantasien. Ein Al-Qaida-Ableger im Irak hat ein Kopfgeld von 150.000 Dollar auf ihn ausgesetzt. Molotowcocktails wurden schon in sein Haus geworfen, bei einer Vorlesung an der Universität von Uppsala wurde er einmal angegriffen und verletzt. Vilks wird von Personenschützern begleitet.

Anschlag auf „Charlie Hebdo“ kopiert?

Die Diskussion findet im Cafe des Kulturzentrums statt, die Eingangstüren sind aus Glas, auch große Glasflächen drumherum geben den Blick nach innen frei. Die Femen-Aktivistin beginnt ihre Rede, dann schießt ein vermummter Mann von außen in das Cafe mit einer automatischen Waffe. Zeugen und Polizei berichten von etwa dreißig Schüssen. Bilder zeigen mehrere Einschusslöcher in den Fenstern und der Tür. Vilks soll sich mit einer der Organisatorinnen der Veranstaltung in einem Kühlraum in Sicherheit gebracht haben. Ein 55 Jahre alter Mann, ein Filmemacher, wie es später heißt, wird getötet, drei Polizisten verletzt. Die Leibwächter von Vilks erwidern das Feuern. Der Attentäter flieht in einem gestohlenen VW Polo.

Kurz darauf meldet der französische Botschafter, der ebenfalls zu Gast war, über „Twitter“: „Noch am Leben in dem Raum.“ Auch Vilks bleibt unversehrt. Dieser Anschlag, so wird schnell vermutet, hat ihm gegolten. Im Januar erst wurden zwölf Menschen bei einem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ getötet, die Mohammed-Karikaturen gedruckt hatte. Fünf weitere Menschen wurden kurz darauf bei einem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt erschossen. Der französische Botschafter wird später mit den Worten zitiert, es sei versucht worden, den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ zu kopieren. Eine Organisatorin sagt der Nachrichtenagentur AP: „Ich betrachte das eindeutig als Anschlag auf Lars Vilks.“

Kein Bekennerschreiben, kein Video im Netz

Eine Bestätigung dafür gibt es zunächst aber nicht. Kein Bekennerschreiben oder Video, auch der Attentäter selbst ruft nichts, was seine Motivation verraten hätte. Einige Meldungen gibt es, dass der Täter Dänisch gesprochen habe. Die Polizei sucht nach einem Mann, 25 bis 30 Jahre alt, 1,85 Meter groß, schwarze Haare, arabisches Aussehen. Auf Bildern, die sie veröffentlicht, trägt der Mann eine rote Mütze. Die Tat wird als Terror eingestuft, die Polizei ermittelt in diese Richtung.

Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt spricht mit dem französischen Präsidenten François Hollande, der versichert sie der Solidarität Frankreichs. Schon am Samstagabend besucht Thorning-Schmidt dann den Tatort und sie sagt auch: „Alles deutet darauf hin, dass die Schüsse eine politisch motivierte Attacke darstellen und deswegen ein Akt des Terrorismus sind.“ Die Nacht hat gerade erst begonnen.

Terror ist Dänemark nicht fremd

Auch wenn weder Thorning-Schmidt noch die Polizei sich dazu äußern, ob der Terrorakt islamistisch motiviert ist, so liegt die Vermutung doch schon zu diesem Zeitpunkt nahe. Die islamistische Bedrohung ist den Dänen nicht fremd. In den letzten Jahren wurden immer wieder mutmaßliche Islamisten verhaftet, denen vorgeworfen wurde, Anschläge vorzubereiten. Ein Ziel dieser Anschläge sollte demnach mehrmals die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ sein. Sie hatte 2005 Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht. In der islamischen Welt löste das damals Unruhen aus, mindestens 50 Menschen sollen dabei getötet worden sein. 2008 gab es auch einen Bombenanschlag auf die dänische Botschaft in Islamabad.

Am bekanntesten ist wohl die Karikatur aus der Feder des dänischen Zeichners Kurt Westergaard. Sie zeigt den Propheten mit einer Bombe in seinem Turban. Auch Westergaard war in den vergangenen Jahren Ziel von Anschlägen und Drohungen, einmal drang ein Asylbewerber aus Somalia mit einer Axt in sein Haus ein – Westergaard konnte sich in einen sogenannten Panikraum retten. Ende 2010 wurden dann in Schweden und Dänemark insgesamt vier Männer verhaftet. Sie sollen einen Anschlag auf die „Jyllands-Posten“-Redaktion in Kopenhagen vorbereitet haben. Sie hatten bereits ausreichend Waffen und Munition, um ein Blutbad anzurichten. Die Verdächtigen wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Syrien-Rückkehrer in Aarhus

Erst vor gut zwei Wochen hat das dänische Parlament einem Plan zugestimmt, der Radikalismus in Dänemark bekämpfen soll. 60 Millionen Kronen wurden dafür bewilligt, etwa acht Millionen Euro. Ziel sei es, sagte Justizministerin Mette Frederiksen, dass vor allem junge Menschen gar nicht erst in ein Umfeld geraten sollten, in dem sie sich radikalisieren könnten. Der Plan ist aber auch eine Reaktion darauf, dass bereits etwa hundert Menschen von Dänemark aus in den Dschihad nach Syrien und in den Irak gereist sein sollen. Einige von ihnen sind auch wieder zurückgekommen – der Regierungsplan sieht vor, dass ihnen geholfen werden soll, wieder in der Gesellschaft anzukommen.

Besonders viel Aufsehen hat in dieser Hinsicht die Stadt Aarhus schon in den vergangenen Monaten erregt. Allein im Jahr 2013 sollen von hier aus etwa dreißig Personen in den Krieg in Syrien und dem Irak gezogen sein. Rund die Hälfte soll nun wieder zurück in Dänemark sein. Zu den Heimkehrern sucht die Stadt Kontakt, bietet Gespräche an, Hilfe, einen Mentor bei Bedarf. So soll Schlimmeres verhindert werden. Unumstritten ist das nicht in Dänemark. Aber es ist ein Versuch. Genau wie der Regierungsplan ist es aber auch ein Versuch einzugreifen, lange bevor Gewalt überhaupt entsteht – ein Versuch wohl auch, Parallelwelten zu verhindern.

Zweites Attentat auf jüdische Synagoge

Denn dass offenbar Parallelwelten auch in Dänemark längst entstanden sind, dass die Integration von Einwanderern auch hier mancherorts gescheitert ist, hat spätestens Yahya Hassan offenbart. Kaum volljährig veröffentlichte der in Aarhus geborene Sohn von Einwandern vor gut einem Jahr einen Gedichtband. Es wurde begeistert besprochen, weil er darin schroff eine Welt beschreibt, die so gar nicht nach Dänemark klingt. Eine Welt der Einwandererviertel und Gettos. Er berichtet von Gewalt, Frust und Sozialbetrug, attackiert seine Elterngeneration und verschont auch den Islam nicht. Stets schreibt er in Versalien. In einem Gedicht heißt es: „WIR HATTEN KEINE DÄNISCHEN KANÄLE / WIR HATTEN AL JAZEERA / WIR HATTEN ALARABIYA / WIR HATTEN KEINE PLÄNE / DENN ALLAH HATTE PLÄNE FÜR UNS.“ In Dänemark ist Hassan ein kleiner Literatur-Star.

Als in Kopenhagen die Ministerpräsidentin Thorning-Schmidt am Samstagabend das Kulturcafé besuchte, war der Täter noch auf der Flucht. Kurz nach Mitternacht fallen die nächsten Schüsse. Das Ziel des Attentäters ist diesmal eine Synagoge in der Innenstadt. Etwa 80 Menschen sind dort versammelt, um eine Barmizwa zu feiern. Ein jüdischer Freiwilliger, 37 Jahre alt, der vor der Synagoge wacht, wird in den Kopf getroffen und stirbt. Zwei Polizisten werden verletzt. Wieder kann der Täter fliehen. Er weiß nur nicht, dass er diesmal der Polizei in die Arme läuft. Die hat nämlich eine Ahnung, wohin er will.

Ein Einzeltäter aus Kopenhagen

Aus den Angaben der Polizei und aus Medienberichten geht hervor, dass der Attentäter auf seiner Flucht am Nachmittag den VW Polo irgendwann in der Stadt abstellte. Er nahm sich ein Taxi. Die Polizei konnte mit Hilfe von Videoüberwachung das Taxi ausfindig machen. Der Fahrer führte sie zu einem Gebäude nahe dem Bahnhof „Nörrebro“. Die Polizei observiert das Haus in der Nacht. Kurz vor vier Uhr morgens trifft ein Mann ein. Die Polizei gibt sich zu erkennen, spricht ihn an. Der Mann schießt. Polizisten erschießen ihn. Die Polizei teilt später mit, sie gehe davon aus, dass der Mann der Attentäter war. Und dass er vermutlich ein Einzeltäter war. Er soll aus Kopenhagen kommen, er war den Sicherheitsdiensten bekannt.

Viel mehr über den Attentäter gibt die Polizei zunächst nicht preis. Erst am Abend wird sie konkreter: Der Täter sei 22 Jahre alt gewesen, in Dänemark geboren worden und wegen früherer gewalttätiger Vorfälle und Verstößen gegen das Waffengesetz im Bandenmilieu polizeibekannt gewesen. Bei Durchsuchungen in einem Park und in der Wohnung des Mannes fand die Polizei Kleidungsstücke und eine automatische Waffe, die der Täter beim ersten Anschlag auf ein Café benutzt haben könnte. Technische Untersuchungen sollen das klären.

Der Chef des dänischen Geheimdienstes PET Jens Madsen bekräftigt dann zudem, dass es keine Hinweise auf Komplizen gebe. Auch auf einen Aufenthalt des Mannes als Dschihadist in Syrien oder im Irak gebe es keine Hinweise. Die Polizei durchsuchte mehrere Wohnungen im Stadtteil Nörrebro. Am Nachmittag stürmt sie dort ein Internetcafé, drei Personen nimmt sie nach Agenturangaben fest. Die Meldungen überschlagen sich immer weiter.

Nur wenige Stunden nach dem Tod des Attentäters legt Thorning-Schmidt am Sonntag Blumen vor der Synagoge nieder, sie tritt auch vor die Presse. Sie spricht davon, dass ihr Land Stunden erlebt habe, die es so schnell nicht vergessen werde. „Wir wissen nicht, was die Motive für die Attacken waren, aber wir wissen, dass es Kräfte gibt, die Dänemark schaden wollen, die unsere Meinungsfreiheit und unseren Glauben an Freiheit zerstören wollen.“ Sie sagt auch, es gebe viele Fragen, die die Polizei beantworten müsse. „Aber es gibt eine Antwort, die wir heute schon geben können. Und die lautet, dass wir unsere Demokratie verteidigen werden.“ Auch Königin Margrethe beschwor die Dänen, nach den Terroranschlägen zusammenzuhalten.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Wyssuwa - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHelle Thorning-SchmidtYahya HassanDänemark-ReisenFrankreichIrakSyrienAPCharlie HebdoPolizeiTwitterAnschlagIslamisten