Jerusalem-Beschluss

Ein Schritt zum Tausendjährigen Reich Gottes

Von Andreas Ross, Washington
 - 20:16
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Pastor John Hagee geizte nicht mit Lob, nachdem Donald Trump am Mittwoch mit Jahrzehnten amerikanischer Nahost-Politik gebrochen und Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hatte. Es galt dem Präsidenten, aber auch seiner eigenen Arbeit. Als Vorsitzender der „Vereinigten Christen für Israel“ (CUFI) habe er Trump und Vizepräsident Mike Pence persönlich „während mehrerer Audienzen im Weißen Haus“ zu dem Schritt gedrängt, teilte der Gründer einer evangelikalen Megakirche in der texanischen Stadt San Antonio mit. Außerdem erinnerte Hagee daran, dass 260 führende CUFI-Mitglieder aus 49 Bundesstaaten schon im Januar ein „Fly-in“ in Washington organisiert hätten, um im Kongress und bei der neuen Trump-Regierung für den Umzug der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu werben.

„Jerusalem war das Epizentrum des jüdischen Glaubens, seit König David vor mehr als dreitausend Jahren mit der Bundeslade in die Stadt tanzte“, erklärte der 77 Jahre alte Pastor. 137.000 von insgesamt 3,8 Millionen CUFI-Mitgliedern hätten dem Weißen Haus Mails geschickt, um eine Änderung der amerikanischen Jerusalem-Politik zu fordern. Die beinah einhellige Kritik aus dem Ausland, wonach Trump den Friedensprozess torpediere, wischte Geschäftsführer David Brog weg: „Das größte Hindernis für Frieden war immer der finstere palästinensische Traum, dass sie das jüdische Volk aus Jerusalem und Israel verjagen können. Präsident Trump hilft, diesen finsteren Traum zu zerschmettern.“

Das Weiße Haus hat keine Antwort

Das Weiße Haus hat keine Antwort auf die Frage, warum Trump gerade jetzt „die Zeit gekommen“ sah, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, obwohl der Status und der Grenzverlauf in der Stadt so umstritten sind wie eh und je. Sicher ist, dass ihn der Casino-Unternehmer und wichtige Republikaner-Spender Sheldon Adelson sowie andere jüdische Israel-Unterstützer dazu gedrängt haben. Mindestens so bedeutsam waren die Lobbyisten aus dem evangelikalen Lager – konservative Aktivisten, ohne deren Treue durch alle Wahlkampf-Turbulenzen hindurch Trump heute nicht im Weißen Haus säße.

„Ohne die Evangelikalen wäre es nicht zu dem Beschluss gekommen“, sagte der kalifornische Pastor Johnnie Moore in einem Interview. Er spricht für einen Rat evangelikaler Meinungsführer, die Trump beraten. Es vergehe kaum ein Tag, an dem nicht ein „prominenter christlicher Konservativer“ im Weißen Haus empfangen werde, so Moore. Besonderen Zugang dürfte die Gruppe „Mein Glaube wählt“ genießen, die Trump ebenfalls mit einer Mail-Kampagne an sein Versprechen im Hinblick auf Jerusalem erinnert hat. Denn sie wird vom republikanischen Pastor Mike Huckabee geleitet. Der Baptist war Gouverneur in Arkansas. Seine Tochter Sarah ist Trumps Sprecherin.

Trumps Ernte
Ablehnung, Kritik und Schlimmeres
© BADARNE/EPA-EFE/REX/Shutterstock, reuters

Ungefähr jeder vierte Amerikaner rechnet sich einer evangelikalen Protestantenkirche zu. 82 Prozent dieser Bürger stimmten nach einer Erhebung des Pew Research Center im Jahr 2013 der Aussage zu, dass Israel den Juden von Gott gegeben sei. Unter jüdischen Amerikanern war der Anteil weniger als halb so groß. Die Aussicht, dass im Nahen Osten friedlich eine Zweistaatenlösung herbeigeführt werden könne, schätzten weiße Evangelikale wesentlich skeptischer ein als ihre jüdischen Mitbürger. Wie weit die Israel-Begeisterung im evangelikalen Lager reicht, zeigte auf dem Höhepunkt des Streits um das iranische Atomprogramm vor zwei Jahren eine Umfrage für Bloomberg: Fast sechzig Prozent stimmten zu, dass Amerika Israel selbst dann unterstützen solle, wenn das den eigenen nationalen Interessen zuwiderliefe.

Das hat viel mit politischen Allianzen zu tun – nicht zuletzt mit der verbreiteten Ansicht, dass Israel ein wichtiger Verbündeter gegen einen befürchteten Vormarsch des Islams sei. Es hat aber auch theologische Wurzeln. Viele Puritaner, deren Flucht aus Europa die koloniale Besiedlung der Vereinigten Staaten einleitete, beteten schon vor Jahrhunderten dafür, dass sich das jüdische Volk wieder in Palästina niederlassen könne. In New Haven im heutigen Connecticut baute ein Pastor namens David Austin sogar auf eigene Kosten einen Hafen, damit die Juden dort ihre „Heimreise“ antreten könnten. Denn nach verbreitetem Glauben ist die Wiederentstehung eines jüdischen Reichs im alten Judäa eine Voraussetzung für die Wiederkunft Christi. Eine weitere lautet, dass die Juden den Tempel wiedererrichten – auf dem Jerusalemer Tempelberg, wo heute der islamische Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee stehen. Seit ungefähr zweihundert Jahren herrscht unter amerikanischen Evangelikalen dabei der sogenannte Prämillenarismus vor: der Glaube, dass Jesus nicht am Ende, sondern vor Beginn des Tausendjährigen Reichs auf Erden zurückkehrt.

Die Endzeiterwartungen der Evangelikalen sind dabei auch von vielen weltlichen, geopolitischen Interessen beeinflusst worden. Ein Indiz dafür ist, dass die Regierung des jüdischen Staats Israel die Anhänger des christlichen Zionismus als Verbündete betrachtet. So steht in Jerusalem bisher zwar keine Botschaft eines souveränen Staates, seit 1980 aber die „Internationale Christliche Botschaft Jerusalem“. In den Vereinigten Staaten ziehen einflussreiche Fernsehprediger seit Jahrzehnten Lehren für die Politik. So sagte Jerry Falwell 1981: „Die Geschichte und die Heilige Schrift beweisen, dass Gott Nationen danach beurteilt, wie sie Israel behandeln.“ Der Sohn des verstorbenen Predigers, Jerry Falwell junior, zählt als Präsident der christlichen „Liberty University“ in Virginia zu Trumps prominentesten Fürsprechern.

Viele Millionen Amerikaner haben in der Sonntagsschule also gelernt, dass ein souveränes, jüdisches Israel nötig sei, damit sich die Prophezeiung der Johannes-Offenbarung erfülle. Damit hätte das „von Gott auserwählte“ Volk der Juden seine Pflicht dann freilich erfüllt: Es würde Christus als seinen Messias anerkennen. Schon deshalb haben sich die größten nichtevangelikalen Protestantenkirchen sowie etliche evangelikale Gemeinden von der politischen Instrumentalisierung dieser Lehre distanziert. Ihrer Meinung nach schade sie der Versöhnung im Nahen Osten, weil sie eine utilitaristische Sicht auf das Judentum verbreite und dem Islam einen noch niedrigeren Rang zuweise. Gerade viele jüngere Christen in Amerika fordern eine Aussöhnung mit den Palästinensern. Doch wie auch sonst in der Politik haben die extremeren Stimmen überproportionales Gewicht: Je größer die Begeisterung oder der Furor, desto größer die Bereitschaft, Geld und Zeit in Wahlkämpfen und Lobbykampagnen zu investieren. Davon profitieren Gruppen wie die von John Hagee oder Mike Huckabee – und damit Donald Trump.

Freilich lesen selbst im „Bibelgürtel“ die meisten Leute nicht täglich in der Heiligen Schrift. Dafür verkaufen sich die Romane der Serie „Left Behind“ – im Deutschen „Finale“ – besonders gut. Die Autoren Tim LaHaye und Jerry Jenkins haben 16 Bände verfasst. Sie verbreiten im Volk evangelikale Endzeiterwartungen. Der Plot beginnt in einem Verkehrsflugzeug, aus dem mitten im Flug Dutzende Menschen verschwinden. Es sind gläubige Christen, die in den Himmel entrücken – das ersehnte Ende der Welt ist gekommen. Doch der Antichrist macht sich immer mehr Erdenbürger untertan. Alles läuft auf die vom Evangelisten Johannes verheißene Schlacht um Harmagedon zu: Der Antichrist befehligt alle Armeen der Welt zur Attacke auf die letzten verbliebenen Christen und Juden, die sich in Israel versammelt haben. Da greift Christus ein und zerstört die Invasionsarmee. Es gibt Videospiele und Filme zu der Serie, unter anderem mit dem populären Schauspieler Nicholas Cage. Viele Religionsführer lehnen die Deutung und/oder die Trivialisierung des Stoffs ab. Jerry Falwell aber sagte über den ersten Band: „Abgesehen von der Bibel hat wohl kein Buch der Neuzeit größeren Einfluss auf das Christentum ausgeübt.“

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Amerikas Evangelikale wissen, dass sie in Trump keinem der Ihren ins Amt verholfen haben. Doch aus Dank für ihre Loyalität lässt der Präsident sie nun mitreden, etwa wenn er Richter ernennt. Robert Jeffress, Chefpastor der mächtigen „First Baptist Church“ in Dallas, huldigt Trump sogar, indem er seinen Chor ein Lied mit dem Refrain „Make America Great Again“ singen lässt. Am Mittwoch bestätigte Jeffress, dass die „Gemeinschaft der Gläubigen“ die Regierung seit Monaten bedrängt habe, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen. „Aber in Wahrheit mussten wir ihn gar nicht überzeugen“, fügte Jeffress hinzu. „Denn das war ein Wahlversprechen, das Präsident Trump selbst unbedingt einhalten wollte.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ross, Andreas (anr.)
Andreas Ross
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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