Clintons neues Buch

Bekenntnisse einer Verliererin

Von Andreas Ross
 - 17:48

„Ich hätte eine verdammt gute Präsidentin abgeben.“ Es sind Sätze wie dieser, mit denen Hillary Clinton in ihrem Buch das Versprechen neuer Ungeschütztheit erfüllt. In der auf fast 500 Seiten mit reichlich privaten und anderen Nichtigkeiten aufgemischten Wahlanalyse bekennt die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin zunächst das Bekannte: „Oft hatte ich das Gefühl, in der Öffentlichkeit vorsichtig sein zu müssen, als liefe ich ohne Netz über ein Drahtseil.“ Endlich lege sie diese Vorsicht ab, gelobt Clinton.

Zu erhellenden Selbstauskünften über Unzulänglichkeiten und taktische Fehler führt das kaum. Vor allem erklärt sich die Demokratin selbst zum Opfer. „Ich trat ja nicht nur gegen Donald Trump an. Ich bekam es mit dem russischen Geheimdienstapparat, einem fehlgeleiteten FBI-Direktor und dann auch noch mit dem gottverlassenen ,Electoral College‘ zu tun.“ Jenseits der russischen Einflusskampagne, James Comey und eines Wahlrechts, das eine satte Stimmenmehrheit in eine klare Niederlage im Wahlmänner-Gremium übersetzte, beschwert sich Clinton über ihren Vorwahlrivalen Bernie Sanders, die Medien, eine sexistische Gesellschaft – und über die 62985106 Amerikaner, die für Donald Trump stimmten. Zwar bedauert Clinton, dass sie dem Republikaner eine Vorlage gab, indem sie die Hälfte seiner Anhänger als „beklagenswert“ abtat. Doch sie hält fest: „Zu viele von Trumps Unterstützern vertreten Ansichten, die ich – es gibt kein besseres Wort – beklagenswert finde.“ Umgekehrt adelt Clinton ihre eigenen 65.844.610 Wähler zum „Beweis dafür, dass die Hässlichkeit von 2016 unser Land nicht definiert.“

Kommt nicht über die E-Mail-Affäre hinweg

Clinton kommt nicht über die E-Mail-Affäre hinweg. Als Außenministerin hatte sie elektronisch nur über einen privaten Server kommuniziert. „Das war ein dämlicher Fehler. Aber ein noch dämlicherer ,Skandal‘“, resümiert Clinton. Nicht ohne Anlass beschreibt sie sich als Opfer einer jahrzehntelangen rechten Kampagne sowie eines Kleinkriegs zwischen Bundesbehörden über die Frage, was als vertraulich einzustufen sei. Doch ihr verschwörungstheoretisch angehauchter Vorwurf, dass „sich die Medien entschieden haben, die Kontoverse über meine E-Mails als eine der größten Politik-Storys seit dem Zweiten Weltkrieg darzustellen“, ist überzogen.

Clinton rührt zwar in einer echten Wunde, wenn sie beklagt, dass keine Trump-Affäre mit der gleichen Ausdauer aufgearbeitet wurde. Die amerikanische Presse wurde von Trump genauso überrollt wie Clintons Kampagne. Kaum hatten sich Reporter etwa in Trumps fragwürdige Stiftung vertieft, machte er neue Negativschlagzeilen. Das Streben nach ausgewogener Berichterstattung schlug merkwürdige Blüten in einem Duell, in dem Trump viel größere Angriffsflächen offenbarte. Doch Clinton übersieht, dass die Medien nicht etwa ihre E-Mails, sondern Trump zum größten Thema des Wahlkampfs machten. Gern nimmt sie das Wort des linken Journalisten Jonathan Chait auf, der den Medien nicht nur eine „Normalisierung von Trump“, sondern eine „Abnormalisierung von Clinton“ vorwarf.

Dem Leser wird viel abverlangt

Clinton verlangt dem Leser auch einiges ab, wenn sie den Vorwurf mangelnder Authentizität zu großem Teil auf ihr Geschlecht schiebt. Dennoch ist das erfahrungsgesättigte Kapitel über „Frauen in der Politik“ lesenswert. Clinton will im Wahlkampf fast 600 Stunden oder 25 Tage nur mit Makeup und Haarstyling verbracht haben. Auch ein Stimmtrainer fand keinen Weg, wie sie einer jubelnden Menge gegenübertreten konnte, ohne „schrill“ zu klingen.

Mit weiblichen Stärken bei der Beziehungspflege erklärt Clinton, dass Frauen in parlamentarischen Systemen weitergekommen seien als in Amerika, wo im Wahlkampf Dominanz gefragt sei. In einer Fernsehdebatte führte Trump seine Dominanz vor, in dem er Clinton in den Nacken atmete. Bis heute frage sie sich, ob sie damals hätte sagen sollen: „Geh weg, du Widerling“, schreibt Clinton. Sie tat es nicht, und genau einen Monat später musste sie ihm zum Sieg gratulieren. Der Anruf sei „bizarr normal“ verlaufen, „wie wenn man einem Nachbarn Bescheid sagt, dass man es nicht zu seinem Grillfest schafft“.

Buch kommt in der Demokratischen Partei schlecht an

Clintons Buch ist voller „Bekenntnisse“: Wie sie nach der Niederlage in ihr Kissen weinte, Weißwein trank oder besessen in Wandschränken aufräumte. Doch Wucht entfaltet das Buch vor allem im Kapitel über Russlands Manipulationen – jedenfalls dann, wenn Clinton sich nicht gerade als eine Art Superheldin im Kampf gegen Wladimir Putin inszeniert. Auf wenige Seiten kondensiert, liest sich schockierend, wie die forcierte politische Polarisierung die amerikanische Demokratie verwundbar machte für eine beispiellose Desinformations- und Cyberkampagne des Kremls. Im Zuge der Ermittlungen über etwaige Absprachen zwischen Moskau und der Trump-Kampagne droht unterzugehen, wie einschneidend diese Intervention auch dann war, wenn sie ohne Zutun des heutigen Präsidenten orchestriert worden sein sollte. „Es gibt kein anderes Wort: Das war ein Krieg“, schreibt Clinton.

In der Demokratischen Partei kommt schlecht an, dass Clinton sich den Frust des Vorwahlkampfs noch einmal von der Seele schrieb und Sanders noch einmal für „unerfüllbare“ Versprechungen rügte. Clinton rühmt alle paar Seiten ihre ausgefeilten und angeblich realistischen Reformvorhaben. Doch am Ende springt sie über ihren Schatten. Sie habe jetzt eine „neue Wertschätzung“ für die „Kraft großer, einfacher Ideen“. Und sie rät, auf Ideen zu setzen, die allen Amerikanern hülfen. Fast entschuldigend erwähnt Clinton, dass sie nach Obamas Methode eine bunte Koalition zu schmieden hatte. Doch nirgends wirkt ihr Bedauern aufrichtiger als da, wo sie ihr Versagen beschreibt, „den Ängsten und Sorgen“ von Bergleuten und anderen weißen Arbeitern Ausdruck zu verleihen. „Wir brauchen radikale Empathie“, folgert Clinton. Das allerdings richte sich nicht nur an gebildete Großstadtbewohner an der Ost- und Westküste, sondern auch an die „beklagenswerten“ Unterstützer Donald Trumps.

Hillary Rodham Clinton: What Happened

Hillary Rodham Clinton: What Happened. Verlag Simon & Schuster, New York 2017. 494 Seiten

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ross, Andreas (anr.)
Andreas Ross
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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