Preisexplosion

Chinas völlig verrückter Häuserboom

Von Petra Kolonko
 - 22:43

Der Angestellte aus Peking ist Mitglied der Kommunistischen Partei und kommt nicht so leicht ins Schwanken. Wer ihn nach der chinesischen Politik fragt, der bekommt die Parteilinie wiedergegeben: Alles geht aufwärts mit China unter Xi Jinping, das Land ist stabil, das Land hat einen starken Führer. Aber ein Thema gibt es doch, das den Optimismus des Mannes kurz zum Wackeln bringt: Was passiert eigentlich, wenn der Immobilienmarkt einbricht?

Der 33 Jahre alte Angestellte hat Grund, sich über diese Frage Gedanken zu machen. Als er vor drei Jahren geheiratet hat, wollte er sich zusammen mit seiner Frau eine Wohnung in Peking kaufen. Doch für ein junges Paar sind die Immobilienpreise in der Hauptstadt exorbitant. Eine Hundert-Quadratmeter-Wohnung zwischen der dritten und der vierten Ringstraße war für unter 700.000 Euro nicht zu haben.

Hohe Belastung für Käufer

Das Paar verdient gemeinsam etwa 5000 Euro im Monat und hatte nicht genügend Ersparnisse für die geforderte Anzahlung für den Wohnungskredit. Also beschlossen die Familien der beiden, den jungen Leuten unter die Arme zu greifen. Eltern und Schwiegereltern investierten ihre Ersparnisse und verkauften eine Wohnung in ihrer Heimatstadt in der Provinz, um bei der Anzahlung zu helfen.

Jetzt zahlt Zhang Lei monatlich etwa 1200 Euro ab, und der Rest des Gehaltes muss reichen für Lebenskosten und die Ausgaben für den kleinen Sohn, dessen Kindergartenbesuch allein 500 Euro im Monat verschlingt. Zhang Lei klagt über die hohe Belastung, doch kann er sich damit trösten, dass der Wert seiner Wohnung in den vergangenen zwei Jahren um ein knappes Drittel gestiegen ist. Es war eine gute Investition.

Seit der Privatisierung der Wohnungen vor zwanzig Jahren sind die Preise stetig gestiegen. Wer vor einem oder zwei Jahrzehnten eine Wohnung erworben hat, kann sich heute über ein gutes Geschäft freuen. Die Immobilienpreise in chinesischen Städten, besonders aber in den Metropolen wie Peking, Schanghai und Tianjin sind teilweise höher als in Europa und in den Vereinigten Staaten. In diesem Sommer lagen die durchschnittlichen Quadratmeterpreise in Peking und Schanghai bei etwa 11.000 Euro, in New York bei 9900 Euro. Allein letztes Jahr stiegen die Wohnungspreise in Peking und Schanghai um jeweils ein knappes Drittel. Wer jetzt noch dabei sein will, der muss tief in die Tasche greifen. Aber trotz hoher Preise wird weiter gekauft.

Für viele Chinesen ist die Investition in eine Wohnung die einzig sichere Geldanlage. Wer das erforderliche Eigenkapital zusammenbekommt und kreditwürdig ist, wird jederzeit einen Wohnungskauf der Miete vorziehen. Denn bislang kannte die Entwicklung der Immobilienpreise nur eine Richtung: nach oben.

Auch die Journalistin Yang Yang, die aus der Provinz Sichuan kommt und in Peking arbeitet, hat es deswegen eilig, eine Wohnung zu kaufen. Bald könnte alles noch teurer werden. Ihre Eltern haben eine Wohnung in der Provinz Sichuan verkauft, wo die Preise noch niedriger sind. Mit dem Erlös kauft sie in der Pekinger Vorstadt Tongzhou, etwa 45 Fahrminuten von Peking entfernt, ein kleines Appartement. Wenn der Preis dieser Wohnung dann gestiegen ist, will sie verkaufen und eine andere weiter in der Nähe des Stadtzentrums kaufen. So machen es viele junge Leute, sagt die Maklerin Xue Wenjing: Man kauft am Stadtrand und verkauft dann wieder, um sich allmählich dem Zentrum zu nähern. Alle Käufer rechnen fest damit, dass die Preise weiter steigen.

Verwandte müssen beim Kredit aushelfen

Da Jüngere das vorgeschriebene Eigenkapital oft nicht aufbringen können, ist es üblich, dass Verwandte zusammenlegen. Der Wohnungskauf gilt als eine Familieninvestition. Fast alle jungen Erwachsenen sind Einzelkinder. Das macht es einfacher für die Eltern, dem einzigen Kind die nötigen Mittel aufzubringen.

Ein großer Teil des privaten Wohlstandes, der in der Volksrepublik China in den vergangenen Jahren entstanden ist, stammt aus dem Immobilienboom. Außer Großinvestoren hat die neue städtische Mittelklasse davon profitiert. Die Regierung hat jetzt aber die Bremse gezogen und im vergangenen Jahr etliche Vorschriften erlassen, die den Markt abkühlen und den schnellen Verkauf von Wohnungen erschweren sollen. Es wurde eine Verkaufssteuer eingeführt und das erforderliche Eigenkapital erhöht.

Die digitale F.A.Z. PLUS
Die digitale F.A.Z. PLUS

Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

Mehr erfahren

Parteichef Xi Jinping sprach das Thema selbst in seiner Grundsatzrede vor dem 19. Parteikongress an. „Wohnungen sind zum Wohnen und nicht zum Spekulieren da“, sagte er, und dazu erhob sich bei den 3000 Delegierten der Kommunistischen Partei spontaner Beifall. Ganz China grübelte daraufhin, was der Parteichef damit gemeint haben könnte. Wollte er andeuten, dass die Regierung noch weitere Maßnahmen ergreifen wird, um den Immobilienmarkt abzukühlen? Oder richtete sich Xi Jinpings Aussage nur gegen Investoren und Spekulanten, die im großen Stil Wohnungen verschieben? Auch war nicht ganz klar, warum die Delegierten der Partei diesem Satz Xi Jinpings Beifall zollten. Zwar schimpfen alle in China über die hohen Immobilienpreise, doch wer im Markt ist, profitiert von den steigenden Preisen, und man kann davon ausgehen, dass gerade die Delegierten der Partei zu denen gehören, die Wohnungen besitzen.

Wanderarbeiter vom Immobilienboom ausgeschlossen

Ausgeschlossen vom Verdienst im Immobilienboom sind allerdings diejenigen, deren Familien noch kein Wohneigentum haben. Für junge Wanderarbeiter bäuerlicher Herkunft in den Städten, die selten mehr als umgerechnet 600 Euro im Monat verdienen, ist der Traum von einer Wohnung in der Stadt unerfüllbar. Zum einen gibt es administrative Beschränkungen für die Auswärtigen, die einen Wohnungskauf in den Metropolen schwermachen. Der Acker zu Hause kann nicht verkauft werden, weil dem Staat das Land gehört und die Bauern nur Pächter sind. Wenn aber Ackerland für Bauprojekte beschlagnahmt wird, wie überall in China in den vergangenen zwei Jahrzehnten, erhalten die Bauern meist nur eine kleine Entschädigung. Die reicht nicht aus, eine Wohnung zu kaufen, auf keinen Fall eine in der Großstadt. Und die Großstädte sind wiederum Ziel der Wanderarbeiter, weil es dort mehr Arbeit gibt. Trotzdem gibt es auch Wanderarbeiter, die sich krummlegen, um irgendwo zwei Stunden von Peking entfernt eine kleine Wohnung in einer Satellitenstadt zu kaufen.

Man spricht schon von einer neuen Zwei-Klassen-Gesellschaft: Immobilienbesitzer und Immobilienbesitzlose. Die chinesische Regierung weiß zugleich, dass die Preissteigerungen im Immobilienmarkt und der Wohlstand, den sie bringen, eine wichtige Stütze ihrer Herrschaft sind – besonders in der städtischen Mittelschicht. Die Käufer glauben, dass die Regierung es nicht zulassen wird, dass die Immobilienblase platzt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kolonko, Petra (P.K.)
Petra Kolonko
Politische Korrespondentin für Ostasien.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenChinaPekingXi JinpingImmobilienpreisImmobilienmarktShanghai