Israel und Ägypten

Ein Land zäunt sich ein

Von Hans-Christian Rößler, Ein Netafim
 - 17:30

Aschgrau sind die Spuren, die der brennende Bus im Straßengraben hinterlassen hat. Auch der heftige Regen in den Wintermonaten konnte die Erinnerung an den 18. August des vergangenen Jahres nicht wegspülen. Nördlich von Eilat griff an diesem heißen Sommertag ein Terrorkommando mehrere israelische Fahrzeuge an und tötete acht Menschen. Die Israelis wollten zum Baden ans Rote Meer und waren auf der Landstraße 12 unterwegs, die sich dort durch die schroffe Felslandschaft schlängelt. Ein paar Meter westlich liegt Ägypten.

„Das ist jetzt auch eine heiße Grenze“, sagt Yoav Tilan und zeigt hinüber auf die Weiten der Sinai-Halbinsel. Die Soldaten des israelischen Oberstleutnants mit der Maschinenpistole an der Schulter bewachen seit dem vergangenen August nicht nur den südlichsten Abschnitt der knapp 240 Kilometer langen Grenze. Sie sichern zugleich eine der größten Baustellen des Landes. Mitten in der bisher fast unberührten Wüste errichten Arbeiter einen fünf Meter hohen Zaun.

Auf einmal spielte Geld keine große Rolle mehr

Ein Jahr nach dem Sturz von Präsident Mubarak im Nachbarland Ägypten und gut ein halbes Jahr nach den Anschlägen bei Ein Netafim ist das Ungetüm aus verzinktem Stahl schon mehr als hundert Kilometer lang. Jeden Tag wächst es um bis zu 800 Meter. Ganz oben auf dem Zaun spiegelt sich das Sonnenlicht im messerscharfen Nato-Draht. Ende 2012 soll er von den Bergen hinter Eilat am Roten Meer bis fast ans Mittelmeer an der Grenze zum Gazastreifen führen.

Noch bis vor einigen Jahren reichte der hüfthohe Zaun aus, der an der Baustelle bei Ein Netafim vor sich hin rostet. Für Ruhe auf dem Sinai sorgten auf der anderen Seite der Grenze Präsident Mubarak und die ägyptische Armee. Doch dann hatten die Sicherheitskräfte auf einmal auf dem Tahrir-Platz in Kairo alle Hände voll zu tun. Jetzt kümmern sie sich weniger um die Sinai-Halbinsel. Der ägyptischen Armee war es aber auch zuvor schon schwergefallen, die bergige Wüste zu kontrollieren, in der immer mehr Terroristen ihre Zelte aufschlugen. Israelische Militärs loben zwar bis heute ihre ägyptischen Kollegen. Aber der Sold der Soldaten ist niedrig, viele wurden angeblich zur Strafe auf den Sinai versetzt. So schauen sie von den Wachtürmen an der Grenze oft nur hilflos dem Treiben der Schmuggler und Dschihadisten zu.

Im Jahr 2011 entführten im Februar Beduinen 17 ägyptische Grenzsoldaten, im März belagerten sie tagelang einen UN-Stützpunkt. Aber erst die Anschlagsserie in der Mittagshitze des 18. August führte in Israel dazu, dass die Regierung mit ihren Plänen für einen Zaun Ernst machte. Auf einmal spielte Geld keine große Rolle mehr. Offiziell ist von Kosten in Höhe von 1,3 Milliarden Schekel die Rede. Das entspräche 265 Millionen Euro. Israelische Politiker befürchten, dass der neue Terrorschutz am Ende sogar mehr als eine Milliarde Euro kosten wird.

Ein Element einer größeren Strategie

Im israelischen Verteidigungsministerium gab man dem Zaun-Projekt den Namen „Stundenglas“. Warum, kann auch in Tel Aviv niemand sagen. Der Name soll vielleicht andeuten, dass die Zeit für alle unerwünschten Eindringlinge abläuft. Mehr als 60.000 Menschen schmuggelten Beduinen aus dem Sinai in den vergangenen fünf Jahren über die Grenze. Zuletzt waren es jeden Monat bis zu 3000. Die Schmuggler hatten nicht nur Flüchtlinge und Arbeitssuchende aus Sudan und Eritrea dabei, sondern auch Rauschgift, Waffen und schließlich Terroristen. Ist das Bauwerk fertig, wird Israel auf seiner Landseite vollständig von hohen Zäunen und Mauern umgeben sein.

Der Zaun am Sinai wird „stumm“ sein. Anders als die Sperranlage zum Westjordanland löst er nicht automatisch Alarm aus, wenn sich Menschen daran zu schaffen machen. „Aber wir haben ausgezeichnete andere Aufklärungsmöglichkeiten“, sagt Oberstleutnant Tilan vieldeutig. Die israelische Presse schreibt über Radartechnologie entlang der Absperrung. Der Zaun sei „nur ein Element“ einer größeren Strategie, die Anschläge wie im August 2011 verhindern solle, sagt Tilan. Er soll Eindringlinge lange genug aufhalten, bis die Soldaten kommen.

Spuren werden mit Laubbläsern verwischt

Schmuggler haben angeblich schon einmal mit einer Flex getestet, wie hartnäckig Stahl und Maschendraht des Zauns sind. „Sie werden Wege finden, die Barriere zu überwinden, weil sich mit dem Schmuggeln einfach zu viel Geld verdienen lässt. Das Problem wird deshalb weiterbestehen“, sagte der frühere israelische Sicherheitsminister Avi Dichter in einem Interview. Im Süden Israels spricht man von einer regelrechten „Schmuggelindustrie“, die sich den neuen Herausforderungen anpassen wird: Den etwa 400.000 Beduinen auf dem Sinai bleibe kaum eine andere Einnahmequelle. Sie könnten daher nicht nur mit neuen Ideen, sondern auch „mit mehr Gewalt“ auf die bald wachsenden Sperren reagieren, befürchten Militärs.

Die Spurenleser der israelischen Armee kennen den Erfindungsreichtum der Schmuggler aus eigener Erfahrung. Sie kommen selbst aus Beduinenfamilien und sind von klein auf mit der Wüste vertraut wie wenige andere Israelis. Früher mussten sie dort verlorene Schafe anhand ihrer Spuren finden. Heute suchen sie Tag und Nacht auf den kilometerlangen planierten Sandpisten entlang der Grenze nach Hinweisen auf illegale Eindringlinge.

Oberstleutnant Fellah al Hajeb hat schon eine Menge gesehen. Seit jeher verwischen Schmuggler mit der Kefije, dem arabischen Kopftuch für Männer, im Sand die Spuren von Menschen und Tieren. Mittlerweile setzten manche sogar batteriebetriebene Laubbläser ein. In Hajebs Fundus gibt es Sandalen mit Schaffell an den Sohlen oder Modelle, deren Sohlen verkehrt herum angebracht sind, damit die Fährtenleser glauben, jemand sei von Israel nach Ägypten gegangen. „Doch uns führt das nicht in die Irre. Wir wissen natürlich, wie Menschen beim Laufen ihre Füße abrollen und wo sie zuerst auftreten“, erläutert der Beduinen-Kommandeur schmunzelnd.

Ist auch der Zaun fertig, wartet neue Arbeit auf die Arbeiter

Die Terroristen hatte aber auch die Truppe von Oberstleutnant Hajeb im August nicht rechtzeitig ausfindig machen können. Israelische Geheimdienstler warnen, dass neue Terrorzellen auf dem Sinai weitere Angriffe auf Israelis vorbereiten. Immer wieder entdecken Soldaten Sprengsätze, die Schmuggler auf der Flucht vor der Armee zurückließen. Sie wollten die Bomben offenbar für einen Anschlag nach Israel bringen. Terrorgruppen wie die Volkswiderstandskomitees und der Islamische Dschihad aus dem Gazastreifen haben nach israelischen Erkenntnissen ebenfalls einen Teil ihrer Aktivitäten auf die ägyptische Sinai-Halbinsel verlagert. Anders als in Gaza kann die israelische Luftwaffe dort nicht angreifen. Munition und Sprengstoff, die die Terroristen im August verwendeten, stammten nach israelischen Angaben aus Gaza.

Bis heute ist es israelischen Ermittlern nicht gelungen, die getöteten Angreifer zu identifizieren. Man weiß immer noch nicht, ob es Palästinenser, Beduinen oder Ägypter sind. Regierung und Armee hatten allerdings sofort die palästinensischen Volkswiderstandskomitees bezichtigt. Am 11. März tötete die israelische Luftwaffe dann in Gaza-Stadt Suheir al Kaisi. Der neue Anführer der Volkswiderstandskomitees sei einer der Drahtzieher der Anschlagsserie am 18. August gewesen und habe ein neues Attentat auf dem Sinai vorbereitet, teilte die Armee mit.

Neue Gefahren drohen auch an anderen Grenzen, die bis vor kurzem ebenfalls ruhig waren. Kurzfristig mussten die Zaun-Bauer aus dem Sinai schon auf dem Golan aushelfen, nachdem im Mai 2011 Demonstranten aus Syrien dort die Grenze zu Israel überrannt hatten. Ist auch der Zaun auf der Sinai-Halbinsel fertig, wartet neue Arbeit auf die Arbeiter: Im Jordantal soll die Grenze zu Jordanien besser befestigt werden. Nur auf Zäune will man sich in Israel allerdings auch nicht verlassen. Für umgerechnet etwa 40 Millionen Euro stellen Bauarbeiter gerade in der Negev-Wüste ein gefängnisartiges Internierungslager fertig. In Saharonim ist dann Platz für bis zu 11.000 Flüchtlinge und andere Migranten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian (hcr.)
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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