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Geflohene Journalistin

Israel und die iranischen Dissidenten

Von Jonathan Raspe
 - 18:10
Die iranische Journalistin Neda Amin am Donnerstag in Jerusalem Bild: dpa, FAZ.NET

Größer hätte der Kontrast nicht ausfallen können. Trotz massiver internationaler Proteste wurde in Iran am Donnerstag ein junger Mann hingerichtet, der zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Taten erst fünfzehn Jahre alt war. Am selben Tag landete die iranische Bloggerin und Journalistin Neda Amin auf dem Flughafen Tel Aviv. Ausgerechnet in Israel fand die 33 Jahre alte Frau Zuflucht, ausgerechnet in dem Land, das die Machthaber ihrer Heimat seit Jahrzehnten mit üblen Beschimpfungen überziehen, dessen Vernichtung sie fordern. In Iran hätten ihr Folter, Vergewaltigung und die Todesstrafe gedroht, sagt Amin – weil sie für Israelis gearbeitet hatte.

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Amins Geschichte, erzählt vom israelischen Journalisten Raphael Ahren, klingt in der Tat wie ein Krimi. Als Dissidentin hatte die junge Frau ihre iranische Heimat 2014 verlassen müssen und war in die Türkei geflohen. Von dort aus berichtete sie weiter kritisch über das Regime in Teheran. Schlimmer noch: Amin schrieb Beiträge für das israelische Nachrichtenportal „The Times of Israel“. Bald geriet sie ins Visier der türkischen Behörden, die sie der Spionage für Israel verdächtigten. Wiederholt wurde Amin von der türkischen Polizei verhört.

Moralische Verpflichtung, der Journalistin zu helfen

Schließlich gaben ihr die Behörden zu verstehen, dass man sie wohl trotz ihres Flüchtlingsstatus' in ihre Heimat ausliefern werde. In der Türkei, das stand für Amin fest, war sie nicht mehr sicher. Nachdem sie von diplomatischen Vertretungen anderer Staaten nur schwammige Zusagen erhalten hatte, kontaktierte sie ihren alten Arbeitgeber – die „Times of Israel“. „Wir waren ihr letzter Ausweg“, sagt Ahren. Das war vor zwei Wochen. Nun ging alles ganz schnell. Am Sonntag gab das israelische Innenministerium einer Bitte des nationalen Journalistenverbandes statt, die Frau einreisen zu lassen. Vier Tage später war Amin bereits in Tel Aviv, wo sie der Herausgeber der „Times of Israel“, David Horovitz, in Empfang nahm.

In der Redaktion des Nachrichtenportals habe man Amin zunächst gar nicht gekannt, sagt Ahren, schließlich sei die Frau nur freie Mitarbeiterin bei der persischsprachigen Ausgabe der Zeitung gewesen. Doch Herausgeber Horovitz habe sich moralisch dazu verpflichtet gefühlt, Amin zu helfen, und keine Sekunde geruht, ehe die Journalistin sicher in Israel war. Schließlich, schrieb Horovitz am Donnerstag, hätten der Staat Israel und insbesondere die „Times of Israel“ ein Stück weit zu Amins Misslage beigetragen.

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In einer eilig improvisierten Presserunde saß Neda Amin nun am Donnerstag in Jerusalem da. Schüchtern, aber doch lächelnd sagte sie auf Nachfrage in gebrochenem Englisch, sie sei sehr froh, hier zu sein. Und weiter: Israel sei ihr Land, hier sei sie nun in Sicherheit. Horovitz ist vollen Lobes für die israelischen Behörden, die in dem Fall „weit mehr getan“ hätten, als zu erwarten gewesen sei.

Iranische Aktivisten sind immer willkommen

Tatsächlich kommen die positiven Schlagzeilen für Israel zu einer Zeit, in der die Regierung sowohl daheim als auch international unter Druck steht. Die jüngsten Ausschreitungen am Tempelberg haben Israels Position in der Region geschwächt, die Beziehungen zum wichtigen Partner Jordanien befinden sich auf einem Tiefpunkt, nachdem Amman Mordanklage gegen einen Wachmann der israelischen Botschaft erhoben hat. Zudem wurde in der vergangenen Woche bekannt, dass die israelische Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wegen Korruption aufgenommen hat.

Die Geschichte der iranischen Journalistin, die auf der Flucht vor den Schergen Teherans in Israel ihr ganz persönliches Gelobtes Land fand, rückt Jerusalem dagegen in ein besseres Licht. „The Times of Israel“ ist kein gewöhnliches Nachrichtenportal. Vom gebürtigen Briten Horovitz vor fünf Jahren gegründet, existieren inzwischen neben den englisch- und persischsprachigen Versionen auch Ausgaben auf Arabisch, Chinesisch und Französisch. Obwohl ein rein privates Unternehmen, ist das Portal in seiner internationalen Ausrichtung am ehesten mit der „Deutschen Welle“ oder dem russischsprachigen Mediennetzwerk „Russia Today“ zu vergleichen, deren staatlicher Auftrag in erster Linie die Förderung des eigenen Ansehens im Ausland ist.

Vor anderthalb Jahren sorgte bereits ein ähnlicher Fall für Aufsehen. Der iranische Schriftsteller und Aktivist Payam Feili, der sich in seiner Heimat wegen seiner Homosexualität seines Lebens nicht mehr sicher war, fand ebenfalls in Israel Zuflucht. Höchste israelische Stellen bis hinauf in das Regierungskabinett setzten sich für den Aktivisten ein, dessen zunächst dreimonatiges Visum verlängert wurde, bis über sein Asylgesuch entschieden wird. In Israel gab Feili der internationalen Presse Interviews, in der er sein Gastland überschwänglich lobte. Kritiker warfen der israelischen Regierung daraufhin vor, den jungen Mann im Konflikt mit Iran zu Propagandazwecken zu missbrauchen.

Gut gegen Böse

Aus Sichtweise Jerusalems belegen Fälle wie Feili und Amin die israelische Selbstdarstellung als einzige Demokratie im Nahen Osten. Insbesondere das Thema Homosexualität nimmt dabei oft die Rolle einer Trumpfkarte ein. Im Gegensatz zu allen umliegenden muslimisch dominierten Staaten ist Homosexualität in Israel nicht nur legal, sondern auch gesellschaftlich auf breiter Basis akzeptiert. In der israelischen Armee dürfen Transsexuelle offen dienen, die weltliche Metropole Tel Aviv gilt als Mekka für Schwulen und Lesben. Während in Europa die Kritik am israelischen Siedlungsbau steigt, setzen Regierungsvertreter im Ausland darum gerne auf die florierende Homosexuellenszene des Landes. Von Menschenrechtsorganisationen wird dies als „Pinkwashing“ kritisiert – als Versuch, Israel durch den Verweis auf Homosexuellenrechte vom Vorwurf der Verletzung der Menschenrechte gegenüber Palästinensern reinzuwaschen.

Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Regime in Teheran bemüht sich Israel seit Jahren darum, vor der Weltöffentlichkeit die Deutungshoheit zu behalten. Das iranische Atomabkommen, gegen das Netanjahu so lange vergeblich angekämpft hat, ist immer noch in Kraft. Teheran nutzt die Bühne, um sich als verlässlicher Vertragspartner zu zeigen. Es ist daher gewiss kein Zufall, dass Jerusalem mit Feili und Amin ausgerechnet zwei Iranern Zuflucht gewährt. Die Liste von Aktivisten, die in den sunnitisch-arabischen Staaten der Region wegen ihres Einsatzes für Menschenrechte verfolgt werden, wäre lang genug. Doch im Atomstreit mit Iran stehen diese Länder auf Israels Seite.

Einmal allerdings ging das israelische Werben um iranische Menschenrechtler nach hinten los. In einem Interview, das Netanjahu 2013 der persischsprachigen Ausgabe der BBC gab, bekundete der Ministerpräsident, sich um die iranische Bevölkerung zu sorgen, die keine Jeans tragen und keine westliche Musik hören dürfe. Beides ist allerdings in Iran weit verbreitet – entsprechend spöttisch wurden Netanjahus wohlgemeinte Äußerungen dort auch aufgenommen.

Quelle: FAZ.NET
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