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Neuseelands Jacinda Ardern

Sind jüngere Frauen die besseren Regierungschefs?

Von Till Fähnders
 - 13:50
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Nicht nur deutsche Journalisten haben manchmal Probleme mit der Aussprache englischer Namen. Auch ein Radioreporter des australischen Senders ABC war sich nicht ganz sicher, wie der Familienname von Jacinda Ardern, die kurz danach Ministerpräsidentin von Neuseeland werden sollte, richtig lautet. Um keinen Fehler zu riskieren, rief er im neuseeländischen Parlament an. Er wurde mit dem Büro der sozialdemokratischen Labour-Partei verbunden. Zu seiner Überraschung war es die mächtigste Frau des Landes persönlich, die ans Telefon ging. „Ah-dörn“, lautmalte die designierte Regierungschefin dem Reporter freundlich ihren Namen ins Ohr.

Seit diesem Telefonat hat sich einiges geändert. Mittlerweile kennt sogar jeder Sprecher der „Tagesschau“ die korrekte Aussprache ihres Namens. Der 37 Jahre alten Politikerin ist etwas gelungen, was unter ihrem Vorgänger, dem mausgrauen Konservativen Bill English, unmöglich gewesen wäre. Allein durch ihre Person hat sie das gemütliche Neuseeland auf die Landkarte der globalen Nachrichtensendungen gebracht: Sie ist die weibliche Vertreterin einer jungen, hippen und charmanten neuen Politikergeneration à la Justin Trudeau und Emmanuel Macron. Ardern ist in ihrer Freizeit sogar DJane.

Ihre Themen: Gerechtigkeit und Umweltschutz

Der neuseeländische Politologe Colin James sieht hinter ihrem Aufstieg die Ablösung der Generation der Babyboomer durch die Millennials. Denen geht es aber nicht nur um Coolness. Sie wollen ein Ende der „wirtschaftsliberalen“ Politik. Zwar haben die von 1980 bis 2000 Geborenen den Ruf, sich nicht sehr für Politik zu interessieren. Sie sind aber mit wachsenden Einkommensunterschieden, geringerer Arbeitsplatzsicherheit und den zunehmenden Folgen des Klimawandels aufgewachsen. Das prägt auch Ardern: Ihre Themen sind die soziale Gerechtigkeit und der Schutz der Umwelt.

Dabei wirkt Neuseeland aus der Ferne im weltweiten Vergleich heute wie eine Insel der Seligen: eine robuste Wirtschaft, eine überwältigende Natur und ein ambitioniertes Sozialsystem. Doch im „Skandinavien des Südens“ legt die Premierministerin den Finger in die Wunde: explodierende Hauspreise, vergiftete Flüsse, wachsende Kinderarmut. „Der Kapitalismus hat in Neuseeland versagt“, hat sie einmal gesagt. Für solche Äußerungen wurde sie schon als „Commie“, als Kommunistin, beschimpft. Den Vorwurf, sie sei extremistisch, weist sie mit dem Verweis auf ihre provinzielle Herkunft zurück: „Bei uns gilt jemand schon als radikal, wenn er einen Toyota fährt anstelle eines Holden oder Ford.“

Politisch lässt sich Ardern aber tatsächlich eher in eine Reihe mit den neuen linken Führungsfiguren Bernie Sanders und Jeremy Corbyn stellen als mit Trudeau und Macron. Für die Internationale der Sozialdemokraten ist sie die neue Hoffnungsträgerin. Allerdings hat die Premierministerin weltweit zuletzt weniger durch politische Maßnahmen als durch die Verkündung ihrer Schwangerschaft von sich Reden gemacht.

Vor der Presse erklärte Ardern selbstbewusst, sie wolle gleichzeitig „Premierministerin und Mama“ sein. Ganz so, wie eben viele Frauen heutzutage Beruf und Familie unter einen Hut kriegen würden: „Ich bin nicht die erste Frau, die Multitasking macht“, sagte die Premierministerin an der Seite ihres Lebensgefährten Clarke Gayford in die Kameras.

Mit ihrer Entscheidung, nicht für die Familienplanung auf ihre Karriere zu verzichten, hat Ardern für die Gleichstellung der Frauen damit wohl schon mehr geleistet als alle ihrer Vorgänger zusammen. Dabei verkündete sie die gute Nachricht sogar noch vor dem Gang vor die Presse, so, wie es sich für eine junge und moderne Politikerin gehört: auf Twitter, Facebook und Instagram.

Zur Illustration wählte sie ein Foto, das drei Angelhaken zeigt, zwei größere und einen kleinen – als Symbolbild für die wachsende Familie. Die Haken waren dabei aber nicht nur eine Anspielung auf den Beruf ihres Lebensgefährten, der im Fernsehen eine Angelsportsendung moderiert. Bei den neuseeländischen Maori ist der Angelhaken auch ein Amulett, das als Symbol für Fruchtbarkeit, Glück und Wohlstand dient.

Es war eine Art, ihre Schwangerschaft zu kommunizieren, die sich auch in das sonstige Bild von Jacinda Ardern einfügt: Sie ist modern, aber nicht elitär; familienbewusst, aber nicht spießig; emanzipiert, aber nicht aggressiv. Nur siebeneinhalb Wochen vor der Parlamentswahl hatte sie den Vorsitz über die sozialdemokratische Partei übernommen und war zur Spitzenkandidatin gekürt worden. Ihr waren die Herzen der Neuseeländer so schnell zugeflogen, dass bald von einer regelrechten „Jacinda-Manie“ die Rede war. Ihre Anhänger erhoffen sich offensichtlich frischen Wind in Wellington, der angeblich stürmischsten Hauptstadt der Erde.

Dabei verfügt Ardern schon über eine 20 Jahre lange Erfahrung in der Politik. Geboren wurde sie im Juli 1980 in der Kleinstadt Hamilton als Tochter von Mormonen. Zwar wuchs sie mit der Religion auf, verabschiedete sich aber schon als junge Erwachsene aus der Glaubensgemeinschaft ihrer Eltern. Die Familie zog von Hamilton in Provinzorte wie Murapara und Morrinsville weiter, wo die Menschen mit Arbeitslosigkeit und niedrigen Einkommen zu kämpfen hatten. „Das, was ich sah, entfachte meine Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit“, berichtete sie als junge Abgeordnete bei ihrer Antrittsrede im Parlament. Sie selbst arbeitete als Jugendliche in einem Supermarkt für fünf Dollar in der Stunde. Schon mit 17 Jahren trat sie in die Partei ein.

Effiziente und fleißige Arbeiterin

Nach dem Abschluss in Kommunikation, Politik und PR der Waikato-Universität war die junge Sozialdemokratin als „Researcher“ im Büro der Labour-Größen Phil Goff, des heutigen Bürgermeisters von Auckland, und Helen Clark tätig, der damaligen neuseeländischen Premierministerin. 2005 half sie in New York in einer Suppenküche für Arme aus, danach arbeitete sie im Büro des britischen Premiers Tony Blair in London, wurde bald Präsidentin der internationalen Dachorganisation sozialistischer Jugendorganisationen und schließlich Vizevorsitzende ihrer Partei.

Jacinda Ardern gilt als effiziente und fleißige Arbeiterin mit schneller Auffassungsgabe. Im Überfluss verfügt sie über das, was bei Politikern als härteste Währung gilt: Charisma. Sie ist schlau und eloquent, wirkt authentisch und trägt fast immer ein breites Lächeln. Sie zeigt Empathie, wenn sie sich im Gespräch mit den Bürgern ihre Sorgen anhört. Sie ist schlagfertig und volksnah. Mittlerweile dürften unzählige Gruppen-Selfies mit ihr auf den Handys ihrer Fans gespeichert sein.

Es waren diese Auftritte, die den damaligen Premier English zu der Bemerkung hingerissen hatten, Ardern sei nichts als glitzernder „Sternenstaub“. Den Begriff dürfte er sofort bereut haben. Er klang einerseits nach dem Neid eines alternden Politikers und andererseits wie ein unbeabsichtigtes Kompliment. Besonders bitter war für den konservativen Premier, dass seine National Party zwar als stärkste Partei aus der Wahl hervorging. Doch der entscheidende „Königsmacher“, der Populist und heutige Außenminister Winston Peters, wollte den Wechsel. Eine der Schwierigkeiten der Regierung liegt seither darin, zwischen den Populisten aus Peters’ Partei New Zealand First und den ebenfalls zu dem Bündnis gehörenden Grünen zu lavieren.

Über Neuseeland hinaus

Bei ihrer Antrittsrede im Parlament hatte Ardern gesagt, sie glaube an Werte wie Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, Demokratie und eine positive Rolle der Gemeinschaft. Wie viel sie davon in Neuseeland in die Realität umsetzen kann, muss sich noch erweisen. Schon in den ersten Monaten ihrer Amtszeit hat sich gezeigt, dass die Regierungschefin Ambitionen hat, auch über Neuseeland hinaus zu wirken. So hatte sie sich für ihren ersten großen internationalen Auftritt beim Apec-Gipfel den Klimawandel als Thema für ihren Vortrag ausgesucht. Neuseeland fungiert als Sprachrohr für die pazifischen Inselstaaten, die schon heute stark unter den Folgen der Erderwärmung leiden.

Ihre Regierung hat bereits angekündigt, als erstes Land spezielle Visa für Klimaflüchtlinge einführen zu wollen. Dies könnte weltweit zu einem Präzedenzfall werden. Auch andere Probleme der Gegenwart will sie entspannt, aber offensiv angehen: Unter anderem hat sie in den ersten Monaten ihrer Amtszeit angekündigt, die Kinderarmut in zehn Jahren halbieren zu wollen. Außerdem hat sie eine Untersuchungskommission eingesetzt, die dem über Jahrzehnte systemischen Missbrauch von Kindern in staatlichen neuseeländischen Heimen rigoros nachgehen soll.

Neuseeland war übrigens der erste Staat, der 1893 das Wahlrecht für Frauen einführte. Ardern könnte das Land nun wieder zu einem Vorreiter in sozialen und politischen Fragen machen. Die Aussprache ihres Namens sollte man jedenfalls auch in Deutschland schon einmal üben.

Quelle: F.A.Z. Quarterly
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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