Angriffe auf Journalisten

Fünf Stöße mit kurzer Klinge

Von Friedrich Schmidt, Moskau
 - 12:02

Wer Igor Rudnikow in dessen Redaktion zuhörte, fühlte sich schnell zu Besuch bei dem Vertreter einer bedrohten Art. Rudnikow ist ein unabhängiger Journalist in Russlands baltischer Exklave Kaliningrad, dem früheren Königsberg. In seiner 1995 gegründeten Zeitung „Nowyje Koljossa“ (Neue Räder) schrieben Rudnikow und seine Handvoll Mitstreiter auf, was die gelenkten Medien nicht oder nur so berichten, wie es den Mächtigen passt. In Fällen von Korruption und Veruntreuung von Staatsgeld nannten sie Namen. Ihre Berichte erschienen in Schwarzweißdruck und mit kleiner Auflage. Doch als unabhängiger Abgeordneter im Gebietsparlament, der bei Wahlen selbst Kandidaten der Machtpartei „Einiges Russland“ überflügelte, richtete Rudnikow zudem Anträge an die Strafverfolger. Ohne große Aussicht auf Erfolg, aber mit einem Pflichtgefühl, das den drahtigen, kahlgeschorenen Spross einer Militärfamilie, der jünger wirkt als seine 52 Jahre, selbst soldatisch erscheinen ließ. Ohne Kommandeur, frei. Vogelfrei.

Zwei Mordanschläge hat Igor Rudnikow überlebt, 1998 und neuerlich im März vorigen Jahres. Dass er darauf besteht, dass der jüngste Mordversuch aufgeklärt und die Mörder bestraft werden, droht ihm nun zum Verhängnis zu werden. Denn seit der vorigen Woche sitzt Rudnikow selbst unter fadenscheinigen Vorwürfen in Untersuchungshaft. Der Journalist und Abgeordnete störte, darauf deutet alles hin, Kreise des Geheimdiensts FSB, des Ermittlungskomitees und eines Lokalpolitikers. Rudnikows Fall ist bisher keiner, über den in der Hauptstadt Moskau viel gesprochen wird, hat auch im Ausland kaum besorgte Erklärungen hervorgerufen. Doch gerade deshalb wirft er ein Schlaglicht auf die Gefahren für Journalisten in Russland, die ihr Berufsethos ernst nehmen. Solche, die es mit der „staatlichen Mafia“ aufnehmen, wie Rudnikow dieser Zeitung im Juli vorigen Jahres sagte.

Zwei aus Sankt Petersburg angereiste Polizisten hatten ihn vier Monate zuvor am helllichten Tage in einem Kaliningrader Café angegriffen. Einer hielt ihn fest, der andere rammte ihm ein Messer in den Körper. Fünf Stöße mit kurzer Klinge: Das bedeutet hohen Blutverlust. Ein langsames Ausbluten an einem öffentlichen Ort heißt maximale Einschüchterung. Rudnikow, der sich wehrte, erinnerte sich an die trockenen Hände der Angreifer. Das heißt: nicht aufgeregt, kaltblütig. „Das waren Profis.“

Erst nach 40 Minuten konnte die Blutung gestoppt werden, eine Kellnerin mit einem Handtuch rettete ihm wohl das Leben. Sein Herz stand zeitweise still. „Igor, sie haben dich getötet“, habe der Arzt ihm gesagt. Schnell war klar, wer die Täter waren, die Rudnikow unmaskiert attackiert hatten. Doch erst nachdem die beiden Polizisten bei einer weiteren Nebentätigkeit eineinhalb Monate später an den falschen Gegner, einen mit Beziehungen, geraten waren, seien sie verhaftet worden. Nur einer von ihnen blieb in Untersuchungshaft. Er wurde im vergangenen Sommer wegen des Angriffs verurteilt – zu nur eineinhalb Jahren Haft. Mittäter oder ein Auftraggeber wurden nicht festgestellt: ein verbreitetes Übel im Umgang mit Gewalt gegen Journalisten und Regierungsgegner.

Eine „gewöhnliche Provokation“

Dabei hatte Rudnikow in seiner Zeitung und in seinen Anträgen dem damaligen Bürgermeister der Ostseestadt Swetlogorsk, Alexander Kowalskij, vorgeworfen, hinter dem Anschlag zu stehen. Der Journalist war dem Restaurant- und Billardhallenunternehmer mit Berichten über ein illegales Bauvorhaben in die Quere gekommen. Gegen ihn wurde, soweit bekannt, nicht ermittelt. Über das milde Urteil waren viele empört. Rudnikow schrieb mehrfach an den örtlichen Leiter des Ermittlungskomitees, Viktor Ledenjow, forderte ein neues Verfahren. Es kam zu einem neuen Prozess gegen den verurteilten Polizisten, aber Besserung war nicht in Sicht. Kein Wunder: Rudnikow machte über seine Zeitung öffentlich, dass Kowalskij über einen Geschäftspartner Ledenjow ein Haus in bester Kaliningrader Lage habe schenken lassen, was der Ermittler nicht bestritt.

Ende des vorigen Monats forderte Rudnikow dann im Prozess, dass der Geheimdienst die Ermittlungen wegen des Anschlags auf ihn als Abgeordneten übernehmen solle. Der FSB schritt ein, aber nicht so, wie von Rudnikow beabsichtigt: Am Mittwoch der vorigen Woche nahmen ihn Agenten fest, durchsuchten auch die Redaktion der „Nowyje Koljossa“. Rudnikow wurde geschlagen, an der Hand verletzt, im Krankenwagen abtransportiert. Erst später wurde bekannt, was ihm vorgeworfen wird: Der Journalist habe über einen Mittelsmann vom Ermittler Ledenjow 50.000 Dollar dafür gefordert, dass er belastende Informationen nicht veröffentlichen würde. Das gilt in Kaliningrad als fabriziert und absurd. Ein Kollege Rudnikows sprach von einer „gewöhnlichen Provokation“, die umso durchsichtiger sei, als man über die Schenkung des Hauses schon berichtet habe. Der Ermittler habe Rudnikow vielmehr am Tag vor der Razzia Unterlagen über den Mordanschlag versprochen, mit Informationen über den Auftraggeber. Einer Mitarbeiterin der Zeitung sei dann ein Umschlag übergeben worden, in dem markierte Dollarnoten gewesen seien.

Vor Gericht, das gegen Rudnikow am Freitagabend Untersuchungshaft anordnete, hieß es, Ledenjow habe an einem „operativen Experiment des FSB“ teilgenommen. Rudnikows Anwalt, Oleg Wyschinskij, wollte am Dienstag über Details des Falls nicht am Telefon sprechen: Er sei gewarnt worden, dass er sich strafbar machen könnte, sagte er. Aber Wyschinskij hob hervor, da mit dem FSB und dem Ermittlungskomitee gleich zwei Behörden „genossenschaftlich gegen uns arbeiten“, helfe nur „maximale Öffentlichkeit“. Die Seilschaft, heißt es in Kaliningrad, mag doppelt begründet sein: Ledenjow sei früher beim FSB gewesen, und auch Kowalskijs Vater entstamme dem Geheimdienst. Offenkundig störten Rudnikow und seine Zeitung, deren Arbeit nun gelähmt ist.

Neun Morde, drei Verurteilungen

Beim Gerichtstermin am Freitag besetzten junge Offiziersanwärter Sitze im Saal, so dass weniger Journalisten Platz fanden. Der Staatssender Rossija 24 berichtete, als handele es sich um eine Provinzposse. Fast niemand kam gut weg: Nicht Kowalskij, der Ende Oktober seinen Bürgermeisterposten nach einer ausgedachten Geschichte über ein Schussattentat auf ihn verlor und wohl an entscheidender Stelle in Ungnade gefallen ist: beim Gouverneur des Kaliningrader Gebiets, einem Günstling von Präsident Wladimir Putin. Nicht Ledenjow, da Bilder von seinem schmucken Haus am Kaliningrader Oberteich gezeigt wurden und über dessen Herkunft berichtet wurde. Aber auch nicht der Enthüller, Igor Rudnikow, der mit Dollarnoten und dem Kommentar dargestellt wurde, „solche Entlohnungen“ seien „unter unreinen Journalisten verbreitet“. Beim Zuschauer bleibt das Gefühl zurück, dass alle Beteiligten Ganoven sind – mit Ausnahme des übermächtigen Geheimdienstes.

Der Fall steht symbolisch für die Atmosphäre von Angst, für die Einschüchterung unabhängiger Journalisten im Land. So berichtet zum Beispiel die Redaktion des Online-Magazins Tschernika (Heidelbeere) aus der nordwestlichen Teilrepublik Karelien, das regelmäßig üble Machenschaften der Mächtigen enthüllt, über wüste Drohungen und Drangsalierung. Das „Komitee zum Schutz von Journalisten“, eine in New York ansässige Nichtregierungsorganisation, zählt für die vergangenen zehn Jahre in Russland neun ermordete Journalisten, die sich mit Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Politik und Krieg befasst hätten. In nur dreien der Fälle seien Leute verurteilt worden, nur in einem Fall ein Auftraggeber.

„Hetzjagd“ auf die Staatsmedien?

Für 2017 macht das Komitee einen „Rückschlag“ aus: Nach fast drei Jahren ohne Tötung seien schon zwei Journalisten ermordet worden. Im März war der Petersburger Enthüllungsjournalist Nikolaj Andruschtschenko von Unbekannten so zusammengeschlagen worden, dass er sechs Wochen darauf seinen Verletzungen erlag; im Mai wurde Dmitrij Popkow, Chefredakteur der unabhängigen Zeitung „Ton-M“ in der sibirischen Region Krasnojarsk, erschossen. „Völlige Straflosigkeit“, vermerkt das Komitee. Solche Fälle bleiben eher im Dunkeln. Bekannter wurden Anschläge auf Hauptstadtjournalistinnen. Im Juli musste die Publizistin Julija Latynina nach Todesdrohungen und Anschlägen aus Russland fliehen. Ende Oktober überlebte Tatjana Felgengauer, eine Moderatorin des Radiosenders Echo Moskwy, mit Glück den Messerangriff eines Mannes, von dem es hieß, er sei psychisch gestört. Doch wurde bei ihm ein Plan gefunden, auf dem ein Ortskundiger die Redaktionsräume genau eingezeichnet hatte. Das Staatsfernsehen hatte Felgengauer im üblichen reißerischen Ton als Verräterin porträtiert, so, weil sie an einer Veranstaltung deutscher Stiftungen teilgenommen hatte.

Der Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“, Dmitrij Muratow, sagte, wegen der Angriffe erwäge er, seine Redaktion zu „bewaffnen“. Muratows Zeitung – die in ihren Reihen schon drei Mordopfer zählt – ist aktuell besonders wegen Berichten über Morde an Homosexuellen in Tschetschenien Ziel von Drohungen. Putins prominenteste Propagandisten, Dmitrij Kisseljow und Wladimir Solowjow, kehrten daraufhin das Spiel um und warfen den „pseudoliberalen“ Journalisten das Schüren einer „Atmosphäre des Hasses“ und eine „Hetzjagd“ gegen die Staatsmedien vor. Doch von Angriffen auf Putins Medienleute ist noch nichts bekanntgeworden.

Quelle: F.A.Z.
Friedrich Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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