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Liebesgrüße aus Moskau

Karin Kneissls Band zu Putin

Von Yvonne Staat
 - 16:31

Gemessen an den anderen Mitgliedern der österreichischen Regierung, ist Außenministerin Karin Kneissl nur selten in den Schlagzeilen. Und dann das: Am Mittwoch wurde bekannt, dass der russische Präsident Wladimir Putin an Kneissls Hochzeit in der Steiermark anwesend sein wird. Noch am selben Tag bestätigte Putins Sprecher russischen Agenturen zufolge die Meldung: „Ja, Putin wird auf dem Weg nach Berlin kurz vorbeischauen – rein privat.“ Die Außenministerin heiratete am Samstag ihren langjährigen Lebensgefährten, einen steirischen Unternehmer. Und Putin schaute tatsächlich vorbei, bevor er am späten Nachmittag weiter nach Schloss Meseberg nördlich von Berlin reist, wo er Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen wird. Laut Kremlberater Juri Uschakow hat Kneissl die Einladung zu ihrer Hochzeit dem russischen Staatschef persönlich überbracht, als dieser im Juni zu Besuch in Wien war.

Wer ist diese Frau, die mal eben so den russischen Präsidenten zu ihrer Hochzeit einlädt? Und warum tut sie das überhaupt? Kneissl hat sich zu all dem bisher nicht geäußert. Ganz so, als wäre die Einladung tatsächlich eine rein private Angelegenheit. Das ist sie natürlich nicht. Viel eher passt sie zur neuen strategischen Ausrichtung, die Kneissl für ihr Amt plant. Aber dazu später.

Wer also ist diese Frau? Zunächst einmal: Sie ist in echt viel größer, als sie im Fernsehen wirkt. Sie sieht aus wie eine Frau, die einmal Leistungssport gemacht hat und die jetzt, mit über fünfzig, immer noch jeden Tag locker einen Kilometer schwimmt. Trotz der Kraft, die man in ihr vermutet, sind ihre Bewegungen zurückhaltend. Selbst der Händedruck; sie beendet ihn, noch bevor sie richtig zugegriffen hat. Um ihre Augen und Mundwinkel herum spielen Lachfältchen. Das Spiel wird immer dann besonders übermütig, wenn die beiden Boxerhunde zu ihren Füßen so laut schnarchen, dass vom Gespräch nicht mehr viel zu hören ist. Manchmal klatscht sie, um die Hunde zu wecken. Meistens aber wartet sie einfach ab, bis das Geschnarche von alleine wieder leiser wird.

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Jawort mit PräsidentPutin zu Gast bei Hochzeit von Österreichs Außenministerin

Zusammen mit den Hunden, zwei Ponys, Hühnern und Katzen lebt Kneissl seit vielen Jahren auf einem kleinen Bauernhof. Ob ihr Mann nach der Hochzeit auch dort leben wird, will sie nicht verraten. Als sie noch Publizistin war, ging sie jeden Morgen als Erstes in den Stall, mistete aus, fütterte die Tiere, sammelte die Eier ein, und schrieb danach den Rest des Tages an ihren Artikeln und Büchern. Jetzt reicht die Zeit knapp, um mit den Boxern im nahen Wald spazieren zu gehen. Für die Stallarbeit musste Kneissl jemanden einstellen. Jeden Morgen nach dem Spaziergang fährt ein Chauffeur sie und die Hunde nach Wien zum Außenministerium, abends wieder zurück. Sie mag nicht in die Stadt ziehen, schätzt den Abstand zum Politbetrieb. Vor allem aber fühlt sie sich auf dem Bauernhof zu Hause. Das will sie nicht aufgeben. Sie habe lange nach einem Ort gesucht, an dem sie Wurzeln schlagen könne. Der Bauernhof sei dieser Ort. Endlich wisse auch sie um das Glück von Wurzeln. So steht es in ihrer Autobiographie.

Kneissl schrieb ihre Autobiographie bereits vor vier Jahren. In Österreich war sie schon damals ziemlich bekannt. Zu ihren liebsten Themen als Autorin gehörten die Kriege im Nahen und Mittleren Osten. Sie schrieb mehrere Bücher und viele Artikel dazu. Und sie trat unzählige Male als Nahost-Expertin im Fernsehen auf. Es gab Zeiten, da flimmerte ihr Gesicht fast jeden Abend über die Bildschirme in den Wohnzimmern der Republik. Jeder, der Nachrichten schaute, kannte sie. Die Autobiographie trägt den Titel „Mein Naher Osten“ und beginnt mit dem Bekenntnis: „Der Nahe Osten ist das Thema meines Lebens, dank ihm wurde ich zu der, die ich bin.“ Das Buch ist eine einzige sehnsuchtsvolle, fast schon schwärmerische Liebeserklärung an den Orient. Kneissl lebte als Kind einige Jahre in Jordanien. Ihr Vater arbeitete dort als Pilot für die Airline des Königs. Als sie siebzehn und schon lange wieder zurück in Österreich war, jobbte sie einen Sommer lang als Kindermädchen in Bordeaux, um ihr Französisch aufzupolieren. In jenem Sommer Anfang der achtziger Jahre brach der erste Libanonkrieg aus. In Frankreich wurde Tag und Nacht darüber berichtet. Kneissl saß stundenlang vor dem Fernseher oder dem Radio, um nichts zu verpassen. Etwas an den Kriegsbildern aus Beirut berührte sie zutiefst. Sie kann auch Jahrzehnte später nicht genau erklären, was es war. Sie wollte den Krieg verstehen, etwas für den Frieden tun, die Menschen retten. Mit einer Inbrunst, wie nur Teenager sie aufbringen, schwor sie sich damals, nach der Matura Arabisch zu lernen und so bald wie möglich in den Libanon zu reisen.

Sie schreibt: „Ich konnte aus meiner Entschlossenheit nicht mehr heraus.“ Ihr ganzes Sehnen und Streben habe sich auf den Orient gerichtet. Während des Studiums der Rechtswissenschaften in Wien paukte sie Arabisch. Vor Semesterende setzte sie jeweils Himmel und Hölle in Bewegung, um für die Ferien einen Job im Nahen Osten zu ergattern. Mal arbeitete sie in einem Hospiz in Jerusalem, mal in einer Bank in Amman. Oder sie machte einen Sprachkurs in Tunis. Und jedes Mal, wenn sie von ihren Reisen nach Wien zurückkehrte, fühlte sie sich ein wenig fremder. Für ihre Dissertation im Völkerrecht recherchierte sie monatelang in Israel, Jordanien und Syrien. Sie war damals Anfang zwanzig. Über diese Zeit schreibt sie voller Nostalgie. Einfach alles sei intensiv gewesen. Wie ein Leben im Zeitraffer. So anders als im langweiligen Wien. Immer wieder schreibt sie von „tiefen Momenten der Geborgenheit“, die sie im Orient erlebt habe. Von innigen Freundschaften, die ein Leben lang hielten, von Familien, die sie wie eine Tochter aufgenommen hätten.

Mit vierundzwanzig trat sie in den diplomatischen Dienst des Außenministeriums in Wien ein, Abteilung Naher Osten und Afrika. Sie schreibt, sie habe etwas für die Menschen und den Frieden im Nahen Osten tun wollen. Acht Jahre später verließ sie das Ministerium wieder, frustriert und wütend. Im Buch gibt es viele Stellen, in denen Kneissl mit der Diplomatie hart ins Gericht geht. Sie wirft ihr Oberflächlichkeit und Doppelmoral vor. Sie beschreibt zum Beispiel ein UN-Treffen in Genf: Tagsüber würden die westlichen Delegierten „voller Eifer“ und „mit salbungsvollem Getue“ Menschenrechtsverletzungen kritisieren, und abends stünden dann doch alle mit den Diktatoren oder deren Botschaftern am Buffet zusammen, um zu plaudern. Sich selbst beschreibt Kneissl als Aufrechte, die bei diesem falschen Spiel nicht mitmachte. Als jemand, der hinterfragte, aufbegehrte – und abgeschmettert wurde. Nach ihrer Kündigung zog sie auf den kleinen Bauernhof und baute sich eine Existenz als Publizistin auf.

Zwei Welpen von PutinsLabrador-Hündin

So sah Kneissls Leben aus, als FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache ihr im vergangenen Herbst den Posten der Außenministerin anbot. Das kam nicht ganz unerwartet. Strache versuchte bereits ein Jahr zuvor vergeblich, Kneissl als Kandidatin für den Präsidentschaftswahlkampf zu gewinnen. Ihm gefielen ihre Artikel, die sie in der Zeit schrieb, als die vielen Flüchtlinge nach Österreich und Deutschland kamen. Darin bezeichnete Kneissl die Männer unter den Flüchtlingen als „testosterongesteuert“. Sie warnte vor einem „Männerüberschuss“, der jenen in Indien und China noch übertreffe. Der deutschen Kanzlerin warf sie „grob fahrlässiges“ Handeln vor. Sie zweifelte an einer gesamteuropäischen Lösung des Migrationsproblems, nannte das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei „Unfug“. Strache gefielen aber auch die Weltoffenheit Kneissls, ihre Liebe zum Orient und ihre fundierten Kenntnisse in der Geopolitik. Schon länger war er bemüht, seine Partei aus der Schmuddelecke des Rassismus und Antisemitismus herauszuholen und aller Welt zu beweisen, dass die FPÖ eine seriöse Regierungspartei ist. Kneissl half ihm dabei. Für seine Entscheidung, der parteilosen Publizistin das Außenamt anzuvertrauen, heimste er viel Lob ein. Anders als er selbst und die meisten in seiner Partei vertritt sie einen klar proeuropäischen Kurs. Sie hat zwar keinerlei politische Erfahrung, außer dass sie fünf Jahre lang für die ÖVP im Gemeinderat des Dorfes saß, in dem ihr Bauernhof steht. Dafür aber hat sie fachlich einiges mehr auf dem Kasten als viele ihrer Vorgänger. Mitarbeiter im Ministerium beschreiben sie als kompetent, als jemanden, der ein wahres Interesse an der Außenpolitik hat.

Während Strache gehuldigt wurde, musste Kneissl sich oft dafür rechtfertigen, dass sie Straches Angebot angenommen hatte. In den ersten Wochen ihrer Amtszeit wurde sie immer wieder gefragt, warum sie der FPÖ keinen Korb gegeben habe, wie sie zu dieser Partei stehe, zu deren antisemitischen Auswüchsen, deren irrlichternden außenpolitischen Ideen. Sie wurde gefragt, ob sie sich von der FPÖ vereinnahmt fühle, ob sie wirklich unabhängig sei, oder nicht doch der verlängerte Arm der Freiheitlichen. Kneissl erklärte geduldig immer dasselbe: Wer wie sie die Regierung öfter kritisiere, dürfe sich nicht drücken, wenn er die Chance bekomme, selbst anzupacken. Sie sei als Unabhängige ins Amt gekommen, wolle dem Land dienen und fühle sich von niemandem vereinnahmt. Ihre geistige Freiheit werde sie sich immer bewahren. Sie distanzierte sich auch mehrmals vom russlandfreundlichen Kurs der Freiheitlichen. Und als Strache wieder mal die Unabhängigkeit des Kosovos anzweifelte, war sie die Erste, die klarstellte, dass Österreich das Kosovo „unumstößlich“ anerkenne. Irgendwann verlor sie aber die Geduld. Seitdem beantwortet sie Fragen zur FPÖ nur noch mit dem Hinweis, sie habe dazu schon alles gesagt.

Was findet Kneissl an der FPÖ? Vielleicht beißen sich auch deshalb alle an dieser Frage fest, weil der Geist, den Kneissls Autobiographie verströmt, so meilenweit entfernt ist von den nationalistischen Positionen der Freiheitlichen. Nur etwas an dem Buch erinnert an die Partei: Ständig preist sich Kneissl als „Freigeist“, der niemandem verpflichtet ist und deshalb auch keine Angst hat, die Wahrheit zu sagen. „Ich stehe in niemandes Sold“, „ich muss mich geistig nicht verbiegen“, „ich bin niemandem moralisch verpflichtet“ – solche Sätze kommen im Buch andauernd vor. Meistens in Kombination mit einem Hinweis auf andere Journalisten, Publizisten, Nahost-Experten oder Diplomaten, die Kneissl allesamt als unfrei, abhängig, „geistige Söldner“ beschreibt. So ähnlich argumentierte auch die FPÖ, als sie noch in der Opposition war. Sie stellte sich als die Partei dar, die angeblich als einzige den Mut und die Freiheit besaß, wahre Zustände beim Namen zu nennen. Kneissls Homepage ziert ein Spruch von Seneca: „Lieber will ich durch Wahrheit anstoßen, als durch Schmeichelei gefallen.“ Dieser Satz sei ihre Losung. Er begleite sie seit der Matura. Damals habe die Philosophielehrerin kleine Zettel mit Sprüchen in die Klasse gebracht. Jeder Schüler habe sich einen aussuchen dürfen.

Kneissl übernimmt ein ziemlich abgespecktes Ministerium. Bundeskanzler Sebastian Kurz von der ÖVP hat die Verantwortung für alles, was die EU betrifft, vom Außenamt ins Kanzleramt abgezogen. Kneissl muss das entstandene Vakuum neu füllen. Sie will sich vor allem auf die „Schwerpunkte“ Russland und Asien konzentrieren. Für Russland hat sie im Ministerium extra eine neue Abteilung geschaffen und eine Sonderbeauftragte ernannt: Margot Klestil-Löffler, Witwe des früheren Bundespräsidenten Thomas Klestil. Das Präsidentenpaar pflegte ein sehr herzliches Verhältnis zu Putin und dessen damaliger Frau. Während eines Privatbesuchs auf Putins Datscha im Jahr 2004 schenkte der russische Präsident den beiden – „als Zeichen einer lebendigen Freundschaft“ – zwei Welpen seiner Labrador-Hündin Konni. Nach dem Tod ihres Mannes war Klestil-Löffler mehrere Jahre österreichische Botschafterin in Moskau. Auch in dieser Zeit blieb sie Putin eng verbunden.

Nun soll sie als Sonderbeauftragte herausfinden, wie Österreich engere Bande zu Russland knüpfen könnte, ohne die EU-Sanktionen zu verletzen. Dass Kneissl Putin zu ihrer Hochzeit einlud, ergibt erst vor diesem Hintergrund richtig Sinn. Es ist der Versuch, Nähe herzustellen, eine Nähe, die Putin wohlgesinnt stimmen soll. Kneissl sorgt sich um die österreichische Wirtschaft. Die sei von den russischen Gegensanktionen stärker betroffen als die Wirtschaft anderer EU-Länder. In der Landwirtschaft sei es zu massiven Einbußen gekommen. Kneissls Pläne zielen darauf, diese Verluste möglichst schnell aufzufangen.

Als Präsident Putin und Außenminister Sergej Lawrow Anfang Juni Wien besuchten, hat sich Kneissl mit Lawrow getroffen. Zusammen haben sie einen „bilateralen Dialog“ eingeführt, ähnlich dem Petersburger Dialog, den Deutschland mit Russland unterhält. Dieser Dialog werde, so Kneissl, dazu dienen, dass das Vertrauen zwischen Österreich und Russland wieder wächst.

Mit Asien läuft noch nicht so viel. Im Koalitionsvertrag steht, dass Österreich eine neue außenpolitische Strategie braucht, die sich mehr als bisher an Asien, vor allem an China ausrichten soll. Kneissl selbst hat in ihrem Buch „Wachablöse“, erschienen im Sommer letzten Jahres, der EU vorgeworfen, dem wachsenden Einfluss Chinas ohne irgendeine Strategie zu begegnen. Im Außenministerium gibt es seit Neuestem eine Arbeitsgruppe, Kneissl sagt „Asien-Task-Force“. Die soll prüfen, wie Wien seine Beziehungen zu China und anderen asiatischen Staaten vertiefen kann.

In Interviews betont Kneissl immer, es mache ihr nichts aus, wenn das Kanzleramt nun für die EU zuständig sei. Sie spreche regelmäßig mit dem Kanzler, und über diese Gespräche wirke sie dann eben doch an der EU-Politik mit. Gut möglich, dass sie das tatsächlich so meint. Dass sie zufrieden ist mit dem, was sie hat. Sie ist kein Alphatier, kein Vollblutpolitiker wie Kurz, der seine Zeit als Außenminister vor allem dafür nutzte, den Sprung ins Kanzleramt vorzubereiten. Sie kann loslassen, wenn es ihr zu blöd wird. Schon früher hat sie hin und wieder einfach losgelassen, davon zeugt ihre Autobiographie. Vielleicht meint sie auch das, wenn sie sagt, sie sei als Unabhängige ins Amt gekommen.

Quelle: F.A.S.
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