Ägypten

Toter bei Protesten in Kairo

 - 21:13
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Bei erneuten Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten in Kairo ist zwei Tage vor Beginn der Parlamentswahl in Ägypten am Samstag ein Mann getötet worden. Demonstranten hatten über Nacht vor dem Eingang des
Regierungsgebäudes campiert, um dem neu ernannten
Ministerpräsidenten Kamal al Gansuri den Eintritt zu verwehren. Sie
lieferten sich Handgemenge mit Polizisten und Soldaten, die sie
offenbar vertreiben wollten.

Augenzeugen sagten, dass ein Demonstrant am frühen Samstagmorgen
von einem Fahrzeug der Sicherheitskräfte überfahren worden sei.
Videoaufnahmen, die im Internet erschienen, zeigten, wie
Demonstranten einem blutenden Mann zur Hilfe eilten.

Regierung bedauert Vorfall

Das Innenministerium äußerte Bedauern über den Tod des
Demonstranten und sprach von einem Unfall. Die Polizei habe die
Protestaktion nicht beenden, sondern lediglich zum Innenministerium
hinter dem Kabinettsgebäude fahren wollen, hieß es. Die Beamten
seien dann von Demonstranten mit Brandbomben angegriffen worden.
Dabei wurden den Angaben zufolge auch Polizisten verletzt. Der
Fahrer eines Wagens sei daraufhin in Panik geraten und habe den
Demonstranten überfahren.

Steinwürfe und Tränengas

Ein Kameramann der Nachrichtenagentur AP sagte, die Teilnehmer
des Protests hätten Steine auf Mannschaftswagen der Polizei
geworfen. Die Sicherheitskräfte hätten Tränengas eingesetzt und sich
dann zurückgezogen. Einer der Demonstranten, der 21-jährige Mohammed
Saghlul, sagte, sechs Fahrzeuge seien auf die Protestaktion
zugefahren. „Alles war sehr gespannt, es wurden Steine geworfen und
die Polizeiwagen fuhren wie verrückt“, erklärte er. „Die Polizei
warf eine Tränengaskartusche und plötzlich sahen wir, wie unsere
Leute die Leiche eines blutenden Mannes wegtrugen.“

Auch auf dem Tahrir-Platz in der Nähe des Regierungsgebäudes
hatten sich in der Nacht wieder Tausende Demonstranten versammelt.
Seit Donnerstag galt eigentlich eine Waffenruhe in der Stadt. Nach
Behördenangaben sind bei den seit acht Tagen andauernden Protesten
gegen den Militärrat 40 Menschen getötet worden.

Die gewaltsamen Auseinandersetzungen überschatten die
Parlamentswahl, die nach dem Willen des regierenden Übergangsrats
wie geplant am Montag beginnen soll. Es ist die erste Parlamentswahl
in Ägypten seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak im Februar.

„Al Gansuri war ein toter Mann“

Bereits am Freitag hatten Tausende Demonstranten auf dem
Tahrir-Platz gegen die Ernennung von Ministerpräsident al Gansuri
protestiert. „Al Gansuri ist aus einem Grab gezerrt worden. Er war
ein toter Mann“, sagte der Demonstrant Ahmad Anas am Samstag.
„Tantawi und al Gansuri nehmen mir die Luft zum Atmen.“ Über den
Toren des Kabinettgebäudes hing ein Banner mit der Aufschrift:
„Geschlossen bis zur Exekution des Feldmarschalls“.

24 Gruppen, darunter zwei politische Parteien, kündigten
unterdessen den Aufbau einer Regierung unter dem
Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei an.

Nach Angaben des ägyptischen Staatsfernsehens wollte sich der Vorsitzende des
regierenden Militärrats, Feldmarschall Hussein Tantawi, am Samstag
mit El Baradei und einem weiteren möglichen Präsidentschaftskandidaten, Amr Mussa, treffen. Einzelheiten über das geplante Treffen wurden zunächst nicht bekannt.

Militärrat
Zehntausende Ägypter fordern Rücktritt
© reuters, reuters
Quelle: dapd
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