Holocaust-Gedenktag

Marta konnte nur als Christin überleben

Von Hans-Christian Rössler, Jerusalem
 - 13:06
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Sie sollte immer lächeln und den Menschen ins Gesicht sehen. „Nur jüdische Kinder haben verweinte Augen“, lautete einer der letzten Ratschläge ihrer Mutter. Acht Jahre war Marta Goren, als sie sich am Bahnsteig der ostpolnischen Stadt Tschortkow für immer von ihr verabschiedete. Nächtelang hatte sie zuvor in ihrem Kellerversteck geweint. Doch die Mutter hörte nicht auf, ihr Kind auf die Abreise vorzubereiten: Dort, wo sie bald lebe, werde sie wieder die Sonne und den Himmel sehen, Blumen riechen und mit anderen Kindern spielen. Um dem Tod im Getto oder einem Konzentrationslager zu entgehen, wurde aus dem jüdischen Mädchen Marta die Christin Krystyna, das alle nur Kryschia nannten.

In Warschau nahm eine befreundete Familie sie wie ihre eigene Tochter auf. „Ich durfte kein falsches Wort sagen, das hätte den Tod für alle bedeutet“, erinnert sich Marta Goren heute. Um den Hals trägt sie an diesem Tag ein rundes Medaillon mit Maria und dem Jesuskind, wie damals während des Krieges. Ihre Mutter hatte geschworen, dass sie sich in Warschau wiedersehen würden. Doch nur wenige Tage nachdem sie ihre Tochter in den Zug gesetzt hatte, wurde sie getötet. Marta Goren, die in diesem Jahr 80 Jahre alt wird, gehört zu den wenigen tausend Kindern, die den Holocaust überlebten. 1,5 Millionen wurden ermordet.

„Sterne ohne einen Himmel“ – so heißt die Ausstellung, die in der Gedenkstätte Yad Vashem vor Kurzem vor dem israelischen Holocaust-Gedenktag eröffnet wurde. Am Mittwochabend versammelte sich dort die israelische Staatsführung, zur offiziellen Gedenkveranstaltung, sechs Überlebende entzündeten Fackeln. Am Donnerstag ertönten im ganzen Land die Sirenen, das Leben stand still, und das Land gedachte der sechs Millionen Opfer.

Marta Goren entdeckt in einer Vitrine ein Foto von sich aus der Zeit vor dem Krieg. Stolz hält das Mädchen mit zwei Zöpfen ihre Puppe im Arm. Yad Vashem besitzt die größte Sammlung von Puppen und Spielzeug aus der Zeit des Holocaust. „Wenn man davon ausgeht, dass jedes der 1,5 Millionen ermordeten Kindern eine eigene Puppe, einen Teddy oder ein anderes Stofftier besaß, dann sieht man, wie viel verloren gegangen ist“, sagt Kuratorin Yehudit Inbar. „Nur gut 50 haben es nach Yad Vashem geschafft.“ Einige davon sind wie in einem großen Kinderzimmer in einer Vitrine der Ausstellung zu sehen. Auf der Flucht oder in den Lagern haben sie teils ihre Ohren oder Arme verloren. Sie gehören oft zu dem Wenigen, was von ihren Besitzern übrigblieb, die nicht überlebten. Auch Kinder wurden getötet, weil sie nach Ansicht der Nazis die Zukunft des jüdischen Volkes bedeuteten.

Landesweite Schweigeminute
Holocaust-Gedenken in Israel
© AP, reuters

„Wenn die Kinder konnten, spielten und lachten sie, malten sie ihre Ängste und Hoffnungen. Sie bewiesen Lebensfreude, Vitalität und Kreativität, obwohl die meisten von ihnen keine Chance hatten“, sagt Kuratorin Inbar. Jede einzelne Geschichte ist ein Fenster zu einer Welt. Die Ausstellung ist deshalb wie ein symbolischer Wald aufgebaut, der aus 33 „Lebensbäumen“ besteht. Den wenigen Kindern, die mit dem Leben davonkamen, sind oft nur ein paar Fotos und die Erinnerung geblieben. In Yad Vashem ließ man deshalb israelische Kunststudenten in kurzen Zeichentrickfilmen nacherzählen oder als Skulpturen darstellen, was sie erlebten.

So ist kein einziges der Bücher erhalten, die Jakob Goldstein verschlungen hatte. Zwei Jahre lang musste sich der Junge auf einem modrigen, niedrigen Dachboden verstecken. Die älteste Tochter der polnischen Familie brachte dem Siebenjährigen jeden Tag ein neues Buch aus der Bibliothek. „Hätte ich nicht ununterbrochen gelesen, wäre ich hirntot geworden“, erzählte Jakob Goldstein später. Sein jüngerer Bruder kam noch während des Holocaust um, seine Eltern wurden in einem Pogrom getötet. Jakob Goldstein zog nach Israel und wurde Professor.
Nicht nur der Wissensdurst des kleinen Jakob war groß. Im Warschauer Getto, in Theresienstadt und selbst in Auschwitz erhielten die Kinder Unterricht, als stünde ihnen bald eine bessere Welt offen.

Viele Kinder retteten sich in eine Traumwelt. Für Nelly Toll aus Lemberg war es das Schloss einer Prinzessin, in das ein Mädchen vor seiner bösen Stiefmutter floh. Nicht zufällig gleicht es der großbürgerlichen Welt, in der die acht Jahre alte Zeichnerin vor dem Krieg aufgewachsen war: Im Salon steht ein Flügel, vor der Tür hält ein Auto, und das Mädchen trägt ein blaues Kleid, wie es Nelly Toll einst selbst besaß. Martin Weyl war dagegen von einem weißen Jeep mit einem großen roten Kreuz fasziniert, den er eines Tages in Theresienstadt sah. Die Zeichnung des Vierjährigen ist in Yad Vashem ausgestellt.

Martin Weyl war dabei, als eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes das Lager besuchte, in das seine Familie aus den Niederlanden deportiert worden war ein Tag nach Anne Frank, deren Zug nach Auschwitz ging, wie er später erfuhr. Die SS versuchte damals, den Eindruck zu erwecken, als mangele es den Insassen in Theresienstadt an nichts. Zusammen mit seiner Schwester war Martin Weyl Teil dieser Inszenierung: Sie mussten den Kommandanten fragen, ob er den Kindern denn an diesem Tag keine Schokolade mitgebracht habe. „Das hat er natürlich sonst nicht getan. Ich verstand damals nicht, was vor sich ging. Aber für uns Kinder war das alles sehr aufregend“, sagt 75 Jahre alte Martin Weyl, dessen Familie nach Israel auswanderte. Er selbst wurde später Direktor des „Israel Museum“ in Jerusalem.

„Rache an Hitler“
Holocaust-Überlebende blicken zurück
© afp, afp

Was die verfolgten Kinder über Palästina hörten - Israel war damals noch gar nicht gegründet –, klang für sie wie aus einem Märchen. „Sie erzählten uns, dass man dort keine kalten Füße und keinen Hunger mehr hat, weil dort Orangen auf den Bäumen wachsen“, sagt Marta Goren bei der Eröffnung der Ausstellung in Jerusalem. Als sie elf Jahre alt war, kam sie als Waisenkind nach Israel. Sie gehört der letzten Generation an, die ihren Kindern und Enkeln noch selbst von den traumatischen Jahren erzählen kann.

Was passiert mit diesen Erinnerungen, wenn die Menschen nicht mehr da sind, die von ihnen berichten können? 80 Prozent der Israelis sagten in einer Umfrage anlässlich des Gedenktags, dass sie verblassen werden. Der Holocaust werde sich in die an furchtbaren Ereignissen reiche jüdische Geschichte einreihen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian (hcr.)
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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