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Atomkonflikt mit Nordkorea

Kims bestes Stück

Von Thomas Gutschker
 - 10:56
Ein südkoreanischer Fernsehsender berichtet am 29. August über den Start einer nordkoreanischen ballistischen Rakete. Bild: dpa, F.A.S.

Propagandaplakate sind aus der Mode gekommen, sie verschwanden mit den kommunistischen Regimen. In Russland war das so, in China auch, und sogar in Kuba sind neue Zeiten angebrochen. Nur Nordkorea stemmt sich wieder mal gegen die Zeitläufte – und wie! Auf dieser Seite haben wir das mutmaßlich jüngste Erzeugnis aus dem Land der Kims abgebildet. Es ist ein Meisterwerk in Perspektive, Farbgebung und Kommunikation. Und es hängt nicht nur in den Werkhallen des Landes. Die staatliche Nachrichtenagentur des Landes verbreitete das Plakat Mitte August als Bild. Denn es enthält auch eine wichtige Botschaft für ausländische Betrachter.

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Die erste und offensichtliche Botschaft richtet sich natürlich an die Nordkoreaner selbst. Der Volksgenosse wird, wie üblich, in deutlichen Worten angeschrien: „Niemand kann unseren Weg nach vorne aufhalten!“ So lautet die Überschrift. Dazu zermalmt das Kettenfahrzeug all jene Hürden, die von niederträchtigen Feinden errichtet wurden. Die Schriftzeichen bedeuten: Isolation – Mord – Sanktionen – Kriegsvorbereitung. Der Blick des Betrachters wird in die Mitte des Bildes gezogen, auf die orange leuchtende Panzerplatte. Dort steht in großen Zeichen: Byungjin, zu Deutsch: parallele Entwicklung. Eine Losung. Und zugleich die Lösung aller Probleme.

Jedenfalls, seit Kim Jong-un an der Macht ist. Es ist seine Staatsdoktrin, ein Parteitag hat sie nach seiner Machtübernahme beschlossen. Der junge Führer versprach seinem Volk die parallele Entwicklung von Militär und Wirtschaft, natürlich zu Höchstleistungen. Und er beanspruchte den Status einer Atommacht, mit allem, was dazu gehört: Raketen und Atomkraftwerke. Jeder nordkoreanische Regent hat so eine Doktrin. Bei Kims Großvater, dem Staatsgünder Kim Il-sung, war es die „Juche“-Ideologie: vom Ausland abkoppeln, alles selbst machen und autark werden. Dann kam Kim Jong-il und rief „Songun“: das Militär zuerst. Die Partei verkümmerte. Wer nicht Dienst an den Waffen leistete, musste sich jahrelang von Gras ernähren. Mit Kim Jong-un sollten bessere Zeiten anbrechen.

Die Pukguksong-2, Kim Jong-uns Nordstern

Auf dem Plakat kann man sehen, was daraus geworden ist: Die nukleare Rüstung hat alles andere an den Rand gedrängt. Ein Hochgeschwindigkeitszug, ein Kraftwerk und moderne Produktionsanlagen sind nur als blasser Vorschein einer fernen Zukunft zu erkennen. In den Vordergrund drängt sich dagegen der Panzer. Auf seinen Ketten steht: Atomentwicklung und Wirtschaftsaufbau. Oben auf dem Dach trägt er eine mächtige Rakete, die dem Betrachter fast entgegenschießt. Das ist der Phallus der Kim-Dynastie.

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An dieser Stelle wird es für ausländische Augen interessant. Denn der Panzer trägt nicht irgendein Modell aus dem großen Arsenal Nordkoreas. Es handelt sich vielmehr um eine Pukguksong-2 im Startrohr. Der Name bedeutet „Nordstern“. In letzter Zeit haben andere Raketen Furore gemacht, weil sie bis nach Nordamerika fliegen könnten oder über Japan hinweg geschossen wurden. Die heißen alle Hwasong, Mars, haben ein Triebwerk sowjetischer Bauart und werden mit flüssigem Treibstoff befeuert – Technik der späten fünfziger Jahre.

Mit der Pukguksong springt Nordkorea hingegen Jahrzehnte nach vorne, in die Gegenwart moderner Raketentechnologie. Da sind Feststoffraketen angesagt. Die haben mit Flüssigtreibstoffraketen so wenig zu tun wie ein Flachbildschirm mit einem Röhrenfernseher. Alle modernen Raketen, die heute im Einsatz sind, werden mit festem Brennstoff angetrieben: die amerikanische Minuteman-III ebenso wie die russische Topol-M, zwei Interkontinentalraketen zur wechselseitigen Vernichtung, aber auch die Ariane-5, mit der Europa Satelliten ins Weltall bringt.

Feststoffraketen haben unschätzbare militärische Vorzüge, das macht sie für Nordkorea so reizvoll. Der wichtigste: Sie sind jederzeit startbereit, vom Befehl bis zum Abschuss vergehen bloß fünf Minuten. Bei Raketen mit flüssigem Treibstoff dauert das mindestens eine Stunde. Sie lassen sich zwar auch betankt aufstellen, aber der Treibstoff ist hoch korrosiv: Er zerfrisst die Rakete von innen. Das betrifft besonders UDMH, ein Spezialgemisch, das für Interkontinentalraketen entwickelt wurde und auch von Nordkorea verwendet wird. Dieser Treibstoff zündet außerdem von selbst, wenn er mit einem Oxydator zusammengebracht wird. Kleinste Lecks können katastrophale Folgen haben. Solange die Raketen in Silos stehen, lassen sich die Risiken beherrschen. Wenn man sie aber mit Fahrzeugen transportieren will, werden sie aus Sicherheitsgründen immer erst kurz vor dem Start betankt. Die Rakete wird deshalb von einem größeren Konvoi begleitet – und ist so leichter aufzuspüren.

Die Idee hinter mobilen Raketensystemen ist dagegen: unsichtbar bleiben, um von überraschenden Positionen aus angreifen zu können. In der kühlen Logik des Nuklearkriegs ist das die Option zum Zweitschlag. Ein Angreifer kann niemals sicher sein, dass er mit einem Erstschlag das komplette Atomwaffenarsenal des Gegners vernichtet. Die Sowjets haben auf dieser Doktrin ihr gesamtes Raketenprogramm aufgebaut. Dagegen begnügten sich die Amerikaner mit fahrbaren Mittelstreckenraketen. Die landgestützten Interkontinentalraketen blieben in festen Silos. Für die U-Boote wurde eine eigene Variante entwickelt. Sie sind die beste Garantie dafür, dass man immer noch einen letzten Schuss abfeuern kann.

Nordkorea setzt auf beides, U-Boote und hochmobile Systeme an Land. Schon das zeigt, wie ernst es dem Land mit einer glaubhaften Abschreckung ist. Für beide Zwecke braucht es Feststoffraketen. Kein Kommandant würde mit hochexplosivem Flüssigtreibstoff in See stechen. Deshalb wurde die Pukguksong-Rakete zunächst für U-Boote entwickelt. Darin liegt eine besondere Herausforderung: Die Rakete lässt sich ja nicht unter Wasser zünden. Sie muss deshalb mit Gasdruck aus einem Schacht herauskatapultiert werden. Die Rakete steigt dann auf, geschützt von einer Gasblase, und zündet erst in der Luft.

Nordkoreanische Ingenieure haben diese anspruchsvolle Technik erstaunlich schnell in den Griff bekommen. Ende 2014 übten sie zunächst an Land, dann von einer Abschussplattform unter Wasser. Ein Jahr später folgten die ersten Tests mit einem umgebauten U-Boot, der erste Schuss gelang im Frühjahr 2016. Da flog die Rakete noch nicht sehr weit. Doch schon im August war auch dieses Problem behoben, Fachleute sprechen von einem „Bilderbuchstart“. Das Geschoss flog 500 Kilometer Richtung Japan, bis in die Zone, wo das Land den Luftraum überwacht. Eine Warnung an Tokio: Nordkorea kann japanische Ziele von See aus treffen.

Bei der einen Warnung blieb es nicht. Im Februar dieses Jahres überraschte Pjöngjang die Welt ein weiteres Mal. Von einem Testgelände nahe dem Hafen Sinpo stieg eine Rakete 550 Kilometer weit in den Himmel. Fachleute glaubten erst, es handle sich um eine Variante der schon bekannten Flüssigkeitsraketen. Tatsächlich war es der erste und sogleich erfolgreiche Abschuss einer Feststoffrakete an Land. Sie wäre, bei anderem Flugwinkel, bis zu 2500 Kilometer weit gekommen und hätte jeden Punkt in Japan treffen können. Warum Japan? Es ist nach Südkorea der nächste Feind des Regimes in Pjöngjang, die Amerikaner haben dort 40000 Mann stationiert. Während die Rakete startete, trafen sich in Florida gerade der frisch vereidigte Präsident Trump und der japanische Ministerpräsident Abe. Das war kein Zufall.

Nordkoreas Rakete made in China?

Von diesem erfolgreichen Landtest verbreitete Nordkorea reichlich Bilder. Sie zeigen eine leicht veränderte Version der schon bekannten U-Boot-Rakete: zwei Stufen, beide etwas stärker, und ein anders geformter Gefechtskopf. Die Rakete bekam den Namen Pukguksong-2. Verschossen wurde sie von jenem Kettenpanzer, der auf dem Propagandaplakat nachgebildet ist.

Die schnellen Erfolge werfen Fragen auf. Wie kann es sein, dass Nordkorea binnen zwei Jahren über eine Feststoffrakete verfügt? China brauchte fast zwanzig Jahre, um so etwas zu entwickeln. Und warum testete Nordkorea zuerst den schwierigeren Abschuss unter Wasser? Alle anderen Staaten haben zuerst Landsysteme entwickelt. Der Münchner Raketentechniker Robert Schmucker, ein erfahrener Ingenieur, gibt darauf eine klare Antwort: „Diese Raketen wurden nicht von Nordkorea entwickelt, sondern von China.“ Die Ausmaße und Parameter der Rakete erinnern Schmucker an das Modell Dong-Feng 21, von dem es auch eine U-Boot-Variante gab, die JL-1. Entwickelt wurde sie in den siebziger Jahren, im folgenden Jahrzehnt kam sie zum Einsatz. Aber warum sollte China so wertvolle Technologie an seinen Nachbarn weitergeben? Schmucker hat auch dafür eine Vermutung: Nordkorea habe ein paar Raketen bekommen, um sie im chinesischen Auftrag zu testen. Wenn die Geschosse dann versagten, weil ihre Lebensdauer überschritten gewesen sei, falle das auf Pjöngjang zurück. Peking könne dagegen weiter den Schein der Abschreckung wahren. Schmucker ist nicht der einzige Fachmann, der derlei Mutmaßungen anstellt.

Es gibt aber auch eine ganz andere Sicht der Dinge. Sie stammt von Fachleuten, die Zugang zu eingestuften Informationen haben – Aufklärungsergebnisse von Geheimdiensten. Diese Leute sagen, dass Nordkorea zwar Hilfe aus China bekam, aber die Raketen selbst bauen kann. Sie begründen das mit der Juche-Ideologie: Alles im Land sei auf größtmögliche Autonomie und Selbständigkeit angelegt. Wenn Nordkorea eine Rakete aus dem Ausland bekomme, würde es sie niemals verschießen, sondern zuerst nachbauen. Das gelte im Übrigen auch für Raketen mit flüssigem Treibstoff.

Diese Theorie ist brisant. Wenn sie stimmt, ist Nordkorea viel weiter und eigenständiger, als Experten wie Schmucker glauben. China hätte dann viel weniger Einfluss auf Pjöngjang. Und für den Rest der Welt, vor allem für die Feinde Nordkoreas, wäre die Lage noch gefährlicher, als sie ohnehin schon erscheint.

Bis vor kurzem gab es keinerlei öffentliche Belege für diese Sichtweise. Dann erschien Anfang September ein neuer Bericht des Expertengremiums, das im Auftrag des UN-Sicherheitsrats die Umsetzung der Sanktionen gegen Nordkorea überwacht. Die Experten schrieben, dass die vielen Sperren gegen nordkoreanische Importe und Exporte bislang kaum greifen. Darüber wurde berichtet. Brisanter war jedoch ein anderes Detail, das kaum jemand beachtete. In dem Bericht ist von baulichen Veränderungen nahe einem Teststand für Feststoffraketen in Hamhung die Rede. Es könne sich dabei um eine Produktionsstätte für diese Raketen handeln, heißt es ausdrücklich. Im Anhang findet sich eine Satellitenaufnahme von dem Gelände: Man erkennt darauf zwei große Hallen mit einem gewölbten, blau gestrichenen Dach. Offenbar wurden die Hallen neu gebaut und mit einem Betonwall umfriedet.

Nordkorea beherrscht die Herstellung wohl nicht

Der Hinweis auf diese Gebäude stammt von einem westlichen Geheimdienst. Der Dienst überwacht das Gelände rund um die Uhr, per Satellit und Radar, so dass er auch Bewegungen in der Dunkelheit aufzeichnen kann. Aufgrund der dabei gewonnenen Erkenntnisse gilt es als wahrscheinlich, dass in diesen Hallen Feststoffraketen gebaut werden. Es gibt aber keinen schlagenden Beweis dafür, zum Beispiel Bilder aus der Halle.

Feststoffraketen zu bauen ist eine hohe Kunst. Obwohl deren Mechanik vergleichsweise einfach ist. Sie bestehen aus einem Motor mit schwenkbarer Austrittsdüse zur Steuerung, einem Zünder und jeder Menge festem Treibstoff. Kein Vergleich mit der komplizierten Mechanik von Flüssigkeitstriebwerken mit ihren Turbopumpen und Kühlleitungen. Die eigentliche Kunst besteht darin, den Treibstoff herzustellen und so in die Rakete zu füllen, dass sich nirgendwo Risse bilden – auch nicht unter extremer Hitze. Denn der kleinste Riss kann zur Zerstörung führen. Die Raketen werden zur Kontrolle sogar geröntgt.

Robert Schmucker hat selbst Feststoffraketen für militärische Zwecke gebaut. Er kann sich nicht vorstellen, dass Nordkorea den Produktionsprozess beherrscht: „Das erfordert enorme Disziplin und eine ständige Qualitätskontrolle.“ Allerdings konnten sich Fachleute über Jahre hinweg vieles nicht vorstellen, was dann doch Wirklichkeit wurde. Zum Beispiel, dass Nordkorea – wie vom Regime behauptet – Raketenhüllen und Sprengköpfe aus Karbonfasern bauen kann. Das ist Hightech. Und ein technologischer Quantensprung: Bauteile aus Karbon sind viel leichter als Stahl und viel günstiger als Titan. Nur sie machen es möglich, Feststoffraketen mit interkontinentaler Reichweite herzustellen. Raketen, die bis nach Amerika kommen können.

Sind die Raketen echt oder nur Propaganda?

Ende August verbreitete Nordkorea dann ein Dutzend Bilder von einem Besuch des „obersten Führers“ im Institut für chemische Stoffe der Militärakademie. Kim Jong-un schreitet durch die Räume. Man erkennt: eine ultramoderne Wickelmaschine für Karbonfasern, einen damit erzeugten Raketenmotor mit anderthalb Metern Durchmesser, eine Gefechtskopfspitze aus Karbon. Fachleute halten das alles für echt. In einem Raum hängen zwei Schautafeln an der Wand. Sie zeigen eine verbesserte zweistufige U-Boot-Rakete namens Pukguksong-3. Und eine dreistufige Interkontinentalrakete, die ganz oder teilweise mit Feststoff angetrieben werden könnte.

Beides ist vermutlich nicht echt. Schmucker hält die Tafeln für reine Propaganda. Wer hingegen der Überzeugung ist, dass Nordkorea schon heute Feststoffraketen bauen kann, sagt: Das ist die Zukunft und das eigentliche Ziel des Programms. Zum Vorschein kam es schon bei der großen Militärparade im April. Neben den bekannten Raketenmodellen rollten fünf riesige Schlepper durch Pjöngjang, Fahrzeuge mit acht Achsen, die Nordkorea von China gekauft hat – dort werden sie in der Forstwirtschaft eingesetzt. Nun aber trugen sie mächtige Startbehälter, 24 Meter lang, groß genug für eine Interkontinentalrakete. Wahrscheinlich waren die Behälter leer. Doch zeigt Nordkorea bei solchen Paraden immer auch, woran es gerade arbeitet. Die Aufmärsche werden nicht bloß für das eigene Volk veranstaltet, sondern richten sich ebenso an das Ausland. Wie das Propagandaplakat.

Nordkoreas Verteidigungswillen nicht zu unterschätzen

Nordkorea ist groß im Täuschen und Lügen. Man muss immer aufzupassen, dass man diesem Regime nicht auf den Leim geht. Es hat schon Bilder von Raketentests mit Photoshop gefälscht und brüstet sich regelmäßig mit Fähigkeiten, die es noch gar nicht hat. Einerseits. Andererseits darf man es auch nicht unterschätzen. Die Kim-Dynastie hat schwerste Zeiten überstanden, sie ist immer noch da. Und sie hat sich entschieden, sämtliche Ressourcen des Landes für einen Zweck einzusetzen: ihr eigenes Überleben militärisch zu sichern. Deswegen gibt es nicht nur geschönte Bilder und Nachrichten aus Nordkorea, sondern immer wieder erfolgreiche Raketentests. Von einem der letzten Schüsse wurden sogar Fotos verbreitet, die zeigen, wie der Feuerschweif das Abschussfahrzeug beschädigt. Wer Erfolge feiert, kann sich auch mal Fehler leisten.

Klar ist: Wenn Kim Jong-un eines Tages Interkontinentalraketen mit festem Brennstoff besitzt, die er beliebig im Land herumfahren oder von U-Booten verschießen kann, wäre er selbst bei einer weiteren Eskalation auf der koreanischen Halbinsel seines Lebens sicher. Denn ein amerikanischer Präsident würde niemals Los Angeles oder New York opfern. Das dürfte selbst für einen Heißsporn wie Donald Trump gelten, mindestens aber für die Militärs, die seine Befehle ausführen. Sie dürfen es nur nicht laut sagen.

Quelle: F.A.S.
Thomas Gutschker
Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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