Haiders Zögling

Brandstifter Strache

Von Yvonne Staat, Wien
 - 15:17

Heinz-Christian Strache, der Mann, der die Freiheitliche Partei FPÖ nach dem Austritt Jörg Haiders und der gesamten Parteispitze im Jahr 2005 übernahm, der lange als billige Haider-Kopie belächelt wurde, der es allen zeigte, weil er die Partei aus der Krise herausführte, sie wieder groß und stark machte, so groß und stark, dass sie nach den Parlamentswahlen am Sonntag womöglich in die Regierung einziehen wird, dieser Mann war auch einmal klein. Über diese Zeit, als er klein war, beginnt Strache nun zu erzählen. Denn damals, sagt er, sei das entstanden, was ihn heute noch als Politiker ausmache, nämlich ein tiefempfundener Sinn für Gerechtigkeit.

Er sitzt in seinem Büro. An einer Wand hängen Fotos von ihm, wie er die Arme jubelnd hochwirft, wie er im Siegesrausch beide Hände zu Fäusten ballt. Er zündet sich eine Zigarette an. Hustet hart. Lässt seiner rempelnden Stimme freien Lauf, die sich sofort ausdehnt und alles ausfüllt. Dann erzählt er in einem Ton leichter Belustigung von einem verzweifelten Jungen.

Als er sechs Jahre alt war, schickte ihn die Mutter ins Internat. Der Vater hatte die Familie drei Jahre zuvor verlassen. Der Mutter blieb neben ihrer Arbeit als Drogistin nicht viel Zeit, sich um den Sohn zu kümmern. Das Internat thronte auf einem Hügel am Rand von Wien. Nur an den Wochenenden, zwischen Samstag- und Sonntagmittag, durfte der Junge runter in die Stadt fahren, zu seiner Mutter. Strache erinnert sich, dass er damals nicht verstand, warum die Mutter ihn jedes Mal wieder wegschickte, warum er nicht wie andere Kinder zu Hause wohnen durfte.

Ein einsamer Kämpfer für Gerechtigkeit?

Mit zehn kam der Junge in ein anderes Internat, das noch strenger war als das erste. Manchmal wurden er und andere Mitschüler nachts von den Erziehern aus den Betten geholt und dazu gezwungen, sich mit ausgestreckten Armen in den Gang zu stellen. Im Winter bibberten sie vor Kälte. Niemand durfte die Arme sinken lassen. Wer nicht durchhielt, durfte am Wochenende nicht nach Hause. Es gab Erzieher, die auf die ausgestreckten Arme zusätzlich zwei oder drei dicke Bücher legten. „Manche Mitschüler sind an der Härte zerbrochen“, sagt Strache. „Manche sind stärker geworden. Ich bin stärker geworden.“

Er erzählt, dass er einer war, der keine Angst vor den Erziehern hatte. Dass er den Schwächeren beistand, indem er stellvertretend für sie den Mund aufmachte und die Ungerechtigkeit anprangerte. Diese Rolle, die ihm damals die Kraft zum Überleben gab, will er seitdem nicht mehr ablegen. Er sieht sich heute noch so: als einsamer Kämpfer für mehr Gerechtigkeit; als Sprachrohr all jener, die anscheinend zu schwach oder zu ängstlich sind, um ihre Meinung zu sagen. Immer wieder beginnt er seine Sätze mit: „Ich bin ja der Einzige, der den Mut hat“, dieses oder jenes zu tun. Immer wieder betont er, wie er für seinen Mut bestraft wird, mit Diffamierungen, Shitstorms, Ausgrenzung.

Das Bild, das Strache da von sich zeichnet, ist so schief, dass einem schwindelig wird, wenn man es betrachtet. Natürlich sind diejenigen, als deren Sprachrohr sich der FPÖ-Chef sieht, nämlich die FPÖ-Wähler, sehr wohl in der Lage, ihre Meinung zu äußern. Sie tun es täglich und tausendfach in den sozialen Netzwerken, auf den Online-Portalen klassischer Medien, bei Demonstrationen, Vorträgen, Wahlen.

Strache ist auch kein einsamer Kämpfer, der sich vor Ausgrenzung fürchten muss. Beim Politischen Aschermittwoch der AfD in Bayern im vergangenen März trat er als Stargast auf. Seine Partei ist mit über zwanzig Prozent Stimmenanteil die drittstärkste Fraktion im Parlament, stärker sind nur die beiden Regierungsparteien ÖVP und SPÖ. In Umfragen zur Wahl liegen die Freiheitlichen an zweiter Stelle hinter der ÖVP. Längst haben sich die Regierungsparteien – aus Angst, noch mehr Wähler an die Freiheitlichen zu verlieren – Straches Kurs angepasst.

Wettlauf um die härteste Asylpolitik

Vor allem Sebastian Kurz, neuer Chef der ÖVP und aussichtsreichster Kanzlerkandidat, bietet sich mit Strache einen Wettlauf um die härteste Asylpolitik, die EU-kritischsten Töne, den dumpfsten Populismus. Und die Gerechtigkeit, für die Strache angeblich kämpft, verdient den Namen nicht, weil sie nicht alle im Land lebenden Menschen einschließt. Sie ist eine Exklusivveranstaltung für Auserwählte.

Während des letzten Wahlkampfes vor vier Jahren warb die FPÖ mit Plakaten, auf denen Strache zu sehen war, daneben stand: „Liebe deinen Nächsten – Für mich sind das unsere Österreicher.“ Auf den diesjährigen Wahlkampfplakaten steht: „Österreicher verdienen Fairness.“ Die Gerechtigkeit verdient auch deshalb ihren Namen nicht, weil sie die Auserwählten und jene, die nicht dazugehören, gegeneinander ausspielt.

Bei der Präsentation der diesjährigen Plakate meinte der Generalsekretär der FPÖ, Österreich stecke in einer Fairnesskrise. Den Grund, den „innersten Kernpunkt“ dieser Krise, beschrieb er so: „Dass diejenigen, die da in Massen in unser Land strömen und noch nie etwas für unser Land geleistet haben, dass die gleich oder sogar besser behandelt werden als die österreichische Bevölkerung.“ Flüchtlinge bekommen in Österreich nicht gleich viel, schon gar nicht mehr Geld als Einheimische, dies nur am Rande.

Aber Strache ist es egal, ob das Bild, das er von sich zeichnet, schief ist. Weil ihm diejenigen, die sich an der Schiefe stören, egal sind. Mit diesem Bild, in dem alles schief ist, verhält es sich wie mit den Fotos in Straches Büro, auf denen er als jubelnder Sieger posiert: Wer von draußen, von außerhalb der FPÖ-Welt, das Büro betritt und diese Fotos sieht, fragt sich unwillkürlich, warum Strache so etwas aufhängt. Warum ihm so viel Selbstkult nicht peinlich ist. Es ist ihm nicht peinlich. Es kümmert ihn nicht, was die Leute, die von außerhalb kommen, von den Fotos halten. Er weiß, dass diejenigen, die sich innerhalb der FPÖ-Welt bewegen, auf den Fotos tatsächlich einen Sieger sehen.

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Das Internet wird virtuos genutzt

Seit Jahren nutzen Strache und seine Mitarbeiter virtuos das Internet, um diese FPÖ-Welt zu erschaffen. Die Drehscheibe dieser Welt ist Straches offizielle Facebook-Seite. Sie zählt rund 750 000 Fans. Die Seite von Bundeskanzler Christian Kern zum Beispiel hat nicht einmal ein Drittel so viele Fans. Jeder Beitrag, den Strache auf seiner Seite postet, wird im Schnitt von 1500 Leuten geliked. Das ist viel. Je mehr Likes ein Beitrag hat, umso mehr Nutzern wird er in der Folge angezeigt. Strache erreicht so ein Millionenpublikum. Hinzu kommen die Facebook-Auftritte weiterer hoher Mitglieder der Partei, die ebenfalls erfolgreich sind.

Strache und seine Leute posten auf ihren Seiten die Links zu den Videos des parteieigenen Youtube-Kanals FPÖ-TV, aber auch Links zu Texten anderer Online-Medien, meist aus der rechten Szene. Die Botschaften, die diese Videos und Texte verbreiten, sind immer dieselben: Die Politiker führen uns hinters Licht; die klassischen Medien lügen; die Flüchtlinge nehmen uns alles weg.

Der Eintritt in die FPÖ-Welt ist leicht. Wer zum Beispiel bei Straches Seite auf „Gefällt mir“ klickt, dem schlägt Facebook sofort weitere, ähnliche Seiten vor. So funktioniert der Facebook-Algorithmus: Er füttert die Nutzer mit dem, worauf sie Appetit zu haben scheinen. Wer dann noch beginnt, öfters mal einen Beitrag auf Straches oder auf einer ähnlichen Seite zu kommentieren, rutscht immer tiefer hinein in diese Welt. Bekommt nur noch zu Gesicht, was ins Weltbild passt.

In dieser FPÖ-Welt erscheint Straches Selbstinszenierung logisch und richtig. Nichts ist mehr schief. In dieser FPÖ-Welt werden die „echten Österreicher“ (ein Ausdruck, den Strache oft verwendet) tatsächlich unterdrückt und entrechtet, angeblich von der Regierung. Strache bezeichnet die Regierung in seinen Reden oft als „das System“. Manchmal verwendet er für einzelne Regierungsmitglieder auch Wörter wie „Staatsfeind“ oder „Bürgerfeind“ oder „ÖsterreichFeind“.

Die Reden werden von FPÖ-TV aufgezeichnet, die Videos auf Straches Facebook-Seite verlinkt. Andere Parteimitglieder nennen die Regierung auf ihren Facebook-Seiten „Fremdherrschaft“. Diese Regierung, so Strache und seine Leute auf Facebook, will Österreich „zerstören“ und „kaputtmachen“. Sie „hasst“ das Land und die Menschen, sie „ignoriert den Willen des Volkes eiskalt“.

Muslime als Feindbild

In dieser FPÖ-Welt werden die Bürger tatsächlich bedroht, angeblich von den Flüchtlingen. Auf den Facebook-Seiten der Freiheitlichen werden die Flüchtlinge zu „Invasoren“, zu einer „Invasionsarmee“, zu „Erd- und Höhlenmenschen“, zu einer „Massenhorde Wilder“. Strache spricht in seinen Reden von einer „feindlichen Landnahme“. Auf seiner Seite verlinkt er Videos von FPÖ-TV, in denen Menschen zu Wort kommen, die nahe der slowenischen Grenze wohnen und miterlebt haben, wie im Spätsommer 2015 Tausende Flüchtlinge diese Grenze überschritten.

In einem der Videos sagt ein Mann: „Eigentlich herrscht hier Krieg. Jeder, der kein Depp ist, sieht, dass wir auf einen Bürgerkrieg zusteuern.“ In einem anderen Video sagt ein anderer Mann: „Die Menschen hier fühlen sich im Stich gelassen. Bewaffnung in jeder Form, auf jedem Bauernhof. Jeder versucht, sich irgendwie mit einer Waffe einzudecken.“

In dieser FPÖ-Welt droht aber nicht nur der Bürgerkrieg, sondern auch ein „schleichender Bevölkerungsaustausch“, so der Generalsekretär der Partei in einem weiteren Video von FPÖ-TV. Denn die Bedrohung geht nicht nur von den Flüchtlingen aus. Sie geht von allen Muslimen aus. Ständig warnen die FPÖ-Leute auf ihren Facebook-Seiten davor, dass „der Österreicher zum Fremden im eigenen Land wird“ und der Islam die „dominante Religion“. Konsequent vermeiden sie das Wort „Islam“, verwenden stattdessen „Islamisierung“ oder „Islamismus“. Nur er und seine Partei, meint Strache, seien in der Lage, Österreich vor dem Untergang zu retten. In dieser FPÖ-Welt ist er tatsächlich der einsame Kämpfer, der er immer behauptet zu sein.

Er hat ein offenes, zugewandtes Gesicht, ein schelmisches Lachen, einen Händedruck, wie er unter Bergsteigern üblich ist, wenn sie einander vertrauend, voneinander abhängig, einen schwierigen Gipfel erklommen haben und sich, endlich oben, gegenseitig gratulieren. Er habe eine kollegiale Art, loben seine Mitarbeiter. Und immer ein offenes Ohr.

Spiel mit den Gefühlen der Menschen

Strache selbst sagt, die Partei, das sei für ihn auch Familie, Freundschaft. Jeder sei für den anderen da. Er erzählt, wie es früher war, vor seiner Zeit als Chef. Niemand habe sich damals getraut, offen zu reden. Es habe Intrigen gegeben. Er schüttelt grimmig den Kopf. Er versteht nicht, wie man mit Mitarbeitern so umgehen kann. „Die Mitarbeiter hatten Angst, morgens überhaupt zur Arbeit zu kommen.“

Es hat fast etwas Komisches, von Strache erklärt zu bekommen, dass Angst und Misstrauen eine Gemeinschaft zersetzen können. Seine Strategie besteht ja gerade darin, dass er Angst sät und mit den Früchten seiner Saat Wahlen gewinnen will. Er spielt mit den Gefühlen der Menschen, und die Menschen entziehen sich nicht. Sie lassen ihn mit ihren Gefühlen spielen.

Auf Straches Facebook-Seite, unter seinen Beiträgen, gibt es unzählige Kommentare wie diesen: „Ich will mein Land zurück!!! Ein Land, in dem ich mich frei bewegen kann, ohne Angst, ohne dass wir von Invasoren überfallen werden, deren einziges Ziel es ist, uns zu schaden. Ich will für mein Kind wieder das Österreich haben, das es einmal war!“

Die Menschen schmücken ihre Kommentare mit vielen blauen Herzen. Blau ist in Österreich die Farbe der Freiheitlichen. Manchmal schreiben sie auch gar nichts, schicken Strache nur fünf Zeilen blaue Herzen. Und Strache erntet. Er wird die Wahlen zwar nicht gewinnen, aber erfolgreich sein wird er bestimmt. Und wenn es nicht noch einmal zu einer großen Koalition kommt, stehen die Chancen gut für ihn, bald als Vizekanzler mit am Kabinettstisch zu sitzen.

Wahrscheinlich wird er den Journalisten dann wieder erzählen, wie es war, als er klein war. Wahrscheinlich wird er wieder die Härte des Alltags im Internat herausstreichen, und wie er an dieser Härte gewachsen sei. Ziemlich sicher wird er am Ende dieser Geschichte wieder den Satz sagen: „Was dich nicht umbringt, macht dich stark.“ Und mit den Schultern zucken, als handle es sich um die Wahrheit.

Quelle: F.A.S.
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