Großmanöver „Sapad“

Putins Armee steht an der Grenze

Von Lorenz Hemicker, Moskau
 - 15:58

Der Kreml könnte den Auftakt seines gigantischen Herbstmanövers an diesem Donnerstag für eine gewaltige Überraschung nutzen. Präsident Wladimir Putin könnte einen Befehl an die Tausenden Soldaten geben, die rund ums Baltikum auf den Startschuss des Herbstmanövers „Sapad“ warten. Er müsste umgesetzt werden an Bord der Kriegsschiffe in der Ostsee, an Bord der Panzer in Weißrussland und der Kampfflugzeuge im westlichen Militärdistrikt. Der Befehl, er müsste „Stopp“ heißen.

Wladimir Putin könnte das Großmanöver, über das seit Monaten voller Sorge im Westen gesprochen wird, einfach abblasen. Sollte Russlands Präsident fürchten, dass ein solcher Schritt zu gefährlicher Frustration in seinem Generalstab führt, gäbe es auch eine elegantere Variante. Putin könnte seine Truppen das Manöver durchführen und noch einmal ihre militärische Stärke demonstrieren lassen. Er könnte vor die Weltgemeinschaft treten und sagen: „Seht her, Russland kann es mit jedem Gegner aufnehmen! Darum setzen wir nun ein Zeichen der Entspannung.“ Als Geste des guten Willens könnte der Präsident verkünden, dass Russland ab sofort auf seine Herbstmanöver verzichtet. Alternativ könnte er auch in Aussicht stellen, dass sein Land die Zahl seiner Truppen an der Grenze zur Nato reduziert oder seine Militärübungen ein gutes Stück verringert. Schließlich üben die russischen Streitkräfte deutlich häufiger als die Nato-Truppen in Europa. Oder aber, er könnte sie weiter üben lassen, dafür aber seine Truppen keine weiteren Kampfbereitschaftsinspektionen mehr vornehmen. Bislang wird Teilen der russischen Streitkräfte hundertfach pro Jahr befohlen, sich im Rahmen dieser „snap drills“ blitzschnell kriegsbereit zu machen.

Die Russland-Skeptiker im Westen würden vermutlich skeptisch bleiben, was der Kreml mit solch einem Schritt bezwecken will. Doch spätestens, wenn die Soldaten häufiger in ihren Kasernen blieben, würde das Gros der Bündnisstaaten wohl reagieren und mit einer vergleichbaren Geste guten Willens an der Nato-Ostflanke reagieren. Putin könnte so eine Abrüstungsspirale in Gang setzen, von der am Ende beide Seiten sicherheitspolitisch wie ökonomisch profitierten und die das Ansehen Russlands (und seines Präsidenten) international immens steigern würde. Soweit die Theorie.

Eines der komplexesten Manöver des Jahres

De facto wird am Donnerstag wohl Russland gemeinsam mit seinem weißrussischen Verbündeten das komplexeste Manöver des Jahres abhalten. Eine Woche lang wird bei „Sapad“ („Westen“) eine gewaltige Streitmacht zu Lande, zu Wasser und in der Luft ihr Können demonstrieren, in unmittelbarer Nähe zur Nato-Ostflanke. Die russischen Streitkräfte geben die Zahl aller teilnehmenden Soldaten mit 12.700 an. Hinzu kommen rund 250 Panzer, 200 Geschütze, zehn Kriegsschiffe sowie eine nicht näher bekannte Zahl an Truppen des Innenministeriums, der Nationalgarde, des Inlandsgeheimdienstes FSB und des Katastrophenschutzes. Das Szenario für diese Armada sieht vor, Separatisten zurückzuschlagen, die Teile eines fiktiven Landes in Besitz genommen haben, unterstützt von zwei fiktiven Nachbarländern. Der Zweck des Manövers, werden russische Vertreter in Moskau nicht müde zu betonen, sei ein defensiver, auch wenn westliche Medien das anders darstellten.

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Hält Russland sich nicht an internationale Spielregeln?

Die Nato interpretiert die Großübung völlig anders. Zwar gibt es selbst im Baltikum nur wenige Beobachter, die ernsthaft damit rechnen, dass „Sapad“ in eine militärische Operation mündet, an deren Ende Russland sich die trotz Nato-Präsenz nur unzureichend verteidigungsfähigen Staaten Estland und Lettland einverleibt. Doch haben die Vereinigten Staaten zur Sicherheit noch ein paar hundert Soldaten und Kampfflugzeuge ins Baltikum verlegt. Auch amerikanische Kriegsschiffe werden in der Ostsee erwartet. In jedem Fall werden Umfang, Szenario und Zweck als Belege dafür gesehen, dass sich Russland nicht an die internationalen Spielregeln hält – und den aggressiven Kurs an seiner Westgrenze beibehält.

Die Zahl von 12.700 Soldaten hält man im Berliner Verteidigungsministerium für fiktiv und so gewählt, dass Russland seine Verpflichtungen umgehen kann, die es als Mitglied der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa eingegangen ist. Die wahre Truppengröße schätzte stellvertretend für viele zuletzt Ursula von der Leyen (CDU) auf über 100.000. Bereits im vergangenen Jahr hatte Russland sein Herbstmanöver „Kaukasus“ zunächst künstlich kleingerechnet. Erst im Nachgang vermeldeten die russischen Streitkräfte kleinlaut (und nur auf Russisch), dass die Truppenzahl statt 12.500 doch 120.000 umfasst habe, verteilt auf zahlreiche Übungsgebiete. Auch in diesem Jahr finden parallel zu „Sapad“ weitere Übungen statt, etwa auf der Halbinsel Kola. Zusätzliche Truppen trainieren auch in Kaliningrad, zudem übt die Nordflotte in der Nähe des Baltikums, auf russischem Territorium.

Zweifel bestehen auch mit Blick auf das Szenario. Separatisten, die russisches oder weißrussisches Territorium besetzen könnten, gibt es offenkundig nicht. Und gäbe es sie doch, so wären die Operationen Minsks und Moskaus mindestens drei Nummern zu groß, um ihrer Herr zu werden. Bei Herbstmanövern wie „Sapad“ üben die Truppen den konventionellen und kombinierten Kampf aller Teilstreitkräfte bis hin zum (fiktiven) Einsatz taktischer Nuklearwaffen. Das Szenario, so ist man sich im Westen einig, übt wie in vergangenen Jahren vor allem eines: Eine Auseinandersetzung mit der Nato, bis hin zur Besetzung des Baltikums. Selbst wenn Letzteres aktuell nicht angestrebt werde – der Zweck des Säbelrasselns kann nach der Lesart der Nato nur offensiv sein, und sei es lediglich, um die östlichen Bündnismitglieder zu verängstigen.

Dabei sind die Sorgen durchaus beidseitig. Wer in Moskau mit russischen Diplomaten und Politikern spricht, bekommt in den meisten Fällen immer dieselbe Antwort: Die Angst vor der Einkreisung des eigenen Landes sei bis heute ein bestimmendes Element in der Außenpolitik Russlands, ganz gleich, ob der jeweilige Präsident daran glaubt oder es nur nutzt, um seine Handlungen zu rechtfertigen. Mag es aus westlicher Sicht zynisch klingen – die Kriege in Georgien und der Ukraine lassen sich aus Sicht dieser Leute als Schritte rechtfertigen die Nato davon abzuhalten, weiter an Russland heranzurücken.

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Die Nato hat bislang zurückhaltend reagiert und die Zahl ihrer Truppen wie auch die ihrer Manöver so langsam erhöht, dass die russische Führung sie realistisch betrachtet nicht als Bedrohung sehen kann. Im Baltikum stehen nur drei multinationale Bataillone der Nato. Gemeinsam mit den baltischen Streitkräften könnten Sie die Region niemals verteidigen. Die Allianz erhöht ihre Bestrebungen zwar weiter, jedoch unscheinbar und in kleinen Dosen. Eine drastische Reaktion wie die Verlegung von sieben Brigaden an die Nato-Ostflanke, gefordert von der konservativen amerikanische Denkfabrik „Rand“, plant die Nato nicht. Wohl wissend, dass ein solcher Schritt in Moskau sämtliche Alarmglocken schrillen lassen würde.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hemicker, Lorenz
Lorenz Hemicker
Redakteur in der Politik
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