Reaktionen aus Russland

Olympische Wallungen gegen den Westen

Von Friedrich Schmidt, Moskau
 - 06:57
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Ab Dienstagabend war „unischenije“ das Wort der Stunde im russischen Staatsfernsehen. Es bedeutet Demütigung, Erniedrigung. Der Vorwurf richtete sich vordergründig an das Internationale Olympische Komitee (IOC), das wegen des erwiesenen Staatsdoping-Systems beschlossen hatte, keine Auswahl Russlands zu den Olympischen Winterspielen in Südkorea im Februar zuzulassen. Einzelne „saubere“ Athleten sollen unter neutraler Flagge antreten dürfen, als „olympische Athleten aus Russland“.

Es gab weder einen Komplettausschluss russischer Athleten noch die Forderung an Moskau, den Betrug zuzugeben und sich zu entschuldigen. Man könnte das als Kompromiss, als goldene Brücke sehen. Stattdessen wird die Lausanner Entscheidung vom Moskauer Politpersonal und den gelenkten Medien zur nationalistischen Aufwallung und zur Mobilisierung gegen „den Westen“ genutzt. Denn geopolitische Gegnerschaft ist das wichtigste Thema Wladimir Putins vor den Präsidentenwahlen im März. In diesem Kreml-Bild ist das IOC nur Werkzeug amerikanischer Umtriebe.

Vorwurf der Einflussnahme

In diesem Sinne hatte Putin die Russen auf den Schock vorbereitet. Im Oktober machte er auf seinem Valdai-Gesprächsforum in Sotschi „amerikanische Instanzen“ für „starken Druck“ auf das IOC verantwortlich, Russland gar nicht oder nur unter neutraler Flagge zu den Spielen zuzulassen. Eine Demütigung, Erniedrigung seien beide Varianten. „Wenn jemand denkt, auf diese Weise den Verlauf des Wahlkampfs in der Russischen Föderation im Frühling kommenden Jahres zu beeinflussen, irrt er sich zutiefst.“

Anfang November warf Putin Washington abermals vor, mit Doping-Vorwürfen Einfluss auf die russischen Wahlen nehmen zu wollen, „als Antwort auf unsere angebliche Einmischung“ in die amerikanischen Präsidentenwahlen 2016. Schon da war unverkennbar, was dieser Tage unter Berufung auf das Kreml-Umfeld berichtet wurde: Putin würde die sich abzeichnende Sanktionierung Russlands durch das IOC zum Wahlkampfthema machen. Wenn der Sport keine Triumphe liefert, hält er für die angebliche Feindschaft des Westens her.

Nach Olympia-Ausschluss
Russisches Abwarten
© AP, reuters

Russland fühlt sich angegriffen

Während russischen Athleten infolge von Nachkontrollen immer mehr bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 gewonnene Medaillen wegen Dopings aberkannt wurden, starteten die vom Kreml kontrollierten Medien eine Kampagne gegen den vermeintlichen Schuldigen an den Enthüllungen: Grigorij Rodtschenkow, den in die Vereinigten Staaten geflohenen früheren Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Jenen Staatsdoping-Mittäter, der zum Kronzeugen wurde. Witalij Mutko, der langjährige Sportminister und aktuelle stellvertretende Ministerpräsident für Sport, durfte Rodtschenkow in einem der Diffamierungsfilme selbst als „Instrument“ bezeichnen, das gegen Russland eingesetzt werde.

Mutko erscheint als besonderer Verlierer der IOC-Entscheidung: Er wurde wegen seiner führenden Rolle im Staatsdoping lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossen, so auch sein Stellvertreter Jurij Nagornych. Mutko ist auch für die Fußball-WM 2018 verantwortlich. Zwar richten sich gegen russische Fußballer ebenfalls Doping-Vorwürfe, doch muss Mutko weiter nicht fürchten, dass er sich in Russland wegen seiner dokumentierten Rolle im System rechtfertigen muss. Aber man kann ihm Versagen vorhalten, dass Aussteiger wie Rodtschenkow das System enthüllen konnten. Konstantin Kossatschow vom Auswärtigen Ausschuss des Oberhauses fand für den Unmut die Formel, Russlands Sportfunktionäre hätten den Start „der Kampagne gegen Russland verschlafen und sind mit dem Finish nicht zurechtgekommen“. Kossatschow bezeichnete die Entscheidung des IOC als „widerlich“ und als „Teil der allgemeinen Linie des Westens zur Eindämmung Russlands“. Die Sprecherin des Außenministeriums äußerte, die IOC-Entscheidung sei Teil eines „großangelegten Angriffs“ auf Russland. Solche Zitate waren am Mittwoch Legion.

Die Bürger werden nicht informiert

Sport und Politik sind nicht zu trennen. IOC-Präsident Thomas Bach, der nun die Entscheidung in Lausanne zu verkünden hatte, galt bislang als Freund Putins. 2014 in Sotschi war Bach voll des Lobes für die Gastgeber, wischte Kritik beiseite. Die Ausrichtung der Spiele und der sportliche Erfolg wurden in Russland gefeiert. Auf das Schauspiel folgte die Besetzung der Krim. Das Ganze ging als „Russischer Frühling“ in die Geschichte ein.

Mittlerweile ist über den Doping-Nachkontrollen aus dem ersten Rang im Medaillenspiegel von Sotschi der dritte Platz geworden, was dem heimischen Publikum ebenso vorenthalten wird wie Russlands wirkliche Verluste in den Kriegen in der Ukraine und Syrien. Der frühere Fußballspieler und -trainer Walerij Gassajew beschwor am Mittwoch unbeirrt den vermeintlichen Triumph von Sotschi, „wo wir die Stärksten waren“.

Angeblich keine Blockade für Athleten

Gassajew ist einer von vielen früheren Sportstars, die im russischen Parlament Platz genommen haben. Sie verdeutlichen den Akklamationscharakter der russischen Politik, die bis Mittwochabend um die Frage kreiste, wann Putin seine Präsidentschaftskandidatur offiziell verkünden würde. Am Nachmittag trat Putin zunächst als „Ehrengast“ auf einem „Allrussischen Freiwilligenforum“ in Moskau vor jungen Leuten auf.

Putin, der sich selbst als Freiwilliger im Präsidentenamt bezeichnet hat, lobte die Arbeit von Freiwilligen, zog eine Linie zu seinem Vater, der im Zweiten Weltkrieg freiwillig an die Front gezogen sei, und erklärte 2018 zum „Jahr des Freiwilligen“. Dann ließ er sich von einem Sportmoderator fragen, ob er 2018 zur Präsidentenwahl antreten wolle. Putin sagte, dazu brauche er das Vertrauen und die Unterstützung des Publikums, das ihm auf seine entsprechende Frage zujubelte. Er werde sich „in nächster Zeit“ entscheiden, sagte Putin. Nur zweieinhalb Stunden später war es so weit: Bei einem Besuch in einer Fahrzeugfabrik in Nischnij Nowgorod kündigte Putin schließlich auf vielfältige Bitten der Arbeiter seine Kandidatur an. Der Jubel war groß.

Der Feierreigen federte auch Rufe nach einem Boykott als Reaktion auf die IOC-Strafmaßnahmen ab. Eine Entscheidung soll auf einer „Versammlung der Olympioniken“ am kommenden Dienstag fallen, hieß es. Die Athleten würden dort ihre „persönliche Wahl“ treffen. Und aus der Führung der Machtpartei Einiges Russland hieß es, „unter politischen Entscheidungen dürfen nicht einfache Sportler leiden“. Und schließlich verkündete Putin, der frisch proklamierte Kandidat, man werde den Athleten die Teilnahme freistellen und „definitiv keine Blockaden erklären“.

Quelle: F.A.Z.
Friedrich Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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