Affäre des letzten Zaren

Kinofilm „Matilda“ spaltet Russland

Von Friedrich Schmidt, Moskau
 - 20:55

Ende Oktober soll „Matilda“ in die russischen Kinos kommen, ein Film über die Beziehung der Ballerina Matilda Kschessinskaja zu dem Thronfolger Nikolaus Romanow zu Beginn der 1890er Jahre. Er sollte der letzte Zar des Russischen Reiches und 1918 hingerichtet werden, sie 1971 in der französischen Emigration sterben. Bisher kann man nur in einer gut zwei Minuten langen Vorschau sehen, wie die Affäre im Film aufbereitet wird. Danach zu urteilen dürfte der laut Eigenwerbung „historische Blockbuster des Jahres“ Freunden des Genres gefallen, mit Kostümpracht, Pferden, Feuer, Folter, Liebesspiel und Intrigen in Palästen sowie dem Zwiespalt zwischen Gefühl und Pflichtgefühl. „Du bist Zar, du hast ein Recht auf alles, außer Liebe“, heißt es über den jungen Nikolaj, den der Deutsche Lars Eidinger spielt.

Letztlich vertreten auch die nationalistisch-ultraorthodoxen Gegner des Films diese Ansicht. Sie führen schon länger eine laute, aber bis vor kurzem gewaltfreie Kampagne gegen „Matilda“. Doch in den vergangenen Wochen hat es mehrere Brandanschläge gegeben, die Terrormerkmale tragen, aber bisher nicht als extremistische Taten gewertet geschweige denn aufgeklärt wurden. So droht „Matilda“ zu einer weiteren Chiffre für ein Wesensmerkmal des gegenwärtigen Russlands zu werden: der Auslagerung der Gewalt auf nichtstaatliche Akteure zum Zwecke der Einschüchterung.

Androhung von brennenden Kinos und Verletzten

Im Zentrum der Kampagne gegen „Matilda“ steht Natalja Poklonskaja. Die zierliche Frau Mitte 30 machte sich nach Russlands Annexion der Halbinsel Krim als Staatsanwältin einen Namen und wurde im September 2016 Abgeordnete der Duma, des Unterhauses in Moskau. Poklonskajas demonstrative, den Kreml-Zeitgeist spiegelnde Leidenschaft gilt den Zaren und der Russischen Orthodoxen Kirche. Die Abgeordnete bezeichnete „Matilda“ als Verbrechen, da der Film „einen der verehrtesten Heiligen unser Kirche, den Leidensdulder Nikolaus II.“, verleumde. Denn Nikolaus II. und seine Familie sind wegen ihrer Ermordung durch die Bolschewiken heiliggesprochen worden. Poklonskaja sprang gleichgesinnten Aktivisten bei, etwa einer Gruppe namens „Zarenkreuz“. Anzeigen dieser Gruppe und der Abgeordneten, die eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte des letzten Zaren beklagte, führten bislang nicht zu Ermittlungen. Ziel der Kampagne ist ein offizielles Verbot des Films.

Anfang des Jahres trat dann eine Gruppe namens „Christlicher Staat – Heilige Rus“ auf den Plan. Sie teilte mit, sollte der Film gezeigt werden, „werden Kinos brennen und vielleicht sogar Leute verletzt“. Mittlerweile muss es als glückliche Fügung gelten, dass es noch nicht zu Verletzungen gekommen ist. In der Nacht auf den 31. August, den Geburtstag der Ballerina wie des Regisseurs des Films, Andrej Utschitjel, warfen Unbekannte Molotowcocktails auf dessen Studio in Sankt Petersburg. Größerer Schaden entstand nicht, weil die Fenster zur Schallisolierung von innen zugemauert waren. Utschitjel berichtete aus diesem Anlass über ständige Drohungen. Am 4. September rammte ein erklärter Monarchist einen mit brennbaren Substanzen beladenen Kleinlaster in ein Kino in Jekaterinburg, der Stadt, in der die Zarenfamilie erschossen wurde; an der Stelle steht heute eine Kathedrale „auf dem Blute“. Anschließend legte der Mann Feuer, rannte davon, wurde aber festgenommen. Dass sich seine Aktion gegen „Matilda“ richtete, ist bislang nur inoffiziell bestätigt.

Kritik vom Kulturminister

Vorige Woche setzten dann Maskierte zwei Autos in Brand, die vor der Moskauer Kanzlei von Utschitjels Anwalt geparkt waren. Sie hinterließen Zettelchen mit der Aufschrift „Brennen für Matilda“, ermittelt wird aber nur wegen Sachbeschädigung. Die Abgeordnete Poklonskaja forderte eine Untersuchung des Vorfalls, sah sich aber wegen „negativer Reaktionen in der Gesellschaft“ in ihrer mit öffentlichen Gebeten geführten Verbotskampagne bestätigt. Vom „Christlichen Staat“ hieß es, man habe doch vor „destruktiven Kräften“ gewarnt, die die Ausstrahlung verhindern wollten. Es gebe Leute, die Utschitjel „die Beine brechen“ wollten. Die Drohungen wirken: Unter anderem haben schon die größte russische Kinogesellschaft und einige Regionen angekündigt, „Matilda“ aus Sicherheitsgründen nicht zu zeigen.

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Aggressionen sogenannter Aktivisten sind nichts Neues in Russland. So werden Vertreter einer Gruppe namens „Serb“, die mehrfach den Oppositionellen Alexej Nawalnyj angegriffen und zuletzt eine Gedenktafel für den 2015 ermordeten Boris Nemzow von dessen Wohnhaus entfernt haben, von den Behörden mindestens gedeckt. Auch nach dem jüngsten Angriff eines Unbekannten gegen einen Mitstreiter Nawalnyjs wird nur wegen „Rowdytums“ und erfahrungsgemäß nur der Form halber ermittelt, obwohl dem Mann brutal mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen wurde. Doch mit „Matilda“ richtet sich die Welle der Empörung gegen ein Projekt eines Regisseurs, der die Annexion der Krim unterstützt hatte und das mit Staatsgeld gefördert wurde. Putins Sprecher verurteilte „Erscheinungen von Extremismus“, wollte aber „nicht über Verantwortung von irgendeinem sprechen“. Kulturminister Wladimir Medinskij rügte die „Hysterie beispielloser Intensität“ um den Film und warf der Abgeordneten Poklonskaja vor, „diesen Krach“ inszeniert zu haben. „Als Konservativer“, so Medinskij, wolle er sagen: „Solche selbsternannten ‚Aktivisten‘ diskreditieren die staatliche Kulturpolitik und die Kirche.“ Der Minister, der nun illegale „Zensur“ beklagte, findet sich indes meist als Kämpfer gegen „russophobe Mythen“ mit Poklonskaja auf derselben Seite wieder. Doch sein Haus hat „Matilda“ – für Zuschauer ab 16 Jahren – freigegeben und gefördert. Daher steht er nun so lange selbst im Feuer, wie der Zaren Nachfolger im Kreml zu dem Treiben schweigen.

Quelle: F.A.Z.
Friedrich Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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