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Russland und die Nato

So lassen sich Manöver zählen

Von Lorenz Hemicker
 - 08:21
Fallschirmspringer landen im Rahmen der Übung „Saber Junction 16“ am 12. April 2016 nahe Burglengenfeld in Bayern. Bild: Picture-Alliance, FAZ.NET

Wie stark bedroht Russland die Nato-Ostflanke? Antworten auf diese Frage fußen häufig auf abstrakten Vergleichen. Wehretats werden verglichen, ebenso Soldaten, Panzer und Raketenbestände. Auf Militärübungen richtet sich der Blick meist nur, wenn Zehntausende russische Soldaten an der Grenze zur Ukraine oder den baltischen Staaten aufmarschieren. So wie offenbar im kommenden September wieder. Dabei verraten Militärübungen eine Menge über die Kampfkraft von Streitkräften und damit über die Möglichkeiten eines Staates, anderen seinen politischen Willen aufzuzwingen. Sie sind wie Fingerabdrücke.

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Als vor einigen Monaten in dieser Redaktion die Idee reifte, die Übungstätigkeit Russlands und der Nato miteinander zu vergleichen, ging es nicht darum, die zahlenmäßige Unterlegenheit des Bündnisses an seiner Ostflanke gegenüber Russland zu beweisen. Allein in seinem westlichen Militärbezirk hat Moskau Zehntausende Soldaten stationiert. Das sind viel mehr Truppen, als die drei baltischen Nato-Mitglieder Estland, Lettland und Litauen aufbieten können. Sie verfügen noch nicht einmal über eigene Kampfpanzer oder Kampfflugzeuge. Wie auch Polen fühlen sie sich seit der Annexion der Krim und des Krieges in der Ostukraine, 2014, von ihrem östlichen Nachbarn massiv bedroht. Die Nato hat inzwischen eine Reihe vom Maßnahmen beschlossen, um die Mitgliedsstaaten an der Nato-Ostflanke rückzuversichern, etwa durch die Präsenz von insgesamt vier multinationalen Kampfverbänden, so genannter „battle groups“ mit je rund 1000 Soldaten, oder eine schnell verlegbare Speerspitze in Brigadestärke. Die Amerikaner verstärken ihre europäische Präsenz wieder, und auch die Übungstätigkeit wurde gesteigert.

Worauf diese Redaktion jedoch eine Antwort finden wollte, war eine andere, wichtige Frage: Wie intensiv übt das Bündnis, um sich auf konventionelle militärische Auseinandersetzungen vorzubereiten? Oder anders gefragt: Wie groß ist das „exercise gap“, die Übungslücke, zwischen der Nato und Russland?

Eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu finden stellte sich als echte Pionierarbeit heraus. Zwar wird über große Übungen beider Seiten regelmäßig berichtet. Auch haben Studien diverser Forschungsinstitute in der Vergangenheit Manöver analysiert und verglichen. Doch beschränkt sich ihre Arbeit in der Regel auf Großübungen. Detaillierte Übersichten der Übungstätigkeiten sind öffentlich nicht verfügbar, so es sie überhaupt gibt. Die Daten müssen wie ein Mosaik aus hunderten Einzelteilen zusammengetragen werden.

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In den vergangenen Monaten hat die F.A.Z. eine ganze Reihe öffentlicher Quellen ausgewertet. Auf russischer Seite wurden sämtlichen englischsprachigen Pressemitteilungen des russischen Verteidigungsministeriums untersucht, die seit Beginn des Jahres 2015 über die Tätigkeiten der eigenen Streitkräfte informieren. Es sind ein paar Tausend. Die Angaben sind umfangreich und in vielen Fällen detailliert. Dennoch geben sie zwangsläufig das Bild ab, welches Moskau vermitteln will. Und dieses Bild kann durch Weglassungen, Untertreibungen oder auch Übertreibungen verzerrt werden.

So gibt das russische Verteidigungsministerium beispielsweise in seinem englischsprachigen Auftritt die Zahl der beteiligten Soldaten bei seinem Herbstmanöver „Kaukasus 2016“ mit 12.500 Soldaten an. Das liegt knapp unter der Grenze, ab der sich Russland wie alle übrigen OSZE-Staaten verpflichtet hat, ausländische Beobachter zuzulassen und ist für eine strategische Übung eigentlich viel zu wenig. Eine jüngst erschienene Studie der schwedischen Verteidigungsagentur FOI weist darauf hin, dass das russische Verteidigungsministerium im Nachgang des Manövers die Zahl der beteiligten Truppen in einer russischsprachigen Mitteilung noch auf 120.000 anhob, verteilt auf 14 Übungsgebiete sowie das Schwarze und Kaspische Meer. Über Kampfbereitschaftsinspektionen würde das russische Verteidigungsministerium zudem überhaupt nicht systematisch berichten. Auch bestehen mitunter Zweifel am wahren Zweck militärischer Übungen. So firmierte das im Juni 2017 von Russland, Weißrussland und Serbien gemeinsam durchgeführte Manöver „Slavic Brotherhood 2017“ offiziell als Anti-Terror-Übung. Doch kamen dabei zahlreiche Schützenpanzer und Flugabwehrkanonen zum Einsatz. Das sind eher Hinweise auf eine traditionelle Kampfoperation denn auf ein chirurgisches Vorgehen gegen Terroristen.

Die Nato veröffentlicht ebenfalls Mitteilungen über Militärübungen der Allianz und ihrer Mitglieder, allerdings nicht so umfangreich wie die russische Seite. Hinzu kommt, dass die Aktivitäten des Nordatlantikpakts und seiner Staaten in sehr unterschiedlichen Rahmen abgehalten werden. Manöver unter Nato-Flagge stehen neben multinationalen Übungen, die von einzelnen Bündnismitgliedern organisiert werden und an denen auch befreundete Staaten teilnehmen können, die nicht der Nato angehören. Hinzu kommen auch noch rein nationale Übungen. Auf Seiten des westlichen Bündnisses mussten die Daten daher aus verschiedenen Quellen kompiliert werden. Sie fußen in erster Linie auf Angaben der Nato selbst, auf Anfrage der F.A.Z. Zudem wurden die Verteidigungsministerien sämtlicher Mitgliedsstaaten um entsprechende Angaben gebeten. Etwa ein halbes Dutzend kam der Bitte nach, darunter Deutschland und die Vereinigten Staaten. Wo Angaben unvollständig waren, wurden die Informationen im Einzelfall durch Gegenrecherche auf den Seiten der Streitkräfte des jeweiligen Landes so gut es ging ergänzt. Wie auf russischer Seite kann das so entstandene Bild nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Doch liefert es mit Blick auf die vorgenommenen Eingrenzungen die bestmögliche Näherung.

Welche Daten wurden abgefragt?

Streitkräfte bereiten sich kontinuierlich auf militärische Operationen vor. Dabei ist es schlicht unmöglich, alle Handlungen zu erfassen. Das gilt umso mehr, als es sich längst nicht nur um Übungen zur Gefechtsvorbereitung oder Schießen handelt. Hinzu kommen Aufklärung, Kommunikation, Logistik – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Der Auswertungszeitraum umfasst mehr als zweieinhalb Jahre und reicht vom 1. Januar 2015 bis zum 15. August 2017. Zudem werden die bereits bekannten Manöver bis Ende September 2017 in ihrem voraussichtlichen Umfang projiziert. In der Analyse werden sie nicht berücksichtigt.

Der Zeitraum wurde so gewählt, dass kurzfristige Schwankungen das Ergebnis nicht verfälschen. Zugleich lässt sich anhand der Langzeitanalyse erkennen, in wieweit Übungsaktivitäten zu- beziehungsweise abnehmen.

Erfasst werden ausnahmslos Übungen mit einer Gesamtstärke von mindestens 1500 Soldaten. Die Zahl entspricht der Untergrenze für eine Brigade, also eines militärischen Großverbandes, der eigenständig operative Aufgaben lösen kann. Sie wird im Rahmen der Analyse als rein numerisches Mindestmaß festgelegt. Andere Kriterien wie etwa die Übungskomplexität oder die Zahl der beteiligten Teilstreitkräfte wären wünschenswert gewesen, kamen aber angesichts unzureichender Daten nicht in Betracht.

Auf russischer Seite werden Kampfbereitschaftsinspektionen besonders gekennzeichnet. Sie wurden bis 1991 in der Sowjetunion abgehalten und im Februar 2013 vom russischen Verteidigungsministerium wieder eingeführt und dienen dazu, die Kriegsbereitschaft militärischer Einheiten zu testen.

Neben der Truppengröße wurde die Zahl der erfassten Ereignisse anhand weiterer Kriterien eingegrenzt. Militärische Wettbewerbe und Paraden wurden ebenso ausgeschlossen wie Rettungsmissionen und Berichte über Kurse im Rahmen der militärischen Grundausbildung. Auch Auslandseinsätze wie in Syrien finden keinerlei Eingang in den Datensatz.

Ansonsten wurden sämtliche Übungen unterschiedslos und unabhängig von ihrer Komplexitätsstufe oder ihres jeweiligen inhaltlichen Schwerpunktes erfasst. Zwischen Schießen, Stabsübungen und Truppenverlegungen wird also nicht unterschieden. Denn Streitkräfte sind in jeder noch so ausgefeilten militärischen Operation auf elementare Fertigkeiten ebenso angewiesen wie etwa auf reibungslose Kommunikation oder zuverlässige Versorgung.

Geographisch werden alle Übungen erfasst, die auf europäischem Nato-Gebiet oder in Russland stattfinden, inklusive den angrenzenden Seegebieten. Hinzu kommen Manöver auf nicht-russischem Territorium, soweit sie an der Nato-Ostflanke erfolgen (Weißrussland) oder auf russisch besetztem Gebiet, das seitens Moskau de facto einem Militärdistrikt zugewiesen worden ist (Krim, Abchasien, Süd-Ossetien). Anders gesagt: Es werden alle Gebiete erfasst, die mit Blick auf einen möglichen Konflikt etwa um die baltischen Staaten oder auch im Schwarzen Meer kurzfristig eine Rolle spielen könnten. Dazu gehören sämtliche europäischen Mitgliedsstaaten der Nato, inklusiver sämtlicher Bündnistruppen und –Stützpunkte, nicht aber Übungen in Amerika, Asien, Afrika, oder dem Nahen Osten. Denn es wird davon ausgegangen, dass all diese Truppen im Konfliktfall kurzfristig nicht zur Verfügung stünden.

Auf Seiten Russlands wird das gesamte Staatsgebiet betrachtet, angesichts offenkundiger Fähigkeiten Moskaus, ungehindert und nach Einschätzung mancher Experten auch weitgehend unbemerkt große Truppenkontingente quer durch das Land an die Nato-Ostflanke zu transportieren. Das bedeutet: Truppen, die sich monatelang im östlichen Militärdistrikt vorbereitet haben, können unvermittelt im westlichen Militärbezirk auftauchen und für einen Einsatz zur Verfügung stehen.

Um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen, stand die Redaktion während des gesamten Untersuchungszeitraums in engem fachlichen Austausch mit derjenigen Einrichtung, die aus unserer Sicht in der Vergangenheit die umfassendsten und profundesten Analysen zu russischen Manöveraktivitäten vorgelegt hat: Der staatlichen schwedischen Sicherheitsagentur (FOI).

Quelle: FAZ.NET
Lorenz Hemicker
Redakteur in der Politik
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