Saudi-Arabien-Kommentar

Der Kronprinz und die Kriegserklärung

Von Rainer Hermann
 - 12:27

Die Zeichen stehen auf Sturm. Saudi-Arabien beschuldigt Iran, einen Krieg gegen das Königreich zu führen, und es will sich nun dagegen zur Wehr setzen. Als einen „kriegerischen Akt“ bezeichnet die saudische Regierung die ballistische Rakete, die die jemenitischen Houthi-Rebellen am Wochenende auf die Hauptstadt Riad abgefeuert haben; sie macht dafür Iran verantwortlich.

Ferner hätten Iran und die Hizbullah im Libanon Saudi-Arabien den Krieg erklärt; aus diesem Grund sei der libanesische Ministerpräsident Hariri, ein Vertrauter des saudischen Königshofs, zurückgetreten. Medien des Königreichs stellen bereits die Frage, ob nun die Zeit für eine „große Konfrontation mit dem iranischen Regime“ gekommen sei. Beginnen könne sie gegenüber den Houthi und der Hizbullah, zwei „Instrumenten Irans in der arabischen Welt“.

In der Auseinandersetzung zwischen Saudi-Arabien und Iran hat sich der Ton massiv verschärft. Die Spannungen nehmen zu, seit der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman am Wochenende seine Macht vergrößert und gefestigt hat. Im Inneren geht er mit harter Hand gegen alle vor, die sich seinem Reformkurs in den Weg stellen, und außenpolitisch beansprucht er nun die Führung der arabischen Welt.

Dem 32 Jahre alten Kronprinzen unterstehen seit der Nacht der langen Messer am Wochenende die Armee und die Polizei, die Nationalgarde und die Geheimdienste – also der gesamte Sicherheitsapparat. In den zwei Jahren davor hatte er durch geschickte Allianzen Rivalen ausgeschaltet. Indem er junge Prinzen, die wie er der Generation der Enkel des Staatsgründers angehören, in wichtige Ämter gebracht hat, entstand um ihn ein loyaler Kreis, auf den er sich verlassen kann. Der Kreis steht für den überfälligen Generationswechsel in Saudi-Arabien.

Hoffen auf einen neuen Gesellschaftsvertrag

Verlassen kann sich Mohammed bin Salman auch auf die Unterstützung der jungen Bevölkerung, die mehr Freiheiten will und auf einen schnelleren Wandel des Königreichs dringt. Sie applaudierte am Wochenende, als Mohammed bin Salman die Festnahme von bekannten Prinzen, Ministern und Geschäftsleuten, die lange unberührbar schienen, wegen des Verdachts auf Korruption und Veruntreuung veranlasst hat. Diese junge Generation hofft auf einen neuen Gesellschaftsvertrag. Dabei soll der alte, der das Haus Saud an die reaktionären Religionsgelehrten bindet, durch einen zwischen den Al Saud und der Gesellschaft ersetzt werden.

Auf mittlere Frist kann aber nur eine Dividende des Wandels sicherstellen, dass die jungen Saudis den Reformkurs des Kronprinzen, der sich in der „Vision 2030“ ausdrückt, unterstützen. Seine aggressive Außenpolitik, die nicht populär ist, setzt seinen Reformkurs aber aufs Spiel. Denn Saudi-Arabien führt seit mehr als zwei Jahren im Jemen ohne Aussicht auf ein Ende einen teuren Krieg, und die Blockade von Qatar hat den kleinen Nachbarn weiter in die Arme Irans getrieben.

Dabei sieht Mohammed bin Salman seine Mission nicht nur in der Modernisierung Saudi-Arabiens, sondern auch in der Zurückdrängung Irans. Sie wurde geradezu, wenn auch nicht ohne Grund, eine Obsession. Denn der „schiitische Halbmond“ von Teheran über Bagdad nach Beirut, den der jordanische König Abdullah vor mehr als einem Jahrzehnt beschrieben hatte, ist zu einem schiitischen Korridor von Iran bis ans Mittelmeer gewachsen. Er schiebt sich durch Gebiete, über die in der Vergangenheit sunnitische Araber herrschten. Iran ist in dem Korridor mit schiitischen Milizen präsent, die den Revolutionsgarden unterstehen.

Gemeinsamer Feind Iran

Iran nutzte bei seinem Vorstoß die Schwäche der arabischen Staaten aus. Nun aber will Mohammed bin Salman Stärke zeigen, und er riskiert eine Eskalation bis hin zum Krieg. Iran ist offenbar darauf vorbereitet und hat Umbesetzungen in der Führung seiner Armee vorgenommen. Wahrscheinlicher als eine direkte militärische Konfrontation ist zunächst ein Konflikt über Stellvertreter. Denn die Hizbullah, die im Libanon als Vetomacht das letzte Wort hat, sammelt in Syrien neue Kampferfahrungen und baut ihr Waffenarsenal weiter aus. Beides beunruhigt Saudi-Arabien und auch Israel. Beide Länder arbeiten aufgrund ihrer Feindschaft zu Iran bereits zusammen.

So stark sich das mit modernen amerikanischen Waffen ausgestattete Saudi-Arabien auch zeigt – seine Handlungsoptionen sind beschränkt: Im Jemen reicht die saudische Militärmacht nicht, um die Houthi zu vertreiben; in Syrien bietet sich Saudi-Arabien zwar den Russen als Partner an, die wollen aber nicht auf die bewährte Partnerschaft mit Iran verzichten; im Irak verfügen die Saudis über keinen Hebel, um die einflussreichen schiitischen Milizen zu neutralisieren; und den Libanon überlässt Saudi-Arabien mit seinem Rückzug der Hizbullah und Iran.

Es ist ein Ausdruck der Schwäche der arabischen Welt, dass auch Saudi-Arabien, die letzte arabische Regionalmacht, seine Möglichkeiten gegenüber Iran weitgehend ausgeschöpft hat. Die Hoffnungen Riads richten sich daher auf den amerikanischen Präsidenten, der mit dem Versprechen angetreten war, Iran in die Schranken zu weisen. In einem hat Trump den Kronprinzen nicht enttäuscht: Er hat das Vorgehen gegen die korrupten Prinzen, Minister und Geschäftsleute gelobt. Nun erwartet Riad mehr als nur Rhetorik.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Hermann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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