Mays Pannen-Auftritt

Da ist der Brexit dann ein Klacks

Von Jochen Buchsteiner, London
 - 18:58

Nach „einem der berühmteren Husten in der Geschichte“, wie Gesundheitsminister Jeremy Hunt subtil formulierte, rätselt das Königreich, wie stark er der Premierministerin geschadet hat. Niemand kann etwas für eine Erkältung, aber Theresa Mays minutenlang anhaltendes Hüsteln und Räuspern, das ihre Parteitagsrede streckenweise in kaum vernehmbares Krächzen auflöste, schien ihren Autoritätsverfall geradezu metaphorisch zu dokumentieren. „Sie versprach, die Stimme der Menschen ohne Stimme zu sein, und verlor prompt ihre eigene“, hieß es am Donnerstag im Leitartikel der „Times“.

Kurz vor ihrem Husten war ein anarchisch gestimmter Komiker auf die Bühne geklettert und hatte ihr ein Entlassungsdokument entgegengehalten – nach dem Husten löste sich dann auch noch ein Buchstabe aus dem Parteitagsmotto und fiel auf den Saalboden. Mays Grundsatzrede über die Wiederbelebung des „britischen Traums“, die ihre Partei und vor allem sie selbst in die Offensive zurückbringen sollte, endete in einem „Albtraum“, titelte der „Guardian“.

Verheerender noch als das Bild einer Premierministerin, der selbst das Wasser, das ihr gereicht wurde, aus dem Mund lief, war das Foto der ersten Zuschauerreihe. Dort saßen Mays Schlüsselminister, und allen stand das blanke Entsetzen im Gesicht. Es war eine seltene Geste parteiinterner Solidarität, wenn nicht menschlichen Mitgefühls, als sie sich im Augenblick höchster Peinlichkeit erhoben und einen Dauerapplaus anstimmten, der ihrer Parteichefin die Gelegenheit zum Sammeln gab.

Parteitag in Manchester
Theresa Mays Rede voller Pech und Pannen
© AFP, reuters

Eben dieser Moment lässt nun aber auch viele fragen: Wird die Premierministerin des Königreichs nur noch von Mitleid getragen? Mehrere Abgeordnete, wussten Eingeweihte am Donnerstag, sammeln seit Mays Rede Unterschriften für ein Misstrauensvotum in der Fraktion. Dass sich kaum einer dazu bekennt, deutet die Chancenlosigkeit des Unterfangens an. Der Abgeordnete Ed Vaizey traf die Stimmung recht gut, als er sagte: „Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die jetzt ziemlich ernsthaft der Meinung sind, dass sie zurücktreten muss.“ Aber, fügte er an, „ich finde es zunehmend schwierig, einen Weg vorwärts zu finden“.

Die Konservativen stecken weiterhin in der Klemme: Sie spüren, dass sie mit der aus dem Tritt geratenen Premierministerin die Unterstützung im Volk verlieren, fürchten sich aber noch mehr vor einem Wechsel. Weder ist ein Nachfolger in Sicht, hinter dem sich die Partei versammeln könnte, noch wäre es den Brexit-Verhandlungen zuträglich, würden noch einmal kostbare Wochen wegen innenpolitischer Kabale verstreichen. Die Installation eines neuen Premierministers droht außerdem Neuwahlen nach sich zu ziehen, und die könnten in der gegenwärtigen Lage Labour-Chef Jeremy Corbyn ins höchste Amt tragen.

So raufen sich die Tories zusammen und deuten Mays Auftritt lieber in eine Präsentation der Stärke um. Die Premierministerin habe gezeigt, dass sie „im Angesicht von Widrigkeiten“ einen kühlen Kopf bewahre, sagte Wirtschaftsminister Greg Clark. Mays „Schneid“ sei genau, was das Land jetzt brauche. Der Abgeordnete George Freeman verglich die Parteichefin sogar mit der Queen, die ebenfalls den Dienst am Land über alles stelle. Niemand aus dem Kabinett fiel May am Donnerstag in den Rücken. Zu den Ironien dieser an Pointen reichen Zeit darf gezählt werden, dass May, die beim Referendum für den Verbleib in der EU eintrat, den größten Rückhalt im Brexit-Lager findet. Dort kalkuliert man, dass jede Veränderung in der Regierung den ersehnten Abschied von Brüssel gefährden könnte.

So hält man an May fest, zumindest bis zum 29. März 2019, dem Tag des Austritts. Die „Daily Mail“, das Zentralorgan der vehementen Brexiteers, klopfte ihr am Donnerstag wie ein Trainer auf die Schulter: „Das alte Mädchen zog es bis zum Ende durch.“ Nach dieser bestandenen Feuerprobe, rief die Zeitung der Premierministerin zu, werde der Brexit für sie ein „Klacks“.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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