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Rätselhafte Symptome

Hörsturz in Havanna

Von Andreas Ross
 - 18:55
Rex Tillerson sorgt sich um die Sicherheit amerikanischer Diplomaten: Amerika zieht den größten Teil seines Personals aus Kuba ab. Bild: AP, F.A.Z.

Ohrenschmerzen, Hörstürze, Schwindelanfälle, Kopfschmerzen, Schlafstörungen. Die Häufung solcher Symptome unter amerikanischen Diplomaten in Kuba war im State Department bisher auf rätselhafte „Zwischenfälle“ geschoben und möglichst heruntergespielt worden. Erst Ende der vorigen Woche schlug Außenminister Rex Tillerson neue Töne an. Nun sprach er von „Angriffen“. Auf neue Erkenntnisse allerdings schien er sich nicht berufen zu können. Obwohl das FBI schon vor Monaten begann, in Havanna nach Spuren eines unbekannten Gifts oder Krankheitserregers, ja nach einer neuartigen Schallwellenwaffe zu suchen, stehen die Amerikaner weiterhin vor einem Rätsel. „Die Ermittler waren nicht in der Lage zu bestimmen, wer für die Angriffe verantwortlich ist oder was sie verursacht“, teilte Tillerson mit.

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Um das Risiko zu minimieren, ziehe Amerika den größten Teil seines Personals aus Kuba ab. Gut zwei Jahre nach der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen verbleibt nur noch eine Rumpfmannschaft in der amerikanischen Botschaft; Kubaner können dort keine Visa mehr beantragen. Zwar seien bisher offenbar nur Mitarbeiter der Botschaft und deren Angehörige ins Visier der „Angreifer“ gelangt. Da sich die „Attacken“ aber auch in Hotels ereignet hätten, sprach das State Department zugleich eine allgemeine Reisewarnung für Kuba aus. Tillerson erinnerte die dortige Regierung an ihre Verpflichtung, für die Sicherheit ausländischer Diplomaten zu sorgen. Das Außenministerium in Havanna beschwerte sich über die „überhastete“ Entscheidung der Amerikaner. Doch gemessen sowohl an der Geschichte amerikanisch-kubanischer Konfrontationen als auch an dem sonst so robusten Ton der Regierung von Donald Trump, fiel am Freitag eher der geschäftsmäßige Ton der Erklärungen ins Auge. Beide Seiten waren bemüht, eine Eskalation zu vermeiden.

Zu bemüht, wenn es nach Exilkubanern in Florida geht. Der republikanische Senator Marco Rubio gab sich entgeistert, dass nicht zugleich kubanische Diplomaten aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen würden. Zwar werden im Weißen Haus solche und andere Strafmaßnahmen noch erwogen. Doch die Ermittler scheinen nicht anzunehmen, dass das Castro-Regime hinter den Angriffen steht. Eine der näherliegenden Spekulationen lautet, dass vielmehr die in Havanna seit Jahrzehnten verwurzelten Russen eine Art Neuauflage der Kuba-Krise mit den subtileren Methoden des 21. Jahrhunderts inszenierten. Fachleute sind uneins, wie plausibel es sei, dass eine fremde Macht solche Attacken in Havanna ohne Wissen der kubanischen Führung unternehmen könnte. Jedenfalls haben die Amerikaner offenbar den Eindruck gewonnen, dass die Kubaner so schockiert seien wie sie selbst. Allein der Umstand, dass das Regime die FBI-Ermittler ins Land ließ, spricht für diese Lesart.

Tillerson teilte am Freitag mit: „Kuba hat uns gesagt, es werde diese Angriffe weiterhin untersuchen, und wir werden mit ihnen zusammenarbeiten.“ Trotzdem sind viele Kubaner alarmiert. Verheerend könnte es sich für Kubas stark wachsende Tourismusbranche auswirken, wenn die Warnung des State Departments amerikanische Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und Kreuzfahrt-Reedereien oder deren Versicherer bewöge, ihr Kuba-Engagement zu überdenken – zumal sich Trump von Barack Obamas Öffnungspolitik jedenfalls verbal klar distanziert hat.

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Im Juni verkündete der Präsident in Miami, dass er „den völlig einseitigen Deal der vorigen Regierung mit Kuba kündigen“ werde. Viele Lockerungen sollten andererseits unangetastet bleiben. Fluggesellschaften können ihre erst im vorigen Jahr aufgenommenen Direktflüge fortsetzen. Allerdings hat Trump es für Amerikaner ohne familiäre Bindungen nach Kuba wieder komplizierter gemacht, als Touristen in das Land zu reisen. Wie sehr das den Strom der Reisenden in die Karibik bremst, hängt von den Verordnungen ab, die dazu demnächst erlassen werden sollen – es sei denn, schon Tillersons Reisewarnung dämpft den Eifer der Amerikaner, das allgemeine Tourismusverbot zu umgehen.

Einigen der bisher 21 Opfer der „Angriffe“ machen die Ärzte wenig Hoffnung auf Heilung. Manche dieser Diplomaten haben ausgesagt, sie hätten in bestimmten Räumen ihrer Häuser verdächtige Geräusche gehört. Doch weder konnte das FBI dort irgendwelche Sender finden, noch wüsste es wohl, wie eine solche „Überschallwaffe“ zu konstruieren wäre, über die in der Öffentlichkeit spekuliert wird. Nur an möglichen Tatmotiven mangelt es nicht. Nicht nur tummeln sich in Havanna reichlich fremde Mächte, die Amerika feindlich gesinnt sind. Auch gibt es in den Vereinigten Staaten wie auf Kuba genug Kräfte, die vieles tun würden, um die Annäherung beider Staaten zu hintertreiben.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Ross
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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