Griechenland und Mazedonien

„Ein historischer Moment für den Balkan“

Von Michael Martens, Athen
 - 18:23

Der Streit schien absurd, die Folgen jedoch waren ernst: Seit fast drei Jahrzehnten hat Griechenland die Westintegration des Balkanstaates Mazedonien verhindert. Begründung: Der Name Mazedonien beziehe sich auf Alexander den Großen, und der sei nun einmal ein Repräsentant der antiken hellenischen Kultur gewesen. Die slawischen Bewohner des sich heute widerrechtlich so bezeichnenden Staates Mazedonien, einer ehemaligen Republik Jugoslawiens, hätte daher nicht das Recht, diesen Namen zu tragen.

Schließlich seien Slawen erst im sechsten Jahrhundert nach Christus auf den Balkan gekommen, also fast ein Jahrtausend nach der Geburt Alexanders. Mit solchen Begründungen verhinderte Griechenland unter anderem den Beitritt Mazedoniens zur Nato auf dem Gipfel des Bündnisses in Bukarest im Jahr 2008 – obwohl alle anderen Staaten der Allianz dafür waren. Nur den Vereinten Nationen durfte Mazedonien beitreten, wenn auch auf Betreiben Griechenlands lediglich unter dem erniedrigenden Kunstnamen „Fyrom“, dem Akronym von „Former Yugoslav Republic of Macedonia“.

Die Folgen der von Griechenland erzwungenen Isolation Mazedoniens waren nicht nur für das Land selbst einschneidend, sondern potentiell destabilisierend für den gesamten südlichen Balkan. Die für die Region zeitweilig recht hohen demokratischen Standards in Mazedonien verfielen, der demokratisch gewählte Ministerpräsident Nikola Gruevski baute das Land über die Jahre zu einer Autokratie für sich und eine kleine Clique von Kleptokraten aus. In der albanischen Bevölkerungsgruppe Mazedoniens, die etwa einer Viertel der zwei Millionen Einwohner des Kleinstaates stellt, wurden Rufe nach einem Anschluss an den Nachbarstaat Albanien laut, wenn Mazedoniens Weg gen Westen dauerhaft versperrt bleiben sollte. Das wiederum blieb nicht ohne Widerhall im mehrheitlich albanischen Kosovo sowie in Serbien, das die 2008 erklärte kosovarische Unabhängigkeit nicht anerkennt.

Ein „historischer und sehr mutiger Erfolg“

Auch deswegen war es nicht zu tief in die Rhetorik-Kiste gegriffen, als Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag Mazedoniens Regierungschef Zoran Zaev und Griechenlands Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zu einer „historischen Vereinbarung“ im sogenannten Namensstreit gratulierte. EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn hatte zuvor, ebenfalls auf Twitter, ähnlich große Worte gewählt und Athen wie Skopje zu dem „historischen und sehr mutigen Erfolg“ beglückwünscht.

Kurz zuvor hatten Tsipras und Zaev unabhängig voneinander den Plan für eine Einigung im „Namensstreit“ verkündet. Tsipras, für den es innenpolitisch nicht leicht ist, die Abmachung zu verkaufen, gab am Abend eine ausführliche Erklärung dazu ab. „Griechinnen und Griechen“, begann der Regierungschef, „vor kurzem und nach monatelangen und anstrengenden Verhandlungen sind wir mit dem Ministerpräsidenten von Fyrom zu einer Vereinbarung über die Lösung unserer lang andauernden Differenz bezüglich des Namens des Nachbarlandes gekommen.“ Er wolle seine Landsleute davon Kenntnis setzen, so Tsipras weiter, „dass unsere Nachbarn, damit die Beziehungen einer konstruktiven Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen den beiden Völkern wiederhergestellt werden, und damit Griechenland ihre europäische und euroatlantische Perspektive nicht nur unterstützt, sondern dabei an erster Stelle steht, einer Änderung ihres verfassungsmäßigen Namens für jeden Gebrauch und gegenüber allen Seiten zugestimmt haben.“

Das Land solle künftig „Severna Makedonija“ heißen, so Tsipras. Das ist mazedonisch und heißt übersetzt „Nordmazedonien.“ Die Regierung in Skopje habe zugestimmt, dass dieser Name nicht nur international benutzt werden solle, sondern dass der Nachbarstaat auch seine Verfassung ändern werde, um sich auch intern so zu nennen. Dadurch werde „eine klare Trennung zwischen dem griechischen Makedonien und unseren nördlichen Nachbarn erzielt“, beruhigte Tsipras seine Landsleute. „Der Irredentismus, der in ihrem heutigen verfassungsmäßigen Namen enthalten ist, nimmt ein Ende“, so Tsipras unter indirektem Verweis auf eine in Griechenland (aber auch nur dort) oft zu hörende Behauptung, im bisherigen Namen des Nachbarstaates schwängen Annexionsgelüste auf die nordgriechische Provinz Makedonien und ihre Hauptstadt Thessaloniki mit.

Die Griechen haben Angst vor „Geschichtsdiebstahl“

Außerdem werde mit dem Abkommen sichergestellt, dass die nördlichen Nachbarn Griechenlands „keine Beziehung zur altgriechischen makedonischen Kultur haben und beanspruchen können“, so Tsipras. Das klingt absurd, doch die Angst vor „Geschichtsdiebstahl“ ist in Griechenland tatsächlich ein Thema, das auch erwachsene Menschen umtreibt. „Der Begriff „Makedonien“ aus dem griechischen kulturellen Erbe, der seine Herkunft aus der altgriechischen Zivilisation bezieht, wird ausdrücklich und kategorisch vom Begriff „Mazedonien“ getrennt, wie ihn die Bürger unseres Nachbarlandes verwenden und auf dessen Grundlage sie sich definieren“, sprach Tsipras in diesem Sinne weiter. Die Mazedonier seien auch bereit, anzuerkennen, dass ihre Sprache zur südslawischen Sprachfamilie gehöre, also keinen Anspruch darauf erheben könne, aus der altgriechischen Zivilisation hervorgegangen zu sein. Unter diesen Bedingungen sei Griechenland bereit, die Nachbarn als „Bürger von Nordmazedonien“ anzuerkennen, verkündete Tsipras.

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Streit mit dem Nachbarn Griechen demonstrieren für Namensänderung Mazedoniens

Laut Tsipras gibt es „einen klaren Zeitplan“ für die Unterzeichnung, Ratifizierung und das Inkrafttreten der Vereinbarung. Sie soll womöglich schon am Wochenende (wobei Tsipras kein Datum nannte) von den beiden Außenministern, Nikos Kotzias und Nikola Dimitrov, unterzeichnet werden. Danach müsse sie dem Parlament in Skopje zur Billigung „vorgelegt“ werden. Sei das geschehen, werde Griechenland auf dem bevorstehenden Europäischen Rat einen etwaigen Beschluss zur Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit „Nordmazedonien“ billigen. Ebenso wie eine Einladung zur Nato-Mitgliedschaft auf dem Gipfeltreffen der Allianz Mitte Juli. In beiden Fällen stehe die griechische Unterstützung allerdings unter dem Vorbehalt, dass „Fyrom“ seine Verfassung gemäß den vereinbarten Anpassungen ändere.

„Mit anderen Worten, wenn die Verfassungsänderung nicht erfolgt, wird die Einladung zur Aufnahme in die Nato aufgehoben, und die Aufnahmeverhandlungen für die EU werden nicht beginnen“, so Tsipras, der auch ankündigte, Griechenland werde die Vereinbarung erst dann ratifizieren, wenn das Nachbarland alle Vorleistungen erbracht habe. „Auf diese Weise sichert unser Land vollkommen und absolut seine Interessen und verliert nicht seinen Verhandlungsvorteil“, versicherte der Ministerpräsident seinen Landsleuten, um abschließend für eine Unterstützung seiner Politik zu werben: „Es handelt sich um einen historischen Moment für den Balkan und unsere Völker. Ein Streit, der unser gemeinsames Fortschreiten und die Stabilität in der weiteren Region behindert hat, endet ein für allemal.“

Wenn es so kommt, dürfte Tsipras sich tatsächlich als Architekt dieser historischen Vereinbarung rühmen. Allerdings hängt das Gelingen des Abkommens neben der Ratifizierung in Skopje noch an einer weiteren Vorbedingung: Es muss in Mazedonien auch in einem Referendum gebilligt werden, das vermutlich im Herbst stattfinden soll. Und die nationalistische Opposition in Mazedonien wird alles daransetzen, ein solches Referendum zum Scheitern zu bringen – ausnahmsweise unterstützt von griechischen Nationalisten.

Quelle: FAZ.NET
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.
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