FAZ plus ArtikelNeuwahlen in der Türkei

Erdogans Gegenspieler

Von Michael Martens, Athen
 - 22:02

Schon seit Mai 2010 ist Kemal Kilicdaroglu türkischer Oppositionsführer, und wenn er in all der Zeit nie die Bodenhaftung verloren hat, liegt das wohl auch daran, dass er seit acht Jahren eine Niederlage an die nächste reiht. Drei Parlamentswahlen, zwei Verfassungsreferenden, eine Kommunalwahl sowie die Präsidentenwahl von 2014 hat die „Republikanische Volkspartei“, kurz CHP, unter Kilicdaroglus Führung bisher verloren. Am 24. Juni, wenn die Türken einen Präsidenten und ein neues Parlament wählen, könnten die Niederlagen acht und neun hinzukommen. Geht es nach dem türkischen Staatspräsidenten, werden die Wahlen nämlich so verlaufen wie immer seit 2002: Tayyip Erdogan und seine „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) werden gewinnen, Kilicdaroglu und die CHP verlieren.

Bisher war Kilicdaroglu für Erdogan eine sichere Bank. Solange der frühere Beamte die größte türkische Oppositionspartei führte, musste der Präsident sich keine Sorgen um seine politischen Erfolge machen. Dabei war es Kilicdaroglu anfangs gelungen, die CHP zu stärken. Als er die Partei übernahm, stand sie in Umfragen bei 20Prozent. Bei der ersten Parlamentswahl unter Kilicdaroglus Führung im Juni 2011 erhielt sie knapp 26 Prozent der Stimmen und gewann 33 Mandate hinzu. Doch auf diesem Niveau verharrt die CHP seither, was auch immer Kilicdaroglu anstellt. Im Sommer 2017 versuchte der Parteichef durch eine in vielen Medien vorschnell zur Zäsur hochgejubelten Aktion, aus dem 25-Prozent-Kerker auszubrechen: Zu Fuß marschierte er in einem „Gerechtigkeitsmarsch“ drei Wochen lang von Ankara nach Istanbul, um gegen die Kujonierung der türkischen Justiz durch Erdogans Regime zu protestieren. Die Aktion, die von regimenahen türkischen Medien entweder verschwiegen, karikiert oder kriminalisiert wurde, brachte Kilicdaroglu kurzfristig zwar tatsächlich einige Pluspunkte, doch der Mobilisierungseffekt blieb ungenutzt und verpuffte wieder.

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Quelle: F.A.Z.
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.
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