Abschlussbericht der Ermittler

Das geschah an Bord von MH17

Von Oliver Georgi
 - 15:28
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Der Absturz der malaysischen Maschine MH17 über der Ukraine am 17. Juli 2014 sorgte auf der ganzen Welt für Entsetzen. Alle 298 Menschen an Bord kamen ums Leben. Nach monatelangen Untersuchungen haben niederländische Ermittler nun ihren offiziellen Abschlussbericht des Unglücks vorgestellt - und vor allem die schon lange geäußerte Vermutung bestätigt, dass eine bodengestützte Luftabwehrrakete des russischen Typs Buk zu dem Absturz geführt hat.

Was wissen wir sonst über den Absturz von MH17? Ein Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse.

1. Buk-Rakete war Ursache des Absturzes
Der Absturz von MH17 wurde durch den Einschlag einer Buk-Rakete russischer Bauart verursacht. Nach den Angaben der Ermittler schlug ein Teil der Rakete auf der linken Seite des Cockpits ein. Der Sprengkopf war vom Typ 9N314M, der auf eine 9M38-Rakete des Buk-Systems installiert war. Andere Ursachen für den Absturz der Maschine schließen die Ermittler in ihrem Bericht ausdrücklich aus: Die Art der Zerstörungen des Cockpits und des Rumpfs passe nicht zu einem Computerfehler oder sonstigem technischen Versagen. Die Crew an Bord wurde von ihren Systemen den Erkenntnissen zufolge nicht von einem bevorstehenden Einschlag gewarnt und von diesem völlig überrascht.

2. Rakete wurde vom Gebiet der prorussischen Rebellen abgefeuert
In ihrem Bericht machen die niederländischen Ermittler zunächst keine Aussagen darüber, wer die Buk-Rakete abgefeuert und damit den Absturz verursacht hat. Dies sei nicht ihre Aufgabe, betonten die Ermittler. Die niederländische Staatsanwaltschaft untersucht den Absturz derzeit, mit einem Ergebnis wird aber frühestens im nächsten Jahr gerechnet. Die Ermittler bezifferten das infrage kommende Gebiet in dem Bericht aber auf ein 320 Quadratkilometer großes Areal.

Nach Veröffentlichung des Berichts am Dienstagmittag erklärte der Vorsitzende des niederländischen Sicherheitsrates, Tjibbe Joustra, jedoch im niederländischen Fernsehen, die Rakete auf MH17 sei vom Gebiet der pro-russischen Rebellen aus abgeschossen worden. „Es ist ein Gebiet, wo die Grenzen fließend waren. Aber es ist ein Gebiet, wo die pro-russischen Rebellen die Kontrolle hatten“, so Jourstra. Das bestätigte eine Sprecherin des Sicherheitsrates.

Ebenfalls am Dienstagmittag legte der russische Hersteller der Buk-Raketen Almaz-Antey eigene Schlussfolgerungen vor und verwies auf ein Experiment, bei dem eine Buk-Rakete auf eine ausgediente Iljuschin-Maschine abgefeuert wurde. Die Buk-Version vom Typ 9M38, die der Untersuchungsbericht nennt, dürfe vom russischen Militär seit 2011 nicht mehr verwendet werden, so Almaz-Antey. Auch hätte die Rakete nicht vom Gebiet der prorussischen Rebellen, sondern von umkämpftem Gebiet in der Ostukraine aus abgeschossen werden müssen.

3. Cockpit wurde vom Flugzeug abgetrennt
Wie bei einem gigantischen Puzzle haben die Ermittler große Teile des Flugzeugs aus Trümmerteilen wieder zusammengesetzt - unter anderem das völlig zerstörte und von Geschossen zerlöcherte Cockpit. Das Flugzeug wurde demnach von zahlreichen Fragmenten der Buk-Rakete getroffen. Durch die Wucht des Einschlags auf der linken Seite des Cockpits zerbarst dieses und wurde vom Flugzeug abgetrennt, die drei Crewmitglieder im Cockpit waren sofort tot. Der Rest des Flugzeugs flog noch ungefähr 8,5 Kilometer weiter, bevor er selbst in mehrere Teile zerbrach. Die Trümmerteile wurden in einem Umkreis von 50 Kilometern um die Absturzstelle gefunden. Die Zeit vom Einschlag der Rakete bis zum Aufschlag auf dem Boden schätzen die Ermittler auf eine bis anderthalb Minuten, bei manchen Flugzeugteilen auch länger.

4. Keine anderen Flugzeuge in der Nähe
Zum Absturzzeitpunkt war Flug MH17 im betreffenden Luftraum allein unterwegs. Die Ermittler sehen keine Hinweise auf andere Flugzeuge in unmittelbarer Nähe - weder militärische noch zivile. In einem weiteren Umkreis waren dem Bericht zufolge drei Flugzeuge unterwegs - das am nächsten fliegende war von MH17 33 Kilometer entfernt.

5. Passagiere waren schnell bewusstlos
Nach den Erkenntnissen der Ermittler mussten die Passagiere an Bord nicht lange leiden. Es gibt demnach keine Hinweise auf „bewusste Aktionen“ an Bord nach dem Einschlag der Rakete. Die Passagiere, die nicht sofort durch den Einschlag der Rakete gestorben seien, hätten schon nach kurzer Zeit das Bewusstsein verloren und wohl nicht einmal Zeit gehabt, ihre Lage zu realisieren.

6. Bergung verlief weitgehend ordnungsgemäß
„Im Lichte der Umstände“, schreiben die Ermittler weiter, sei die Bergung der Opfer von Flug MH17 mit der nötigen Vorsicht vonstatten gegangen. Kurz nach dem Absturz hatten prorussische Separatisten internationalen Beobachtern einen vollständigen Zugang zur Absturzstelle verwehrt. Auch Hilfsorganisationen hatten sich über die Zustände am Absturzort entsetzt gezeigt.

7. Schon vorher Hinweise auf Gefahr durch Raketen
Die Ermittler analysieren ausführlich die Flugroute des Flugzeugs, das zum Absturzzeitpunkt im ostukrainischen Luftraum - und damit über umkämpftem Gebiet - flog. Schon am 14. Juli hätten die ukrainischen Behörden den Abschuss eines Militärflugzeugs vom Typ Antonov An-26 über der Ostukraine gemeldet. Am 17. Juli, dem Tag des Absturzes von MH17, meldeten sie den Abschuss einer Sukhoi-25 im selben Luftabschnitt. Nach Angaben der ukrainischen Behörden seien beide Flugzeuge in einer Höhe abgeschossen worden, die nur durch ein mächtiges Waffensystem erreicht werden könne. Die Boden-Luft- bzw. Luft-Luftraketen mit jeweils mittlerer Reichweite, die die Behörden als mögliche Ursache der Abschüsse genannt hätten, könnten in der Tat die Reiseflughöhe von zivilen Flugzeugen erreichen, so die niederländischen Ermittler.

8. Kritik an unterlassener Sperrung des Luftraums
Die Ermittler kritisieren ausdrücklich, dass die Ukraine den Luftraum über dem umkämpften Gebiet nicht gesperrt habe. Zwar hätten die Behörden den Luftraum für Zivilflugzeuge ab dem 6. Juni 2014 erst bis bis zu einer Höhe von 26.000 Fuß und ab dem 14. Juli bis zu einer Höhe 32.000 Fuß gesperrt. Eine wegen der Kämpfe nötige vollständige Sperrung des Luftraums sei allerdings unterblieben - obwohl die ukrainischen Behörden nach dem Abschuss der beiden Flugzeuge am 14. und 17. Juli die Möglichkeit erwähnt hätten, dass bestimmte Waffensysteme die Reiseflughöhe von Zivilflugzeugen erreichen könnten. Diese Informationen hätten nach Meinung der Niederländischen Flugsicherheitsbehörde eindeutig eine komplette Sperrung des Luftraums für Zivilflugzeuge nach sich ziehen müssen.

9. Fluggesellschaft ging von sicherer Route aus
Bei der Flugroute der Malaysian-Airlines-Maschine über das umkämpfte Gebiet konstatieren die Ermittler, die Fluglinie sei nach den damals vorliegenden Informationen davon ausgegangen, dass der nicht gesperrte Luftraum über der Ukraine sicher sei. Auch hätten trotz des Konflikts nicht nur die Malaysian Airlines, sondern auch fast alle anderen Fluglinien ihre Routen unverändert über die Ostukraine geführt. Am Tag des Absturzes von MH17 seien 160 Flüge über die Ostukraine geflogen, bis der Luftraum nach dem Unglück schließlich gesperrt wurde.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Georgi, Oliver (oge.)
Oliver Georgi
Redakteur in der Politik.
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