60 Jahre Römische Verträge

Ohne Kultur keine Identität

Von Jörg Bremer, Rom
 - 09:39

Die Welt hatte diese Woche auf Italien geblickt. In der toskanischen Stadt Lucca trafen sich die Außenminister der G7, der sieben größten Industriestaaten also. Vor der Kulisse der intakten Altstadt sprachen sie über die großen Herausforderungen der Gegenwart – über eine Strategie für den Krieg in Syrien, über den Terror und auch den Kampf gegen Populisten. Der Beitrag der Kultur für diesen Kampf kam darin nicht vor. Dabei hatten in Florenz Ende März die G-7-Kulturminister bei ihrem ersten Treffen in diesem Format festgestellt, wie wichtig Kulturpolitik als Teil der Außenpolitik sei. Allein mit dem aktuellen politischen Diskurs könne man Menschen nicht davor bewahren, Populisten hinterherzulaufen, die sich aus der komplexen Kultur einer Nation nur das herauspickten, was ihnen passe. Und zu Syrien und dem Irak sagten sie, es sei wichtig, den Stolz auf die Geschichte zu fördern, damit die Menschen nicht von Islamisten verführt würden, die vor der Zerstörung der Kulturdenkmäler ihrer Vorfahren keinen Halt machten.

Arnold Nesselrath hat seit Jahrzehnten Erfahrung mit Politikern und ihrem Verhältnis zur Kultur. Der Direktor der Abteilung für byzantinische, mittelalterliche und moderne Kunst in den Museen des Vatikans führt viele hohe Gäste durch seine Schätze. Für die Besucher ist Kultur in Rom zunächst ein Freizeitprogramm. Nesselrath aber will Bundes- und Ministerpräsidenten, Kanzlern und Abgeordneten die Bedeutung der Kunst für die Politik vermitteln: „Ich möchte mit meinen Gästen durch den Dialog über Kulturgüter einen Beitrag für unsere Zukunft leisten.“

Nesselrath nutzt dabei, dass Tagespolitik oder Parteizugehörigkeit bei Betrachtung der Laokoon-Gruppe oder der Sixtinischen Kapelle keine Rolle spielen. Wenn Nesselrath einen Bundespräsidenten oder Außenminister führt, spricht er mit einem Privatmann und kommt über dessen individuelles Interesse zu den großen Fragen. „Meist gelingt es, über die Kunstbetrachtung die Notwendigkeit zu sehen, dass die Politik unser Kulturerbe für eine friedliche Zukunft nutzen muss“, sagt der Kunsthistoriker. Immer wieder hätten seine Besucher nach der Führung versichert, sie wollten am Kulturhaushalt nicht kürzen. Kultur sei schließlich Teil der Erziehung zu Humanität und Toleranz.

Italien, die Wiege der europäischen Identität

Etwa 70 Prozent des Weltkulturerbes ist nicht nur europäisch, sondern findet sich zudem in Italien. Die Mehrheit der Italiener sieht sich daher an der Wiege der europäischen Identität und nicht nur als zufällige EU-Gründernation durch die „Römischen Verträge“, die vor 60 Jahren geschlossen wurden. Aus diesem Grund kommen Italiens Populisten mit ihrer grundsätzlichen Europa-Kritik auf lediglich etwa zehn Prozent. Bereits zu Beginn der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hatte Italien würdige Erinnerungsorte geschaffen. Der italienische EU-Gründungsvater, der Südtiroler Alcide De Gasperi, der drei Jahre vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge starb, sollte nicht in seinem Südtiroler Dorf beigesetzt werden, sondern würdig in Roms Basilika San Lorenzo. Der Staatsbildhauer Giacomo Manzù sollte das Grabmal fertigen. Der Sarg des Gründers der Democrazia Cristiana (DC) stand dann aber nach dem Tode am 19. August 1954 mehr als ein Jahr in der Krypta der Kirche, erinnert Nesselrath in seinem Aufsatz „La tomba“. Die Tagespolitik beschädigte wieder einmal große Ideen.

Die Familie dachte bereits daran, den Leichnam zurückzufordern. Da einigten sich Kirche und Staat doch, Manzù erhielt den schriftlichen Auftrag, und De Gasperi kam im Narthex von San Lorenzo zu seinem Grabmal – gerade rechtzeitig, um am 20. März 1957 die Regierungschefs zu empfangen, bevor sie im Kapitol die Römischen Verträge unterzeichneten.

Nesselrath wertet diesen Besuch am Grabmal als „Präambel für die Römischen Verträge“. Mithin wäre es sinnvoll gewesen, den 60. Jahrestag jener Verträge auch dort beginnen zu lassen. Damit hätte man zeigen können, was De Gasperi mit den beiden anderen EU-Gründungsvätern, Konrad Adenauer und Robert Schuman, für Europa bedeutet haben. Alle drei hatten unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten und suchten Europas Frieden; alle drei sprachen mit Deutsch eine wichtige zentraleuropäische Sprache; sie waren in der katholischen Weltkirche zu Hause und zugleich von ihrer Heimat an der Peripherie ihrer Länder geprägt: De Gasperi in Südtirol, Schuman in Lothringen und Adenauer am Rhein nahe der Grenze zu Frankreich. Über diese Grenzen hinweg dachten sie auf eine gemeinsame europäische Identität hin. Solle Europa zusammenbleiben, müssten solche Gemeinsamkeiten gepflegt werden, sagt Nesselrath.

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Die 27 Regierungschefs trafen sich zum 60. Jahrestag aber nur im Rathaus auf dem Kapitol in dem Saal, in dem die Römischen Verträge unterzeichnet worden waren. Dieser prachtvolle Saal im „Senatorenpalast“ hatte in den vergangenen 60 Jahren als europäisches Erbe gehütet werden können. Aber das stand auch nicht auf der Agenda der derzeitigen Bürgermeisterin Virginia Raggi von der populistischen „Bewegung Fünf Sterne“. Als sich die Feuchtigkeit durch die Holzdecke gefressen hatte und die Wandfresken angriff, beschwor sie nicht die fünf Unterzeichnerstaaten der Verträge, den Krippensaal ihrer Geburt für die 60-Jahr-Feier zu restaurieren.

Sie fand vielmehr in einem Usbeken aus Zentralasien einen Mäzen. Alischer Burchanowitsch Usmanow, einer der reichsten Männer der Welt und Gasprom-Unternehmer, stiftete 300.000 Euro. Sie hatte aber nicht begriffen, dass die Kultur gepflegt werden muss, weil sie verbindende Identität schafft – in diesem Falle einen Saal, der seit 60 Jahren dafür steht, dass Frieden und Versöhnung kostbar sind und im Streit um Budgetdisziplin oder Flüchtlingspolitik nicht verspielt werden dürfen.

Römische Verträge
60 Jahre Europäische Union
© reuters, reuters
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bremer, Jörg (jöb.)
Jörg Bremer
Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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