Recep Tayyip Erdogan

Eine Frage der Ehre

Von Michael Martens
 - 12:28
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So viel Ehre war lange nicht. Türkische Politiker von Erdogan an abwärts sahen in den vergangenen Tagen die Türkei in ihrer Ehre beleidigt – oder behaupteten das zumindest. Dabei war den gewählten Machthabern in Ankara nur in einigen wenigen Fällen verboten worden, was sie laut ihrem eigenen Wahlgesetz eigentlich ohnehin nicht dürfen: Im Ausland und an ausländischen Vertretungen Wahlpropaganda zu verbreiten.

Erst untersagte die deutsche Kleinstadt Gaggenau einen Auftritt des türkischen Justizministers, dann entzogen die Niederlande dem Flugzeug des Außenministers die Landeerlaubnis und verwiesen die auf dem Landweg über Deutschland eingereiste Familienministerin des Landes. Ankara reagierte aggressiv. „Wir werden es niemandem erlauben, die Ehre der türkischen Nation und des türkischen Staates zu verletzen“, zürnte der türkische Justizminister Bekir Bozdag. Das Außenministerium verurteilte die Haltung Den Haags als „Affront gegen die Ehre der Türken“, der niederländischen Türken wohlgemerkt. Erdogan sprach ähnlich und machte die Niederländer obendrein noch für das von bosnischen Serben begangene Massaker von Srebrenica verantwortlich.

Kaiser Wilhelm und der kaukasische Bergstamm

Aus nordwesteuropäischer Sicht klingt solch höchstamtlich postulierte Ehrpusseligkeit sehr weit weg – irgendwie nach Kaiser Wilhelm oder dem Kodex eines kaukasischen Bergstamms. Deutsche kennen noch Ehrenbürger, Ehrengäste, Ehrendoktoren, Ehrenurkunden oder auch Ehrenmitglieder im Taubenzuchtverein. Aber wäre es vorstellbar, dass Angela Merkel einen anderen Politiker beschuldigt, „die Ehre des deutschen Volkes“ beleidigt zu haben? Und damit auch noch in den Wahlkampf zieht, weil sich auf diese Weise Stimmen gewinnen lassen?

Zum Glück nicht. In Deutschland fällt es schon auf, wenn Kanzleramtschef Peter Altmaier sagt: „Die Türkei legt immer großen Wert darauf, dass die Ehre ihres Landes nicht verletzt wird. Auch Deutschland hat eine Ehre!“ Eine solche Aussage ist für Berliner Verhältnisse schon viel und auch nur als Reaktion denkbar. In einem Land, das die schrecklichsten Verbrechen seiner Geschichte unter der Losung „Meine Ehre heißt Treue“ verübte und heute zu Recht einige besonders kontaminierte Worte aus dem Sprachgebrauch verbannt hat, ist das nicht verwunderlich.

Wenn in der Türkei dieser Tage dagegen ganz ungezwungen die Ehre der Nation strapaziert wird, geht es dabei nicht um Geschichte, sondern um Tagespolitik. Die gezielten Beleidigungen anderer bei gleichzeitigem Bekunden eigenen Beleidigtseins wirken emotional, entspringen tatsächlich aber kühler Berechnung. Die Türken sollen am 16.April über die von Erdogan gewünschte Präsidialverfassung abstimmen, und weil die Türkei eben keine lupenreine Diktatur ist, in der die Ergebnisse schon vorher feststehen, ist der Ausgang des Referendums offen. Echte Diktatoren bestimmen die Wahlergebnisse selbst, doch da Erdogan noch keiner ist und offenbar an seinem Erfolg zweifelt, polarisiert er wie verrückt in der Erwartung, auf diese Weise mehr Wähler hinter sich zu bringen.

Die Führung der türkischen Regierungspartei AKP wirkt nervös. Sie kooperiert seit ihrer Gründung eng mit seriösen Meinungsforschungsinstituten und lässt sich intern unverfälschte Umfrageresultate vorlegen. Womöglich liegen ihr Ergebnisse vor, die nichts Gutes verheißen für Erdogan. Also setzt er auf ein Rezept, das ihm schon oft Erfolg gebracht hat, zuletzt bei der Parlamentswahl Ende 2015, als die AKP sich die zwischenzeitlich verlorene absolute Mehrheit der Mandate zurückholte: Er spitzt zu, sucht Feinde, teilt die Welt auf in „wir“ und „die“.

Indem er die Europäer als islamophobe Türkenfeinde darstellt und sich selbst als unerschrockenen Verteidiger der türkischen Ehre, sollen insbesondere wahlberechtigte Türken in Europa dazu gebracht werden, für ihn zu stimmen. Bisher scheint das aufzugehen. Ein AKP-Abgeordneter behauptete, der Konflikt mit den Niederlanden habe der Regierung „mindestens zwei Prozentpunkte“ gebracht. Vor dem türkischen Konsulat in Rotterdam demonstrierten mehrere tausend aufgebrachte Türken für Erdogan. In Ankara sah sich der Oppositionsführer, der eigentlich gegen das Präsidialsystem ist, aus innenpolitischem Kalkül zu einer Solidarisierung mit der Regierung genötigt, da es derzeit kaum möglich ist, aus dem Konsens auszuscheren. Erdogan hat die Türkei in ein chauvinistisches Treibhaus verwandelt.

Kollektives Gekränktsein „gesamtmediterranes Phänomen“

Wenn erprobte Wahlkämpfer wie er auf das Narrativ der „beleidigten Ehre“ setzen, lässt sich getrost annehmen, dass nicht Emotionen, sondern Empirie den Ausschlag dafür gaben. Es funktioniert ja auch prächtig: Erdogan und die Seinen behaupten, die Ehre der Türkei sei beleidigt, und schon fühlen sich tatsächlich sehr viele sehr beleidigt. Man sollte sich allerdings hüten, das kollektive Gekränktsein als eine Art türkisch-muslimische Sonderdisziplin zu sehen. Der Ethnologe Werner Schiffauer hat die extrem emotionale Besetzung des Begriffs „Ehre“ in diesem Teil der Welt schon vor mehr als einem Jahrzehnt als „gesamtmediterranes Phänomen“ bezeichnet.

Ob sich Spanier oder Portugiesen heutzutage noch durch einen Rückgriff auf ihre nationale Ehre aufstacheln ließen, mag man zwar bezweifeln, doch ein Blick auf die griechischen Nachbarn der Türken bestätigt Schiffauers These zumindest zum Teil: Auch in Griechenland, einem EU-Mitglied seit 1981, ist man gern einmal staatstragend beleidigt. Vieles, was sich in diesen Tagen zwischen Türken und Europäern abspielt, hat sich ähnlich und zum Teil fast wortgleich schon in der knospenden griechischen Schuldenkrise zugetragen. Als eine deutsche Illustrierte Anfang 2010 auf ihrem Titelblatt eine Fotomontage zeigte, auf der die Venus von Milo zu sehen war – allerdings nicht als Torso, sondern mit einem Arm, den sie dem Betrachter samt ausgestrecktem Mittelfinger entgegenstreckte –, bestellte der griechische Parlamentspräsident den deutschen Botschafter ein, um sich bei ihm wegen der ehrabschneidenden Presseartikel über Griechenland zu beschweren. Es kam gar zu einem Prozess gegen die Illustrierte.

Als sich Finanzminister Wolfgang Schäuble und einige niederländische Politiker zwei Jahre später kritisch über die politische Klasse Athens äußerten, sah der damalige Staatspräsident Karolos Papoulias in nahezu Erdoganscher Manier die griechische Ehre verletzt: „Ich akzeptiere es als Grieche nicht, dass mein Land von Herrn Schäuble beleidigt wird. Wer ist denn Herr Schäuble, dass er Griechenland beleidigen kann? Wer sind denn die Niederländer?“ Zwar hatte Schäubles Kritik ausdrücklich nicht den Griechen, sondern nur ihrer politischen Klasse gegolten, doch schon aus Selbstschutz deutete die gewählte Elite den Angriff flugs zu einer Beleidigung des gesamten Volkes um. Dass zugleich griechische Zeitungen – so wie heute türkische – Angela Merkel mit Hakenkreuzbinde abbildeten, galt hingegen als normal.

In der Türkei funktioniert das demagogische Spiel mit der Ehre des Volkes noch viel besser, denn während die Griechen spätestens seit dem Ende ihrer Militärdiktatur 1974 ein grundsätzlich anderes Staatsverständnis haben und in einem ungleich freieren Erziehungssystem mit viel mehr Auslandskontakten aufgewachsen sind, wird den Türken in den Schulen, in der Populärkultur und später im Militär immer noch ein Untertanengeist anerzogen, der in Westeuropa kaum noch vorstellbar ist. Trotzdem scheint er bis in Teile der türkischen Diaspora in Westeuropa hineinzuwirken.

In Erdogan steckt viel Atatürk

Diese Bildungspolitik ist keine Erfindung Erdogans, sondern ein Relikt der kemalistischen Erziehungsdiktatur, die der heutige Staatspräsident nur aufgegriffen hat und unter neuer Schwerpunktsetzung fortsetzen lässt. Überhaupt steckt in Erdogan viel Atatürk, nur unter islamischem Vorzeichen: Der Staat soll alles kontrollieren, und wenn er etwas nicht kontrollieren kann, muss er es abschneiden, verhaften, unschädlich machen, „neutralisieren“. Am besten durch einen einsamen, starken Mann an der Spitze, der die Ehre der von lauter Feinden umringten Türken verteidigt.

Istanbul
Erdogan wirft Merkel „Unterstützung von Terroristen“ vor
© AFP, reuters

Erdogan wendet einen Ehrbegriff an, der ihm selbst in der Schule im Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa vermittelt wurde. Im Mittelpunkt dieses Ehrbegriffs sehen der Staat, das Volk und die Flagge. Vor einigen Jahren warb die AKP in einem Wahlkampf mit einem Spot, den einige faschistisch, andere unfreiwillig komisch nannten und der tatsächlich Züge von beidem hatte: Ein gesichtsloser Bösewicht macht sich an einem riesigen Fahnenmast zu schaffen und kappt das Drahtseil, mit dem die hoch droben flatternde türkische Flagge aufgezogen wurde. Die segelt langsam herunter, bleibt dann irgendwo auf halbmast hängen. Daraufhin läuft aus dem ganzen Land das Volk herbei und klettert, sich gegenseitig auf die Schultern steigend, am Mast empor, um die Fahne zu retten. Es sieht aus wie eine Mischung aus Ameisenhaufen und patriotischen Zombies. Schließlich gelingt es einem jungen Mann, das gekappte Ende des Seils zu fassen. Das Seil fest in den Händen, springt er lächelnd in die Tiefe, durch seinen Todessturz die Fahne hissend. Die Ehre der Fahne, des Volkes und des Staates sind gerettet.

Nationalkitsch verbindet Erdogan-Anhänger und Kemalisten

Natürlich gab es viele Türken, die diesen Spot lächerlich fanden. Aber insgesamt ist der türkische Nationalkitsch eines der wenigen verbindenden Elemente zwischen Erdoganisten und Kemalisten. Erdogan weiß genau: Wer sonst nichts hat, hat immer noch seine nationale Ehre – oder das, was ihm als diese hingestellt wird. Für die AKP ist die Anrufung der nationalen Ehre in schwierigen Lagen ein leichter Ausweg. Ehre entzieht sich dem Rationalen. Wer sie ins Spiel bringt, braucht keine Argumente mehr. Wer würde es schon wagen, lästige Detailfragen zur Besetzung des Hohen Rats der Richter und Staatsanwälte, den künftigen Befugnissen des Parlaments oder anderen Details des Verfassungsreferendums zu stellen, wenn gleichzeitig die Ehre der Nation auf dem Spiel steht?

Die Kernidee der Europäischen Union als Projekt des partiellen staatlichen Souveränitätsverzichts ist mit einer solchen Ideologie natürlich unvereinbar. Das hat nichts mit Erdogan zu tun, denn die Erdogans kommen und gehen, auch wenn es sich mit dem Gehen bisweilen etwas zieht. Es hat mit einem Erziehungssystem zu tun, das den Türken seit Generationen einredet, die Würde des Einzelnen sei verhandelbar, die des Staates dagegen unantastbar. Vor zehn Jahren begannen Erdogan und die AKP, mit diesem Dogma zu brechen. Inzwischen sind sie aber wieder dorthin zurückgekehrt. Wenn die Machthaber in Ankara die Ehre der Türkei anrufen, ist für den Einzelnen kein Platz mehr darin.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.
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