Metropole im Wandel

Wie Moskau zu Putins glänzendem Showroom wird

Von Friedrich Schmidt, Moskau
 - 15:14
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Noch vor kurzem war Moskau keine Stadt für Fußgänger. Die Parks waren verwildert, Jagdgebiete für Schießbudenbesitzer und streunende Hunde. Die Bürgersteige waren Parkplätze für die Unglücklichen, die aus ihren Autos aussteigen mussten. Diese Zeit ist vorbei. Bezahlparkplätze, Geschwindigkeitskameras und Strafen halten Autofahrer im Zaum. Viele Bürgersteige im Zentrum wurden auf Kosten der Straßen verbreitert und neu gepflastert.

Kunstvoll geschwungene Bänke und breite Schaukeln laden Fußgänger zum Verweilen ein. Kiosks und Imbissbuden, die bis vor ein paar Jahren die Eingänge zur Metro umlagerten, wichen in nächtlichen Räumaktionen. Es entstehen Cafés, Bars, Restaurants, wie es sie auch in Berlin, New York, London geben könnte. Ihr Personal ist jung und freundlich, viele sprechen Englisch.

Eine Backsteinfabrik und -brauerei nach der anderen wird zum schicken Ausgehviertel. Es gibt immer mehr Fußgängerampeln und Zebrastreifen, an denen die Autofahrer tatsächlich halten. Viele Busse sind neu, die alten Oberleitungsbusse verschwinden. Manche Moskauer wagen gar, das Fahrrad zu nehmen, im Zentrum sind Radwege angelegt worden. Ziemlich leer sind sie freilich, nicht nur im Winter. Russlands Hauptstadt wird moderner. Man könnte denken: westlicher. Aber das ist nur die Oberfläche.

Die Entdeckung des „öffentlichen Raums“

Es gab eine Zeit, als von der „Hipsterisierung“ Moskaus die Rede war. Zu Beginn des Jahrzehnts kam ein neuer Bürgermeister, Sergej Sobjanin, und ernannte bald einen energischen Mittdreißiger zu seinem Kulturminister der Hauptstadt: Sergej Kapkow. Der war vorher Direktor des Gorki-Parks gewesen und hatte es in wenigen Monaten fertiggebracht, viele neue Besucher anzulocken.

Sein Erfolgsrezept für den bekanntesten Park der Hauptstadt: neue Beleuchtung, frisch asphaltierte Wege, Fahrradverleih, ein Sommerkino, Freiluftyoga, Tanzabende und im Winter eine riesige Eislaufbahn. Es machte Schule. Ein Park nach dem anderen verlor sein verwittertes Sowjetgesicht. Halfpipes und Foodtrucks zogen ein. Kapkow, wie der Bürgermeister Mitglied der Machtpartei „Einiges Russland“, wurde Frontmann der Entwicklung. Auch Theater und Bibliotheken wurden umgebaut.

Moskau entdeckte den „öffentlichen Raum“, als Begriff und in Wirklichkeit. Das Konzept ist aus dem Westen importiert, was keinen störte. Die Schlagwörter der Stunde waren Modernisierung, Erneuerung, Innovation: Das war die Rhetorik bis hinauf zum Präsidenten, Dmitrij Medwedjew, den Wladimir Putin für die Zeit zum Statthalter gekürt hatte, in der er selbst Ministerpräsident war.

Der Trend endete 2012 mit einer Protestwelle, die sich gegen Wahlfälschungen und die Rückkehr Putins ins Präsidentenamt richtete. Damals ging ausgerechnet die Jugend der Hauptstadt auf die Straße. Die Leute, die neuerdings am Wochenende im Gorki-Park Skateboard fuhren.

Was folgte, waren Schauprozesse zur Einschüchterung und Parolen von der Konfrontation Russlands mit dem Westen, von traditionellen Werten und Patriotismus. Krim-Annexion und Ukraine-Krieg verstärkten den Trend, die Rhetorik von Russland als „belagerter Festung“ verschärfte sich. Kapkow ging im Frühjahr 2015, angeblich frustriert, weil seine Initiativen blockiert wurden. Er schweigt dazu.

Trotzdem öffnen, als wäre nichts gewesen, in Moskau immer neue Hamburgerläden. Exotische Imbisse ziehen in die traditionellen Märkte in großen Hallen ein. Fort sind die alten Frauen, die selbstgezogene Rüben verkaufen. Stattdessen bilden sich lange Schlangen am Stand mit vietnamesischen Suppen. Die Stadt hat für die Modernisierung eine Vielzahl von Programmen aufgelegt, für Fußgängerzonen, für Uferstraßen. Das Bekannteste heißt „Meine Straße“: Es werden Fassaden saniert, Bürgersteige abgesenkt, Laternen aufgestellt, Bäume in Graniteinfassungen gepflanzt, Granitplatten verlegt.

Das Programm erfasste offiziell 47 Straßen im Jahr 2015, 68 im Jahr 2016 und 119 im vergangenen Jahr. Eine Website der Stadt feiert die Ergebnisse. Ein Ende des Umbaus ist nicht in Sicht. Das Ziel ist offensichtlich: Moskau soll glänzen wie ein Showroom Russlands. Als moderne Hauptstadt einer Weltmacht, besonders zur Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer, wenn viele Gäste erwartet werden.

Die Vorbilder: Berlin und New York

Zwar schlägt sich auch der „patriotische“ Trend im Stadtbild nieder. Etwa mit einem Denkmal des Waffenbauers Kalaschnikow oder einer „Allee der Herrscher“ mit Zaren, Lenin und Stalin. Aber gleichzeitig bleiben die Architekten im Geschäft, die Moskaus Parks unter Kapkows Regie verschönerten. Auch ein Projekt namens „Artkvartal“ läuft weiter, das ein großes Areal im Osten des Zentrums mit einigen Fixpunkten künstlerischen Lebens verbinden soll, zum Leben und Wohnen und als „Cluster schöpferischer und sozialer Aktivität zu jeder Jahreszeit“. Vorbilder sind Berlin und New York.

In einer Broschüre wirbt Kirill Serebrennikow für das Projekt, ein visionärer Regisseur, den Kapkow einst ans Moskauer Gogol-Zentrum holte, einen dieser mondänen Fixpunkte. Gegen Serebrennikow und einen sich ausweitenden Kreis von Leuten, die mit ihm zu tun hatten, wird seit vergangenem Jahr ermittelt.

Die Vorwürfe sind so bizarr, dass viele in dem Verfahren eine Abrechnung mächtiger Reaktionärer mit dem Personal von einst sehen, als im Kreml liberale Töne angeschlagen wurden. Mit Serebrennikow wird weiter um die Kreativen geworben, die Zukunft Russlands. Der Regisseur wirkt sogar aus dem Hausarrest weiter. Vor kurzem hatte sein Ballett „Nurejew“ Premiere im Bolschoj-Theater, unter dem Applaus vieler Vertreter der Machtelite.

Das spektakulärste Projekt der Hauptstadt ist der Park Sarjadje im Herzen der Stadt am Fluss Moskwa. Hier stand bis in die Mitte des vergangenen Jahrzehnts der gigantische Hotelkomplex „Russland“. Ein Sowjetklotz und Monument der Standardisierung. Putin entschied, hier einen Park zu eröffnen.

Sarjadje wurde ein hypermodernes, übervolles Ensemble aus Bauten in künstlichen Hügeln mit Laboren und Naturfilmen auf Riesenbildschirmen. Die echten Pflanzen draußen sollen Russlands Vegetationszonen nachbilden. „Wilder Urbanismus“, heißt das Konzept. Büsche und Bäumchen wachsen zwischen sechseckigen Granitplatten. Noch bitten Pflanzen verschiedener Vegetationszonen auf Schildern um Schonung. „Es ist zu früh, uns zu berühren, wir siedeln uns gerade erst an“, sagen die Fichten der Taiga. „Wir laden dazu ein, sich im nächsten Jahr auf uns zu legen“, sagen die Gräser der Steppe. Dazwischen führen Stufen in die Tiefe, in ein riesiges Parkhaus direkt unter dem Park.

Von einem großen Amphitheater mit pilzförmiger Kuppel geht der Blick auf die Basilius-Kathedrale am Roten Platz und die Türme und Mauern des Kremls. Man sieht auch die Brücke, auf der vor bald drei Jahren der Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen wurde, erkennt den Tatort an den Blumen, Kerzen und Bildern – wenn die Stadt nicht gerade Reinigungskräfte in Marsch gesetzt hat, um die inoffizielle Gedenkstätte abzuräumen. Touristen lassen sich von einer über den Fluss ragenden Aussichtsplattform fotografieren. Dieses Jahr sollen eine "Eishöhle" und eine Philharmonie öffnen. Sarjadje versteht sich als „neues Symbol Russlands“.

Kein Ort des politischen Lebens

Es ist auch eines der Zusammenarbeit: Während der Kreml schon den Abwehrkampf gegen die Vereinigten Staaten zelebrierte, entwarf ein New Yorker Architektenbüro den Park. Auch Deutsche, Dänen, Engländer, Russen waren beteiligt. Es gab viel Lob für Sarjadje. Für die Landschaftsarchitektur und dafür, dass in Moskaus Zentrum ein allen kostenlos zugänglicher Ort geschaffen wurde. Bewacht werden die Besucher von zahlreichen Kameras, Sicherheitskräften in schwarzgrauem Flecktarn und Polizisten.

Längst ist das Konzept vom „öffentlichen Raum“ an russische Gegebenheiten angepasst worden. Im Moskauer Verständnis darf der öffentliche Raum nicht Ort eines politischen Lebens sein, das den Interessen der Mächtigen zuwiderläuft. Das ist einer der großen Unterschiede zu den westlichen Metropolen wie Paris, New York, Melbourne, London, die von Moskauer Funktionären als Maßstab genannt werden. Wer mit ihnen spricht, versteht, dass sie die Entwicklung ihres öffentlichen Raums ausschließlich unter technisch-mechanischen Gesichtspunkten sehen: bequemes, sicheres Leben, Arbeiten, Erholen in der Stadt dank großer Bau- und Infrastrukturprojekte.

Darin unterscheiden sie sich selbst von russischen Architekten, mit denen sie zusammenarbeiten: Diese laden den Begriff des öffentlichen Raums durchaus politisch auf, verstehen attraktive öffentliche und kulturelle Angebote als Vorbedingung für Bürgerengagement.

Aber bislang behält die Stadt mit ihrer Sicht die Oberhand. Darin ist Kritik etwas, das sich, wenn überhaupt, in Form von Anregungen in städtischen Internetportalen äußern soll. Für offene Kritik haben sich die immer schickeren Straßen und Plätze immer mehr verschlossen. Wenn Oppositionelle eine Demonstration beantragen, wird die Genehmigung fast immer verweigert. Illegale Versammlungen lösen die Sicherheitskräfte auf, den Festgenommenen droht Haft. Selbst Oppositionelle, die es in die Stadtbezirksversammlungen schaffen – bei jüngsten Kommunalwahlen holten sie 19 Prozent der Mandate – haben es extrem schwer, Säle für Diskussionen zu bekommen.

605 Millionen Euro für „Meine Straße“

Der Dialog der Mächtigen mit den Bürgern ist eingeschränkt und von Misstrauen geprägt. Das zeigt sich besonders in einem gigantischen Bau- und Umsiedlungsprogramm. Von diesem Jahr an sollen mehr als 5100 Wohnhäuser offiziell „renoviert“, tatsächlich abgerissen werden. Rund eine Million Moskauer sollen in neue Hochhäuser umziehen. Die Stadt stellt das Programm als notwendige Maßnahme dar, um alte Sowjethäuser zu ersetzen.

Kritiker sehen es als Stützungsmaßnahme für einen kriselnden, aber bestens vernetzten Bausektor. Sie organisieren sich im Internet, dem halbwegs öffentlichen Raum, der ihnen bleibt. Das Internet mit seinen Medien ist auch die Quelle für viele Berichte über Profiteure der Umbauprogramme, etwa einen schwunghaften Handel mit den Granitprodukten, die in Moskau verbaut werden. Die Stadt hält dagegen mit Angaben dazu, wie schön Granit sei, wie wenige Flächen von ihm bedeckt seien und wie perfide die Journalisten, die solche Berichte verfassen.

Offizielle Angaben dazu, wie viel Geld etwa in das Programm „Meine Straße“ fließt, fehlen. Auf Nachfrage heißt es, das liege daran, dass verschiedene Behörden beteiligt seien. Es sind russische Journalisten, die verschiedene Angaben der Stadt zusammenrechnen und dabei auf imposante Beträge kommen. Demnach sollen die Arbeiten nur für "Meine Straße" mehr als 605 Millionen Euro kosten – allein im vergangenen Jahr.

Städte der russischen Provinz, wo vielerorts Bürgersteige fehlen, können von solchen Summen nur träumen. Aber auch in Moskau müssen Schulen und Krankenhäuser sparen, während in den Straßen oft nicht klar ist, warum aufgerissen wird, was gerade erst gepflastert worden ist.

Quelle: F.A.S.
Friedrich Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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