Zensur in China

Im Sozialismus wird nicht gelacht

Von Friederike Böge, Peking
 - 11:23

Warum es ausgerechnet die chinesische Witze-App „Neihan Duanzi“ traf, weiß keiner so genau. Jedenfalls hat die Zensur sie vergangene Woche stillgelegt. Der Anbieter, das milliardenschwere Internetunternehmen Bytedance, verkündete kleinlaut: „Unser Produkt hat sich in die falsche Richtung einwickelt und war wohl mit den sozialistischen Kernwerten nicht vereinbar.“ Seither machen Nutzer im ganzen Land ihrem Ärger Luft, indem sie hupen: einmal lang, zweimal kurz. Das ist das Erkennungszeichen der Freunde der App, die übersetzt etwa „hintergründiger Sketch“ heißt.

Die Hup-Proteste haben die Behörden derart in Unruhe versetzt, dass zum Beispiel die Millionenstadt Qingdao nun ein Bußgeld dagegen verhängt hat. Und in der Provinzhauptstadt Changsha kursierte ein Dokument, in dem die Sicherheitsbehörden aufgefordert werden, gegen jede Art von Versammlung oder Aktion der Gruppe vorzugehen.

Die Schließung der App ist Teil eines großen Reinemachens. Zahlreiche Anbieter von sozialen Netzwerken wurden in den vergangenen Tagen aufgefordert, ihre Plattformen mit den sozialistischen Werten des Regimes in Einklang zu bringen. Internetzensur ist natürlich nicht neu in China. Neu aber ist, dass es nicht mehr nur politische oder westliche Inhalte trifft, sondern zunehmend auch seichte Unterhaltungsprogramme. Es scheint, als wolle der Staat jene Generation, die sich wegen der Zensur aus dem politischen Raum verabschiedet hat, wieder für die Propaganda zugänglich machen.

Witze über Sex sind willkommen

Vielleicht traf es „Neihan Duanzi“ ja deshalb, weil die Anhänger der Plattform ihre ganz eigene Subkultur geschaffen haben. Dazu gehören Codes und Anspielungen, die nur sogenannte „Duanyou“, also Freunde des Sketches, verstehen. Dazu gehören auch Aufkleber, die sich die meist männlichen Fans auf ihre Autos kleben. Das schafft ein Gemeinschaftsgefühl. „Auf der Autobahn kommt es oft vor, dass Duanyou gemeinsam fahren“, sagt Fan Ting. „Und wenn du ein Problem hast, und du siehst jemand mit einem solchen Aufkleber auf dem Auto, kannst du einfach zu ihm gehen und um Hilfe bitten.“

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Kim Jong-un in PekingChina könnte vermitteln

Fan Ting arbeitet in der Werbebranche. Er ist einer von elf Duanzi-Freunden, die sich am Wochenende in Peking in einem Restaurant getroffen haben. Auch das ist eine Besonderheit der App: Ihre Nutzer treffen sich auch analog.

Einer der Teilnehmer, die sich bis eben noch nicht kannten, zeigt ein Foto seiner Frau. Andere am Tisch machen schmutzige Witze, weil der Mann zu schmächtig und die Frau eher korpulent ist. Der Mann lacht mit. So ist das bei den „Duanyou“. Witze über Sex sind nicht nur erlaubt, sondern willkommen. Das mag erklären, warum 79 Prozent der Nutzer männlich sind und mehr als die Hälfte zwischen 30 und 39 Jahren. „Hier können wir offen reden, und wenn wir gehen, sehen wir uns vielleicht nie wieder“, sagt einer am Tisch.

Die Pekinger Freunde-Gruppe hat mehr als 200 Mitglieder. In anderen Teilen des Landes sind es noch mehr. Und manchmal tun sie sich zusammen, um gemeinsam Freiwilligenarbeit zu leisten. In der Provinz Gansu etwa gab es eine Spendenaktion mit Kleidern, Sportgeräten und Schreibwaren für eine Schule.

Eine Subkultur erobert China

Eine Subkultur, die Hunderte Anhänger mobilisieren kann: Auch das könnte die Behörden an „Neihan Duanzi“ gestört haben. Dabei sehen sich die Witz-Freunde gerade nicht als politisch. „Um ehrlich zu sein, will ich nach einem langem Arbeitstag nur ein bisschen Spaß haben, bevor ich einschlafe“, sagt einer der Männer am Tisch. Die App habe ihm ein Gefühl von Zugehörigkeit gegeben. Umso weniger versteht er, dass sie nun nicht mehr da ist.

Allerdings sind die Fans des „hintergründigen Sketches“ längst dabei, eine andere Witze-App zu kapern, um ihre alte Gemeinschaft wieder herzustellen. Vor der Schließung hatte „Neihan Duanzi“ nach Angaben des Wirtschaftsmediums CBN mehr als 11 Millionen Nutzer täglich. Auf Telegram, einem Netzwerk, das in China gesperrt ist und nur mit Hilfe einer Tunnelsoftware erreicht werden kann, haben sich mehr als 2000 Duanyou versammelt. Jenseits des Zugriffs der Zensur äußern sie offen ihren Frust. Und fordern sich gegenseitig zu Hupaktionen mit dem Erkennungssignal lang-kurz-kurz auf. Ein Student mit dem Nutzernamen Paul Woo sagt, er wolle sich an den Aktionen beteiligen. „Es mag sein, dass sich viele Duanyou nicht für Politik interessiert haben“, sagt Woo. „Aber jetzt ist uns das Recht auf Unterhaltung genommen worden.“ Dagegen müsse man aufbegehren.

Quelle: FAZ.NET
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für Ostasien.
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