AfD in Sachsen

Ratlos in Pirna

Von Stefan Locke, Pirna
 - 22:35

An einem Laternenmast auf dem Sonnenstein in Pirna baumelt noch ein Wahlplakat auf halber Höhe, darauf ist Frauke Petry mit ihrem jüngsten Sohn zu sehen, darunter der Slogan: „Trau Dich, Deutschland!“ Fast 58.000 Menschen im Wahlkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge sind am Sonntag dieser Aufforderung gefolgt und haben Petry ihre Stimme gegeben. Das reichte für 37,4 Prozent, ein Direktmandat in Berlin und das beste Ergebnis einer AfD-Kandidatin bundesweit. Die Freude darüber währte allerdings nur kurz. „Ich leide seit Montag an Stimmungsschwankungen“, sagt Andreas Thiele. Er ist hier Schlossermeister in fünfter Generation, parteilos, aber Petry-Anhänger, jedenfalls bisher. Er könne schon verstehen, dass sie die „Flucht nach vorn“ angetreten habe. „Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich, auch noch nicht“, sagt Thiele. „Ich hoffe nur, es steckt ein Plan dahinter.

Wie Thiele geht es nicht wenigen Petry-Wählern seit drei Tagen. Ihr Auftritt am Montag in Berlin, ihr Austritt aus der sächsischen Landtagsfraktion und ihre Ankündigung, die Partei zu verlassen, rufen vor allem auch in ihrem Wahlkreis Ratlosigkeit hervor. Die Leute reagierten mit „Entsetzen, Erschrecken, Enttäuschung“, sagt auch Tim Lochner, der eine Tischlerei in Pirna hat und sich, wiewohl parteilos, im Wahlkampf für Petry engagierte. „Sie ist klug, schlagfertig, und sie lässt sich auch durch noch so intelligent gestellte Fragen nicht ins Bockshorn jagen.“ Er selbst sei enttäuscht, sagt Lochner, aber er könne ihren Schritt nachvollziehen. „Alles, was sie jetzt macht, wäre beim Parteitag im November ohnehin passiert: Man hat in der AfD an ihrem Abgang gearbeitet.“

Mit erheblichen Stimmungsschwankungen verbunden

Tatsächlich war Petrys Direktkandidatur im AfD-Kreisverband auch mit erheblichen Stimmungsschwankungen verbunden. Nachdem die Partei sie noch im Dezember 2016 mit 92 Prozent zur Direktkandidatin gekürt hatte, wollte der gleiche Verband sie zwei Monate vor der Wahl wegen ihres gemäßigten Kurses wieder absetzen. Dieses Ziel verfehlten die Antragsteller zwar deutlich, dennoch blieb die Unterstützung für Petry im Wahlkampf gering; vielfach wurden ihre Gegner wie der Dresdner Richter Jens Maier zu Veranstaltungen eingeladen. Jetzt distanzierte sich der Kreisverband deutlich von Petry und bat die Wähler um Entschuldigung. „Wir waren in diese Entscheidung nicht involviert“, heißt es in einer Erklärung auf Facebook. Petry habe zu keinem Zeitpunkt ihre Absichten offenbart. „Auch wir waren von diesem Schritt überrascht und sind nun umso verärgerter.“ Viele Anti-Petry-Kommentare darunter sind nicht zitierfähig.

Petry selbst griff die regionale AfD am Donnerstag in einem Interview scharf an. Ihre Kandidatur sei in den vergangenen Monaten „aufs Heftigste torpediert“ worden, sagt sie der „Sächsischen Zeitung“. „Noch kurz vor der Wahl gab es eine interne Empfehlung, mich nicht zu wählen.“ Zugleich gab sie sich selbstbewusst. Wer sie gewählt habe, dem sei klar gewesen, dass die AfD in die Opposition komme und nichts durchbringen könne. „Die Menschen wünschen sich, dass ihre Probleme öffentlich diskutiert werden“, sagte sie. „Mehr kann man in der Opposition nicht erreichen. Das schaffe ich auch allein.“ Der Streit in der Partei werde zunehmen und die inhaltliche Arbeit darunter stark leiden, prophezeite Petry. Ihre Glaubwürdigkeit könne sie „nur noch ohne AfD“ behalten. Sie werde sowohl im Bundes- als auch im Landtag bleiben, in der Region ein Wahlkreisbüro eröffnen und den Anliegen von Bürgern und Firmen eine Stimme in Berlin geben.

Andreas Thiele ist skeptisch, ob dieser Plan aufgeht. „Die AfD ist unheimlich wichtig“, sagt er. „Wir brauchen in Berlin wieder eine vernünftige Opposition.“ Gleichwohl sehe er „problematische Tendenzen in der Partei“, die Petry ausgeglichen habe. Noch am vergangenen Donnerstag, vier Tage vor der Wahl, war Thiele auf einer Veranstaltung in Pirna, auf der Petry für ihre Partei warb. Das von lokalen Mittelständlern, die überwiegend nicht der AfD angehören, organisierte Treffen war zum Politikum geworden, weil die Stadtverwaltung die Turnhalle, die ein Verein zur Verfügung gestellt hatte, nicht für sportfremde Veranstaltungen freigeben wollte. Der Verein organisierte daraufhin kurzfristig ein „Sportfest“, zu dem Petry in Leggins und Turnschuhen und auch ein Großteil der Gäste in Sportkleidung erschien.

Veranstalter und Gäste hatten sichtlich Spaß an soviel Subversivität, die einige gar an 1989 erinnerte. Wer eine Frage an die Politikerin hatte, musste erst einen Ball auf den Basketballkorb werfen. Viele der 200 Gäste nutzen die Gelegenheit. Ihre Fragen drehten sich um Bildung, Rente, Pflege, Sport- und Ehrenamtsförderung, Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Eurorettung. Still wurde es nur einmal in der Halle, als ein Mann wissen wollte, wie Petry „den rechten Flügel“ ihrer Partei wegkriegen wolle. Eine Hälfte der Zuhörer applaudierte, der andere Teil blieb stumm. Die AfD, antwortete Petry sybillinisch, sei noch nicht regierungsfähig. Zu dieser Zeit war sie wohl schon fest entschlossen, die Partei hinter sich zu lassen, anmerken ließ sie sich freilich nichts.

Bei aller Enttäuschung will Tim Lochner ihr dennoch keine Wählertäuschung unterstellen. „Sie musste doch in die Offensive gehen.“ Andreas Thiele ist sich da nicht ganz so sicher. Wäre sie vor der Wahl aus der Partei ausgetreten, hätte sie niemals 37 Prozent geholt, sagt er. Seine Zweifel teile er mit vielen, die ebenfalls Petry gewählt haben. Mancher habe mit der AfD gehadert. „Dass Petry die Kandidatin war, hat vielen und auch mir die Entscheidung erleichtert.“ Thiele hofft, nun bald Klarheit über den künftigen Kurs zu bekommen. „Vielleicht lässt sich dann sogar sagen: Mensch, so dumm war ihr Schritt am Ende gar nicht.“

Quelle: F.A.Z.
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Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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