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Neue Internetseite der AfD

Teuflisch genial

Von Markus Kollberg
 - 17:30
Versuchen fast alles, um Merkel zu stürzen: Die AfD-Spitzenkandidaten Weidel und Gauland. Bild: Reuters, FAZ.NET

Wenn es einen Übervater des Populismus gibt, dann ist es Donald Trump. Niemand balanciert so elegant auf dem schmalen Grat zwischen politischem Genie und Wahnsinn wie der amerikanische Präsident. Wer als Populist also Erfolg haben will, muss ein bisschen sein wie Donald Trump. Das hat sich wohl auch die AfD gedacht und die amerikanische Werbeagentur Harris Media, die im Wahlkampf auch für das Trump-Lager tätig war, vor einigen Monaten für ihren Internetwahlkampf engagiert.

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Seitdem provoziert die Partei in den sozialen Netzwerken mit Online-Plakaten, in denen sie der Bundesregierung explizit die Schuld an verschiedenen Terrorattacken gibt. Ein Motiv zeigt Reifenspuren und Blutlachen neben den Daten verschiedener Terroranschläge in Europa. Überschrieben ist es mit dem Satz: „Die Spur der Welt-Kanzlerin durch Europa.“ Ein weiteres Online-Banner zeigt eine junge Frau beim Sport unter der Überschrift: „Joggen, in einem Land, in dem du gut und gerne lebst? Nur noch mit Pfefferspray, Verteidigungskurs und keinesfalls alleine!“ Besonders auffällig sind die roten Farbspritzer auf dem Wort „Joggen“, die unweigerlich an Blut erinnern.

„Merkel die Eidbrecherin“

Nun hat die Partei gemeinsam mit ihrer Online-Agentur Harris Media eine neue Internetseite entwickelt, die unter dem Titel „Merkel die Eidbrecherin“ der Bundeskanzlerin die Schuld an mehreren Terroranschlägen der vergangenen Jahre gibt. „Negative Campaigning“ nennen Werbeexperten diese aus dem amerikanischen Wahlkampf abgeschaute Strategie.

Um diese Internetseite in der Trefferliste der Suchmaschine Google möglichst weit vorne zu plazieren, kaufte die AfD mehrere Anzeigenplätze, wodurch Nutzer, die im Internet nach Angela Merkel suchten, die Website noch vor Merkels eigener Homepage und dem Wikipedia-Artikel über sie angezeigt bekamen. Die AfD gibt sich dabei große Mühe, ihre Urheberschaft auf der Website zu verschleiern. Erst ein Blick in das Impressum verrät, dass sie für die Inhalte verantwortlich ist.

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Auch beim ihrem eigenwilligen Umgang mit Fakten hat sich die AfD scheinbar an ihrem großen Vorbild Donald Trump orientiert: Auf der Website schreibt die Partei pauschal alle Terrorattacken der letzten Jahre in Europa zugewanderten Flüchtlingen zu – dass die Mehrheit der Täter in Wirklichkeit in Europa geboren worden ist und sich dann radikalisiert hat, wird verschwiegen. Besonders kurios: Die AfD wirft Merkel auch vor, für einen Terroranschlag im russischen Sankt Petersburg verantwortlich zu sein, der auf eine tschetschenische Terrorgruppe zurückzuführen ist. Was das mit Merkels Flüchtlingspolitik zu tun hat, bleibt rätselhaft.

Doch mit solchen Feinheiten halten sich die AfD und ihr Dienstleister Harris Media, der vom Unternehmensgründer Vincent Harris geführt wird, nicht auf. Das im texanischen Austin ansässige Unternehmen hat dabei schon einige Erfahrung mit Wahlkampagnen, unter anderem auch für populistische Parteien: Zu den Kunden von Harris Media gehören Medienberichten zufolge sowohl die amerikanischen Republikaner, die britischen Anti-Europäer von Ukip und der Likud, die Partei des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Harris, der von „Bloomberg News“ als „der Mann, der den Republikanern das Internet brachte“ gerühmt wird und von einem amerikanischen Branchenmagazin zum „aufsteigenden Stern“ der Branche gewählt wurde, ist straff konservativ. Direkt neben seinem Lebenslauf findet sich auf seiner Website sein liebstes Bibelzitat: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch“, zitiert er aus dem ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher.

Von Trump gefeuert?

Harris wirbt in seinem Internetauftritt mit der Erfahrung aus drei Präsidentenwahlkämpfen, die er mit seinen mittlerweile 45 Mitarbeitern bestritten hat. Mehrere Jahre war sein Unternehmen für den Internetauftritt des erzkonservativen texanischen Republikaners Ted Cruz zuständig. Beobachter schreiben Cruz' Sieg bei der Wahl zum Senat der Vereinigten Staaten 2012 auch der Arbeit von Harris' Agentur zu, die den Republikaner im Internet populär gemacht hatte.

Diese Expertise wollte sich auch Donald Trump in seinem Wahlkampf nicht entgehen lassen und engagierte im Juni 2016 Harris Media zur Unterstützung seines damaligen Managers für digitalen Wahlkampf, Brad Psacale. Doch bereits wenige Tage nachdem das bekannt geworden war, war die Kooperation bereits wieder beendet. Das amerikanische Technikportal „Fast Company“ meldete, Harris sei gefeuert worden, weil er an amerikanische Medien durchgestochen habe, dass er für Trump arbeite. Harris dementierte das auf Twitter. Er sei nicht gefeuert worden, sondern hätte seine „vielfältigen kreativen Projekte“ abgeschlossen. Trumps Kampagnenmanager wollten sich damals zur Zusammenarbeit mit Harris Media nicht äußern.

Eines der bekanntesten Werke von Harris Media ist ein Video, das im November 2016 von Trumps Lager verbreitet und von der republikanischen Lobby-Organisation „Secure America Now“ in Auftrag gegeben worden war. In dem kurzen Videoclip mit dem Titel „Welcome to the Islamic State of Germany“ skizzieren die Macher ein Deutschland unter der Herrschaft islamistischer Terroristen.

Aus dem Kölner Dom ist eine Moschee geworden, auf dem Oktoberfest ist weder Schweinefleisch noch Bier erlaubt und auf den Türmen von Schloss Neuschwanstein wehen die Flaggen der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Harris selbst bezeichnete das Video als „subtile Satire“, die „unabhängig von der Wahl“ ein wichtiges Thema ansprechen sollte. Über die neue Website der AfD lässt sich das mit Sicherheit nicht behaupten.

Quelle: FAZ.NET
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