Datenanalyse – Merkel und die Koalition der Zufriedenen

Von TIMO STEPPAT

25.09.2017 · Der Erfolg der AfD fußt nicht nur auf den Ergebnissen, sondern auch auf Bayern. Für die CSU ein Alarmsignal. Wo sind die SPD-Anhänger hin und wieso ist die FDP bei Jungwählern so beliebt? Die Wahlanalyse.

Was die Deutschen bei dieser Wahl bewegt, hat viel mit der AfD zu tun. 70 Prozent fürchten sich vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft, einer Art Spaltung. Zwischen den Unzufriedenen und den Zufriedenen. Zwischen den Ängstlichen und den Zuversichtlichen. Zwischen der AfD, vielleicht auch der Linkspartei auf der einen Seite und dem Rest des Parteienspektrums auf der anderen.

46 Prozent der Deutschen sorgen sich laut Infratest, dass der Einfluss des Islams steigt und 38 Prozent fürchten, dass zu viele Fremde ins Land kommen. Auch wenn die Flüchtlingskrise überstanden ist, wenn es wenig akute Probleme mit Einwanderung und Religion gibt, sind die Themen, die die Menschen bewegen, nah an dem, wofür die AfD steht. Wahlentscheidend waren für die Anhänger der Partei die Themen Terrorismusbekämpfung (69 Prozent, 59 Prozent in der Gesamtbevölkerung), Kriminalitätsbekämpfung (61 Prozent) und Zuwanderung von Flüchtlingen (60 Prozent).

AfD-Wähler glauben, dass ihre Partei es verstanden hat, die Probleme der Menschen ernst zu nehmen (99 Prozent). Allerdings denkt das auch die Hälfte aller Wähler (49 Prozent). So umstritten die AfD auch sein mag, viele Wähler (86 Prozent) finden, dass sie sich nicht genug von rechtsextremen Positionen distanziert; was ihr aber viele zugestehen: Auffangbecken für Unzufriedene zu sein, eine bestimmte Gruppe mitzunehmen.

Die AfD-Wähler verbindet, dass sie sich einen geringeren Einfluss des Islams wünschen. Sie glauben, dass man in Deutschland nicht mehr sicher ist und wollen, dass die Einreise von Flüchtlingen begrenzt wird. 73 Prozent der AfD-Wähler beschreiben ihre wirtschaftliche Situation laut Infratest zwar als „gut“ (23 Prozent als „schlecht“), allerdings fühlen sich 42 Prozent der AfD-Anhänger benachteiligt. Sie liegen in der Gruppe der Unzufriedenen weit vorne. Möglicherweise zeigt sich hier, wie bereits bei zurückliegenden Wahlen, eine Form der Abstiegsangst: Flüchtlinge, Globalisierung, Islam und Terror – all das wird als Bedrohung des Erreichten wahrgenommen.


Wer sind die Wähler der AfD?

Grundsätzlich ist die Wählerschaft der AfD breit aufgestellt. In allen sozialen Schichten gibt es eine gewisse Menge von Anhängern. Bei höher Gebildeten sind es etwas weniger (neun Prozent, Infratest), bei Wählern mit einfacher Bildung dagegen deutlich mehr (16 Prozent). Unter den Arbeitslosen ist die AfD sehr stark (22 Prozent), ebenso in der Gruppe der Arbeiter (21 Prozent).

Es sind auch eher Männer, die AfD wählen. Unter ostdeutschen Männern ist die Partei sogar stärkste Kraft geworden. Grundsätzlich ist sie im Osten zweitstärkste Partei geworden (22,5 Prozent), keine sechs Prozentpunkte hinter der CDU (28,2 Prozent) und weit vor der SPD (14,3 Prozent). Die AfD ist in Sachsen besonders stark, hier ist sie schon heute eine Art rechtsextreme Volkspartei. Drei Direktmandate gewinnt die Partei dort: in der ostsächsischen Schweiz mit Frauke Petry, außerdem in Bautzen und in Görlitz. Besonders erschreckend ist aber, dass auch ein Sieg im urbanen Dresden nahe schien – den rechtsextremen Direktkandidaten Jens Maier trennten von der CDU nur gut zwei Prozentpunkte. Das ist aber nicht allein ein Dresdner Phänomen: Im Wahlkreis Leipzig I kommt die AfD auf über 20 Prozent und liegt damit als zweitstärkste Kraft nur vier Prozentpunkte hinter der CDU.

Woher kommen die AfD-Wähler?

Stand: 25.09. 08:30 Uhr
2013
2017
Quelle: Infratest dimap

Am stärksten rekrutiert die AfD Nichtwähler, 1,28 Millionen Stimmen laut Infratest Dimap. Sie gewinnt ansonsten vor allem Wähler von der CDU (1,07 Millionen Stimmen), aber auch von SPD (500.000) und Linkspartei (430.000). Für zwei Drittel der AfD-Wähler war der Verdruss über andere Parteien entscheidend – nur ein Drittel gibt an, aus Überzeugung gewählt zu haben. Dazu passt, dass Teile der AfD-Anhängerschaft die mangelnde Distanz zu rechtsextremen Positionen stört. So banal das klingt: Es sind Protestwähler, die auch die etablierten Parteien für sich zurückgewinnen können – indem sie die AfD entzaubern, vor allem aber, indem sie für sich und ihre Inhalte in diesen speziellen Milieus werben.

Ihren Blick sollten die Parteien dabei vor allem auf die ehemaligen Nichtwähler richten, die die AfD in sehr hohem Maße für sich gewinnen konnte und die zuvor teilweise mit der Politik abgeschlossen hatten. Diese Nichtwähler wohnen, wie Analysen von Sozialdaten zeigen, mehrheitlich in Stadtteilen, die als abgehängt gelten, in denen die Probleme der Gesellschaft kulminieren. Die AfD zu imitieren, würde hier nicht weiterhelfen – aber den ehemaligen Nichtwählern ein Signal zu geben, dass sie nicht vergessen sind, dass die Politik sich kümmert, könnte Vertrauen zurückgewinnen.

Wer profitiert ansonsten von wem?

Wählerwanderung

Stand: 25.09. 08:30 Uhr
2013
2017
Quelle: Infratest dimap

Die SPD verliert an alle Parteien – außer an die CDU, von der gewinnt sie 20.000 Wähler. Ebenso ist es ihr gelungen, 310.000 Nichtwähler zu mobilisieren. Das kompensiert die immensen Verluste zugunsten von Linkspartei, Grünen und AfD aber nur zum Teil. Auch der Union ist es abermals gelungen, 210.000 Nichtwähler für sich zu gewinnen. Im Saarland und in Nordrhein-Westfalen waren es ehemalige CDU-Wähler, die sich wieder für die Christdemokraten entschieden und entscheidend zu deren Erfolg beigetragen haben. Nach der FDP (1,3 Millionen Stimmen) verlieren CDU/CSU am meisten an die AfD. In der Gruppe der Spätentscheider, derjenigen also, die sich erst am Wahltag selbst oder in der Woche zuvor für eine Partei entschieden haben, können alle Parteien punkten. Die SPD gewann laut Infratest 23 Prozent von ihnen für sich, die CDU 25 Prozent – die AfD ein Zehntel.

Die SPD, die ihr historisch schlechtestes Ergebnis einfährt, steht vor einem großen Scherbenhaufen. Die Gründe für ihr Scheitern deuten sich in den Ergebnissen der Nachwahlbefragungen nur an: 66 Prozent der eigenen Wähler finden, dass die SPD nicht genau sagt, was sie für Gerechtigkeit tun will. 61 Prozent glauben, dass den Genossen ein Thema fehlt, das die Leute begeistern kann. 66 Prozent stützen die Aussage, dass sich die Sozialdemokraten zu wenig gegen Merkel positioniert haben. Wie viel das tatsächlich über die tief sitzende Misere der Partei aussagt, ist fraglich: Die Demoskopen denken sich vorher Aussagen aus, die Befragten können sagen, wie sehr sie sich mit diesen identifizieren. Bestehende Erklärungsmuster finden Bestätigung oder Ablehnung – eine demoskopische Annäherung. Die Antwort darauf, wie eine Regierungspartei, deren Erfolge geschätzt werden, so weit abstürzen kann, gibt das nicht.


Das Aufblähen des Bundestages – und das Problem der CSU

Der Bundestag wird mit über 700 Abgeordneten der größte in der Geschichte der Bundesrepublik sein. Grund dafür ist das komplexe Wahlsystem, in dem Erst- und Zweitstimmen verrechnet werden. Gewinnt ein Direktkandidat per Erststimme, also nach dem Mehrheitswahlrecht im Kleinen, kommt er sicher in den Bundestag, auch wenn das nicht dem Zweistimmenergebnis entspricht. So trifft es offenbar bei der CSU zu: Sie hat alle bayerischen Wahlkreise direkt geholt, verzeichnet aber insgesamt herbe Verluste. Im Vergleich zu 2013 sind es 10,5 Prozent weniger, die CSU fällt auf 38,8 Prozent.

Spannend ist der Blick auf die Ergebnisse der zweiten Sieger in den bayerischen Wahlkreisen: Während im Norden und Westen vor allem die SPD auf Platz zwei landet, ist es im Süden die AfD. Die SPD wurde hier oftmals eingeholt und der CSU sind die Rechtspopulisten auf den Fersen. Was bedeutet das für die CSU? Zum einen könnte es vor der Landtagswahl im kommenden Jahr zu einer Führungsdebatte kommen – zum anderen stellt das Erstarken der AfD in Bayern auch die Haltung zu Angela Merkel in Frage.

Bis zum vergangenen Jahr, als man noch auf unionsinterne Konfrontation setzte und Seehofer Merkel attackierte, waren die Werte der AfD in Bayern eher schwach – seit der Annäherung sind sie gestiegen. Überraschend ist das nicht. Die Rechtspopulisten sind dort stark, wo Anfang der 1990er Jahre auch die Republikaner Erfolge erzielten – damals allerdings in deutlich geringerem Umfang als heute. Die AfD ist, das zeigt sich hier, eindeutig nicht bloß ein ostdeutsches Phänomen. Dass sie drittstärkste Kraft ist, beruht auf dem durchschlagenden Erfolg im Osten – aber auch am vergleichsweise hohen Abschneiden im Westen.


Der Wiederaufstieg der FDP – und ihr Erfolg bei Jungwählern

Die Erzählung über den Verlauf eines Wahlabends funktioniert im Kern über die Erwartungen. Die Erwartungen an die FDP sind an diesem Abend mehr oder weniger erfüllt worden. Die letzten Umfragen von Emnid, Insa, Forschungsgruppe Wahlen und Forsa sahen die Partei zwischen neun und zehn Prozent. Und so kam es auch. Das selbst gesetzte Ziel, drittstärkste Partei zu werden, wurde verfehlt – und die FDP ist in der Situation, in eine Koalition mit CDU/CSU und Grünen gezwungen zu werden. Mit der Ankündigung der SPD, in die Opposition zu gehen, ist die sogenannte Jamaika-Koalition die einzige rechnerische Option, die bleibt.

Woher kommen die FDP-Wähler?

Stand: 25.09. 08:30 Uhr
2013
2017
Quelle: Infratest dimap

Dabei ist die historische Dimension der Rückkehr der FDP zu kurz gekommen. Erst fliegt sie krachend aus dem Bundestag, erleidet deutliche Wahlschlappen im Osten Deutschlands und schafft nun, beflügelt durch den Erfolg bei westdeutschen Wahlen im Südwesten, Norden und Westen den Wiedereinstieg in den Bundestag. Beinahe jeder zehnte Wähler hat für die FDP gestimmt. Was sind das für Leute?

Unter Männern genießt die Partei noch immer stärkeren Rückhalt als unter Frauen (neun zu zwölf Prozent, Forschungsgruppe Wahlen). Auch bei Selbständigen ist der Erfolg der FDP überdurchschnittlich (17 Prozent), unterdurchschnittlich ist er bei Angestellten (elf Prozent). Lindners Partei ist, wie die Landtagswahlen ja auch gezeigt haben, eher westdeutsch geprägt (elf Prozent) als ostdeutsch (sieben Prozent). Eindrucksvoll und Teil des Erfolgs ist aber, wie stark die Zugewinne unter den 18 bis 24 Jahre alten Wählern sind: Hier steigt der Wert um sieben Prozentpunkte (Infratest). Die Kernklientel bleibt also die gleiche – aber sie wird deutlich erweitert.

Besonders durch die Gruppe der Erst- und Jungwähler war Lindners Erfolg möglich. Um sie hat er gezielt geworben, hat Universitäten besucht und möglicherweise auch mit seiner modernen Wahlkampf-Kampagne und den hektischen Wahlspots bei ihnen gepunktet. Das zeigt, wie viel Verpackung ausmachen kann – im Kern hat sich programmatisch an der FDP weniger geändert als an ihrer neuen, breiteren Klientel. Ein Hauptgrund für den Erfolg ist offenbar Christian Lindner: 59 Prozent der eigenen Anhänger glauben, dass die FDP ohne Lindner keine Chance gehabt hätte – 42 Prozent hätten die Partei ohne ihn nicht gewählt.


Die Koalition der Weltoffenen, Erfolgreichen und Zufriedenen

Wirklich begeistert scheinen Grüne und FDP nicht davon zu sein, dass nach dem erklärten Gang der SPD in die Opposition nur ein Bündnis von ihnen mit CDU und CSU eine realistische Option ist. Besonders unter den Wählern der Grünen hat in den zurückliegenden Jahren eine Form der Annäherung an ein Bündnis mit der Union stattgefunden. Knapp 80 Prozent denken heute, dass ihre Partei bereit ist für ein Bündnis mit der Union. Auch Angela Merkel hat sich in die Herzen der Grünen-Anhänger regiert: Waren 2013 nur 43 Prozent mit Merkels Regierungsarbeit zufrieden, sind es heute 75 Prozent. Eine Mehrheit wünscht sich lieber Merkel als Schulz zum Kanzler. Unter den FDP-Anhängern sind 42 Prozent für ein Jamaika-Bündnis, in der Beliebtheit liegt nur Schwarz-Gelb weiter vorne. Doch dieses Bündnis ist rechnerisch nicht möglich.

Die Begeisterung der Deutschen für eine große Koalition, die es etwa nach der Wahl 2013 gab, hat deutlich abgenommen. Es sind noch 39 Prozent, die ein solches Bündnis befürworten. Allerdings sind nur 23 Prozent für die Jamaika-Koalition – dieses Bündnis war bislang aber auch keine ernsthaft diskutierte Option. Interessant ist, wie sich FDP und Grüne im Wahlkampf sehr deutlich beharkt haben – und wie sie jetzt miteinander umgehen werden. Beide vertreten ein ähnliches Milieu: höher gebildet, besserverdienend und ohne große wirtschaftliche Probleme.

Nimmt man die Wählerschaft der Union dazu, die Partei des „Gut-und-gerne-in-Deutschland-Lebens”, wäre Jamaika der Gegenentwurf zur AfD und der Linkspartei. Ein zufriedenes, zukunftsfrohes Deutschland auf der einen Seite, ein ängstliches auf der anderen. 85 Prozent der AfD-Anhänger wünschen sich mehr Nation, für mehr Weltoffenheit sind 93 Prozent der Grünen und 79 Prozent der CDU/CSU. 80 Prozent der AfD-Wähler glauben nicht an das Funktionieren der Demokratie. Nicht mal halb so viele sind es unter den Wählern der Linkspartei. Bei den anderen Parteien ist der Anteil weitaus geringer.

Auch für diese Leute muss die möglicherweise entstehende Koalition der Zufriedenen Politik machen, um sie nicht endgültig zu verlieren.


Quelle: F.A.Z.